Musealisierung als Kompensation einer fortgeschrittenen Dynamisierung des Lebens. Eine kritische Auseinandersetzung mit Hermann Lübbes Kompensationstheorie


Hausarbeit, 2005

16 Seiten, Note: 2,5


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

0. Einleitung

1. Zielsetzung und Abgrenzung des Themas

2. Die historische Entwicklung des Kompensationsbegriffes aus der Theodizee heraus bis hin zu Joachim Ritter und seinen Schülern

3. Ein kurzer Überblick zur Entwicklung der Musealisierung

4. Die Kompensationstheorie Hermann Lübbes
4.1. Die fortschreitende Dynamisierung des Lebens und ihre neuen Anforderungen an die menschliche Existenz
4.2. Musealisierung als Kompensation des Fortschritts und der Dynamisierung

5. Kritik am Kompensationsmodell

6. Fazit und Ausblick

7. Literaturverzeichnis

0. Einleitung

„Die Musealisierung unserer kulturellen Umwelt hat ein historisch beispielloses Ausmaß erreicht.“1 ) In seinem Werk versucht Hermann Lübbe Antworten und Gründe für diesen Prozess zu finden. Er greift dazu auf die von Joachim Ritter begründete Kompensationstheorie zurück und prägt diese für sein Werk im Hinblick auf die Auseinandersetzung mit der zunehmenden Dynamisierung des Lebens eigenständig.

1. Zielsetzung und Abgrenzung des Themas

Hauptziel dieser Arbeit soll es sein, die für Hermann Lübbes Kompensationstheorie spezifischen Dinge anhand der Musealisierung zu erarbeiten und darzulegen. Das Augenmerk liegt dabei vor allem auf einer kritischen Auseinandersetzung mit dem Thema.

Als Einleitung und Hinführung dient zunächst ein historischer Überblick zur Entwicklung des Kompensationsbegriffes bis hin zu Joachim Ritter, der diesen für die Neuzeit entscheidend prägte und somit auch für Hermann Lübbe Werk maßgeblich bestimmend ist. Im Folgenden schließt sich eine Darstellung der von Lübbe als fortschreitend gekennzeichneten Musealisierung an.

Der Hauptteil der Arbeit beschäftigt sich mit dem Begriff der Kompensation anhand von Hermann Lübbes Werk. Im Hinblick auf die Musealisierung sieht er die Gründe vornehmlich in einer zunehmenden Dynamisierung, aber auch in einer steigenden Ästhetisierung des Lebens. Die Argumente sollen zunächst anhand von Beispielen dargelegt werden und sodann einer kritischen Betrachtung unterworfen werden.

Abschließend folgt ein Überblick über die kritische Auseinandersetzung durch die Wissenschaft mit dem Kompensationsmodell im Allgemeinen.

2. Die historische Entwicklung des Kompensationsbegriffes aus der Theodizee heraus bis hin zu Joachim Ritter und seinen Schülern

Der Begriff der Kompensation ist keine Erfindung der Neuzeit, sondern er entstand bereits wesentlich früher. Als philosophischer Begriff ging er aus der Theodizee des 18. Jahrhunderts hervor, die besagte, dass Gott das Übel in der Welt nicht nur hat zulassen müssen, sondern im Zuge dessen habe er auch für die Kompensation desselben gesorgt. Somit entstand der Begriff um ca. 1750 parallel zur Entstehung der Ästhetik und Geschichtsphilosophie – mit beiden Disziplinen bleibt er bis heute auf das Engste verbunden.

Im Zuge der beginnenden Industrialisierung ab dem 18. Jahrhundert von England ausgehend gewann der Kompensationsgedanke immer mehr an Bedeutung. Durch den zunehmenden und immer schnelleren Wandel in der Gesellschaft wurden kompensatorische Momente nötig, um der Gesellschaft die Möglichkeit zu geben, sich an diese Dynamisierung anzupassen. Auch der Historismus gewinnt in dieser Zeit immer mehr an Bedeutung.

