Diese Seminararbeit behandelt eine Westafrikanische Ethnie, die unter dem Namen Fulbe bekannt ist und das Konzept Raum, wie es in der Wissenschaft analysiert wird. In meinem Beitrag werden wissenschaftliche Modelle und Theorien über die Bedeutung und Entstehung von Raum auf empirische Daten der Fulbe angewendet. Ich versuche einerseits die empirischen Daten mit den wissenschaftlichen Konzepten zu analysieren und andererseits möchte ich die wissenschaftlichen Ansätze anhand der Daten auf ihre Anwendbarkeit überprüfen. Auf diese Art soll einerseits eine Konkretisierung der abstrakten, wissenschaftlichen Konzpte erreicht werden, andererseits möchte ich eine These bezüglich Raumkonstruktion durch die Fulbe gewinnen. Theorieorientierte Arbeiten, die Eingang in diesem Beitrag gefunden haben, sind 1. Rappaport (1994) aus dessen Arbeit die Definition des Begriffes Setting entnommen wurde 2. Haller (1994) aus dessen Arbeit verschiedene Raumdefinitionen und eine sozial orientierte Analyse der Nutzung von „Orten“ Anwendung fanden 3. Rolshoven (2003) aus deren Arbeit soziale Merkmale von Raum generiert wurden 4. Bordieu (1991), aus dessen Arbeit eine Theorie der Genese und Funktion von (bewohntem) Raum angewandt wurde und 5. Dickhardt; Hauser-Schäublin (2003) aus deren Arbeit eine Analyse empirischer Erfassungsmöglichkeit von Raum verwendet wurde. Diese Ansätze sind von westlichen Wissenschaftlern erarbeitet worden, um das Konzept Raum verständlich, empirisch erfassbar und interpretierbar zu machen. Dabei schließen die Ansichten der verschiedenen Autoren sich nicht aus, sondern fokussieren jeweils unterschiedliche Sachverhalte und Aspekte der Raumentwicklung und Raumkonstruktion durch handelnde Menschen und Menschengruppen, um eine universal gültige Verbindung zwischen Raum und Mensch herzustellen.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung
Wissenschaftliche Raumauffassungen
A. Das Haus suduu
B. Der Hof wuro
C. Kamps mit mehreren Höfen
D. Der Wohnraum der Fulbe
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit untersucht die Raumstrukturen der westafrikanischen Ethnie der Fulbe durch eine ethnologische Analyse ihrer Wohnformen, wobei das Ziel darin besteht, die räumliche Organisation als Ausdruck kultureller Konzepte und sozialer Prozesse zu interpretieren. Die Forschungsfrage fokussiert dabei darauf, wie durch die Anordnung von Settings im Wohnraum (suduu und wuro) soziale Distanzierungen, Geschlechtertrennungen und traditionalisierte Identitäten konstruiert und symbolisch abgebildet werden.
- Analyse der Raumstrukturierung bei agropastoralen und nomadischen Fulbe
- Anwendung wissenschaftlicher Raumtheorien (u.a. Rappaport, Haller, Bourdieu) auf ethnographische Daten
- Untersuchung der Bedeutung von Settings innerhalb des Wohnhauses und des Gehöfts
- Interpretation räumlicher Relationen wie Himmelsrichtungen, Altersseniorität und Geschlechterrollen
Auszug aus dem Buch
A. Das Haus suduu
Das Haus suduu liegt innerhalb eines Gehöfts wuro und zwar an der Hinterseite bzw. am östlichen Ende des wuro und gleichzeitig gegenüber dem Eingangs, der sich am westlichen Ende des wuro befindet.
Das suduu der Fulbe scheint sechs verschiedene Settings aufzuweisen, die sich nach Bierschenk in vier Raumstrukturen (nach meiner Zählung allerdings fünf), ausgehend von der Eingangstür, verteilen.
1. Hinten im Haus befindet sich die eingelagerte Milch. Diese Milch lagert in verschiedenen Kalebassen auf einem Regalgestell. Diese wird von dem Herdenbesitzer seiner Ehefrau zum individuellen Gebrauch zur Verfügung gestellt. Eine Vorbedingung für die Einwilligung in die Ehe ist das Vermögen des Mannes seiner Frau eine ausreichende Menge an Milch zur Verfügung stellen zu können. Die Frau benutzt Milch einerseits, um das Mahl für die Familie zuzubereiten, andererseits verarbeitet sie die Milch zu Käse (und Anderem) und vermarktet diese Produkte zum eigenen Vorteil auf dem Markt. Mit anderen Worten ist im Haus einer Ehefrau zu erwarten, dass im hinteren Teil Regale angebracht sind auf denen Milchkalebassen stehen, über die nur sie ein Verfügungsrecht besitzt. Der Setting-Begriff Rappaports stößt m.E. hier an Grenzen, da die Frau in diesem Bereich keine Aktivitäten in eigentlichem Sinn ausführt. Trotzdem soll dieser Bereich als Setting aufgefasst werden, da die exklusive Zugangsberechtigung der Frau zu diesem Bereich und den dort gelagerten Objekten eine Regel des angemessenen und zu erwartenden Verhaltens ableitet.
