Sozialkapital und Wertorientierungen: Zum Einfluss von Sozialkapital und Werten auf Verhalten und Einstellungen in Europa


Magisterarbeit, 2005
98 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Theoretische Grundlagen
2.1 Sozialkapital
2.1.1 Coleman
2.1.2 Putnam
2.2 Wertorientierungen
2.2.1 Kluckhohn
2.2.2 Rokeach
2.2.3 Inglehart
2.2.4 Klages
2.2.5 Schwartz
2.3 Zusammenfassung

3 Forschungsstand
3.1 Sozialkapital
3.1.1 Sozialkapital in Europa
3.1.2 Der Einfluss von Sozialkapital auf Verhalten und Einstellungen
3.2 Wertorientierungen
3.2.1 Wertorientierungen in Europa
3.2.2 Der Einfluss von Werten auf Verhalten und Einstellungen
3.3 Zusammenfassung

4 Empirische Analyse
4.1 Hypothesen, Datensatz und Datenoperationalisierung
4.1.1 Hypothesen
4.1.2 Der Datensatz: European Social Survey 2002/2003
4.2 Datenoperationalisierung
4.2.1 Verhalten und Einstellungen
4.2.2 Sozialkapital
4.2.3 Werte
4.3 Ergebnisse
4.3.1 Struktur von Einstellungen und Verhalten
4.3.2 Hypothesenprüfung
4.3.3 Interpretation

5 Resümee und Ausblick

6 Verzeichnisse
6.1 Abbildungsverzeichnis
6.2 Tabellenverzeichnis
6.3 Literaturverzeichnis

Anhang
A Zusätzliche Tabellen
B Anleitung zur Faktorierung der Werteitems nach Schwartz

1 Einleitung

Bereits im 19. Jahrhundert vertrat der französische Gesellschaftsanalytiker Alexis de Tocqueville die These, dass soziale Organisationen die Stabilität von Gesellschaften und Demokratien positiv beeinflussen. Am Beispiel des Amerika seiner Zeit belegt er die Wichtigkeit von Partizipation in sozialen Vereinigungen jeder Art, die Traditionen, Gebräuche und zivile Tugenden pflegen und somit einen Beitrag zur Aufrechterhaltung der Gemeinschaft leisten:

„Die Amerikaner jeden Alters, jedes Standes, jeder Geistesrichtung schließen sich fortwährend zusammen. Sie haben nicht nur kaufmännische und gewerbliche Vereine, denen alle angehören, sie haben auch noch unzählige andere Arten: religiöse, sittliche, ernste, oberflächliche, sehr allgemeine und sehr besondere, gewaltige und kleine“ (Tocqueville 1976, S. 595).

Auch im 21. Jahrhundert wird diese Annahme, dass soziale Vereinigungen positive Effekte auf die Performanz von Demokratien haben, noch als gültig betrachtet. Jetzt wird das Sozialkapital auch auf der Mikroebene und seine Einflussnahme auf individuelles Verhalten untersucht.

Die modernen Theorien über die Wirkung von sozialem Kapital sind vielfältig, ebenso die empirischen Studien. Der Schwerpunkt der Sozialkapitalforschung liegt dabei auf der Individualebene, die gesellschaftliche Perspektive findet nur wenig Beachtung. Soziales Kapital wird in der Forschung häufig in Beziehung zu anderen Kapitalarten, wie ökonomischen Ressourcen oder Humankapital[1] gesetzt und z. B. deren ungleiche Verteilung miteinander in Verbindung gebracht (vgl. Putnam 2001, S. 785). Der Untersuchung von anderen Einflussfaktoren auf Sozialkapital, wie Wertorientierungen, wird dabei nicht nachgegangen. Dabei stellt sich die Frage, warum Menschen soziale Bindungen eingehen, sich auf die Kooperation mit anderen einlassen, diesen vertrauen und sich in gesellschaftlichen Organisationen engagieren. Als eine Erklärung können gesellschaftliche Werte genannt werden. Diese gelten in vielen Bereichen als Einflussgröße und treibende Kraft. Die herausragende Bedeutung von Werten auf den Einzelnen und auf die Gesellschaft wird als sicher angesehen. Es werden menschliches Verhalten und Einstellungen in den unterschiedlichsten soziologischen Forschungsgebieten in Abhängigkeit zu Wertorientierungen gesetzt, sowohl auf der Mikro- wie auch auf der Makroebene.

Diese Perspektive wurde in der Sozialkapitalforschung bisher völlig außer Acht gelassen. Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich daher u a. mit der der Frage, welchen Einfluss gesellschaftliche Werte auf das soziale Kapital in Europa haben.

Die vorliegende empirische Analyse beschäftigt sich weiterhin mit der Betrachtung der Struktur von Sozialkapital und Wertorientierungen: haben die europäischen Gesellschaften unterschiedliches soziales Kapital und heterogene gesamtgesellschaftlich dominierende Wertorientierungen? Inwiefern unterscheiden sich die Länder hierin und können Muster erkannt werden? Des Weiteren wird die Erklärungskraft von beiden Untersuchungskonzepten bezüglich verschiedener Verhaltens- und Einstellungsvariablen gesehen, da beiden Konzeptionen ein Erklärungspotential bezüglich dieser nachgesagt wird.[2]

Im zweiten Kapitel werden in der Theorie vertretene Ansätze zu Sozialkapital und zu Wertorientierungen dargestellt.

Zu den bekanntesten aktuellen Sozialkapitalforschern gehört der amerikanische Politologe Robert D. Putnam, der in seiner Theorie über Entstehung und Wirkung von sozialem Kapital Tocquevilles Ansätze verfolgt. Putnam untersucht Sozialkapital sowohl auf der Mikro- als auch auf der Makroebene. In seinen Analysen konstatiert er, dass soziales Kapital individuelle Verhaltensweisen beeinflusst und auch für die Stabilität von Demokratien unerlässlich ist. Da Putnam seinen Sozialkapitalbegriff auf dem von James S. Coleman aufbaut, wird nach einer kurzen historischen Einführung in das Konzept des sozialen Kapitals zunächst Colemans theoretischer Ansatz vorgestellt. Diesem folgt die Erläuterung der Putnamschen Sozialkapitaltheorie, auf der die Datenoperationalisierung des empirischen Teils beruht.

In der Werteforschung existiert kein homogenes Verständnis des Wertebegriffs. Um diesen verständlich darzustellen werden verschiedene Wertekonzeptionen, die in der Forschung angewendet werden, vorgestellt. Der Schwerpunkt dieser Arbeit liegt dabei auf dem Wertebegriff von Schwartz, der für die empirische Analyse herangezogen wird.

Das dritte Kapitel gibt einen Überblick über den aktuellen Forschungsstand bezüglich des Sozialkapitals und der Wertorientierungen. Die vorgestellten Studien beschäftigen sich mit Struktur und Ausmaß von sozialem Kapital und gesellschaftlichen Werthaltungen im europäischen Vergleich. Außerdem werden Arbeiten beschrieben, die den Einfluss von beidem auf Verhalten und Einstellungen zum Thema haben.

Das vierte Kapitel stellt die empirische Analyse vor. Es werden die zu prüfenden Hypothesen erläutert und die Datenbasis sowie die Datenoperationalisierung beschrieben. Anschließend werden die Ergebnisse präsentiert und in einer anschließenden Interpretation diskutiert.

2 Theoretische Grundlagen

Die vorliegende empirische Forschungsarbeit stützt sich auf theoretische Ansätze aus den Bereichen der Sozialkapital- sowie der Werteforschung. In diesem Kapitel wird zunächst der Sozialkapitalbegriff von Coleman vorgestellt, auf den sich das nachfolgend diskutierte Sozialkapitalkonzept von Putnam stützt.[3] Anschließend wird ein Überblick über den Wertebegriff gegeben, wobei verschiedene Wertekonzepte näher erläutert werden.

