Die Argentinienkrise von 2002 - Eine Analyse aus Sicht von Contagion Effekten


Hausarbeit, 2005
16 Seiten, Note: 1,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1 Einleitung
1.1 Problemstellung und Zielsetzung
1.2 Gang der Untersuchung

2 Erklärungsmodelle für die Übertragung von Währungskrisen
2.1 Der Begriff Contagion
2.2 Formen der Übertragung von Währungskrisen
2.3 Ursachen von Contagion-Effekten bei Währungskrisen
2.3.1 Fundamentale Verflechtungen
2.3.2 Herdenverhalten
2.3.3 Institutionelles Contagion

3 Die Argentinienkrise und Contagion-Effekte
3.1 Ursachen, Merkmale und Ablauf der Argentinienkrise
3.2 Contagion-Effekte in Lateinamerika

4 Zusammenfassende Betrachtung

Literaturverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

1 Einleitung

1.1 Problemstellung und Zielsetzung

Zu Beginn des Jahres 2002 gab Argentinien sein Currency Board (CB) mit einer festen Wechselkursbindung an den US-Dollar auf und ging zu einem flexiblen Wechselkurssystem über. Die argentinische Währung verlor fast 75 Prozent an Wert und das Land stürzte in die schwerste Krise, die es in seiner Geschichte erlebt hat.[1] Diese Krise betraf nicht nur die Ökonomie, sie belastete auch die sozialen Verhältnisse, die politische Ebene und die internationalen Beziehungen zu anderen Nationen. Die Instabilität der globalen Finanzmärkte war und ist aus ökonomischer Sicht eines der zentralsten Probleme des letzten Jahrzehnts. Obwohl bereits Ende der siebziger und Anfang der achtziger Jahre Währungs-, Banken- und Finanzkrisen, vorwiegend in Südamerika auftraten, sind die Krisen in den neunziger Jahren ungleich heftiger ausgefallen und in ihrer Erscheinungsform sehr verschieden. Neu an den Krisen der neunziger Jahre ist, dass kaum eine Krise vorhergesehen wurde und dass sich die Turbulenzen nicht auf ein nationales Finanzsystem beschränkten, sondern zumindest regionale oder sogar globale Implikationen hatten.[2] Krisen wie die EWS-Krise mit sechzehn betroffenen Ländern, die Tequila-Krise mit neun, die Asienkrise mit zehn, die Russland-Krise mit dreizehn und schließlich die Argentinienkrise mit acht betroffenen Ländern[3] haben zu der Überzeugung geführt, dass nationale Krisen andere Länder, die „gesund“ sind, anstecken können.[4] In der englischsprachigen Literatur ist dieser Effekt als „Contagion“ bekannt.[5]

Ziel dieser Arbeit ist es, eine theoretische Einführung in das Konzept Contagion zu liefern und mögliche Ursachen und Übertragungsmechanismen von Contagion-Effekten am Beispiel Argentiniens zu analysieren.

1.2 Gang der Untersuchung

Die vorliegende Arbeit gliedert sich in zwei wesentliche Teile. Zunächst werden im zweiten Kapitel der Begriff Contagion erläutert und verschiedene Konzepte von Contagion mit besonderem Schwerpunkt auf den Ansteckungs- und Übertragungsmechanismen vorgestellt. Dies bildet den Grundstein für eine im dritten Kapitel erfolgende Evaluation von Contagion-Effekten in der Argentinienkrise. Dabei stellt sich die zentrale Frage, ob und wenn ja, welche Übertragungskanäle bei der Argentinienkrise für die Ansteckung und Übertragung der Krise in Frage kommen würden.

2 Erklärungsmodelle für die Übertragung von Währungskrisen

2.1 Der Begriff Contagion

Der Begriff Contagion kommt aus dem angelsächsischen und bedeutet soviel wie „Ansteckung“ oder „schädlicher Einfluss“.[6] Das Phänomen Contagion beschreibt im Wesentlichen die Ansteckung, d.h. die Übertragung einer Finanz-, Währungs- und Bankenkrise auf scheinbar unbetroffene, geographisch weit auseinander liegende Länder. Contagion ist ein relativ neues Konzept in der finanzwirtschaftlichen Forschung und fand das Interesse der Forscher erst in der zweiten Hälfte der neunziger Jahre als sich Finanzmarktkrisen plötzlich über zahlreiche Entwicklungsländer ausbreiteten und auch Länder erfasste, die als nicht krisengefährdet galten und scheinbar „gesund“ waren.[7]

