Carl Schmitt und die Politische Romantik


Hausarbeit, 2005
24 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Vorbemerkungen zu Carl Schmitt
2.1. Carl Schmitt als politischer Denker
2.2. Politische Romantik: Historischer Kontext und Bedeutung im Werk Carl Schmitts

3. Die Romantik: Begriff und Inhalt

4. Carl Schmitts Verständnis der Romantik
4.1. Romantisierung, Subjektivierung, Formlosigkeit, Ästhetizismus
4.2. Romantik als Reaktion auf die Moderne
4.3. Romantik als subjektivierter Occasionalismus
4.4. Schmitts Kritik an der romantischen Haltung
4.5. Schmitts verdeckte Kritik am liberalen Bürgertum

5. Schlussbetrachtung

Literaturnachweis

1. Einleitung

Carl Schmitts Politische Romantik befasst sich mit dem Phänomen der Romantik, dass sich im Laufe des 18. Jahrhunderts entwickelte und bedeutende kulturelle Wirkung entfaltete. Schmitt nimmt nicht eine bloß kunst- oder geisteshistorische Nachzeichnung dieser Epoche vor. Er arbeitet in seinem Buch vielmehr Einstellungsmuster der Romantiker zu ihrer Umwelt heraus und leitet von diesen Konsequenzen für das politische Handeln der Romantiker und ihrem Verhältnis zum Staat ab. Es geht also um die Beschreibung einer Politischen Romantik.

Die Arbeit beginnt mit einer überblickartigen Hinführung zu der Person Schmitts, zu seinem Werk und dem historischen Kontext des Buches. Danach soll eine grundlegende Darstellung der Epoche der Romantik vorgenommen werden, bevor die Arbeit sich Schmitts Verständnis der Romantik annähert. Dabei sollen vor allem zusammengefasst werden, welche Ursachen Schmitt für die Entstehung der Romantik nennt, was den romantischen Geist auszeichnet und welche Konsequenzen dies für die politische Ebene hat. Eine Schlussbetrachtung fasst danach die wesentlichen Ergebnisse zusammen.

2. Vorbemerkungen zu Carl Schmitt

2.1. Carl Schmitt als politischer Denker

Carl Schmitt, geboren 1888 und verstorben 1985, gehört bis heute zu einem der umstrittensten und vieldiskutierten politischen Denker. Im Wilhelminismus aufgewachsen wurde seine Biographie geprägt durch Katholizismus, Nationalismus und Etatismus – eine strikt konservative Sozialisierung, die großen Einfluss auf seine Theorie haben sollte. Dem oft als „Kronjuristen des Dritten Reiches“ titulierten Schmitt wird immer wieder vorgeworfen, mit dem Inhalt seiner politischen Theorie die Herrschaft der Nationalsozialisten inspiriert und legitimiert zu haben. Der gelernte Rechtswissenschaftler und Autor zahlreicher Bücher selbst hingegen sah sich in der Position eines apokalyptischen Postmodernen, der das Ende der Geschichte erwartete. Denn mit der historisch vollzogenen Wendung weg vom bürgerlich-rechtsstaatlichen Verfassungstyp hin zur Industriegesellschaft befürchtete Schmitt gleichzeitig den Untergang der tradierten politischen Form von Staat, Verfassung und Reich. Diese zu verteidigen machte er zum Anliegen seines Schreibens und Wirkens, was zunächst zur Unterstützung des Weimarer Präsidialsystems und später tatsächlich auch zur Rechtfertigung der politischen Form des Dritten Reiches führte.[1]

In seinen Büchern, die sich überwiegend mit Staats- und Verwaltungsrecht, aber auch mit philosophischen, geschichtlichen, theologischen und literaturwissenschaftlichen Themen befassten, profilierte er sich zudem als Kritiker des parlamentarischen Parteienstaates und des Pluralismus. Seine Schriften brachte ihm die Rolle eines Vordenkers für faschistische und autoritäre Staatsideologien ein. Schmitt wird außerdem angelastet, vor allem während der Zeit der nationalsozialistischen Diktatur öffentlich als Antisemit hervorgetreten zu sein.[2] Lediglich sein katholischer Hintergrund habe ihn vor allzu krassen rassistischen und anti-parlamentarischen Äußerungen bewahrt.