2.1 Sozialkapital

In der Forschungsliteratur gibt es keine einheitliche Definition von sozialem Kapital.

Die erste Verwendung des Begriffs Sozialkapital findet sich bei Lyda Judson Hanifan, der in den Jahren 1916 und 1920 zwei stadtsoziologische Studien veröffentlichte: „The rural school community center“ (1916) und „The Community Center“ (1920) (vgl. Putnam 2000, S. 19; Schechler 2001, S. 27). Hanifan versteht unter sozialem Kapital ein „Determinantenbündel für die Bildung sozialer Gruppen“ (Schechler 2001, S. 27), ein gemeinschaftliches Engagement, welches zur Erhaltung der Demokratie beiträgt und sowohl einen privaten wie einen öffentlichen Nutzen hat. Soziales Kapital sind

„[…] jene greifbaren Eigenschaften, auf die es im Alltag der Menschen am meisten ankommt, nämlich guter Wille, Gemeinschaftsgeist, Mitgefühl und geselliger Austausch zwischen den Einzelnen und den Familien, aus denen sich eine gesellschaftliche Einheit zusammensetzt …In gesellschaftlicher Hinsicht ist der Einzelne hilflos, wenn er auf sich selbst gestellt ist. … Wenn er in Kontakt mit seinen Nachbarn kommt und beide wiederum mit weiteren Nachbarn, sammelt sich Sozialkapital an, mit dem sich seine gesellschaftlichen Bedürfnisse unmittelbar befriedigen lassen. Möglicherweise reicht dieses soziale Potential auch für eine substanzielle Verbesserung der Lebensbedingungen der gesamten Gemeinschaft aus. […] Die ganze Gemeinschaft wird von der Zusammenarbeit ihrer Teile profitieren, und der Einzelne wird infolge seiner Verbindungen Vorteile wie Hilfeleistungen, Mitgefühl und den Gemeinschaftsgeist seiner Nachbarn erfahren … Wenn die Menschen einer Gemeinschaft miteinander vertraut und ihnen gelegentliche Versammlungen für Unterhaltungszwecke, zum geselligen Austausch oder zum persönlichen Vergnügen zur Gewohnheit geworden sind, kann dieses Sozialkapital durch geschickte Führung leicht zur allgemeinen Verbesserung der Wohlfahrt der Gemeinde eingesetzt werden“ (Hanifan 1916, zitiert nach Putnam/Goss 2001, S. 16f.).

Jane Jacobs verwendet den Begriff Sozialkapital aus stadtsoziologischer Sicht. In „The Death and Life of Great American Cities“ (1961) untersucht sie die Ursachen für die steigende Kriminalitätsrate in amerikanischen Großstädten (vgl. Haug 1997, S. 5; Schechler 2001, S. 27). Sie kommt zu dem Ergebnis, dass die verschiedenen Funktionen von Stadtvierteln hierbei eine große Rolle spielen: In historisch gewachsenen, funktionalen Wohngegenden wird Gewalt durch soziale Kontrolle zwischen Nachbarn eingeschränkt und somit Kriminalität verhindert, im Gegensatz zu monofunktionalen Bezirken wie z. B. reinen Wohn- oder Arbeitsvierteln. Jacobs betont die Rolle des Vertrauens als potentielle gegenseitige Unterstützung, auch zwischen Personen, die sich nur flüchtig kennen, was allein daher stammt, dass sie in einem gemeinsamen Viertel wohnen. Durch dieses Gemeinschaftsgefühl ist kollektives Handeln möglich. Solche Nachbarschaftsnetzwerke bezeichnet Jacobs als Sozialkapital. Ist dieses einmal zerstört ist es irreparabel und es muss im Lauf der Zeit neues soziales Kapital akkumuliert werden:

„If self-government in the place is to work, underlying any float of population must be a continuity of people who have forged neighbourhood networks. These networks are a city’s irreplaceable social capital. Whenever the capital is lost, from whatever cause, the income from it disappears, never to return until and unless new capital is slowly and chancily accumulated” (Jacobs 1961, S. 138).

Pierre Bourdieu betrachtet Kapital nicht nur aus ökonomischer, sondern auch aus kultureller und sozialer Sicht und bezieht die gegenseitige Transformation der verschiedenen Kapitalarten in seinem Konzept mit ein. In seiner Arbeit „Ökonomisches Kapital, kulturelles Kapital, soziales Kapital“ (1983) definiert Bourdieu Kapital generell als akkumulierte Arbeit.

Unter sozialem Kapital versteht Bourdieu

„die Gesamtheit der aktuellen und potentiellen Ressourcen, die mit dem Besitz eines dauerhaften Netzes von mehr oder weniger institutionellen Beziehungen gegenseitigen Kennens oder Anerkennens verbunden sind. Es handelt sich also dabei um Ressourcen, die auf der Zugehörigkeit zu einer Gruppe beruhen“ (Bourdieu 1983, S. 191)

Pierre Bourdieu betrachtet Sozialkapital als individuelle Ressource, die sich nach der Größe des Netzes sozialer Beziehungen bemisst, die ein Individuum besitzt, sowie nach dem Umfang des Kapitals der anderen, mit denen es in Beziehung steht. Es existiert aufgrund der Zugehörigkeit zu einer Gruppe; Träger von Sozialkapital sind die Beziehungen zwischen Individuen. (vgl. Bourdieu 1983, Haug 1997).

Soziale Beziehungen bestehen auf und tragen zu konkreten materiellen oder symbolischen Tauschbeziehungen bei. Sie haben eine Art „Multiplikatoreffekt“ (Bourdieu 1983, S. 191) auf das gesamte Kapital, über das eine Person verfügt.

Die Reproduktion von sozialem Kapital ist nur durch gegenseitiges Kennen und Anerkennen sowie eine anhaltende „Institutionalisierungsarbeit“ (Bourdieu 1983, S. 192) möglich. Diese geschieht über den Austausch von z. B. Gefälligkeiten oder Geschenken und garantiert die gegenseitige soziale Anerkennung. Der Ertrag aus dem sozialen Kapital ist umso höher, je größer das zur Verfügung stehende Kapital selbst ist. Nach Bourdieu kann Sozialkapital delegiert werden. Dazu muss in einer Gruppe ein Bevollmächtigter ernannt werden, der alle Mitglieder vertritt und über das gesamte Kapital der Gruppe und somit über Macht verfügt, die er auch zum Nachteil der Mitglieder verwenden kann:

„Die Mechanismen der Delegation und der Repräsentation […] tragen somit das Prinzip der Zweckentfremdung des mit ihrer Hilfe geschaffenen Sozialkapitals bereits in sich“ (Bourdieu 1983, S. 194).

