Abstract
In der Postmodernen Ethnologie, beginnend in den 1970ern, kam eine gewisse Skepsis gegenüber den bis dato als selbstverständlich geltenden Methoden und den zugrunde liegenden Konzepten auf: Es wurde unter anderem in Frage gestellt, mit welchem Recht der Ethnologe sein „Studienobjekt“ erforschen und seine Ergebnisse - als wahr postuliert - in einer Repräsentation fixieren darf.
Zwar gewann die ethnologische Disziplin durch die Beschäftigung mit diesen problematischen Fragestellungen neue Einsichten, die das Fach nachhaltig und vermutlich unwiderruflich prägten.
Doch muss man sich bewusst sein, dass die meisten postmodernen Ansätze noch immer Diskussionen in den Reihen der Experten auslösen.
Somit wird klar, dass es im Allgemeinen nicht darum gehen kann, eine bestimmte Theorie durch Abwägen von Argumenten als einzig Wahre zu postulieren. Es geht lediglich darum, darzustellen, welche Kontroversen es um bestimmte „Selbstverständlichkeiten“ wie Methoden der Feldforschung - oder gar Feldforschung per se -, wissenschaftliche Repräsentation des Erforschten, und verschiedene Konzepte oder Begrifflichkeiten gibt, und einen eigenen Standpunkt zu entwickeln.
Ich möchte in meiner Abhandlung insbesondere auf das Kulturkonzept eingehen und anhand der in der wissenschaftlichen Literatur geäußerten Kritik, sowie einigen Ansätzen von Befürwortern des Konzepts herausarbeiten, welche Möglichkeiten existieren, mit diesem wissenschaftlichen Konstrukt umzugehen. Oder ist es gar besser, es vollständig aufzugeben? Selbst wenn das der vernünftigere Weg wäre, ist es praktisch überhaupt möglich, das Konzept „Kultur“ abzuschaffen?
Bevor man sich diesen Fragestellungen nähert, gilt es zunächst, die Hauptkritikpunkte zu präsentieren, die gegenüber bestimmten Anwendungen des Begriffs „Kultur“, oder auch dem Konzept an sich geäußert wurden.
Inhaltsverzeichnis
A Einleitung
B Hauptteil
1. Die Kontroverse
1.1. Die Kritik am Kulturkonzept
1.1.1. Verschiedenste Definitionen
1.1.2. Personifizierung
1.1.3. Zeitlosigkeit und Unveränderlichkeit
1.1.4. Homogenität und innere Geschlossenheit
1.1.5. Othering
1.2. Argumente für die Beibehaltung
2. Die Lösung
2.1. Die Abschaffung des Kulturkonzeptes
2.2. Die Modifikation des Kulturkonzeptes
3. Die Durchführbarkeit der Abschaffung
C Schluss
Zielsetzung & Themen
Die Arbeit untersucht die wissenschaftliche Kontroverse innerhalb der Ethnologie um den Begriff "Kultur" und analysiert, ob dieses Konzept aufgrund seiner theoretischen Problematik aufgegeben oder modifiziert werden sollte.
- Kritik am traditionellen Kulturkonzept (Homogenität, Essentialismus, Zeitlosigkeit)
- Die Problematik des "Othering" und der Repräsentation
- Argumente für eine Modifikation statt einer vollständigen Abschaffung
- Strategien für ein verantwortungsbewusstes wissenschaftliches Arbeiten
- Die Herausforderung der praktischen Umsetzbarkeit einer Begriffsaufgabe
Auszug aus dem Buch
1.1.2. Personifizierung
Robert Borofsky weist in „Assessing Cultural Anthropology“ (1994:245) auf die Gefahr hin, die seiner Meinung nach dem Begriff „Kultur“ innewohnt: Er wird in einer Art und Weise verwendet, die „Kultur“ als Wesen, als lebendiges Ding erscheinen lässt. Auch Keesing (1994:301) kritisiert, dass durch den „all-inclusive“ Gebrauch des Begriffs, also Ausdrücken wie „die balinesische Kultur“, diese automatisch als ein konkretes Ding verstanden wird.