Eines der bekanntesten Werke Schmitts ist Der Begriff des Politischen, indem er postulierte, das Politische sei überall dort zu sehen, wo eine klare Unterscheidung von Freund und Feind vorliege. Ferner setzte er in seine Schriften vor allem auf den Dezisionismus als ein konstituierendes Merkmal des Politischen. Weitere wichtige Begriffe seines Werks sind Legalität und Legitimität, souveräne und kommissarische Diktatur, Repräsentation und Identität, Freiheitsrechte und institutionelle Garantie, Politische Theologie, Politische Romantik und Ausnahmezustand. Heute beziehen sich insbesondere rechtskonservative Kreise und Vertreter der so genannten „Neuen Rechten“ auf die Theorie Carl Schmitts.[3]

2.2. Politische Romantik: Historischer Kontext und Bedeutung im Werk Schmitts

Schmitts „Politische Romantik“ erschien im Jahre 1919. Zu dieser Zeit war Deutschland geprägt von dramatischen politischen Umwälzungen. Der Erste Weltkrieg endete mit einer deutschen Niederlage, dem Zusammenbruch des Kaiserreiches und der Erosion der alten Ordnung. Es folgten Revolution und Revolten, Aufstände und Bürgerkrieg, der „Schandfriede“ von Versailles, Reparationen und Gebietsverluste. Nach der Novemberrevolution am 09.11.1918 fehlte die alte Bindekraft der Monarchie, die bürgerlich-geistige Kultur kam an ihr Ende, alles als Sicher geglaubtes wurde diskutabel und die Zukunft des Gemeinwesens lag im Unklaren.[4] In diesem Chaos musste sich die erste deutsche Republik, die so genannte Weimarer Republik, konstituieren. Bis zuletzt sollte sie unter den Makeln dieser „Geburtsstunde“ und ihren Umständen, besonders den Bedingungen von Versailles, leiden müssen.

Während der genannten Ereignisse arbeitete Schmitt für die Pressezensur der Regierung des Landes Bayern, dass besonders heftig von den gesellschaftlichen Umstürzen betroffen war. Nach der Ermordung des damaligen Ministerpräsidenten Kurt Eisner lieferten sich dort Vertreter der Räterepublik, Kommunisten, Rechtsradikale und Freikorps Kämpfe um das politische System. In München kam es zum Bürgerkrieg. Geiselnahmen und Erschießungen prägten das Bild. Nachdem Regierungstruppen auf Befehl aus Berlin München besetzten, um die Lage unter Kontrolle zu bringen, wurden bereits 600 Tote gezählt. Erst langsam, als die nachrevolutionären Konflikte in Bayern abebbten, etablierte sich die Ordnung. Dennoch musste sie sich auf starken militärischen Rückhalt verlassen.[5] Vor dem Hintergrund eines solchen Durcheinanders entstand Schmitts Buch „Politische Romantik“, das nun in den Kontext seines Werkes und seiner Person eingeordnet werden soll.

Für Carl Schmitt symbolisierten die Novemberrevolution von 1918 und die Münchner Räterepublik 1919 ein „entpreußtes Deutschtum“ und „das Ende aller Sicherheit“.[6] Vor dem Angesicht der historischen Lage sah Schmitt die Notwendigkeit sich freimachen von der eigenen politischen Unentschiedenheit, von den intellektuellen Verführungen folgenloser Diskussionen als Vorwand für die Politik. Er wollte seinen eigenen Subjektivismus und seine Beliebigkeiten überwinden, seine eigenen Gefährdungen „exorzieren“, bevor er zum Generalangriff gegen Zeit und Geist antrat.[7] Es war im Jahre 1918, als Schmitt sich gegen die Karriere eines Politikers und für die Rolle eines politischen Theoretikers entschied. Seine Aufgabe sah er darin, Deutschland aus den Tiefen der Niederlage neuen Höhen entgegenzuführen. Dies sollte aber nicht durch eine schlichte Klage über die politischen Umstürze, sondern durch eine schonungslose Aufklärung ihrer Ursachen geschehen. Mit den Romantikern schien er den richtigen Gegner gefunden zu haben, den es anzugreifen galt, um seinen politischen Standort im Kontrast zu fixieren. Sie wurden zu Projektionsfläche von den Eigenschaften, die Schmitt in der Politik ablehnte. Für Schmitt, der in der Politik das Ernste sah, stellte die Romantik das Unernste, das Spielerische dar. Er kritisierte ihre Überbetonung des Ästhetischen und des Individuellen. Damit war nach seiner Überzeugung weder Staat, noch Form, noch Reich zu machen. Gleichzeitig ist zu bemerken, dass Schmitt sogar in sich selbst diesen romantischen Geist arbeiten sah, weshalb in der „Politischen Romantik“ auch ein Versuch der Selbstimmunisierung Schmitts gegen dieses Phänomen gesehen wird.[8] „Schmitt was determined to avoid the lure of opportunism, yet he felt that he must rise above the status of the alienated intellectual and confront the pressing poliutical issues of his time.”[9]