Bourdieu betrachtet Sozialkapital ausschließlich auf der individuellen Ebene. Er stellt den Ressourcencharakter in den Vordergrund und verknüpft diesen mit dem Begriff der Macht. Das Verfügen über Kapital, v. a der Besitz von sozialem Kapital, bedeutet eine Macht innezuhaben, mit der man sowohl über seine eigenen sozialen Beziehungen (und die anderer) bestimmt sowie diese zur Erlangung bestimmter Ziele einsetzt (vgl. Schechler 2002, S. 45). Er thematisiert soziales Kapital als ein Vermögen, welches nur Privilegierte nutzen, um ihre Macht und Überlegenheit gegenüber anderen zu behaupten.[4]

2.1.1 Coleman

James S. Coleman bettet sein Verständnis von sozialem Kapital in seine Handlungstheorie der rationalen Wahl ein, welche sowohl die individuelle wie auch die kollektive Ebene berücksichtigt.[5]

In seinem Werk „Foundations of Social Theory“[6] entwirft Coleman sein Handlungsmodell und wendet dieses auf klassische Themen der Sozialwissenschaften, insbesondere der Soziologie und der Politikwissenschaft, an (vgl. Voss 1993, S. 366).[7] Coleman verwendet den Begriff der Rationalität, wie er in der ökonomischen Theorie gilt: Rationalität entspricht der Nutzenmaximierung (vgl. Coleman 1991, S. 17).[8]

Laut Coleman wurde der Begriff des sozialen Kapitals von Loury eingeführt, der soziales Kapital als Ressourcen definiert, die aus Familienbeziehungen und der gesellschaftlichen Organisation bestehen und die kognitive und soziale Entwicklung eines Kindes begünstigen, definiert (vgl. Coleman 1991, S. 389).

Coleman lässt Lourys Begriff des sozialen Kapitals einen Bedeutungswandel erfahren und betrachtet Sozialkapital als sozialstrukturelle Ressourcen, indem er es über seine Funktion erklärt:

„Ich werde diese sozialstrukturellen Ressourcen als Kapitalvermögen für das Individuum bzw. als soziales Kapital behandeln. Soziales Kapital wird über seine Funktion definiert. Es ist kein Einzelgebilde, sondern ist aus einer Vielzahl verschiedener Gebilde zusammengesetzt, die zwei Merkmale gemeinsam haben. Sie alle bestehen nämlich aus irgendeinem Aspekt der Sozialstruktur, und sie begünstigen bestimmte Handlungen von Individuen, die sich innerhalb der Struktur befinden. Wie andere Kapitalformen ist soziales Kapital produktiv, denn es ermöglicht die Verwirklichung bestimmter Ziele, die ohne es nicht zu verwirklichen wären. […] Anders als andere Kapitalformen wohnt soziales Kapital den Beziehungsstrukturen zwischen zwei und mehr Personen inne.“ (Coleman 1991, S. 392).

Sozialkapital besteht nach Coleman somit aus zwei Elementen: Es begünstigt Handlungen, die ausgeführt werden um bestimmte Ziele zu erreichen, oder es beeinflusst diese negativ. Durch die strukturelle Komponente ist soziales Kapital außerdem eine gesellschaftliche Bezugsgröße (vgl. Coleman 1991, S. 392; Schechler 2002, S. 101).

Sozialkapital existiert sowohl auf der individuellen als auch auf der gesellschaftlichen Ebene, die sich wechselseitig beeinflussen. Auf der Mikroebene gilt soziales Kapital wie schon bei Bourdieu als individuelle Ressource; es bedingt das Handeln von Personen und übt eine selektive Wirkung auf deren Handlungsentscheidungen aus. Auch kann nach Coleman individuelles Handeln aggregiert und somit auf der gesellschaftlichen Ebene als soziale Beziehungen betrachtet werden. Sozialkapital dient also dazu, individuelles Handeln zu erklären sowie den Wechsel von der individuellen zur Systemebene vorzunehmen (vgl. Coleman 1991, S. 396). Die wichtigste Leistung, die eine Handlungstheorie laut Coleman erfüllen muss, ist es, den Übergang von der individuellen auf die gesellschaftliche Ebene, was auch als Mikro-Makro-Problem bezeichnet wird, ausreichend zu erklären.[9]

Coleman definiert Sozialkapital in Abgrenzung zu Humankapital, wobei sich beide Kapitalarten gegenseitig ergänzen können. Wenn sich interpersonale Beziehungen in der Hinsicht ändern, dass bestimmte Handlungen leichter möglich bzw. überhaupt erst ermöglicht werden, dann entsteht soziales Kapital. Dagegen entwickelt sich Humankapital, indem Individuen Fertigkeiten entwickeln, die sie handlungsfähig machen. Während Humankapital ein ausschließlich privates Gut ist, welches eine Person sich selbst durch den Einsatz von Zeit und Mühe erwirbt, ist Sozialkapital auch ein öffentliches Gut, an dem alle teilhaben können, die Teil der sozialen Struktur sind (vgl. Coleman 1988, S. 116).

Coleman unterscheidet fünf verschiedene Formen von Sozialkapital:

Erstens ist Vertrauen, das sich aus Verpflichtungen und Erwartungen zusammensetzt, von großer Bedeutung, da dieses für Handlungssysteme grundlegend ist. Es kann keine Interaktion stattfinden, wenn die Akteure kein Vertrauen aufbringen und somit nicht das Risiko eingehen, eine Handlung durchzuführen.[10] Wenn Person A etwas für B tut und auf eine Gegenleistung von dieser vertraut, entsteht in A eine Erwartung und in B eine Verpflichtung, diesem nachzukommen, den Kredit, den A gewährt hat, zu begleichen. (vgl. Coleman 1988, S. 102; Coleman 1991, S. 396):

„Diese Verpflichtung kann man als eine ‚Gutschrift’ betrachten, die A besitzt und die von B mit irgendeiner Leistung eingelöst werden muß“ (Coleman 1991, S. 397).

Für diese Form sozialen Kapitals spielen zwei Elemente eine bedeutende Rolle: die Vertrauenswürdigkeit des gesellschaftlichen Umfelds und die tatsächliche Zahl der einzulösenden Verpflichtungen. (vgl. Coleman 1991, S. 397). Personen schaffen sich oft absichtlich aus rationalen Gründen Verpflichtungen, um daraus einen Gewinn zu erhalten: die geleisteten Gefälligkeiten gleichen dann einer Art Versicherungspolice mit einer niedrigen zu leistenden Prämie, aber einem hohen Gewinn (vgl. Coleman 1991, S. 402).

Sozialstrukturen unterscheiden sich bezüglich der Menge an ausstehenden Verpflichtungen, was aus verschiedenen Gründen der Fall sein kann, z. B. weil der Grad des Wohlstandes oder der der Geschlossenheit sozialer Netzwerke unterschiedlich ist oder man auf andere Hilfsquellen wie z. B. staatliche Wohlfahrtsleistungen zurückgreifen kann (vgl. Coleman 1991, S. 398). Individuen in Sozialstrukturen, die viele ausstehende Gutschriften einlösen können, haben ein größeres Sozialkapital zur Verfügung.

„Die Dichte ausstehender Verpflichtungen bedeutet letztendlich, daß der gesamte Nutzen konkreter Ressourcen, die im Besitz von Akteuren innerhalb dieser Sozialstruktur sind, vervielfacht wird, wenn die Ressourcen im Notfall anderen Akteuren zur Verfügung stehen“ (Coleman 1991, S. 399).

Eine Abnahme von Vertrauen in einer Gesellschaft schränkt ihr allgemeines Handlungspotential stark ein und kann zu einer Instabilität des Systems führen. Außerdem könnte es dazu kommen, dass die Akteure ihr Vertrauen anderweitig an andere Institutionen vergeben (vgl. Coleman 1991, S. 252f.).[11]

Die zweite Form des sozialen Kapitals ist das Informationspotential. Informationen[12] bilden eine Handlungsgrundlage und begünstigen bestimmte Handlungen, ihr Erwerb ist allerdings teuer. Eine Möglichkeit, sich Informationen zu verschaffen ist es, auf soziale Beziehungen zurückzugreifen, die eigentlich zu einem anderen Zweck gepflegt werden. Bezüglich dieser Sozialkapitalform sind Beziehungen wertvoll aufgrund der Informationen, die sie bieten (vgl. Coleman 1991, S. 402f.).

