Sie hießen "Deutschlandsender", "Rundfunk im amerikanischen Sektor Berlins (RIAS)", "Deutscher Freiheitssender" oder "DT64". Der Kalte Krieg hatte seinen Höhepunkt erreicht, das Fernsehen steckte aber noch in den Kinderschuhen. Radiosender reichten in den 50er und 60er Jahren mühelos achthundert oder tausend Kilometer weit - bis weit hinter den Eisernen Vorhang. Ost und West ließen sich diese Chance nicht entgehen. In Sendungen wie "Wir sprechen für Westdeutschland", "Gruß an die Zone" oder "Berlin spricht zur Zone" wandten sich die Radiosender gezielt an die Hörer auf der anderen Seite der Systemgrenze. Mit Unterhaltungsprogrammen, vor allem aber mit politischen Botschaften.
Bald wurde der Wettlauf um das Publikum zu einer einseitigen Veranstaltung: Es ging nur mehr um die Hörer in der DDR. Der RIAS stellte sich an die Spitze der westlichen Sender - er deckte Menschenrechtsverletzungen und Mißwirtschaft in der DDR auf, berichtete über oppositionelle Bewegungen, er enttarnte öffentlich Stasi-Spitzel. Und Tag für Tag schalteten in der DDR Millionen Hörer ein. Die SED-Propaganda antwortete mit ohnmächtigem Haß.
In den sechziger Jahren begann sich das Klima zu entspannen - der neueingerichtete Deutschlandfunk aus Köln arbeitete nach der Devise: Fakten statt Propaganda. Und er zog damit noch einmal besonders wütende Angriffe der DDR auf sich.
Hatte am Ende der RIAS den Aufstand des 17. Juni 1953 ausgelöst? Mit welchen Mitteln antworteten Ost-Berliner Stationen wie DT64 oder Deutschlandsender? Welche Wirkung hinterließen diese Sendungen im Bewußtsein der Hörer? Halfen sie am Ende mit, die Loyalität der Ostdeutschen zum SED-Staat zu untergraben?
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
Zu Methode, Wertungen und Terminologie
Zu Quellen und Literatur
I. Der sozialistische Journalismus der DDR als Gegenmodell zum westlichen Informationsjournalismus
1. Massenmedien und Bewußtseinsbildung im Sozialismus
a) Das Profil der Massenmedien und ihre zentralen Aufgaben
b) Das zugrundeliegende Denkgebäude: Bedürfnisse des Einzelnen und der Gesellschaft
2. "Jeder Journalist ein Kämpfer für den Sozialismus" - ein Berufsstand im Blickfeld der Politik
a) Universität Leipzig: Ausbildung in einer "kämpfenden politischen Einheit"
b) Ansprüche an die journalistische Arbeit
3. Im Griff der Partei: Der gelenkte Rundfunk
a) Lenkungssystem und Pressefreiheit
b) Der Rundfunk unter täglicher Kontrolle
4. Getrennte Welten: Informationsjournalismus versus Parteilichkeit
II. Rundfunk und Politik in Ost und West
1. Der Westen: Die Parteien und der Rundfunk
a) Versuche einer "Kolonialisierung"
b) Antworten der Sender - Ideen zur Rundfunkpolitik in der parlamentarischen Demokratie
2. Zur Lenkung des Rundfunks in der DDR - Reaktionen und Konsequenzen
a) Zwischen "Argu" und verschütteten Idealen: Journalistischer Freiraum?