3. Die Romantik: Begriff und Inhalt

„Wenn die lieben Sterne schon ermatten

Wechseln wir noch heimlich Seligkeit

Träumen in den tiefen dunklen Schatten

Flehend und gewährend Ewigkeit“

(Clemens von Brentano: Liebesnacht im Haine)

Carl Schmitt hat sich in seinem Buch „Politische Romantik“ als politischer Denker auf ein Feld begeben, das primär für die Kunst- und Literaturgeschichte von Interesse ist. Dennoch entfaltet er in seinem Buch, wie später zu sehen ist, eine konkrete politische Dimension des Romantischen. Bevor Carl Schmitts politische Auseinandersetzung mit der Romantik und den Romantikern betrachtet wird, muss ein ausführlicherer Blick auf die Epoche der Romantik geworfen werden. Denn Carl Schmitt greift in seiner Abhandlung viele Begriffe auf, welche die Charakteristik der Romantik beschreiben. Seine Argumentation wird vor dem Hintergrund eines solchen „Basiswissens“ umso verständlicher.

Der Begriff der Romantik beschreibt eine geistige, künstlerische und insbesondere auch literarische Epoche, deren Auffassung und Darstellung der Welt sich durch eine besondere Neigung zum Gefühlvollen, Wunderbaren, Märchenhaften und Phantastischen auszeichnete. Sie erfasste sämtliche Künste, die Wissenschaft, die Philosophie und die Politik und löste etwa an der Wende zum 19. Jahrhundert die Klassik als Hauptströmung ab. Die Romantik wandte sich in ihren Inhalten unter anderem gegen den starken Rationalismus der Aufklärung, gegen die Auswüchse von Industrialisierung und Modernisierung und versuchte eine Antwort auf die von Descartes beschriebene Trennung von Geist und Materie und der damit einhergehenden Infragestellung des vormodernen ontologischen Weltbildes zu finden.[10] Die Traditionen von Humanismus und Renaissance wurden fortgesetzt. In ihrer Philosophie verfuhr die Romantik streng individualistisch.

Die Romantiker gingen von dem Bewusstsein aus, dass der Mensch mehr sei als eine mit Vernunft begabte biologische Maschine und dass die Ratio allein nicht Antwort auf alle Probleme des Lebens geben könne. Die „Einseitigkeit“ der Aufklärung löste also eine Gegenbewegung aus, die sich auf die Kräfte des Gefühls, des Herzens und der schöpferischen Phantasie berief. Sie befasste sich mit dem „Rätsel des Daseins“ und der menschlichen Seele, betrachtete die Schönheit und Poesie der Natur und lenkte das Interesse auf die Kunst früherer Epochen.[11] „Die Romantik stellt dem streng rationalen, bzw. demonstrativem Erkennen ein intuitives Erfassen an die Seite. Sie setzt der kalten, aufklärerischen Vernunftreligion ein lebendiges, gefühlswarmes religiöses Erleben gegenüber.“[12]

Die Welt, so die romantische Auffassung, sei ursprünglich eine universale und harmonische Einheit gewesen. Durch einen irgendwie gearteten („Sünden-“)Zwischenfall sei diese jedoch zerstört und die Welt in die Bereiche von Vernunft und Gefühl gespalten. Im Gegenzug trügen die Menschen aber seitdem eine ungeheure Sehnsucht nach dieser verlorenen Einheit, nach dem vergangenen Ganzen im Herzen. Dieses tiefe Verlangen treibe den Romantiker umher und mache ihn zum ewig Wandernden und Suchenden. Seine Sehnsucht nach der „Ureinheit“ treibe ihn zur phantasievollen Verehrung und Einbildung von Dingen, die das harmonische Ganze repräsentieren: Mythen, die unschuldige Kindheit, die unberührte Natur, nebelverhangene Wälder, das Mittelalter und geheimnisvolle Ruinen, Märchen und Sagen, Lieder und Weisen des einfachen Volksbrauchtums. Die unvollkommene Realität, die menschliche Endlichkeit, Zerrissenheit und Begrenztheit bot aber einen schmerzhaften Kontrast zur romantischen Utopie. Phantasie und Einbildungskraft dienten daher als Fluchtpunkte aus dem Alltag, der oft nur tiefes Ungenügen bieten konnte.

