John W. Meyers Begriff der Entkopplung und die aktuelle deutsche Hochschulreform: Sind im Bereich der Bachelor- und Master-Einführung Fälle von Entkopplung zu entdecken?


Seminararbeit, 2005

18 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Die Theorie der Weltkultur (Neoinstitutionalismus)
Entkopplung

3. Der Bologna-Prozess
Entwicklungen
Zielsetzungen

4. Beispiel Deutschland
Vergleich mit „dem angelsächsischen Modell“
Umsetzung der Ziele in Deutschland
4. .1 Vergleichbarkeit und Anerkennung
4. . Internationalisierung und Mobilität
4. .3 Praxisbezug und Berufsqualifikation
4. .4 Inhalt und Struktur
4. .5 Akkreditierung und Qualitätssicherung
4. .6 Motive und Einflussfaktoren

5. Fazit

6. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

John W. Meyer spricht in seiner neoinstitutionalistischen Theorie der Weltkultur von einem „erheblichen Maß an Entkopplung zwischen formalen Modellen und realen Praktiken“ (Meyer et. al. 2005a: 9) in Nationalstaaten. Um die These zu bestätigen, dass es bei der Übernahme von globalen Modellen auf die nationalstaatliche Ebene zu solchen Entkopplungsfällen kommt, führt Meyer verschiedene Beispiele an. Ich stellte mir die Frage, ob ich selbst ein Beispiel für dieses Phänomen entdecken kann. Mein Augenmerk viel auf die Einführung von Bachelor- und Master-Studiengängen in Deutschland, da diese aktuelle Reform einerseits aus der Internationalisierung entsteht und ich andererseits schon von verschiedenen Problemen bei deren Umsetzung hörte. In diesem Zusammenhang werde ich nun die aktuelle deutsche Hochschulreform untersuchen. Dazu ist es nötig, kurz genauer auf Meyers theoretische Ansätze einzugehen, sowie auf die Grundlagen und Zielsetzungen der aktuellen Hochschulreform. Daraufhin werde ich versuchen in verschiedenen Beispielen Fälle von Entkopplung herauszustellen und somit zu meinem Fazit zu gelangen.

2. Die Theorie der Weltkultur (Neoinstitutionalismus)

Der Neoinstitutionalismus spricht der Kultur die vorrangige strukturbildende Kraft zu.

Auf Basis der „Weltkultur [1] “ (engl. „world polity“) werden globale Modelle verbreitet. Laut Meyer haben daher Nationalstaaten gemeinsame Merkmale, die sich aus den globalen Modellen ableiten. Dazu gehören u. a. Ziele wie Gleichheit und sozioökonomischer Fortschritt. Einen Beweis der Institutionalisierung [2] dieser globalen Modelle sieht Meyer vor allem auch in der „strukturellen (und formalen) Isomorphie [3] “ „nationaler Gesellschaften“ (Meyer et al. 2005a: 1), die eigentlich wegen der starken Unterschiede z.B. in der Ressourcenausstattung nicht logisch erscheint. Die Weltkultur wird nicht nur durch kulturelle Prozesse verbreitet, sie entsteht auch in „von Kultur und Verbänden getragenen Prozessen“ (Meyer et. al. 2005a: 1). Die Weltgesellschaft wird erklärt durch das Fehlen eines Staates auf globaler Ebene. Somit haben Politik und Machtbeziehungen ihre Grenzen, wo Kultur und Verbände jedoch noch operieren können. D.h., nach Meyer ist die weit verbreitete Konformität der Gesellschaft kein reines Produkt von „Machtbeziehungen und funktionalen Erfordernissen“, sondern vor allem eines der globalen Kultur[4]. (Vgl. Meyer et al. 2005a: 1)

Das Übernehmen von institutionalisierten Elementen der Umwelt bringt Annerkennung mit sich. Annerkennung, dass die Organisation die Anforderungen erfüllt und rational und modern organisiert ist. Organisationen wie Staaten oder Unternehmen übernehmen die globalen kulturellen Anforderungen ihrer Umwelt deshalb oft nicht aus Effizienzgründen, sondern aus Legitimitätsgründen. Dies gilt auch im speziellen für Bildungseinrichtungen bzw. in diesem Fall Hochschulen, da diese sich als öffentliche Einrichtungen an einer Fülle institutionalisierter Umwelterwartungen orientieren müssen um gesellschaftlich anerkannt und legitimiert zu werden. (Vgl. Hasse 1999: 13/14 und Walgenbach 1995: 277/280)

2.1 Entkopplung

Nationalstaaten bzw. Organisationen übernehmen also globale Strukturmodelle. Diese externen Modelle sind jedoch nicht ganzheitlich auf die nationale Ebene übertragbar. Dadurch kommt es einerseits zu Ambivalenz, da sich die gesellschaftlichen Anforderungen, die sich in der globalen, kulturellen Umwelt niederschlagen, nicht mit z.B. den finanziellen Mitteln, den lokalen Ressourcen oder den internen Aktivitäten vereinbaren lassen. (Vgl. Meyer et. al. 2005a: 9 und Engels 2004: 22) Andererseits stellen die Umwelten teilweise auch institutionalisierte Regeln auf die sich gegenseitig widersprechen. Um dieses Spannungsverhältnis zu überwinden, ist es nach Meyer für den Fortbestand von Organisationen nötig, dass Entkopplungen zwischen formalen Strukturen und den eigentlichen Aktivitäten entstehen. So können sie sich nach aussen flexibel und aufnahmefähig für Umweltveränderungen zeigen und gleichzeitig die inneren Aktivitäten wie gewohnt weiter laufen lassen. (Vgl. Hasse 1999: 15 und Engels 2004:22) Oft kann bei der strukturellen Anpassung weniger auf Effizienzaspekte geachtet werden, denn beachten sie die institutionalisierten Erwartungen nicht, fehlt es ihnen an kultureller Legitimität, was sich auch in vermindertem Zufluss von Ressourcen wie fehlender finanzieller Unterstützung auswirken kann.

