Die Dependenztheorien - Ein entwicklungstheoretischer Ansatz


Seminararbeit, 1999

16 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung

2. Entstehungsgeschichte der Dependenztheorien
2.1.Die Modernisierungstheorie .
2.2. Die Singer/Prebisch-These
2.3. Die Neoimperialismusthese
2.4. Der „Linke Strukturalismus“
2.5. Entstehung der Dependenztheorien

3. Zentrale Annahmen der Dependenztheorien
3.1. Kernthese
3.2. Die Ausbeutungsthese
3.2.1. Direkte Ausbeutung – Dekapitalisierung
3.2.2. Indirekte Ausbeutung – Ausbeutung durch Handel
3.2.3. Der Erklärungswert
3.3. Der strukturalistische Ansatz
3.3.1. Strukturelle Heterogenität und abhängige Reproduktion .
3.3.2. Marginalität . .
3.3.3. Erklärungswert der strukturellen Argumentation
3.4. Folgerungen für Entwicklungsstrategien

4. Kritik und Weiterentwicklung der Dependenztheorien
4.1. Kritik .
4.2 Weiterentwicklung

5. Schlußbemerkung .

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Mitte der 60er Jahre entstanden in Lateinamerika die Ansätze, die unter der Bezeichnung „Dependenztheorien“ zusammengefaßt werden können und als Alternative zur Modernisierungstheorie aufgefaßt werden können. Es handelt sich dabei nicht um ein geschlossenes Theoriegebäude, sondern vielmehr um ein Konglomerat inhaltlich stark unterschiedlicher wirtschafts- und sozialwissenschaftlicher Beiträge von verschiedenen Autoren.[1] Sie lassen sich jedoch auf einen gemeinsamen Nenner bringen und zwar derart, „dass Unterentwicklung nicht als Folge einer mangelhaften Integration in die moderne Welt, sondern vielmehr als Folge einer sehr effektiven Integration in die von den Industrienationen dominierten Weltmarktbeziehungen verstanden wird“[2].

Somit liegt der Fokus der Analyse auf der Abhängigkeit (dependencia). Die Dependenztheoretiker versuchten auf theoretischer Ebene eine Erklärung für die Unterentwicklung und die wirtschaftlichen Stagnation Lateinamerikas zu finden und auf politischer Ebene, Überwindungsstrategien gegen Abhängigkeit und Unterentwicklung aufzuzeigen.[3]

2. Entstehungsgeschichte der Dependenztheorien

Die Entstehung der Dependenztheorien kann nicht losgelöst von ihren entwicklungsgeschichtlichen Vorläufern, wie bspw. der Modernisierungstheorie, der Singer/Prebisch-These, der Neoimperialismusthese und des „Linken Strukturalismus“ betrachtet werden. Deshalb sollen zunächst diese Ansätze in ihren Grundzügen als Einflußfaktoren auf die Dependenztheorien dargestellt werden.

2.1. Die Modernisierungstheorie

Anfang der 50er Jahre etablierte sich die Entwicklungstheorie als eigenständige akademische Disziplin. Sie ist wesentlich geprägt von dem, in den USA entwickelten, vorherrschenden Paradigma der Modernisierungstheorie. Sie galt zu dieser Zeit als eine „amerikanische“ Alternative zur sowjetischen Gesellschaftstheorie, die in den ehemaligen Kolonien zunehmend attraktiver wurde.[4]

Die Modernisierungstheoretiker gehen von der Annahme aus, dass alle Gesellschaften einen gleichförmigen Entwicklungsprozeß durchlaufen. Das Endstadium der Entwicklung ist eine moderne Industriegesellschaft „amerikanischen Zuschnitts“[5]. Diese wird als das Endstadium eines steten sozialen, politischen und wirtschaftlichen Wandels betrachtet, wobei die Unterentwicklung als ein vorgeschichtlicher Naturzustand angesehen wird. Die Ursachen der Entwicklungsprobleme einiger Gesellschaften liegen für die Vertreter der Modernisierungstheorie also vorwiegend bei endogenen, gesellschaftsinternen Faktoren, wie bspw. Mentalität und Kultur.[6]

2.2. Die Singer/Prebisch-These

Der ahistorische und ethnozentirerte Charakter der Modernisierungstheorie, der sich in der positiven Bewertung moderner und der negativen Bewertung traditioneller Gesellschaften zeigt, wurde ihr bereits in den 50er Jahren von seiten ihrer Kritiker angekreidet.[7]