Da die finanzwirtschaftliche Forschung zum Thema Contagion erst im letzten Jahrzehnt eingesetzt hat, existiert in der ökonomischen Literatur bislang keine einheitliche Definition, sondern nur verschiedene Erklärungsansätze. Eine sehr breite Definition liefert die Weltbank: „Contagion ist die länderübergreifende Übertragung exogener Schocks, vergleichbar mit einem Spillover-Effekt. Contagion entsteht sowohl in Krisen als auch in Nicht-Krisenzeiten, wobei Contagion nicht zwingend mit einer Krise verbunden sein muss.”[8]

2.2 Formen der Übertragung von Währungskrisen

In der Literatur finden sich drei wesentliche Formen der Übertragung von Finanz-, Währungs- und Bankenkrisen: Monsuneffekte (monsoonal effects), Übertragung (spill overs) und reine Ansteckung (true contagion).[9]

Beim Monsuneffekt löst ein exogener Schock in mehreren Ländern gleichzeitig eine Krise aus. So können beispielsweise allgemeine politische Entscheidungen in Industrieländern unerwartet ähnliche Effekte auf Entwicklungsländer haben. Wie beim Monsunregen ist nicht nur ein einzelnes Gebiet, sondern gleich eine ganze Region betroffen.[10] Neben den internationalen Kapitalströmen bilden vor allem Handelsverflechtungen mit Industrieländern die Grundlage für die Existenz von Monsuneffekten.[11] Das Ausmaß des Schadens eines Monsuneffekts hängt unter anderem von der Verwundbarkeit der betroffenen Länder ab. Entscheidend ist, dass in diesem Fall das gleichzeitige Auftreten von Finanz- und Währungskrisen in mehreren Ländern nicht darauf beruht, dass sich die Krise vom ursprünglichen Krisenland in einer Kettenreaktion auf andere Länder überträgt, sondern dass eine Verschlechterung der wirtschaftlichen Rahmenbedingungen stattfindet, die diese Länder zur gleichen Zeit trifft.[12]

Bei Spillover-Effekten resultiert die Krisenübertragung aus der real- oder finanzwirtschaftlichen Verflechtung einzelner Volkswirtschaften. Eine Krise in einem Land kann Fundamentalfaktoren anderer, meist benachbarter Länder derart verändern, dass dieses Land selbst in eine Krise stürzt. Was die Spillover-Effekte von den Monsun-Effekten unterscheidet, ist, dass die Verschlechterung der Fundamentalfaktoren als Folge der ursprünglichen Krise endogen verursacht wird, während dies bei Monsuneffekten exogene Gründe sind.[13]

True Contagion steht für die Form von Krisenübertragung, bei der es keine Änderung der Fundamentalfaktoren im betroffenen Land gegeben hat, sondern die ursprüngliche Krise durch die Reaktion der internationalen Finanzmärkte übertragen wurde.[14] Die Ausbreitung findet in diesem Fall nicht auf Basis von bestehenden Interdependenzen zwischen den betroffenen Ländern statt. Gewisse Schwächen sind jedoch Voraussetzung für eine Ansteckung.

2.3 Ursachen von Contagion-Effekten bei Währungskrisen

Um die Frage zu beantworten, ob Ansteckungseffekte bei Finanzkrisen existieren und in welcher Form scheinbar nicht betroffene Länder angesteckt werden können, müssen die Ursachen der Übertragung untersucht werden. Einerseits werden vor allem fundamentale real- oder finanzwirtschaftliche sowie politische Verflechtungen für das gleichzeitige Auftreten von Finanzkrisen verantwortlich gemacht, andererseits werden die Ursachen in den internationalen Finanzmärkten und im Verhalten der Finanzmarktteilnehmer, insbesondere den institutionellen Investoren gesucht.

2.3.1 Fundamentale Verflechtungen

Als fundamentale Verflechtungen lassen sich sowohl real- und finanzwirtschaftliche als auch politische Verflechtungen bezeichnen.