Zusammenfassung der Kapitel
Einleitung: Die Arbeit führt in die Ethnie der Fulbe ein und definiert das methodische Ziel, deren Wohnraum mithilfe ethnologischer und raumtheoretischer Ansätze zu interpretieren.
Wissenschaftliche Raumauffassungen: Dieses Kapitel legt die theoretische Basis dar, indem Begriffe wie "Setting", "Ort" und "Lokalität" diskutiert und auf ihre Anwendbarkeit für die spezifische Lebenswelt der Fulbe geprüft werden.
A. Das Haus suduu: Hier werden die verschiedenen Settings innerhalb des Wohnhauses (suduu) detailliert analysiert und als Ausdruck von Geschlechterrollen und sozialen Funktionen interpretiert.
B. Der Hof wuro: Dieses Kapitel überträgt die Analyse auf die nomadische Lebensweise der Wodaabe und untersucht, wie Himmelsrichtungen und räumliche Anordnungen die soziale Ordnung widerspiegeln.
C. Kamps mit mehreren Höfen: Die räumliche Anordnung ganzer Gehöfte (Kamps) wird hier als Ausdruck von Senioritätsprinzipien innerhalb der patrilinearen Gesellschaftsstruktur der Fulbe analysiert.
D. Der Wohnraum der Fulbe: Das abschließende Kapitel synthetisiert die Ergebnisse und schlussfolgert, dass die relationale Positionierung innerhalb des Wohnraums ein aktiver Mechanismus der Traditionalisierung soziokultureller Konzepte ist.
Schlüsselwörter
Fulbe, Wodaabe, Raumstruktur, suduu, wuro, dudal, Setting, Raumkonzeption, Geschlechtertrennung, Seniorität, Ethnoanthropologie, Nomadismus, Agropastoralismus, Sozialraum, Traditionalisierung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit der ethnologischen Beschreibung und raumtheoretischen Interpretation des Wohnraums der westafrikanischen Ethnie der Fulbe.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Im Zentrum stehen die räumliche Organisation des Hauses (suduu) und des Gehöfts (wuro), die Rolle der Geschlechtertrennung sowie die Bedeutung von Tradition und Seniorität für die räumliche Anordnung.
Was ist das primäre Ziel der Forschungsarbeit?
Das Ziel ist es zu zeigen, dass die Art und Weise, wie Fulbe ihren Wohnraum konstruieren und nutzen, nicht zufällig ist, sondern kulturelle Werte, soziale Distanzen und Identitäten aktiv mitgestaltet und abbildet.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Die Arbeit nutzt einen qualitativen, interdisziplinären Ansatz, bei dem ethnographische Daten (Karten, Beschreibungen) mit raumtheoretischen Konzepten von Autoren wie Rappaport, Haller, Bourdieu und Rolshoven verknüpft werden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in drei Analyseeinheiten: das Haus (suduu), den Hof (wuro) und Kamps mit mehreren Höfen, wobei die internen Raumstrukturen jeweils sukzessive entschlüsselt werden.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird durch Begriffe wie Fulbe, Raumstruktur, suduu, wuro, dudal, Setting, Geschlechtertrennung und Seniorität geprägt.
Wie unterscheidet sich die Nutzung des Hauses bei den Wodaabe von den sesshaften Fulbe?
Obwohl die Konzepte suduu und wuro bei beiden Gruppen existieren, ist der Raum bei den nomadischen Wodaabe flexibler und stärker an den Himmelsrichtungen sowie der Kälberleine orientiert, da ihre Wohnstätten nicht permanent sind.
Warum spielt die Kälberleine eine so zentrale Rolle im Wohnraum der Wodaabe?
Die Kälberleine fungiert als strukturierendes Element, das den Wohnraum in einen männlichen Bereich (dudal) und einen weiblichen Bereich (suduu) unterteilt, und markiert somit die Grenze zwischen verschiedenen sozialen Sphären.
Was bedeutet der Begriff "dudal" in diesem Kontext?
Dudal ist ein vielschichtiger Begriff, der sowohl die Herde, das Herdenfeuer, den Versammlungsplatz als auch den männlichen Wirkungsbereich des Haushalts bezeichnet.
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- Schirin Agha-Mohamad-Beigui (Author), 2006, Der Wohnraum der Fulbe mit wissenschaftlichem Blick, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/52854