Die Realisierung der „Welteinheit“ und des „guten Ganzen“, symbolisiert durch die Blaue Blume, blieb das Ziel des dauernden romantischen Suchens. Im allgegenwärtigen Motiv des Wanderns und Reisens in Raum und Zeit finde sich diese Suche nach einer ‚besseren Welt’, aber auch die Unrast und Ziellosigkeit des romantischen Menschen wieder, der es in seiner Welt und Gegenwart nicht mehr aushält und das soeben erreichte durch neu zu Erstrebendes zu übertreffen versucht. Der Romantiker befindet sich jedoch in einem Dilemma: Er weiß, dass die Kluft zwischen der bittren Realität und der ersehnten Utopie nicht zu schließen ist. Die unstete, nicht zu sättigende Natur des Romantikers ereilt irgendwann die Gewahrwerdung des Nichtgelingens des eigenen Lebensentwurfs, der Vergeblichkeit des romantischen Handelns.[13]

[...]


[1] Vgl. Mehring, Reinhard: S. 13. ff.

[2] vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/Carl_Schmitt (Stand: 29.09.2005, 22.58 Uhr)

[3] http://www.bautz.de/bbkl/s/s1/sczmitt_c.shtml (Stand: 29.09.2005, 23.10 Uhr)

[4] Böckenförde, Ernst-Wolfgang: Der Zusammenbruch der Monarchie und die Entstehung der Weimarer Republik, in: Bracher/Funke/Jacobsen (Hrsg.) Die Weimarer Republik 1918-1933.Politik.Wirtschaft.Gesellschaft. Bonn 1998³, S. 17 ff.

[5] Hürten, Heinz: Bürgerkriege in der Republik. Die Kämpfe um die innere Ordnung von Weimar 1918-1920, in: Bracher/Funke/Jacobsen (Hrsg.) Die Weimarer Republik 1918-1933.Politik.Wirtschaft.Gesellschaft. Bonn 1998³, S. 84 ff.

[6] zitiert nach: Noack, Paul: Carl Schmitt. Eine Biographie. Berlin 1993. S. 47

[7] Noack, Paul, S. 46

[8] vgl. Noack, Paul, S. 48

[9] Bendersky, Joseph W.: Carl Schmitt. Theorist for the Reich. Princeton 1983, S. 26

[10] vgl. Vorauslexikon zur Brockhaus-Enzyklopädie. Band 4. NEV-SID. Mannheim 1986, S. 447 / vgl. auch Baasner, Rainer/Reichard, Georg : Epochen der deutschen Literatur : Romantik. Stuttgart 2000. (CD-Rom). Siehe ebenso www.romantik-referat.de/facetten/abgrenzung.html#definition (Stand 19.09.2005, 17.40 Uhr)

[11] Weis, Eberhard: Der Durchbruch des Bürgertums 1776-1847. Propyläen Geschichte Europas. Frankfurt am Main – Berlin – Wien 1982. S. 54 ff.

[12] Groh, Andreas: Die Gesellschaftskritik der Politischen Romantik. Eine Neubewertung ihrer Auseinandersetzung mit den Vorboten von Industrialisierung und Modernisierung. Bochum 2004, S. 24

[13] Baasner, Rainer/Reichard, Georg : Epochen der deutschen Literatur : Romantik. Stuttgart 2000. (CD-Rom)

Ende der Leseprobe aus 24 Seiten

Details

Titel
Carl Schmitt und die Politische Romantik
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster
Note
2,0
Autor
Jahr
2005
Seiten
24
Katalognummer
V52203
ISBN (eBook)
9783638479776
Dateigröße
533 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Diese Arbeit befasst sich mit Carl Schmitts Werk "Politische Romantik" und erläutert a) Schmitts Kritik an der politischen Romantik und b) die Konsequenzen, die sich für Schmitt aus einer romantisch-politischen Haltung ergeben und fügt c) diese Erkenntnisse in Schmitts Gesamttheorie ein.
Schlagworte
Carl, Schmitt, Politische, Romantik
Arbeit zitieren
Jochen Steinkamp (Autor), 2005, Carl Schmitt und die Politische Romantik, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/52203

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