Drittens gelten Normen[13] und wirksame Sanktionen nach Coleman als eine Form sozialen Kapitals, die zwar einflussreich, aber auch labil ist. Sie begünstigt manche Handlungen, andere aber schränkt sie ein bzw. verbietet sie ganz. Wichtig sind Normen vor allem im Zusammenhang mit öffentlichen Gütern (vgl. Coleman 1991, S. 403f.; Haug 1997 S. 3). Der labile Charakter erklärt sich aus der Eigenschaft als Kollektivgut und den damit verknüpften Problemen (vgl. Schechler 2002, S. 103).

Herrschaftsbeziehungen gelten nach Coleman als vierte Sozialkapitalform. Indem Akteure Kontrollrechte[14] auf andere übertragen, können diese soziales Kapital akkumulieren und somit über große Macht verfügen. Durch die Konzentration von Kontrollrechten auf mächtige Akteure wird das soziale Kapital der ganzen Gemeinschaft vermehrt, weil Kollektivprobleme, wie das Problem des Trittbrettfahrens, überwunden werden (vgl. Coleman 1991, S. 404; Haug 1997, S. 3).

Fünftens stellen freiwillige Organisationen, die mit der Intention, bestimmte Ziele zu erreichen, gegründet wurden, soziales Kapital zur Verfügung, das ihre Mitglieder nutzen können. Coleman nennt diese „übereignungsfähige soziale Organisationen“ (Coleman 1991, S. 405). Diese Form sozialen Kapitals ist verknüpft mit zielgerichteten Organisationen. In diesen entsteht Sozialkapital als Nebenprodukt von Aktivitäten, die man mit der Absicht, andere Ziele zu erreichen, ausgeführt hat.

Da soziales Kapital ein Element der Sozialstruktur ist, kann es nicht nur als privates Eigentum, sondern auch als öffentliches Gut betrachtet werden. Durch Geschlossenheit sozialer Netzwerke, Stabilität der Sozialstruktur und Ideologien kann soziales Kapital sowohl erzeugt wie auch vernichtet werden, je nachdem, ob der Einfluss dieser Faktoren positiv oder negativ ist. (Coleman 1991, S. 412f.).

Coleman thematisiert die Verknüpfung von individuellen Handlungen mit der Sozialstruktur. Gesellschaftliches Handeln ist nur über das Handeln von Individuen zu erklären, da auch bei einer Makroanalyse, bei der Einzeldaten aggregiert werden, meistens noch das Individuum Gegenstand der Analyse ist (vgl. Coleman 1991, S. 3). Systemverhalten aufgrund von individuellen Einstellungen und Handlungen zu erklären, ist, nach Coleman, nicht nur nützlicher, sondern aufgrund einer besseren Vorhersagbarkeit auch stabiler und allgemeiner als eine Erklärung, die sich ausschließlich auf die gesellschaftliche Ebene bezieht:

„Da das Systemverhalten aus den Handlungen seiner Bestandteile hervorgeht, kann man erwarten, daß die Kenntnis der Verknüpfung dieser Bestandteile zu einem Systemverhalten eine größere Vorhersagbarkeit garantiert als eine Erklärung, die sich auf statistische Beziehungen der Oberflächeneigenschaften des Systems stützt“ (Coleman 1991, S. 4).

Kritisiert wird an Colemans Handlungstheorie vor allem, dass sie sich ausschließlich an ökonomischen Kriterien orientiert, der Einfluss menschlicher Emotionen ausgeklammert wird (vgl. Müller/Schmid 1998, S. 17). Die Handlungen beruhen nach Coleman auf feststehenden Interessen und da auch die Regeln, die den Handlungsrahmen darstellen, als unstrittig gelten, werden mögliche Konflikte zwischen den Akteuren nicht thematisiert (vgl. Müller/Schmid 1998, S. 18).

2.1.2 Putnam

Der Politologe Robert D. Putnam, versucht mit seiner auf der Theorie Colemans basierenden Konzeption des Sozialkapitals Fragen bezüglich kollektiven Handelns zu beantworten.

Putnams Thesen gehen auf de Tocqueville zurück, der Überlegungen zur Stabilität von Demokratien anstellte und den positiven Einfluss von sozialen Gemeinschaften und gesellschaftlicher Partizipation erkannte (vgl. Putnam 1999, S. 21; Schechler 2001, S. 61). Als Neo-Tocquevilleianer versucht Putnam nachzuweisen, dass die Funktion von sozialen Organisationen auch heute noch von großer Bedeutung für gesellschaftliche Kooperation ist (vgl. Schechler 2001, S. 61f.).

Putnam betrachtet Sozialkapital als ein gesellschaftliches Hauptmerkmal. Er definiert soziales Kapital als Vertrauen, Reziprozitätsnormen und Netzwerke bürgerschaftlichen Engagements, mit deren Hilfe die Mitglieder einer Gemeinschaft gemeinsame Ziele leichter erreichen könnten:

„By ‘social capital’ I mean features of social life – networks, norms and trust – that enable participants to act together more effectively to pursue shared objectives. […] Social capital, in short, refers to social connections and the attendant norms and trust” (Putnam 1995, S. 664f.).

Putnam betont den Unterschied von Sozialkapital, das sich in zwischenmenschlichen Beziehungen konstituiert, und Humankapital, das ausschließlich ein individuelles Gut ist:

„Whereas […] human capital refers to properties of individuals, social capital refers to connections among individuals – social networks and norms of reciprocity and trustworthiness that arise from them. In that sense social capital is closely related to what some have called ‘civic virtue’ (Putnam 2000, S. 19).

Nach Putnams Verständnis kann Sozialkapital sowohl ein privates wie auch ein öffentliches Gut sein (vgl. Putnam 2000, S. 20). Er betrachtet nicht die Bedingungen, die soziales Kapital entstehen lassen, sondern die Auswirkungen, die es hat, bzw. die Folgen unterschiedlicher Ausmaße dessen (vgl. Haug, S. 5). Dabei wird ein gewisses Potential an historisch entwickeltem sozialem Kapital vorausgesetzt, nämlich Vertrauen, in der Gesellschaft, was bei Putnam den wichtigsten Bestandteil von Sozialkapital darstellt. Dieses bezeichnet er als „‚Gleitmittel’ des gesellschaftlichen Lebens“ (Putnam/Goss 2001, S. 21), da es die Kooperationsbereitschaft fördert. Vertrauen in andere Personen zu haben bedeutet, dass man eine gewisse Sicherheit hat, deren Handlungen im Voraus richtig einzuschätzen (vgl. Haug 1997, S. 6):

„The theory of social capital presumes that, generally speaking, the more we connect with other people, the more we trust them, and vice versa” (Putnam 1995, S. 665).

Putnam differenziert zwischen thin trust und thick trust (Putnam 2000, S. 136). Vertrauen, das auf persönlichen Erfahrungen beruht und sich in Beziehungen zu bestimmten bekannten Personen, die in größeren Netzwerken integriert sind, ausdrückt, gilt auch als thick trust. Thin trust besteht dagegen gegenüber dem generalisierten Anderen, also der Allgemeinheit. Diese Art von Vertrauen wird von Putnam als nützlicher als thick trust angesehen, da dieses das Vertrauen, das man in andere hat, so erweitert, dass man auch Menschen, die einem persönlich nicht so bekannt sind wie andere, vertrauenswürdig findet. Thin trust wirkt laut Putnam positiv auf das gesellschaftliche Engagement von Individuen: Ihr Vertrauen in andere und ihre eigene Vertrauenswürdigkeit in der Gesellschaft steigen:

„In short, people who trust others are all-round good citizens, and those more engaged in community life are both more trusting and more trustworthy (Putnam 2000, S. 137).

