Das Fegefeuer im Wandel der Zeit


Seminararbeit, 1999
16 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

Einführung

Christliche Kultur
Paulus Apokalypse
Augustinus
Stagnation
Das Rechtswesen des Fegefeuers
Thomas von Aquin
Dante Alighieri und die Geographie des Purgatoriums
Fazit

Literatur

Das Fegefeuer im Wandel der Zeit

Einführung

Ein wichtiges Kriterium jeder der zahlreichen Weltreligionen ist es, den Gläubigen eine Welt nach dem Tod anzubieten und zu erklären. Das Jenseits spielt eine große Rolle als Horizont der gläubigen Gesellschaften.

Da im Christentum, nach dem Sturz der Engel eigentlich nur die Hölle und der Himmel in den heiligen Schriften thematisiert worden sind, hatte der mittelalterliche Mensch nur die Möglichkeit, entweder ein asketisches Leben zu führen, oder die ewige Verdammnis zu erfahren.

Das Mysterium des Purgatoriums ist stark mit dem Begriff der Hölle und der darin herrschenden Teufel verknüpft. Im laufe der Jahrhunderte des Mittelalters wurde die Situation welche nur zwei Möglichkeiten für die Seele offen ließ gemildert: Der Begriff der Hölle wurde sozusagen durch die Entwicklung des Fegefeuers entschärft. Diese Entwicklung ist nach meiner Meinung interessanter als die

Ich möchte im ersten Teil dieser Arbeit die Entwicklung der Idee des Fegefeuers darstellen, indem ich antike Religionen betrachte und Bezüge zu den „moderneren“ mittelalterlichen Vorstellungen aufzuzeigen versuche. Im zweiten Teil werde ich die Blütezeit des Fegefeuers im Mittelalter betrachten, die Etablierung dieser Idee und ihre Spiegelung in der Dichtung.

Das Purgatorium greift Motive auf, die bereits in früheren Religionen bekannt sind: Finsternis, Feuer, Martern, Prüfung, etc. Der „Mittlere Weg“ – d h. der Ort, an dem die Seelen weder als gut noch als böse klassifiziert werden, begegnet einem schon im Hinduismus, in Form von Reinkarnation. Die guten Seelen werden nach einer Reise ins Licht in Brahmas Welt aufgenommen, die Bösen werden als Würmer und Insekten wiedergeboren, und nur die Durchschnittlichen werden als Menschen reinkarniert. Das Fegefeuer enthält ähnliche Motive: Der Vergleich der Finsternis und des Lichts, die Vorstellung eines mittleren Heilwegs, eine Zeit der Prüfung und der positiven Veränderung des Seelenzustandes zwischen dem Tod und dem Gericht oder Heil sowie die Funktion des Jenseits als Aufenthaltsort der Seelen.

Im Gegensatz zum Hinduismus kannten die alten Ägypter nur zwei Wege im Jenseits: Den einen für die Glückseligen und den zweiten für die verdammten Seelen. Dafür erinnert die Beschaffenheit der ägyptischen Hölle sehr an das Purgatorium. Es ist ein Ort des Feuers und der Finsternis, eine unermeßliche Ebene mit von Hindernissen wie Mauern oder Seen umgebenen Räumen. Ein Ort der Strafe und der Demütigung, wobei das christliche Fegefeuer nicht einmal in seinen schrecklichsten Formen so grausame Strafen kannte, wie die altägyptische Hölle.

Auch in anderen Kulturen kann man Elemente beobachten, die das Bild des Fegefeuers prägen. Zum Beispiel im jüdischen Scheol oder im griechischen Hades sind die Bilder von Berg und einem Fluß stark verankert, welche auch im Fegefeuer eine große Rolle spielen.

Christliche Kultur

Paulus Apokalypse

Die Jenseits- und Gerichtvorstellung ist vor allem in der christlich- jüdischen Kultur durch die Apokalypseschriften fundamentiert. Eine der wichtigsten Schriften ist die Paulus - Apokalypse. Sie gehört zu den frühesten ihrer Art, denn der Urtext wird auf die Mitte des 3. Jahrhunderts n. Chr. datiert und wurde in Ägypten in griechischer Sprache verfaßt. Diese Offenbarung ist vor allem deswegen für die Idee des Fegefeuers interessant, weil in ihr zum ersten Mal die Unterscheidung zwischen der oberen und der unteren Hölle vorgenommen wird, was im Endeffekt dazu führte, daß man später das Fegefeuer geographisch oberhalb der Hölle ansiedelte.