Die direkteste Form der Verflechtung ist der bilaterale Handel. Eine Finanzkrise in einem Land, welches bilateralen Handel betreibt, wird alle Handelspartner vor allem durch einen Rückgang an Wettbewerbsfähigkeit und an Nachfrage negativ beeinflussen.[15] Eine zweite Form der Handelsverknüpfung ist durch den Wettbewerb in Drittmärkten gegeben. In diesem Fall können eine Finanzkrise und die damit verbundene Abwertung der Währung andere Länder, die in den gleichen Markt exportieren, tangieren.[16] Empirische Studien demonstrieren des Weiteren die Relevanz der so genannten Gravitätstheorie, in der Variablen wie Entfernung und Ähnlichkeiten von Märkten eine tragende Rolle spielen. Hängen die Ähnlichkeiten auch von der Entfernung ab, kommt es zu einer regionalen Ausprägung von Krisen. Allerdings vernachlässigen diese Studien gewisse Aspekte wie etwa Preiseffekte, Rückkopplungseffekte, die Rolle von Handelsstrukturen oder die nicht immer gegebene Linearität zwischen der Größe der Handelsverflechtung und dem Krisenübertragungseffekt.[17] Aufgrund dieser Einschränkungen von Contagion-Effekten ist eine abschließende Bewertung nicht möglich.

Auch der Finanzsektor, d.h. im Wesentlichen der Bankensektor und die grenzüberschreitenden Kapital- und Finanzmärkte, spielt eine relevante Rolle bei der Übertragung von Finanzkrisen. Vordergründig sind vier verschiedene Übertragungsmechanismen, bei der finanzwirtschaftliche Aspekte eine Rolle spielen, relevant: direkte finanzwirtschaftliche Verbindungen, institutionelle Praktiken und Regeln an den Finanzmärkten, Liquiditätsprobleme ausländischer Investoren sowie Informationsasymmetrien und Herdenverhalten. Auf letztere drei Mechanismen soll in den folgenden beiden Unterpunkten genauer eingegangen werden.

Direkte finanzwirtschaftliche Verbindungen zwischen den Ländern beinhalten länderübergreifende Direktinvestitionen, die sowohl die Renditen der Unternehmen als auch des Finanzsektors beeinflussen. Kreditrelevante Veränderungen in diesen Ländern tangieren jederzeit die Marktbewertung der engagierten Banken und Unternehmen, auch wenn die Krise weit entfernt ist.[18] Ein ganz wichtiger Kanal der Übertragung ist die Rolle von Kreditgebern und Geschäftsbanken. Das Verhalten ausländischer Banken kann sowohl die Krise verstärken, indem Anleihen zurückgezogen oder Kreditlinien reduziert werden, als auch die Krise verbreiten, indem in anderen Ländern die Anleihen zurückgezogen werden. Eine auf die Krise folgende mögliche Neugewichtung der bankinternen Portfolios, eine Rekapitalisierung sowie Rückstellungen können zu einem ausgeprägten Umschwung der Bankkredite in den Ländern, wo die Bank engagiert ist, führen.[19]

Ein Übertragungskanal bzw. eine Ursache von Contagion-Effekten ist auch in den politischen Verflechtungen der jeweiligen Länder zu finden. Dass politische Verflechtungen eine Finanzkrise direkt auslösen und übertragen können, scheint ausgeschlossen zu sein. Trotzdem können politische Entscheidungen von Regierungen im Rahmen der Wirtschaftspolitik sehr wohl bei einer Finanzkrise im Ausland eine Rolle spielen. Entscheidet sich ein Land nämlich, seine Währungsanbindung aufzuheben, reduzieren sich die Kosten der Aufhebung der Währungsanbindung für die anderen Länder, was die Wahrscheinlichkeit für einen Wechsel der Währungsregime erhöht. Dies führt schließlich dazu, dass Währungskrisen meist gehäuft auftreten und dies indirekt als politisches Contagion bezeichnet werden kann.[20]

2.3.2 Herdenverhalten

Eine weitere Ursache von Ansteckungseffekten ist auf Erwartungs- und Verhaltensänderungen der Teilnehmer an den globalisierten Finanzmärkten zurückzuführen und kann nicht durch Veränderungen der makroökonomischen Bedingungen oder der Fundamentalfaktoren erklärt werden. Eine Krise kann in einem anderen Land, vor allem wenn dieses als strukturell und fundamental ähnlich eingeschätzt wird, auf die strukturellen Defizite aufmerksam machen und die Erwartungen verändern.[21]