Vertrauen entsteht aufgrund von Normen der Gegenseitigkeit, so genannten Reziprozitätsnormen, sowie durch Netzwerke bürgerschaftlichen Engagements. Durch das Prinzip der Reziprozität werden Transaktionskosten gesenkt und Kooperation erleichtert. Wenn das Vertrauen in eine Reziprozitätsnorm wie z. B. Tit For Tat (Wie Du mir, so ich Dir) und in deren Einhaltung hoch ist, ist auch die Wahrscheinlichkeit der sozialen Kooperation hoch (vgl. Haug 1997, S. 6). Die Bereitschaft zur Kooperation ist auch dann möglich, wenn sich die Akteure gegenseitig fremd sind:

„The touchstone of social capital is the principle of generalized reciprocity – I’ll do this for you now, without expecting anything immediately in return and perhaps without even knowing you, confident that down the road you or someone else will return the favor” (Putnam 2000, S. 134).

Netzwerke bürgerschaftlichen Engagements, wie z. B. freiwillige Vereinigungen, begünstigen Reziprozitätsnormen und erleichtern den Erhalt von Informationen über die Vertrauenswürdigkeit von anderen.

Putnam betont die Multidimensionalität von sozialem Kapital und differenziert vier Dimensionen, die von je zwei Polen begrenzt werden:

Auf der ersten Dimension unterscheidet er formelles und informelles Kapital. Formelles Sozialkapital ist organisiert, z. B. in Vereinen mit offiziellen Mitgliedschaftsbeiträgen, während andere Sozialkapitalformen informellen Charakter haben. Putnam nennt hierfür als Beispiel ein spontan stattfindendes Basketballspiel (vgl. Putnam/Goss 2001, S. 25).

Die zweite Dimension unterscheidet zwischen innenorientiertem und außenorientiertem Sozialkapital. Während innenorientiertes soziales Kapital darauf gerichtet ist, die Interessen der eigenen Mitglieder zu verfolgen, die aufgrund von Klassenzugehörigkeit oder Geschlecht zu einer Gemeinschaft gehören, befasst sich das außenorientierte mit öffentlichen Gütern, wie dies z. B. in wohltätigen Vereinen der Fall ist (vgl. Putnam/Goss 2001, S. 27f.).

Drittens kann Sozialkapital eine hohe oder geringe Dichte haben. Analog zum thick bzw. thin trust gibt es starke und schwache Bindungen. Eine starke Bindung besteht bei häufigem und engen Kontakt mit anderen Personen während eine schwache Bindung z. B eine flüchtige Bekanntschaft sein kann (vgl. Putnam/Goss 2001, S. 26f.).

Als vierte Dimension differenziert Putnam brückenbildendes (bridging) und bindendes (bonding) Sozialkapital (vgl. Putnam 2000, S. 22f.; Putnam/Goss 2001, S. 25f.). Während bindendes Sozialkapital Individuen verbindet, die sich in einigen Merkmalen entsprechen, wie z. B. in Alter, Geschlecht oder Ethnizität, vereint brückenbildendes Sozialkapital völlig unterschiedliche Menschen. In der Realität sind die meisten Gemeinschaften brückenbildend und bindend zugleich (Putnam/Goss 2001, S. 28f.).

Putnam räumt zwar ein, dass Sozialkapital auch eine dunkle Seite (vgl. Putnam 2000, S. 350f.) hat, stellt aber seine positiven Effekte als öffentliches Gut in den Vordergrund. Als Beispiel für diese nennt er die Kriminalitätsraten, die in Wohnbezirken, in denen es ein dichtes Beziehungsnetz gibt, niedriger sind als in Bereichen mit geringem sozialem Kapital (vgl. Putnam/Goss 2001, S. 21). Die Kriminalitätsrate ist für Putnam ein Maß für die Vertrauenswürdigkeit (vgl. Putnam 2000, S. 144). Auch werden politische Partizipation und die ökonomische Entwicklung einer Gesellschaft durch soziales Kapital begünstigt. In erster Linie wird beides durch die Sozialkapitaldimension Vertrauen überhaupt erst ermöglicht. In seinen Studien über soziale und politische Partizipation in Amerika (Putnam 1995 und 2000) untersucht Putnam die Veränderung des Sozialkapitals im Zeitverlauf sowie seine positiven Effekte auf politische Partizipation. Er operationalisiert soziales Kapital über mehrere Indikatoren: Normen, generalisiertes Vertrauen sowie die Mitgliedschaft in Organisationen und politische Beteiligung. Putnam stellt eine Abnahme der sozialen wie auch der politischen Beteiligung seit 1960 fest. Als Ursache dafür nennt er u. a. den Anstieg des Bildungsniveaus, die zunehmende Frauenerwerbsquote und als Hauptursache ein verändertes Freizeitverhalten hin zu isolierten und isolierenden Aktivitäten, was im Titel seines Buches „Bowling Alone“ (2000) metaphorisch ausgedrückt wird. Negativ auf das Sozialkapital wirkt sich vor allem das Fernsehen aus, da es soziale Beteiligung einschränkt: Indem die Menschen einen großen Teil ihrer Zeit dem Fernsehen widmen, vernachlässigen sie die Pflege sozialer Beziehungen, generell die Teilnahme am sozialen Leben (vgl. Putnam 2000, S. 228f.).

Wie Coleman beschreibt Putnam soziales Kapital als ein Merkmal, das Gesellschaften charakterisiert. Auch im Putnamschen Konzept wird Sozialkapital sowohl als individuelles wie auch als gesellschaftliches Merkmal von Humankapital, das ein ausschließlich privates Gut darstellt, differenziert. Im Unterschied zu Coleman aber betrachtet Putnam nicht in erster Linie die gesellschaftlichen Strukturen und Bedingungen, die soziales Kapital entstehen lassen, sondern die Auswirkungen, die soziales Kapital hat, bzw. die Folgen unterschiedlicher Ausmaße von Sozialkapital (vgl. Haug 1997, S. 5).

Sowohl Coleman als auch Putnam betonen die positiven Effekte von Sozialkapital, wie z. B seine mindernde Wirkung auf Gewalt und Kriminalität. Alejandro Portes stellt dagegen auch die negative Seite von sozialem Kapital heraus. Seine Definition von Sozialkapital lautet: „Ability to command scarce means by virtue of membership in social structures” (Portes 1995, S. 15). Sozialkapital schafft versteckte Kosten, die dann auftreten, wenn eine Gemeinschaft eine Gegenleistung für eingetretene Erfolge erwartet (vgl. Haug 1997, S. 8). Außerdem fördert nach Portes soziales Kapital in geschlossenen Netzwerken Diskriminierung von Außenseitern, beschränkt den Kontakt und damit die Beziehungen mit Personen außerhalb der Gemeinschaft. Darüber hinaus verhindern strenge Normen und Zwang zu Konformität individuelle Erfolge (vgl. Haug 1997, S. 8, S. 26).

Zusammenfassend kann man sagen, dass der Ansatz des Sozialkapitals zur Erklärung von individuellem und sozialem Handeln herangezogen wird. Sozialkapital gilt einerseits als Ursache, andererseits als Ergebnis von Handlungen. Es hat eine strukturelle und eine kulturelle Komponente. Der strukturelle Aspekt umfasst die Betrachtung sozialer Netzwerke und deren Verteilung. Als kulturelle Elemente gelten dagegen Vertrauen und soziale Normen der Gegenseitigkeit (vgl. Gabriel et al. 2002, S. 26).