In seiner Vision beschreibt Paulus die obere Hölle als einen Ort an dem er die Seelen derer, die das Erbarmen Gottes erwarten, gesehen hatte. Er erblickt die Foltern, die den Seelen zugefügt werden, wobei die Sünder streng nach ihren Verbrechen klassifiziert sind. So sieht er Flammenbäume an denen Sünder hängen, Öfen in denen sie verbrannt werden, die sieben Strafen, die sie zusätzlich täglich erleiden: Durst, Hunger, Hitze, Kälte, Würmer, Gestank, Rauch. Er sieht einen Fluß, in dem die Verdammten bis zu den Knien, bis zum Nabel oder den Brauen stehen, ein Flammenrad, einen finsteren Ort, wo die Wucherer ihre Zunge zerbeißen, einen eisigen Ort, wo Männer und Frauen, die zu Lebzeiten Witwen und Waisen verfolgt haben, an einer Körperhälfte erfrieren, an der anderen verbrennen. Paulus sieht, wie die Seele eines Gerechten vom Erzengel Michael abgeholt und in den Himmel geführt wird. Daraufhin fangen die Verdammten an, unter Tränen um Gnade zu flehen, die ihnen schließlich vom Sohn Gottes erteilt wird, so daß sie von Samstagabend bis Montagmorgen nicht leiden müssen. Durch den Ruhetag in der Hölle wurde Gerechtigkeit mit Milde und Nachsicht durchgesetzt. Dieser Text war wegen der Trennung in zwei verschiedene Höllen einer der Grundsteine für die Erschaffung des Purgatoriums, denn die gleichen Sinnbilder lassen sich auch dort finden.

Augustinus

Der geistige Vater des Fegefeuers ist wohl der Priester und Bischof Augustinus. Dieser war überzeugt, daß das Fundament des Glaubens und der Lehre die er weitergab, die Heilige Schrift sei. Die Schrift weist aber große Unklarheiten auf, und so versuchte er diese zu beseitigen, um die größtmögliche Klarheit zu erlangen. Augustinus benutzt als einer der ersten die Terminologie, an der sich später das Mittelalter lange Zeit orientierte. Die drei wichtigsten Begriffe sind purgatorius [1] , temporarius und transitorius. Diese Begriffe dienten als Bezeichnung für die reinigenden Qualen oder das reinigende Feuer (poenae purgatoriae oder ignis purgatorius), die zeitlichen bzw. zeitlich begrenzten Strafen (poenae temporariae) und die ewigen Strafen (poenae sempiternae). Augustinus bejahte auch die Wirksamkeit des Betens für die Toten. Diese Idee ist nicht ganz neu, denn schon in der Vision von Perpetua wird eine solche Möglichkeit aufgegriffen: Im Jahre 203 n. Chr. werden fünf Christen in der Nähe von Karthago hingerichtet. Eine davon ist Perpetua, die vor ihrer Hinrichtung zwei Träume hat, die sie den anderen erzählt. Im ersten Traum sieht sie ihren verstorbenen siebenjährigen Bruder, der in dreckiger Kleidung, von Geschwüren, an denen er starb, übersät an einem Becken voll Wasser auf Zehenspitzen steht, und doch nicht trinken kann, da der Rand zu hoch ist. Perpetua betet daraufhin einige Tage für ihn und hat dann wieder eine Vision: Ihr Bruder ist wohlgekleidet und das Becken befindet sich jetzt in seiner Nabelhöhe. Dort wo die Geschwüre waren, befindet sich jetzt eine Narbe.

Etwa zweihundert Jahre später betet Augustinus für seine verstorbene Mutter Monika. Das Gebet erinnert an ein Plädoyer für seine Mutter an Gott. Augustinus zeigt die guten Taten seiner Mutter auf und bittet um Vergebung für ihre Sünden. Aus seinem Gebet geht deutlich hervor, daß nur Gott alleine der Entscheidung mächtig ist, Monika ins Paradies aufzunehmen. Dennoch ist ihr Sohn überzeugt, daß seine Gebete in die Entscheidung einfließen werden. Er beruft sich auf die Barmherzigkeit Gottes und zeigt, daß seine Mutter getauft war, ihren Schuldigern vergab, in der Einehe lebte und als Witwe die Wiederverheiratung ablehnte, den Gottesdienst regelmäßig besucht hat. In dieser Weise wollte er ihr einen Platz, wenn nicht im Paradies, so wenigstens Dank der Milde Gottes und den Fürbitten der Lebenden, im Fegefeuer verschaffen. In einer späteren Schrift gibt er auch genau an, wer „erfolgreich“ für die Toten beten könnte: die Kirche selbst und fromme Christen.