Herdenverhalten bei Finanzkrisen impliziert, dass die Annahme vollkommen informationseffizienter Märkte aufgegeben wird. Es herrscht eine Informationsasymmetrie, bei der nicht alle Marktteilnehmer über die dieselben bzw. alle Informationen verfügen.[22] Das auf den internationalen Finanz- und Kapitalmärkten gehandelte und angelegte Kapital wird zumeist nicht von den oft schlechter informierten Geldgebern selbst verwaltet, sondern von besser informierten professionellen Händlern. Die Performance dieser Händler wird meist im Vergleich zu anderen beurteilt, wodurch es für den Händler selbst weitaus weniger riskant ist, mit allen anderen das „Falsche“ zu tun als alleine das „Richtige“. Bei Finanzkrisen kommt es deshalb immer wieder zu einer panikartigen Kapitalflucht aus einem Land, weil Investoren aus Unsicherheit, Markt- oder Unternehmenszwang immer genauso handeln werden wie die Mehrheit bzw. die „Herde“.[23]

Ein weiteres Argument für das gehäufte Auftreten von Herdenverhalten liegt in den deutlich höheren Kosten des Aufbaus von Reputation. Verbunden mit den relativ hohen Kosten der Reputation folgen institutionelle Investoren lieber der Herde. Da sich zudem diese institutionellen Investoren vor dem Verlust der Reputation fürchten, verzichten sie darauf, zuerst zu handeln, obwohl vielleicht die Marktentwicklung ihr Portfolio begünstigen könnte.[24]

[...]


[1] Vgl. o.V. (2005): Argentinien-Krise, o.S.

[2] Vgl. Bordo, Michael D. / Murshid, Antu P. (2000), S. 3ff.

[3] Vgl. Kreis-Hoyer, Petra (2005), o.S.

[4] Vgl. Edwards, Sebastian (2000), S. 1.

[5] Vgl. Lutz, Matthias (2001), S. 1.

[6] Vgl. Lutz, Matthias (2001), S. 1.

[7] Vgl. Edwards, Sebastian (2000), S. 1ff.

[8] Weltbank (2000), o.S.

[9] Vgl. Masson, Paul (1998), S. 4.

[10] Vgl. Forbes, Kristin / Rigobon, Roberto (2000a), S. 3.

[11] Vgl. Masson, Paul (1998), S. 18.

[12] Vgl. Lutz, Matthias (2001), S. 3.

[13] Vgl. Lutz, Matthias (2001), S. 5.

[14] Vgl. Masson, Paul (1998), S. 5.

[15] Vgl. van Rijckeghem, Caroline / Weder, Beatrice (1999), S. 4 f.

[16] Vgl. Eichengreen, Barry / Rose, Andrew / Wyplosz, Charles (1996), S. 36 f.

[17] Vgl. Lutz, Matthias (2001), S. 8f.

[18] Vgl. Lall, Subir (2001), S. 271.

[19] Vgl. Kaminsky, Graciela L. / Reinhart, Carmen M. (1998), S. 5f.

[20] Vgl. Drazen, Allen (1998), S. 4ff.

[21] Vgl. Pesenti, Paola / Tille, Cédric (2000), S. 5ff.

[22] Vgl. Resinek, Marc S. (2001), S. 25.

[23] Vgl. Resinek, Marc S. (2001), S. 26.

[24] Vgl. Dornbusch, Rüdiger / Park, Yung C. / Claessens, Stijn (2000), S. 184.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Die Argentinienkrise von 2002 - Eine Analyse aus Sicht von Contagion Effekten
Hochschule
European Business School - Internationale Universität Schloß Reichartshausen Oestrich-Winkel
Note
1,7
Autor
Jahr
2005
Seiten
16
Katalognummer
V52668
ISBN (eBook)
9783638483179
Dateigröße
536 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Diese Arbeit liefert eine theoretische Einführung in das Konzept Contagion und analysiert mögliche Ursachen und Übertragungsmechanismen von Contagion-Effekten am Beispiel Argentiniens.
Schlagworte
Argentinienkrise, Eine, Analyse, Sicht, Contagion, Effekten
Arbeit zitieren
Katja Kanngiesser (Autor), 2005, Die Argentinienkrise von 2002 - Eine Analyse aus Sicht von Contagion Effekten, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/52668

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