2.2 Wertorientierungen

In der Forschung gibt es keine einheitliche Definition des Wertebegriffs. Ebenso wird in den zahlreichen verschiedenen Wertetheorien keine einheitliche Operationalisierung von Werten verwendet und unterschiedliche Dimensionen unterschieden. Das Einzige, das alle diese Konzepte gemeinsam haben, ist die Annahme, dass Wertorientierungen menschliches Handeln anleiten und Einstellungen beeinflussen. Bereits Durkheim und Weber, die beide das Wertekonzept verwendet haben, betonen den handlungsleitenden Charakter von Werten und führen den Zusammenhalt der Gesellschaft auf diesen zurück (vgl. Hermann 2003, S. 52).

Die in der Sozialforschung wichtigsten Wertebegriffe werden im Folgenden näher beleuchtet. Darunter sind auch zwei Theorien des gesellschaftlichen Wertewandels, die Konzepte von Inglehart und Klages, die grundlegend für die gesamte Werteforschung sind.[15]

2.2.1 Kluckhohn

Eine der in der Forschungsliteratur am häufigsten zitierten Definitionen von Werten gibt Kluckhohn in seiner Arbeit „Values and Value-Orientations in the Theory of Action. An Exploration in Definition and Classification.“ (1951). Hier werden Werte als individuelle oder kollektive, zeitbeständige Vorstellungen über Wünschenswertes bestimmt. Diese Werte stellen „handlungsleitende Orientierungslinien“ (Maag 1991, S. 22) dar, die somit die Handlungen wie auch die Handlungsziele von Einzelnen oder Gruppen sowie das Verhalten, welches eingesetzt wird, um die gesetzten Ziele zu erreichen, beeinflussen und anleiten:

„Value implies a code or standard which has some persistence through time, or, more broadly put, which organizes a system of action. Value, conveniently and in accordance with received usage, places things, acts, ways of behaving, goals of action on the approval-disapproval continuum. […] A value is a conception, explicit or implicit, distinctive of an individual or characteristic of a group, of the desirable which influences the selection from available modes, means, and ends of action” (Kluckhohn 1951, S. 395).

In dieser Begriffsbestimmung enthält der Wertebegriff eine affektive, kognitive und konative Komponente (vgl. Kluckhohn 1951, S. 395). Das heißt, dass ein Wert ein Wissen darüber beinhaltet, was wünschenswert ist, darüber hinaus ermöglicht er es, eine Handlungsfolge gefühlsmäßig zu befürworten oder nicht. Schließlich löst er die Durchführung einer bestimmten Handlung aus, je nachdem, welche Ziele die handelnde Person anstrebt.

Kluckhohn unterscheidet Werte und Wertorientierungen. Werte bestehen aus Wertorientierungen, die er als generalisierte, organisierte und existenzielle Werte bezeichnet. Wie Werte können auch Wertorientierungen sowohl für Individuen wie auch für Gruppen gelten:

„It is convenient to use the term value-orientation for those value notions which are (a) general, (b) organized, and (c) include definitely existential judgements. A value orientation is a set of linked propositions embracing both value and existential elements. […] More formally, a value-orientation may be defined as a generalized and organized conception, influencing behaviour […]. Such value-orientation may be held by individuals or, in the abstract-typical form, by groups” (Kluckhohn 1951, S. 409f.).

2.2.2 Rokeach

Rokeach[16] definiert in „The Nature of Human Values“ (1973) Werte als relativ beständige Überzeugungen, die bestimmte Handlungen bewirken, da sie eine Person das Ziel einer Handlung als wünschenswert oder nicht wünschenswert beurteilen lassen. Werte gelten also als ideale, abstrakte Zielzustände, die je nach der Intention einer Person von dieser als persönlich bzw. gesellschaftlich erstrebenswert präferiert werden oder nicht:

„A value is an enduring belief that a specific mode of conduct or end-state of existence is personally or socially preferable to an opposite or converse mode of conduct or end-state of existence” (Rokeach 1973, S. 5).

Wie schon Kluckhohn unterscheidet Rokeach drei Bestandteile von Werten: eine kognitive, affektive und eine konative Komponente. Des Weiteren charakterisiert er zwei Arten von Werten, die handlungsleitenden Charakter haben: instrumentelle und terminale Werte, die voneinander nicht unabhängig sind (vgl. Rokeach 1973, S. 7). Terminale Werte sind z. B. Freiheit, Glück, Liebe oder soziale Anerkennung. Als instrumentelle Werte werden moralische Tugenden, z. B. strebsam, mutig, ehrenhaft, liebevoll, höflich oder gehorsam genannt. Fraglich ist dabei die inhaltliche Trennbarkeit einiger Items, denn z. B. überschneiden sich die Items Liebe (mature love) und liebevoll (loving) (vgl. Hermann 2003, S. 55).

In Anlehnung an das Bedürfnismodell von Maslow[17] sind die Werte hierarchisch angeordnet (vgl. Maag 1991, S. 26; Rokeach 1973, S. 16f.). Die terminal values sind die zielgerichteten Basiswerte, auf denen die instrumental values aufbauen. Die Basiswerte geben die angestrebten Ziele vor, die instrumentellen Werte charakterisieren die Vorstellungen über Mittel und Handlungen, mit denen die von den Grundwerten geforderten Ziele erreicht werden sollen (vgl. Hermann 2003, S. 53). Rokeachs Wertebegriff lässt sich folgendermaßen kurz zusammenfassen: Werte sind

„Konzepte und Ansichten über wünschenswerte Zielzustände und Verhaltensweisen, die spezifische Situationen transzendieren, die Selektion und Bewertung von Verhaltensweisen steuern und nach relativer Wichtigkeit geordnet sind“ (Hermann 2003, S. 53).

Gemessen hat Rokeach die Wertvorstellungen von Menschen mit Hilfe eines Rangordnungsverfahrens (Ranking-Verfahren), das terminale und instrumentelle Werte erfasst. Die Befragten sollen dabei die vorgegebenen alphabetisch geordneten Werte, in eine hierarchische Reihenfolge bringen, entsprechend ihrer subjektiven Bedeutung. Der Nachteil dieses Verfahrens liegt darin, dass die Items nicht unabhängig voneinander bewertet werden können und somit die Annahme impliziert ist, dass alle vorgelegten Items zu einer Wertedimension gehören (vgl. Hermann 2003, S. 59).

Mittels einer Faktorenanalyse, bei der nicht zwischen terminalen und instrumentellen Werten unterschieden wird, erhält Rokeach sieben Wertedimensionen, die durch Extrempole charakterisiert sind: unmittelbare versus verzögerte Bedürfnisbefriedigung, Kompetenz versus religiöse Moralität, Selbst-Konstriktion versus Selbstexpansion, soziale versus personale Orientierung, gesellschaftliche versus familiäre Sicherheit, Respekt versus Liebe und Innen - versus Außenorientierung (vgl. Hermann 2003, S. 60).

Kritisiert werden an Rokeachs Werteskala die geringe Gesamtvarianz von 40%, die die sieben genannten Faktoren erklären, die relativ geringen Faktorladungen, die einige Items aufweisen, und die inhaltlichen Inkonsistenzen. Diese Einwände zeigen die geringe Validität der Werteskala und sprechen für eine Verbesserung dieser (vgl. Hermann 2003, S. 60).