Ab 413 n. Chr. präzisierte Augustinus seine Lehren, die als Grundlage für die spätere Kristallisierung des Fegefeuers dienen konnten. In dieser Zeit entstanden viele Sekten, deren Ideologien sich im Wesentlichen auf aus dem Kontext gerissene und wörtlich interpretierte Bibelzitate stützten. Sie vertaten im Großen und Ganzen die folgenden Thesen: „Der ersten Theorie zufolge werden alle Sterblichen nach einem mehr oder weniger langen Aufenthalt in der Hölle gerettet. Nach der zweiten sollen am Tage des Jüngsten Gerichts Dank der Fürbitten der Heiligen alle des Heils teilhaftig werden, ohne sich auch nur einen Augenblick in der Hölle aufgehalten zu haben. Die dritte Theorie besagt, daß alle Christen, die die Eucharestie empfangen haben, einschließlich der Schismatiker und Ketzer, am Heil teilhaben werden.“[2] Insgesamt gab es sechs solcher Theorien, die alle besagten, daß jeder Gläubige am Tage des Letzten Gerichts gerettet wird, ohne je in der Hölle gewesen zu sein. Da Augustinus diese Sekten für gefährlich hielt, reagierte er, indem er versicherte, daß es zwei verschiedene Feuer gäbe: Eines für die Verdammten – für die Ewigkeit, und ein zweites reinigendes Feuer für die „leichteren“ Sünder. Dies zwang ihn zur Definition der Schwere der Sünden und deren Folgen. Er unterschied also zwischen den Gottlosen, d.h. den Todsündern und den Ungläubigen, die unwiderruflich zur Hölle fahren würden; den Märtyrern, Heiligen und Gerechten, die, falls sie sogar „leichte“ Sünden begangen haben, sofort oder sehr bald ins Paradies eingehen. Zwischen den beiden Extremen gab es noch die nicht ganz Guten und die nicht ganz Schlechten. Diese finden ihren Platz in dem reinigenden Feuer, das mit dem Zeitpunkt des Todes anfängt und mit dem Tag des Jüngsten Gerichts aufhört. Durch diese reinigende Pein kann den nicht ganz Guten der Einlaß ins Paradies gewährt werden; die nicht ganz Schlechten kann höchstens ein „besserer“ Platz in der Hölle erwarten. Letzteren kann auch verziehen werden, falls die Lebenden Fürbitte für sie sprechen. Doch die Nützlichkeit der Fürbitten für die Toten ist dadurch eingeschränkt, daß sie nur denen zugute kommt, die das Heil wirklich verdient haben- so tue man lieber zu viel als zu wenig, da es ungewiß ist, welches Schicksal der Herr ihnen zudenkt. Die drei Mittel der Fürbitte, d.h. Messen, Almosen und Gebete findet man im Mittelalter mit dem Fegefeuer wieder.

[...]


[1] In der Arbeit folgende lat. Begriffe entnommen aus:

- Jacques Le Goff: Die Geburt des Fegefeuers; Deutscher Taschenbuchverlag GmbH & Co. KG, München 1990, und
- Philippe Ariès: Geschichte des Todes; Carl Hanser Verlag München, Wien - 1980

[2] Jacques Le Goff: Die Geburt des Fegefeuers S. 91

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Details

Titel
Das Fegefeuer im Wandel der Zeit
Hochschule
Freie Universität Berlin
Note
2,0
Autor
Jahr
1999
Seiten
16
Katalognummer
V52747
ISBN (eBook)
9783638483759
ISBN (Buch)
9783638765213
Dateigröße
482 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Fegefeuer, Wandel, Zeit
Arbeit zitieren
Bartosz Nowak (Autor), 1999, Das Fegefeuer im Wandel der Zeit, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/52747

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