Die Theorie vom Verbrechen als Pflichtverletzung ist im Vergleich zum Rechtsgutsverletzungsdogma weitestgehend nur in der Zeit des Nationalsozialismus in Deutschland vertreten worden. Schon aufgrund der zeitlichen Einordnung ist auf die große Kritikwürdigkeit dieser Theorie zu schließen. In dieser Arbeit werden Inhalte, Rückschlüsse und Konsequenzen der Theorie sowie ihre Befürworter und Gegner und deren Argumente näher beleuchtet.
Gliederung
A. Einleitung
B. Das Rechtsgutsverletzungsdogma und seine Kritik
I. Zeichen der Zeit
II. Die Kieler Schule
III. Carl Schmitts Lehre vom konkreten Ordnungsdenken
IV. Rechtsgutsverletzung und Pflichtverletzung
1) Der Beginn des Streites
2) Antiliberale Kritik an der Rechtsgutslehre
3) Das Verbrechen als Pflichtverletzung
a) Theoretische Argumente
b) Dogmatische Argumente
4) Kritik an der Theorie vom Verbrechen als Pflichtverletzung
5) Die Beilegung des Streites
V. Nach 1945
C. Fazit
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die Arbeit analysiert die im Nationalsozialismus aufgetretene Theorie vom Verbrechen als Pflichtverletzung, setzt sie in den Kontext der damaligen Rechtswissenschaft und untersucht ihre Funktion als Legitimation für eine autoritäre Strafrechtspolitik im Gegensatz zum liberalen Rechtsgutsverletzungsdogma.
- Kritik an der liberalen Rechtsgutslehre im NS-Strafrecht
- Die Rolle der "Kieler Schule" und Carl Schmitts Ordnungsdenken
- Ethisierung des Strafrechts als Abkehr vom rationalen Gesetzesverständnis
- Struktur und Konsequenzen der Pflichtverletzungstheorie
- Historische Einordnung der strafrechtlichen Entwicklung nach 1945
Auszug aus dem Buch
III. Carl Schmitts Lehre vom konkreten Ordnungsdenken
Die Repräsentanten der Kieler Schule orientierten sich bei den Entwicklungen ihrer Theorien gerne an Carl Schmitts Lehre vom konkreten Ordnungsdenken. Schmitt prägte mit seinen Theorien die nationalsozialistische Lehre in der Rechtswissenschaft und ist einer der bekanntesten NS-Juristen überhaupt.
Die Lehre vom konkreten Ordnungsdenken verkündete den Vorrang der konkreten Lebensordnung vor der abstrakt-allgemeinen Rechtsnorm, der Gesetzesordnung im Sinne eines formalistischen Normativismus. Für das konkrete Ordnungsdenken ist „Ordnung“, auch juristisch, nicht in erster Linie Regel oder Summe von Regeln, sondern ungekehrt, die Regel ist nur ein Bestandteil und ein Mittel der Ordnung. Die Norm oder Regel schafft nicht die Ordnung; sie hat vielmehr nur auf dem Boden und im Rahmen einer vorgegebenen Ordnung eine gewisse regulierende Funktion mit einem relativ kleinen Maß in sich selbstständigen, von der Sache her unabhängigen Geltens.
Zusammenfassung der Kapitel
A. Einleitung: Einführung in die Thematik der Theorie vom Verbrechen als Pflichtverletzung, deren zeitliche Verortung im Nationalsozialismus und die darzulegende Kritik.
B. Das Rechtsgutsverletzungsdogma und seine Kritik: Untersuchung der historischen Entwicklung der Rechtsgutslehre, ihrer Instrumentalisierung durch die "Kieler Schule" und der ideologischen Abkehr hin zum Ordnungs- und Pflichtdenken.
C. Fazit: Zusammenfassende Einschätzung, dass die Pflichtverletzungstheorie als ideologisches Instrument der Willkür diente und historisch sowie rechtsstaatlich abzulehnen ist.
Schlüsselwörter
Pflichtverletzung, Rechtsgutsverletzung, Nationalsozialismus, Kieler Schule, Carl Schmitt, Strafrecht, Rechtsgutslehre, Völkische Sittenordnung, Volksgemeinschaft, Rechtsphilosophie, Ethisierung des Strafrechts, Willensstrafrecht, Autoritäres Strafrecht, Rechtsdogmatik.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit behandelt die rechtswissenschaftliche Debatte im Nationalsozialismus über das Wesen des Verbrechens, speziell den Konflikt zwischen der liberalen Rechtsgutslehre und der nationalsozialistischen Pflichtverletzungstheorie.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Im Zentrum stehen die Kritik am liberalen Rechtsstaatsverständnis, die Rolle der Kieler Schule, Carl Schmitts Lehre vom konkreten Ordnungsdenken und die politische Ethisierung des Strafrechts.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist es, die Inhalte, Begründungen und Folgen der Pflichtverletzungstheorie offenzulegen und aufzuzeigen, wie sie zur Legitimation nationalsozialistischer Willkürherrschaft beitrug.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es handelt sich um eine rechtswissenschaftliche und rechtshistorische Analyse, die primär auf der Auswertung zeitgenössischer juristischer Literatur und der Dokumentation des damaligen Meinungsstreits basiert.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die Kritik der Kieler Schule an der Rechtsgutslehre, die theoretischen und dogmatischen Argumente der Pflichtverletzungslehre sowie deren wissenschaftliche Rezeption und schließliche Beilegung.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Neben Begriffen wie Pflichtverletzung und Rechtsgutslehre prägen Termini wie Kieler Schule, völkische Sittenordnung und autoritäres Strafrecht die Arbeit.
Warum lehnte die Kieler Schule den Rechtsgutsbegriff ab?
Sie hielten den Begriff für ein "liberales" Überbleibsel, das zu mechanistisch sei und die ideologische Verbindung des Einzelnen zur völkischen Gesamtheit sowie die sittliche Bewertung der Gesinnung nicht erfasse.
Wie wurde das Verbrechen im Rahmen der Pflichtverletzungstheorie neu definiert?
Das Verbrechen wurde nicht mehr als bloße Schädigung eines Rechtsgutes verstanden, sondern als Treuebruch oder Verrat gegenüber der "Volksgemeinschaft" und deren sittlichen Geboten.
Welche Funktion hatte das "konkrete Ordnungsdenken" nach Schmitt?
Es diente als theoretische Basis, um Gesetze gegenüber völkischen Lebensordnungen zurücktreten zu lassen und dem Richter Spielraum für eine am Regime orientierte Auslegung zu geben.
- Citation du texte
- ref. dipl. jur. Stefanie Colin (Auteur), 2006, Verbrechen als Pflichtverletzung - Die Theorie vom Verbrechen als Pflichtverletzung , Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/52560