b) Der Rundfunk der DDR und sein Publikum
3. Wettlauf um das Publikum: Der Ost-West-Konflikt im Hörfunk
a) Senden für "Gesamtdeutschland" in Ost und West
b) Westliche Programme für die DDR
c) "... eine in ihrer Landesbreite einzigartige Auseinandersezung mit der publizierten Ideologie des Kapitalismus aufnehmen" - Das Echo in der DDR
III. "Propaganda cold war": Überregionaler Hörfunk an der Nahtstelle des Ost-West-Konflikts - drei Fallbeispiele
1. RIAS Berlin - "eine freie Stimme der freien Welt"
a) Die Berliner Rundfunklandschaft der Nachkriegsjahre und eine Idee des Lucius Dubignon Clay
b) "Die Macht des Rundfunks": Der RIAS und der 17. Juni 1953
2. Der Deutschlandsender
a) "...wendet er sich vor allem an die westdeutschen Hörer": Neuer Programmauftrag unter altem Namen
b) "Wer Adenauer wählt, wählt den Atom-Krieg" - Politische Beiträge im Deutschlandsender zur Bundestagswahl 1957
3. Der Deutschlandfunk
a) Ein Informationsprogramm im Kalten Krieg
b) "Die Welt ist um eine große Hoffnung ärmer" - Politische Kommentare im deutschen Programm des DLF zum Ende des "Prager Frühlings" 1968
Fazit: Die Abstimmung mit dem Drehkondensator
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die Rolle des überregionalen Hörfunks als politisches Instrument im Ost-West-Konflikt zwischen 1945 und 1970. Dabei wird der Frage nachgegangen, wie RIAS Berlin, der Deutschlandsender und der Deutschlandfunk als "Kampfmittel" fungierten, wie sie staatliche Vorgaben und politische Interessen widerspiegelten und wie sie versuchten, die öffentliche Meinung in der geteilten Nation im Sinne der jeweiligen Ideologie zu beeinflussen.
- Journalistische Konzepte in der DDR vs. im Westen
- Staatliche Medienlenkung und Propagandamechanismen
- Die Bedeutung der Sender als Informationsquelle und politisches Korrektiv
- Fallbeispiele: Der 17. Juni 1953 und der "Prager Frühling" 1968
- Technologische Mittel im "Kampf im Äther" (Störsender, Sendeleistung)
Auszug aus dem Buch
3. Im Griff der Partei: Der gelenkte Rundfunk
Daß Wolfgang Rödel unter diesen Umständen von "eine[r] neue[n], wahrhaft freie[n] Presse" sprach, erklärte sich denn auch aus einer weiteren Besonderheit ostdeutscher Medienpolitik: der "sozialistischen Pressefreiheit". Unter ähnlichen Formulierungen wie im Bonner Grundgesetz garantierten die Verfassungen der DDR die Freiheit der Meinung und der Massenmedien.
Definiert war die sozialistische Pressefreiheit als die Fähigkeit der "Arbeiterklasse und ihrer Verbündeten", eigene Massenmedien zu betreiben und damit Botschaften zu verbreiten, die den werktätigen Schichten freies Handeln gestatteten. Mit der Regelung der Eigentumsverhältnisse hinsichtlich dieser Massenmedien galt "die entscheidende Frage der Rede- und Pressefreiheit in einem Lande" als beantwortet; die "kapitalistische Abhängigkeit" westlicher Massenmedien von herrschender Klasse und Staatsmacht schloß aus dieser Sicht mediale Freiheit aus.
De facto unterlag die Pressefreiheit in der DDR freilich eigenen Beschränkungen: So gewährte Art. 27 Abs. 1 Satz 1 der Verfassung von 1968 Meinungsfreiheit lediglich "den Grundsätzen dieser Verfassung gemäß", wie sie die Verfassungsrechtler in Präambel und Kapitel 1 (Art. 1-8) niedergelegt sahen. Maßgebend war insoweit die Mission der DDR, den "Weg des Friedens, der sozialen Gerechtigkeit, der Demokratie, des Sozialismus und der Völkerfreundschaft unbeirrt weiter[zubeschreiten]", wobei die Macht in den Händen der Arbeiterklasse liege und "dem Wohle des Volkes zu dienen" habe. Folglich genossen "antisozialistische Hetze und Propaganda" keinerlei rechtlichen Schutz.