Der Argentinier Raùl Prebisch und der deutsche Emigrant Hans Singer, die beide in UN-Organisationen (CEPAL[8] und Department of Economic Affairs) tätig waren, wandten sich gegen die Vorstellung endogener Ursachen von Unterentwicklung. Sie kamen zu dem Ergebnis, dass der Handel zwischen Industriestaaten und Entwicklungsländern für die Industrienationen profitabler ist. Indikatoren dafür waren die Austauschverhältnisse, die terms of trade, das Verhältnis zwischen Export- und Importpreisen, die sich beim Handel zu Ungunsten der Entwicklungsländer verschlechterten.

Diese These bildet den Boden für die späteren Dependenztheorien. Die Begrifflichkeiten strukturelle Heterogenität und Zentrum – Peripherie, die auch in den Dependencia – Ansätzen von Bedeutung sind, wurden von Prebisch eingeführt.[9]

2.3. Die Neoimperialismustheorie

Ende der 50er Jahre sprachen sich die Neomarxisten Paul Baran und Paul M. Sweezy, unter Rückgriff auf die klassischen Imperialismustheorien dafür aus, nicht endogene, sondern exogene Faktoren (bspw. Außenpolitik) für die Probleme der Entwicklungsländer verantwortlich zu machen. Als Kritiker der Modernisierungstheorie waren sie der Auffassung, dass durch Mechanismen der indirekten Beherrschung die Ausbeutung der Entwicklungsländer durch die Industrienationen anhalte, obwohl sie formal unabhängig von den ehemaligen Kolonialherren waren. Der Transfer von Surplus[10] aus den Entwicklungsländern in die Industriestaaten und die unproduktive Verwendung von verbleibenden Überschüssen in den betreffenden Ländern wurden als Ursache für Unterentwicklung betrachtet.[11]

2.4. Der „Linke Strukturalismus“

Obwohl auch sie zu den Vertretern der Neoimperialismustheorie gezählt werden, wurden der Norweger Johann Galtung und der Chilene Osvaldo Sunkel im Unterschied zu Baran und Sweezy vom Strukturfunktionalismus Talcott Parsons beeinflußt. Ihre Analyse orientiert sich nicht an der marxistischen These der internationalen Ausbeutung, sondern an der Struktur des internationalen Systems mit seinen Folgen für abhängige Länder.[12] Vor allem Galtungs Zentrum – Peripherie – Modell war grundlegend für spätere Dependenztheoretiker. Ausgangspunkt dieses Modells ist die Annahme einer hierarchisch geordneten Weltgesellschaft, die durch einen kapitalistischen Weltmarkt und die damit verbundene internationale Arbeitsteilung entstanden ist.[13]

Innerhalb des Modells werden die hoch entwickelten Industrienationen im internationalen System als Zentrum bezeichnet und die Entwicklungsländer als Peripherie, die vom Zentrum konditioniert wird. Die gleiche Aufteilung zeigt sich auch im politischen System: das Zentrum wird hier von den Eliten gebildet, die Nicht-Eliten werden als Peripherie bezeichnet. Der Versuch einer Ansiedlung von Eliten einer Zentrumsnation in einer Peripherienation wird als Imperialismus bezeichnet. Auch im „besetzten Land“ bildet sich eine Elite heraus, die als Peripherie-Zentrum bezeichnet wird. Diese ist eng mit der Elite der Zentrumsnation verflochten und teilt deren Interessen. Somit nimmt die Peripherie-Elite nach Galtung eine „Brückenkopffunktion“ wahr. Wichtig ist jedoch, dass, da die Peripherien der Zentrums- und Peripherienationen unterschiedliche Interessen verfolgen, sie zunehmend keinen Kontakt haben.[14]

2.5. Entstehung der Dependenztheorien

Im Mittelpunkt der entwicklungstheoretischen Debatte standen ab Mitte der 60er Jahre bis Anfang der 80er Jahre schließlich die Dependenztheorien. Sie bilden das zweite große Paradigma innerhalb der Entwicklungstheorien und regten kontroverse Diskussionen und Studien an, da sie neuartige und wertvolle Ansatzpunkte für den Forschungsprozeß lieferten.[15]

Obwohl sie vor allem aufgrund ihres allgemeinen theoretischen Anspruchs als Globaltheorie heute als gescheitert gelten, erfüllten sie eine wichtige heuristische Funkion: sie verwiesen auf neue Zusammenhänge, die rein induktiv nicht erkennbar gewesen wären.[16]

Ziel der zum Teil divergierenden Ansätze, die unter dem Begriff Dependenztheorien zusammengefaßt werden, ist es, solche Unterentwicklung zu erklären, die nicht durch eine mangelhafte, sondern vorwiegend eine sehr effektive Einbindung der betroffenen Länder in den von den Industrienationen beherrschten Weltmarkt entsteht.[17]

[...]