„I will suggest that our conception of culture almost irresistibly leads us into reification and essentialism. (…) Of course, we profess that we don’t really mean that ‘Balinese culture’ does or believes anything, or that it lives on the island of Bali (…); but I fear that our common ways of talk channel our thought in these directions”
Zwar lenkt Keesing ein, dass unter Ethnologen bereits ein stärkeres Bewusstsein dieser Problematik vorhanden ist (1994:303). Dennoch befürchtet er, diese Verwendung, die längst in den populären Sprachgebrauch übergegangen ist, könnte bei den Menschen des erforschten Volkes oder der erforschten Gemeinschaft eine Haltung gegen den Wissenschaftler auslösen. Dieser würde dann als Dieb angesehen werden, der ihre Kultur „auf dem akademischen Markt“ verkauft (307), und würde somit unerwünscht sein.
Zusammenfassung der Kapitel
A Einleitung: Die Einleitung beleuchtet die postmoderne Skepsis gegenüber etablierten ethnologischen Methoden und führt in die zentrale Fragestellung ein, ob das Kulturkonzept noch zeitgemäß ist.
B Hauptteil: Der Hauptteil gliedert sich in die Darstellung der Kritik am Kulturkonzept, Gegenargumente für dessen Beibehaltung sowie verschiedene Lösungsansätze und deren praktische Durchführbarkeit.
C Schluss: Das Fazit fasst zusammen, dass Kultur als umstrittenes, zeitgebundenes und dynamisches Konstrukt begriffen werden sollte, anstatt es unkritisch als starres Objekt zu behandeln.
Schlüsselwörter
Kulturkonzept, Ethnologie, Postmoderne, Feldforschung, Repräsentation, Othering, Essentialismus, Reifizierung, Homogenität, kultureller Pluralismus, Theoriebildung, wissenschaftliche Kritik, Anthropologie.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser ethnologischen Arbeit?
Die Arbeit setzt sich mit der wissenschaftlichen Debatte innerhalb der Ethnologie auseinander, ob das Konzept "Kultur" aufgrund seiner problematischen Implikationen wie Essentialisierung und Vereinfachung noch als Forschungsgrundlage dienen kann.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Themen sind die Kritik an einer als "dinghaft" wahrgenommenen Kultur, die Problematik der Zeitlosigkeit und Homogenität in ethnografischen Beschreibungen sowie das Spannungsfeld zwischen wissenschaftlicher Abstraktion und der tatsächlichen menschlichen Vielfalt.
Was ist die primäre Forschungsfrage?
Die Arbeit fragt nach den Möglichkeiten, mit dem wissenschaftlichen Konstrukt "Kultur" umzugehen, und hinterfragt, ob eine vollständige Abschaffung des Begriffs oder dessen Modifikation der vernünftigere Weg für die moderne Ethnologie ist.
Welche wissenschaftliche Methode wird in dieser Arbeit verwendet?
Die Autorin stützt sich auf eine Literaturanalyse wissenschaftlicher Positionen führender Ethnologen, um die verschiedenen Argumentationslinien in der Kontroverse abzuwägen und einen eigenen Standpunkt zu entwickeln.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert spezifische Kritikpunkte wie Personifizierung und Othering, stellt Argumente von Befürwortern für eine Modifikation des Begriffs vor und erörtert die praktische Machbarkeit einer kompletten Begriffsaufgabe.
Welche Schlüsselwörter beschreiben diese Arbeit am besten?
Wichtige Schlüsselbegriffe sind neben dem Kulturkonzept selbst vor allem Ethnologie, Repräsentation, Othering, Essentialismus, kultureller Pluralismus und die wissenschaftliche Selbstreflexion des Faches.
Wie unterscheidet sich die Auffassung von "Kultur" bei den Kritikern von der bei den Befürwortern?
Kritiker wie Abu-Lughod sehen in "Kultur" ein Instrument der Hierarchisierung und der unzulässigen Vereinfachung, während Befürworter wie Brumann betonen, dass Unterschiede zwischen Ethnien reale Fakten sind, die einer begrifflichen Beschreibung bedürfen.
Welche Rolle spielt der Begriff "Othering" in dieser Debatte?
Othering wird als Prozess verstanden, durch den eine künstliche Grenze zwischen dem Westen und dem Nicht-Westen gezogen wird, was die ethnologische Praxis der Erschaffung eines "Anderen" kritisch hinterfragt.
- Quote paper
- Silke Stadler (Author), 2005, Was ist Kultur?, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/52391