Zusammenfassung der Kapitel
I. Der sozialistische Journalismus der DDR als Gegenmodell zum westlichen Informationsjournalismus: Analyse des theoretischen Fundaments und der praktischen Anwendung journalistischer Arbeit in der DDR als ideologisches Führungsinstrument.
II. Rundfunk und Politik in Ost und West: Untersuchung der wechselseitigen Beeinflussung von politischen Akteuren und öffentlich-rechtlichen Sendern im geteilten Deutschland sowie der daraus resultierenden programmatischen Strategien.
III. "Propaganda cold war": Überregionaler Hörfunk an der Nahtstelle des Ost-West-Konflikts - drei Fallbeispiele: Konkrete Analyse der programmlichen Tätigkeit und der Bedeutung des RIAS, des Deutschlandsenders und des Deutschlandfunks anhand ausgewählter historischer Ereignisse.
Fazit: Die Abstimmung mit dem Drehkondensator: Abschließende Bewertung des publizistischen Wettlaufs im Äther und des Einflusses der westlichen Sender auf das DDR-Publikum.
Schlüsselwörter
Kalter Krieg, Rundfunkgeschichte, DDR-Medienpolitik, Westmedien, Informationsjournalismus, Propaganda, Agitation, Sozialistische Journalistik, RIAS, Deutschlandfunk, Deutschlandsender, Systemkonflikt, Pressefreiheit, Meinungsbildung, Juniaufstand 1953.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit?
Die Arbeit analysiert die Funktion und Tätigkeit überregionaler Rundfunksender in der Bundesrepublik und der DDR während des Kalten Krieges (1945–1970) als Instrumente der politischen Informationspolitik.
Welche Sender stehen im Fokus der Untersuchung?
Der Schwerpunkt liegt auf den drei Sendern RIAS Berlin, Deutschlandsender und Deutschlandfunk, die aufgrund ihrer überregionalen Reichweite zentrale Akteure im Ost-West-Konflikt waren.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Ziel ist es, die unterschiedlichen journalistischen Konzepte, staatlichen Lenkungsversuche und die programmatische Ausrichtung der Sender gegenüber der gegnerischen Bevölkerung zu untersuchen und deren Auswirkungen auf die Meinungsbildung zu bewerten.
Welche methodische Vorgehensweise wurde gewählt?
Der Autor nutzt einen problemhierarchischen Aufbau und analysiert das Sendegebaren durch querschnittartige Momentaufnahmen zu ausgewählten historischen Ereignissen, ergänzt durch Quellen wie Manuskripte und Tätigkeitsberichte.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Untersuchung des sozialistischen Journalismus als Gegenmodell, das Verhältnis von Rundfunk und Politik in beiden deutschen Staaten sowie eine detaillierte Fallstudien-Analyse anhand von RIAS, Deutschlandsender und Deutschlandfunk.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit?
Wesentliche Begriffe sind die "Agitation durch Tatsachen", der "sozialistische Journalismus", "ideologische Diversion", "Instrumentalisierung" und die "Abstimmung mit dem Drehkondensator" als Symbol für das Hörerwahlverhalten.
Wie wurde die Medienlenkung in der DDR praktisch umgesetzt?
Neben einer strikten Schulung durch die Leipziger Fakultät für Journalistik erfolgte die Lenkung über das Staatliche Komitee für Rundfunk (SKR) und wöchentliche "Argumentations"-Sitzungen, die das Sendegefüge detailliert vorgaben.
Welchen Einfluss hatte der RIAS Berlin auf die DDR-Bevölkerung?
Der RIAS entwickelte sich nach anfänglichen Schwierigkeiten zu einem der meistgehörten Sender, der insbesondere während des Juniaufstands 1953 als wichtiger Informationsvermittler und Katalysator der Stimmung im Osten fungierte.
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- M.A. Michael Kuhlmann (Author), 1998, Kalter Krieg im Äther - Der Ost-West-Konflikt in politischen Radio-Informationssendungen der beiden deutschen Staaten 1945-1970, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/52326