[1] Vgl. Sauttner, Hermann: Entwicklung durch Weltmarktassoziation – Unterentwicklung durch Dissoziation? In: Simonis, Udo Ernst (Hrsg.): Entwicklungstheorie – Entwicklungspraxis. Eine kritische Bilanzierung. Berlin 1986, S. 265.

[2] Boekh, Andreas: Abhängigkeit, Unterentwicklung und Entwicklung: Zum Erklärungswert der Dependencia-Ansätze. In: Nohlen, Dieter und Franz Nuscheler (Hrsg.): Handbuch der Dritten Welt. Bd. 1, Hamburg 1982, S. 135.

[3] Vgl. Nohlen, Dieter (Hrsg.): Lexikon Dritte Welt. Hamburg 1996, S. 28.

[4] Vgl. Menzel, Ulrich: Geschichte der Entwicklungstheorie. Hamburg 1991, S. 23.

[5] Menzel: Geschichte der Entwicklungstheorie, S. 23.

[6] Vgl. Nohlen, Dieter (Hrsg.): Lexikon Dritte Welt, S. 478.

[7] Vgl. Boekh, Andreas: Abhängigkeit, Unterentwicklung und Entwicklung, S. 135.

[8] UN-Wirtschaftskommision für Lateinamerika und die Karibik.

[9] Vgl. Menzel: Geschichte der Entwicklungstheorie, S. 27.

[10] Surplus ist der Überschuß einer Produktion nach Abzug des Existenzbedarfs der produzierenden Menschen und nach Abzug des Ersatzes verbrauchter Produktionsmittel (vgl. Nohlen: Lexikon Dritte Welt, S. 641.).

[11] vgl. Menzel: Geschichte der Entwicklungstheorie, S. 27f.

[12] vgl. ebenda, S. 28.

[13] Vgl. Nohlen: Lexikon Dritte Welt, S. 747.

[14] Vgl. Druwe, Ulrich, Dörte Hahlbohm und Alex Singer: Internationale Politik. Neuried 1995, S. 113.

[15] Vgl. Boekh: Abhängigkeit, Unterentwicklung und Entwicklung, S. 133.

Vgl. Nohlen: Lexikon Dritte Welt, S. 162.

[16] Vgl. Boekh: Entwicklungstheorien. In: Nohlen, Dieter und R. Waldmann (Hrsg.): Pipers Wörterbuch zur Politik. Dritte Welt. Bd. 6, München 1987, S. 167.

Vgl. Nohlen: Lexikon Dritte Welt, S. 166.

[17] Vgl. Sauttner: Entwicklung durch Weltmarktassoziation, S. 165.

Vgl. Boekh: Abhängigkeit, Unterentwicklung und Entwicklung, S. 135.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Die Dependenztheorien - Ein entwicklungstheoretischer Ansatz
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz  (Institut für Politikwissenschaft)
Veranstaltung
Internationale Beziehungen
Note
2,0
Autor
Jahr
1999
Seiten
16
Katalognummer
V52242
ISBN (eBook)
9783638480055
ISBN (Buch)
9783656798101
Dateigröße
472 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Mitte der 60er Jahre entstanden in Lateinamerika die Ansätze, die unter der Bezeich-nung 'Dependenztheorien' zusammengefaßt werden können und als Alternative zur Modernisierungstheorie aufgefaßt werden können. Es handelt sich dabei nicht um ein geschlossenes Theoriegebäude, sondern vielmehr um ein Konglomerat inhaltlich stark unterschiedlicher wirtschafts- und sozialwissenschaftlicher Beiträge von verschiedenen Autoren. Die Arbeit zeigt einen Abriss der verschiedenen Ansätze und ihrer Reichweite
Schlagworte
Dependenztheorien, Ansatz, Internationale, Beziehungen
Arbeit zitieren
Dipl.-Soz. Susanne Dera (Autor:in), 1999, Die Dependenztheorien - Ein entwicklungstheoretischer Ansatz, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/52242

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