Joachim Ritter prägte das Kompensationsmodell für die heutige Zeit maßgeblich und entscheidend. Er weist auf die Zweiteilung der Wissenschaften in Naturwissenschaften, die das Verlangen der Menschheit nach logischen und praktischen Erkenntnissen, die vor allem ab der Industrialisierung und dem Zeitalter der Erfindungen in den Vordergrund traten, und in Geisteswissenschaften, die die theoretische und geschichtlich-geistige Grundlage der Naturwissenschaften bilden, hin.

Die Geisteswissenschaften, die lange Zeit auf das einzig Geistige reduziert wurden, erfahren durch Ritter eine neue Rechtfertigung. Im Hinblick auf die Kunst erfährt hier die Ästhetik ihre Aufwertung. Ritter weist ihr die Aufgabe zu, die Rationalität, die in der Gesellschaft vorherrscht, zu kompensieren, indem sie das vergessene Wesen der Dinge in Bezug auf Gebrauch und Nutzung in der Kunst bewahrt. Wie später zu sehen sein wird, liegt hier auch ein Grund für die zunehmende Musealisierung.

Durch die Analyse der Aufgaben der Geisteswissenschaften in der Gesellschaft der Moderne gibt Joachim Ritter die heute gängige Erklärung für die Entstehung des neuzeitlichen historischen Bewusstseins. Die kompensatorische Funktion dieses historischen Sinnes wiederum bildet die Grundlage für den im folgenden Kapitel zu beschreibenden Prozess der Musealisierung.

3. Ein kurzer Überblick zur Entwicklung der Musealisierung

Im Gegensatz zum Begriff der Kompensation ist die Musealisierung ein Phänomen der modernen Gesellschaft. Es beschreibt den Funktionswandel, dem jeglicher Gegenstand unterworfen ist, der einen Platz im Museum hat. Sobald der Gegenstand dorthin gelangt, verliert er seine ursprüngliche Funktion, und gewinnt die eines Anschauungsobjektes. Genau genommen, handelt es sich bei der Musealisierung um einen Konservierungs- und Restaurierungsprozess.

Ein Gegenstand, der ursprünglich eine praktische Funktion innehatte, wie beispielsweise ein steinzeitliches Handwerksgerät, verfügt über genau diese Funktion im Museum nicht mehr. An seinem Vitrinenplatz angelangt, ist das Handwerkszeug nun mehr nicht mehr als ein Anschauungsobjekt, in dem sich die menschlichen Möglichkeiten des steinzeitlichen Menschen manifestieren.

Dass Musealisierung ein Zeitphänomen der modernen Gesellschaften ist, hat Hermann Lübbe in seinem Aufsatz „Der Fortschritt und das Museum“2 ) systematisch beschrieben. Im Hauptteil dieser Arbeit wird der Schwerpunkt auf diesem Text liegen.

Der Musealisierungsprozess hat sich im Laufe der Zeit verändert. Längst ist er nicht mehr allein auf das Museum beschränkt – museal geworden sind mittlerweile ganze Landstriche und Dörfer – zu denken sei an den boomenden Denkmalschutz. Industriebauten, Technikmuseen, Bahnhöfe – Bespiele, die verdeutlichen, wie schnelllebig die Zeit geworden ist. Was heute noch funktionale Bedeutung hat, kann morgen schon musealen Charakter besitzen; und die Beschleunigung des Prozesses ist dramatisch geworden in den letzten 20 – 30 Jahren und es gibt keinen Lebensbereich, der sich diesem Konservierungsdrang verschließen kann.

Durch diese Entwicklung hat sich auch die Funktion des Museums geändert – immer häufiger wird es auch als Massenmedium genutzt. Ausstellungen sind in der modernen Gesellschaft nicht mehr nur einem privilegierten Kreis vorbehalten, im Gegenteil, sie richten sich an die breite Öffentlichkeit; und die Besucherzahlen geben dieser Entwicklung recht, was ganz sicher auch ein Verdienst des veränderten Bildungsbewusstseins bzw. Bildungsanspruches ist, der spätestens seit der PISA Studie grassiert.