2.2.3 Inglehart

Inglehart versteht Werte als abstrakte und erstrebenswerte gesellschaftliche Zielvorstellungen eines Menschen (vgl. Hermann 2003, S. 54). Er greift auf das theoretische Modell der Bedürfnishierarchie von Maslow zurück. Inglehart vertritt die Annahme, dass Bedürfnisse in Wertorientierungen umgewandelt werden, wobei er den Übergang des Bedürfnisbegriffs zur Wertekategorie nicht näher erklärt (vgl. Klages 1992, S. 14). Die physiologischen Bedürfnisse und die nach Sicherheit fasst Inglehart zu der Gruppe der materialistischen Werte zusammen. Die höheren Bedürfnisse wie die nach sozialer Zugehörigkeit, gesellschaftlicher Anerkennung oder nach Selbstverwirklichung werden auch als postmaterialistische Werte zusammengefasst. Dieser Wertebegriff wird eindimensional als Wertekontinuum mit einem materialistischen und einem postmaterialistischen Pol verstanden. Die postmaterialistischen Werte werden erst dann relevant, wenn die materialistischen an Bedeutung verlieren, also dann, wenn die Grundbedürfnisse befriedigt sind, das „Niveau der von den Menschen erlebten ökonomischen und physischen Sicherheit das Wohlstandsniveau erreicht und überschreitet“ (Klages 1992, S. 14).[18]

Inglehart stützt seine Theorie auf zwei Hypothesen:

Zum Einen auf die vom Maslowschen Bedürfnismodell abgeleitete Mangelhypothese: Es wird davon ausgegangen, dass individuelle Prioritäten die sozioökonomische Umwelt des Einzelnen reflektieren und der größte Wert auf knappe Güter gelegt wird.[19] Mit dem wirtschaftlichen Aufschwung nach dem Zweiten Weltkrieg wurden die Wertprioritäten von den knappen, v. a. materiellen Werten hin zu postmateriellen verschoben. Dies führt automatisch zu der Vermutung, dass die Nachkriegsgeneration, die in relativ stabilen wirtschaftlichen Verhältnissen aufgewachsen ist, eine eher postmaterialistische Wertorientierung vertritt, während ältere Menschen dagegen, die in Zeiten wirtschaftlicher Not und politischer Instabilität aufgewachsen sind, eher zu materialistischen Werten neigen. Die in der Phase der Sozialisation herrschenden Lebensbedingungen wirken sich demnach auf die in der Erwachsenenphase relativ stabil bleibende Wertorientierung eines Individuums aus. Dieser als Sozialisationshypothese [20] bezeichneten Annahme schreibt Inglehart Langzeiteffekte zu, womit er hervorhebt, dass der von ihm vertretene Wertewandel nicht bloß eine temporäre Erscheinung ist, sondern dass es sich dabei um die dauerhafte Veränderung stabiler Werte handelt (vgl. Inglehart 1985, Kadishi-Fässler 1993, Maag 1991).

[...]


[1] Humankapital ist die „volkswirtschaftliche Bezeichnung für die Betrachtung der Menschen einer Gesellschaft als Träger von (ökonomisch nutzbarer) Bildung, Ausbildung und Leistungsmotivation sowie als potentiell bildungsfähigen Faktor“ (Hillmann 1994: Human Capital). Im Gegensatz zum sozialen Kapital ist diese Kapitalform ein ausschließlich individuelles Gut.

[2] Es werden in der nachfolgenden Analyse vier verschiedene abhängige Variablen einer genauen Untersuchung unterzogen: politische Partizipation, die aus Wahlbeteiligung und Mitarbeit in einer Partei zusammengesetzt wird, außerdem Diskriminierung und Kriminalitätsfurcht.

[3] Die nachfolgende empirische Analyse verwendet das Putnamsche Konzept zur Operationalisierung des sozialen Kapitals.

[4] Dies kritisiert z. B. Field, da nach Bourdieu unprivilegierte Individuen oder Gruppen keinen Nutzen von ihren gesellschaftlichen Bindungen haben (vgl. Field 2003, S. 20).

[5] Der Rational-Choice-Ansatz, auch Theorie der rationalen Wahl, ist eine Richtung des Methodologischen Individualismus. Aus dieser Perspektive wird Handeln als Folge der Fähigkeit von (individuellen und kollektiven) Akteuren zu rationalen Entscheidungen und Handlungen betrachtet: der Akteur entscheidet sich zwischen verschiedenen Handlungsalternativen für die Handlung, mit der er seine Ziele erreichen kann, diese ihm also höchsten Nutzen und Gewinn einbringt. Entscheidend für die Handlungswahl sind die subjektive Einschätzung des persönlichen Nutzens, der sich als Konsequenz der Handlung ergibt, sowie die Abwägung der Wahrscheinlichkeit, mit der das gewünschte Resultat eintreten wird. Die Handlungen, die nur geringen Nutzen versprechen, mit hohen Kosten verbunden sind oder aufgrund der subjektiven Erwartung nur mit geringer Wahrscheinlichkeit eintreten werden, kommen für den Akteur nicht in Frage (vgl. Hillmann 1994: Nutzentheorie, Rational-Choice-Ansatz; vgl. Kunz 2004a).

[6] In der vorliegenden Arbeit wird die übersetzte deutsche Ausgabe „Grundlagen der Sozialtheorie“ verwendet.

[7] Voss bezeichnet Colemans Werk als „Standardwerk zur soziologischen Theorie aus Rational-Choice-Perspektive“ (Voss 1993, S. 368).

[8] Ausgangspunkt in Colemans theoretischen Überlegungen ist das Individuum, das frei und selbständig handelt (vgl. Coleman 1986, S. 17). Die Handlungen werden nicht von Sozialisations- und sonstigen sozialen Zwängen, sondern der freien, rationalen und zielgerichteten Wahl des Einzelnen selbst bestimmt: „Thus it will not begin with socialized man, but with rational man, wholly concerned with pursuit of his own interests“ (Coleman 1986, S. 17; vgl. auch Etzrodt 2003, S. 13).

[9] Das Problem des Übergangs zwischen Mikro- und Makroebene macht Coleman an Webers „Protestantische Ethik und der Geist des Kapitalismus“ deutlich (vgl. Coleman 1991, S. 7f.). Weber betrachtet die gesellschaftliche Ebene und nimmt an, dass die religiöse Ethik Werte beinhalte, die zum Wachstum einer kapitalistischen Wirtschaftsorganisation beitrage. Aufgrund der Verbreitung der kalvinistischen Doktrin sei laut seiner These das Wertesystem entstanden, das die Entwicklung des Kapitalismus erlaubt habe. Nach Coleman reicht eine lineare Erklärung auf der Systemebene nicht aus, er führt Webers Überlegungen weiter, indem er auch die individuelle Ebene einbezieht: Die Doktrin der protestantischen Religion ruft in den Individuen, die ihr anhängen, bestimmte Werte hervor, welche die individuellen Einstellungen beeinflussen, was wiederum auf das ökonomische Handeln wirkt. Schließlich begünstigt dieses Verhalten, bestimmt von den individuellen Überzeugungen, die ihrerseits auf gesellschaftlichen Werten beruhen, eine kapitalistische Wirtschaftsorganisation. Die Handlungen der Mikroebene nehmen also wieder Einfluss auf die gesellschaftliche Ebene. Dieses Modell der Colemanschen Badewanne (vgl. Etzrodt, S. 12) kann für jegliches soziale Handeln generalisiert werden (vgl. auch Esser 1999). Das Handeln auf der Mikroebene richtet sich nach den von der Situation vorgegebenen Randbedingungen und den Gesetzen der rationalen Wahl, die die Entscheidung für eine bestimmte Handlung maßgeblich beeinflussen. Schließlich erfolgt durch die Aggregation der individuellen Handlungen ein Wechsel von der Mikro- zur Makroebene.