Bezogen auf das von mir gewählte Beispiel, bilden sich also in einer Gesellschaft Annahmen und Vorstellungen, wie Universitäten prinzipiell gestaltet sein sollen. So bestimmen nicht die tatsächlichen Anforderungen ihre Struktur, sondern die institutionalisierten Erwartungen. (Vgl. Engels 2004:21) Um die gesellschaftlichen Anforderungen an Bildungsorganisationen wie z.B. Rationalität, Innovation und Fairness zu erfüllen, entwickelt die Universität eine entsprechende formale Struktur. (Vgl. Hasse 1999: 14) So kann sie die gesellschaftliche Legitimation behalten und äusserlich die an sie gestellten Anforderungen erfüllen.

3. Der Bologna-Prozess

3.1 Entwicklungen

1998 erklärten sich die für Hochschulbildung zuständigen Minister Großbritanniens, Frankreichs, Deutschland und Italiens in der so genannten „Sorbonne-Erklärung“ für verpflichtet, sich für eine Hochschulausbildung im gemeinsamen Rahmen einzusetzen. Darauf hin folgte im Juni 1999 die „Bologna-Erklärung“ mit dem Titel „Der europäische Hochschulraum“, welche von 29 europäischen Bildungsministern verabschiedet wurde. In dieser Erklärung sind Ziele festgeschrieben, die die Bildungsminister für wesentlich zur Errichtung und weltweiten Förderung eines europäischen Hochschulraums erachten.

Seit der Bologna-Folgekonferenzen in Prag, Berlin und Bergen ist Anzahl der Unterzeichner auf über 45 gestiegen. (Vgl. KMK et. al. 2003: 2 und Hüning 2005)

3.2 Zielsetzungen

Der begonnene Reformprozess verfolgt die Schaffung eines einheitlichen europäischen Hochschulraums und die Verbesserung der internationalen Wettbewerbsfähigkeit und Attraktivität des europäischen Hochschulraums. In den einzelnen Staaten sollen unter anderem die folgenden, in der Bologna-Erklärung festgehaltenen, Ziele erreicht werden:

Die Einführung eines leicht verständlichen und vergleichbaren Systems von Studienabschlüssen (auch mit Hilfe des „Diploma Supplements“[5])

die Errichtung eines zweistufigen Studiensystems (mit Abschluss des ersten Zyklus Erwerb einer europäischen, arbeitsmarktrelevanten Qualifikation)

die Etablierung eines Leistungspunktesystems

die Förderung der Mobilität von Lernenden und Lehrenden

die Förderung der Qualitätssicherung (durch europäischen Zusammenarbeit – vergleichbare Kriterien und Methoden)

[...]


[1] Zu beachten ist, dass es bei Meyer und in dem „world polity“-Ansatz um die Verbreitung von „westlichen“ Kultur- und Strukturmustern geht. (Vgl. Hasse 1999: 26/32ff und Meyer 2005 ) „World polity“ ist „eine breite kulturelle Ordnung, die explizite Ursprünge in der westlichen Gesellschaft hat“( Hasse 1999: 32).

[2] Institutionalisierung beschreibt nach Meyer den Prozess, in dem kulturelle und gesellschaftliche Regeln allgemeingültig werden. Sie sind dann nicht mehr hinterfragbar und somit selbstverständlich. (Vgl. Meyer et. al. 2005b: 1)

[3] Laut hasse (1999: 16/17) unterscheiden DiMaggio und Powell zwischen drei Gründen, wie es zu institutioneller Isomorphie kommen kann: Zwang, Imitation und normativer Druck. Mit Zwang ist vor allem der staatliche Einflussfaktor gemeint. Zur Imitation greifen Organisationen oft aus Unsicherheit. Wenn Problemlösungen fehlen wird versucht, die Modelle zu kopieren, die als besonders erfolgreich und anerkannt gelten. Normativer Druck entsteht durch Personalselektion oder Professionalisierung in Organisationen. Diese Unterscheidungen sind rein analytischer Form, da meist verschiedene Faktoren zusammen eine Rolle spielen.

[4] Die Bezeichnung Kultur ist also nach Meyer gleichbedeutend mit institutionalisierten Regeln. (Vgl. Walgenbach 1995: 271)

[5] Zusatzdokument zum jeweiligen Abschluss, welches detaillierte Ergänzungen enthält.

Ende der Leseprobe aus 18 Seiten

Details

Titel
John W. Meyers Begriff der Entkopplung und die aktuelle deutsche Hochschulreform: Sind im Bereich der Bachelor- und Master-Einführung Fälle von Entkopplung zu entdecken?
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz  (Institut für Soziologie)
Note
1,7
Autor
Jahr
2005
Seiten
18
Katalognummer
V52818
ISBN (eBook)
9783638484282
Dateigröße
415 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
John, Meyers, Begriff, Entkopplung, Hochschulreform, Sind, Bereich, Bachelor-, Master-Einführung, Fälle, Entkopplung
Arbeit zitieren
Mareike Hopf (Autor), 2005, John W. Meyers Begriff der Entkopplung und die aktuelle deutsche Hochschulreform: Sind im Bereich der Bachelor- und Master-Einführung Fälle von Entkopplung zu entdecken?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/52818

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