Der Musealisierungsprozess spiegelt aber vor allem das veränderte historische Bewusstsein unserer Gesellschaft wieder. Noch vor 200 Jahren gab es keinen Denkmalschutz im heutigen Sinne - Gebäude wurden gebaut und ebenso verschwanden sie wieder und machten Neuem Platz. Ein Prozess, der heute so nicht mehr vorstellbar ist. Der moderne Mensch unterhält ein distanziertes Verhältnis zu seiner Geschichte – der

Geschichtsbegriff im heutigen Verständnis ist auch ein Produkt der Neuzeit – in diesem historischen Bewusstsein manifestiert sich sein Drang zur Bewahrung von allem, was für seine Vergangenheit repräsentativ erscheint.

4. Die Kompensationstheorie Hermann Lübbes

4.1. Die fortschreitende Dynamisierung des Lebens und ihre neuen Anforderungen an die menschliche Existenz

Wie bereits im vorhergehenden Kapitel erläutert, hat sich der Musealisierungsprozess weit über die Grenzen des Museumsgebäudes, auf das er ursprünglich festgelegt war, hinaus entwickelt. Hermann Lübbe beschreibt in dem Aufsatz „Der Fortschritt und das Museum“ die Entwicklung von Freilichtmuseen, sowie den voranschreitenden Denkmalschutz, der sich zunächst auf einzelne Objekte bezog und mittlerweile längst auf ganze Gemeinden und Landstriche ausgedehnt ist. Lübbe zieht daraus die Erkenntnis, dass von den betroffenen Bürgern die Bereitschaft erwartet wird, tagtäglich mit der Vergangenheit zu leben bzw. sich ihr unterzuordnen. Wer einmal in einem historischen Gebäude gewohnt hat, weiß, was das bedeutet: Veränderungen und Umbauten sind so gut wie unmöglich bzw. bedürfen stets der Genehmigung und sind ein sowohl kostspieliges wie auch langwieriges Unterfangen. Leben mit der Vergangenheit heißt jedoch auch ein verlangsamtes Leben, alte Gebäude besitzen ein Eigenleben, sie leben von der Geschichte, was sich wiederum auf seine Bewohner auswirkt, so zeigt die Erfahrung. Am Beispiel des Fischerdorfes zeigt Lübbe in seinem Aufsatz die Konsequenz der Musealisierung: Die ursprüngliche Funktion, ‚das Fischen’ als Notwendigkeit zum Leben, geht verloren.

[...]


1) Lübbe, Hermann: Der Fortschritt und das Museum. In: Ders.: Die Aufdringlichkeit der Geschichte. Herausforderungen der Moderne vom Historismus bis zum Nationalsozialismus. Graz, Wien, Köln 1989, S. 13.

2) Lübbe, Hermann: Der Fortschritt und das Museum. In: Ders.: Die Aufdringlichkeit der Geschichte. Herausforderungen der Moderne vom Historismus bis zum Nationalsozialismus. Graz, Wien, Köln 1989.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Musealisierung als Kompensation einer fortgeschrittenen Dynamisierung des Lebens. Eine kritische Auseinandersetzung mit Hermann Lübbes Kompensationstheorie
Hochschule
FernUniversität Hagen  (Philosophie)
Note
2,5
Autor
Jahr
2005
Seiten
16
Katalognummer
V52602
ISBN (eBook)
9783638482714
ISBN (Buch)
9783640466658
Dateigröße
426 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Musealisierung, Kompensation, Dynamisierung, Lebens, Eine, Auseinandersetzung, Hermann, Lübbes, Kompensationstheorie
Arbeit zitieren
Sandra Greiner (Autor), 2005, Musealisierung als Kompensation einer fortgeschrittenen Dynamisierung des Lebens. Eine kritische Auseinandersetzung mit Hermann Lübbes Kompensationstheorie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/52602

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