[10] Coleman unterscheidet drei Typen von Vertrauenssystemen: Systeme gegenseitigen Vertrauens, Vertrauensintermediäre und Drittparteien-Vertrauen. Gegenseitiges Vertrauen schafft wechselseitige Verpflichtungen der Akteure, das in sie gesetzte Vertrauen nicht zu enttäuschen. Nach Coleman hat dieses System eine „positive Rückkoppelung“ (Coleman 1991, S. 229), was die Akteure sowohl mehr vertrauen als auch vertrauenswürdiger sein lässt. Vertrauensintermediäre können als Vertrauensvermittler beschrieben werden, wobei Coleman zwischen Berater, Bürger und Unternehmer differenziert (vgl. Coleman 1991, S. 232). Das glaubwürdige Urteil eines solchen Intermediärs über die Vertrauenswürdigkeit eines anderen Akteurs erleichtert das Vertrauen. Schließlich unterscheidet Coleman noch das Vertrauen in eine Drittpartei. Diese ist nicht direkt, sondern nur passiv an der Handlung beteiligt. Sie ist für den einen Akteur vertrauenswürdig und garantiert somit für die Vertrauenswürdigkeit des zweiten, obwohl sie nicht unmittelbar in das Geschehen involviert ist.

[11] Coleman führt hier das Beispiel Polens an: Dort „folgte der außerordentlich rasante Zuwachs an Mitgliedern der Solidarität und der Anstieg von Vertrauen in Lech Walesa auf eine lange Periode des Vertrauensentzuges von der kommunistischen Partei und der Regierung“ (Coleman 1991, S. 252).

[12] Coleman konkretisiert den Informationsbegriff nicht näher.

[13] Auch Normen sind grundlegend für Handlungssysteme. Sie steuern Handeln und werden mit Hilfe von Sanktionen durchgesetzt. Nach Colemans Definition existiert „in Bezug auf eine spezifische Handlung eine Norm […], wenn das sozial definierte Recht auf Kontrolle der Handlung nicht vom Akteur, sondern von anderen behauptet wird“ (Coleman 1991, S. 313). Normen sind nicht als gegeben anzunehmen, sondern sie entstehen, weil es in der Gesellschaft ein Bedürfnis nach ihnen gibt (vgl. Coleman 2001, S. 311). Soziale Normen legen fest, welche Handlungen gesellschaftlich anerkannt und erwünscht sind und welche nicht, es muss also ein gesellschaftlicher Konsens bestehen.

[14] Neben der freiwilligen Herrschaftsübertragung gibt es auch die unfreiwillige Herrschaft, z. B. indem anstelle des Einzelnen der Staat die Kontrollrechte behauptet. Näher betrachtet Coleman jedoch die Übertragung von Rechten, die freiwillig erfolgt. Es muss dabei zwischen zwei Arten von Herrschaftsbeziehungen unterschieden werden. Im ersten Fall überträgt ein Akteur Kontrollrechte auf einen zweiten, weil er der Überzeugung ist, dass ihm dies Nutzen einbringt und seinen eigenen Interessen dient. Diese Herrschaftsbeziehung, in denen die Ziele der Akteure übereinstimmen, bezeichnet Coleman als „konjunkt“ (Coleman 1991, S. 92). Im zweiten Fall fehlt diese gemeinsame Überzeugung, die Akteure verfolgen verschiedene Interessen. Die Untergebenen, die ihre Kontrollrechte übertragen, erwarten einen Ausgleich dafür. Diese Herrschaftsbeziehungen bezeichnet Coleman als „disjunkt“ (Coleman 1991, S. 92f.): „Weil man davon ausgeht, daß sich die Akteure rational verhalten, entstehen konjunkte Herrschaftsbeziehungen normalerweise aus einer einseitigen Übertragung von Kontrollrechten, wogegen disjunkte Herrschaftsbeziehungen nur entstehen, wenn eine Entschädigung gezahlt wird“ (Coleman 1991, S. 93).

[15] Für die nachfolgende Analyse sind diese aber nicht direkt von Relevanz, da für diese das Konzept von Schwartz herangezogen wird.

[16] Rockeachs Wertebegriff wird an dieser Stelle erläutert, da er dem Wertekonzept von Schwartz zugrunde liegt.

[17] Der Psychologe Abraham H. Maslow entwickelte in seinem Werk „Motivation and Personality“ (1954) ein hierarchisches Ordnungsschema für die Unterscheidung der verschiedenen menschlichen Bedürfnisarten, die so genannte Maslowsche Bedürfnispyramide, die als universell gilt. Erst wenn die notwendigen Grundbedürfnisse des Menschen befriedigt sind, erlangt die nächste Bedürfnisstufe Bedeutung. Die einzelnen, auf einander aufbauenden Bedürfnisstufen, die zusammen die Form einer Pyramide bilden, lauten: 1) physiologische Grundbedürfnisse (bilden die unterste Stufe, also die Basis der Pyramide); 2) Sicherheitsbedürfnisse; 3) Bedürfnisse nach sozialen Beziehungen und Zugehörigkeit; 4) Bedürfnis nach sozialer Anerkennung; 5) Bedürfnis nach Selbstwert; 6) Bedürfnis nach Selbstverwirklichung (die oberste Stufe der Pyramide) (vgl. Hillmann 1994, Bedürfnishierarchie).

[18] Laut Ingleharts These der Stillen Revolution, die er zu Beginn der 1970er Jahre zum ersten Mal formulierte, fand seit den 1960er Jahren ein eindimensionaler, horizontaler Wertewandel von materialistischen hin zu postmaterialistischen Werten statt (Inglehart 1971). Verantwortlich für diesen intergenerationalen Wertewandel ist zum einen der Wohlstand in den westlichen Staaten nach dem Zweiten Weltkrieg und zum anderen die Tatsache, dass in diesen kein Krieg mehr stattgefunden hat.

[19] Wörtlich lautet die Mangelhypothese: „An individual’s priorities reflect his or her socioeconomic environment; one places the greatest subjective value on those things that are in relatively short supply” (Inglehart 1985, S. 496).

[20] Wörtlich lautet die Sozialisationshypothese: „To a large extent, one’s basic values reflect the conditions that prevailed during one’s preadult years“ (Inglehart 1985, S. 496).

Ende der Leseprobe aus 98 Seiten

Details

Titel
Sozialkapital und Wertorientierungen: Zum Einfluss von Sozialkapital und Werten auf Verhalten und Einstellungen in Europa
Hochschule
Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg  (Institut für Soziologie)
Note
1,3
Autor
Jahr
2005
Seiten
98
Katalognummer
V52383
ISBN (eBook)
9783638481151
Dateigröße
1260 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Diese vorliegende empirische Arbeit untersucht die Struktur von Sozialkapital und Wertorientierungen in den europäischen Ländern sowie die Erklärungskraft beider Konzepte bezüglich ihres Einflusses auf Verhalten und Einstellungen (hier:politische Partizipation, Diskriminierung und Kriminalitätsfurcht). Außerdem geht es um die Frage, welchen Einfluss Wertorientierungen auf das soziale Kapital haben. Datengrundlage ist die erste Welle des European Social Survey (ESS)
Schlagworte
Sozialkapital, Wertorientierungen, Einfluss, Werten, Verhalten, Einstellungen, Europa
Arbeit zitieren
Magistra Artium Melanie Kindermann (Autor), 2005, Sozialkapital und Wertorientierungen: Zum Einfluss von Sozialkapital und Werten auf Verhalten und Einstellungen in Europa, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/52383

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Sozialkapital und Wertorientierungen: Zum Einfluss von Sozialkapital und Werten auf Verhalten und Einstellungen in Europa


Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden