Anna Seghers’ Roman "Transit". Der Entstehungskontext, der Einfluss anderer Autoren und die Verwendung moderner Stilmittel


Hausarbeit (Hauptseminar), 2005
20 Seiten, Note: 2,7

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Der Entstehungskontext von Anna Seghers’ Roman Transit
2.1. Die Realismus-/Expressionismusdebatte
2.2. Die Kontroverse um die Stilmittel
2.3. Das Realismuskonzept Anna Seghers’

3. Die moderne Schreibweise in den Werken der Vorbilder Anna Seghers’
3.1. James Joyces Ulysses
3.2. John Dos Passos’ Trilogie U.S.A.
3.3. Alfred Döblins Berlin Alexanderplatz

4. Die Verwendung der neuen Schreibweisen in Anna Seghers’ Transit
4.1. Montagetechnik, Erzählperspektiven und der Verfremdungseffekt
4.2. Kinematografischer Stil
4.3. Reportagetechnik

5. Schluss

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Der Roman Transit von Anna Seghers, der 1948 zum ersten Mal auf Deutsch erschien, entstand vor dem Hintergrund der Expressionismus-/Realismusdebatte. Diese Debatte entbrannte 1937 und diskutierte vor allem die Frage, wie man die Realität in der Literatur abbilden könne. Zwei Literaten taten sich in dieser Debatte besonders hervor, Georg Lukács und Bertolt Brecht. Diese Debatte beeinflusste auch Anna Seghers, die jedoch ihre eigene Theorie der realistischen Darstellungsweise in der Literatur entwickelte, die sie im Roman Transit anwendete. Sie verwendet moderne Schreibtechniken, wie z.B. die Montage oder den kinematografischen Stil, um die komplexen gesellschaftlichen Verhältnisse der Zeit des Faschismus und des Krieges realistisch abzubilden. Sie entwirft so ein gesellschaftskritisches Bild, das sowohl positive als auch negative Charaktere umfasst und durch die verwendeten modernen Darstellungsmethoden vielschichtig darstellt. Diese Charaktere zeigen typische menschliche Verhaltensweisen und sollen so ein universales Bild der sich in einer Extremsituation befindenden Gesellschaft darstellen.

Die modernen Schreibtechniken, die sie dabei verwendet, übernimmt sie unter anderem von James Joyce, John Dos Passos und Alfred Döblin. Die Werke dieser Autoren gelten als Meilensteine der modernen Schreibweisen. In der vorliegenden Hausarbeit werden die neuen Techniken Montagetechnik, innerer Monolog, Verfremdungseffekt, Reportagetechnik sowie kinematografischer Stil anhand ihrer Verwendung in den Romanen der Vorbilder Anna Seghers’ vorgestellt. Hierfür erweist sich das Werk Ulysses von James Joyce als besonders ergiebig, weshalb die modernen Schreibtechniken an diesem Beispiel einführend erläutert werden. Seine Schreibweise findet sich auch in den Werken von Dos Passos und Döblin. Die Abhängigkeit dieser beiden Autoren von Joyce ist zwar umstritten, jedoch kaum von der Hand zu weisen.

Anna Seghers’ Roman Transit vereint die oben genannten modernen Schreibtechniken. Wie sie dort eingesetzt werden, um die gesellschaftliche Realität abzubilden, soll im letzten Teil der Arbeit analysiert werden.

2. Der Entstehungskontext von Anna Seghers’ Roman Transit

2.1. Die Realismus-/Expressionismusdebatte

Anna Seghers war der Auffassung, dass man seine Schreibweise den jeweiligen Lebensbedingungen anpassen müsse. Außergewöhnliche gesellschaftliche Umstände erforderten außerordentliche Schreibweisen. Nur so könne die Realität abgebildet werden. Nicht nur Anna Seghers war dieser Meinung. Viele kritische Autoren der Weimarer Republik sahen sich dazu veranlasst, „auf die geänderten sozialen und politischen Bedingungen“ zu reagieren.[1] Sie wollten nun vielmehr ein neues Publikum ansprechen, das Proletariat. Von nun an sollte die Literatur mehr als zuvor der arbeitenden Klasse dienen. Die Berücksichtigung dieser Schicht und ihrer Bedürfnisse stand also im Vordergrund. Mittels der Unterstützung der KPD hofften die Autoren, die sich der Arbeiterklasse verpflichtet fühlten, eine eigenständige Literatur- und Kulturpraxis aufbauen zu können. Um die Unterstützung der KPD zu erlangen, gründete sich 1928 der Bund proletarisch-revolutionärer Schriftsteller (BPRS). Der BPRS spaltete sich jedoch bald in zwei Lager, die unterschiedlicher Auffassungen waren, wie die neue proletarische Literatur auszusehen habe. Dies geschah im Rahmen der so genannten Realismus-/Expressionismusdebatte. Die Debatte entzündete sich 1937 an der Frage, ob der Expressionismus zum Faschismus geführt habe. Der Schriftsteller Alfred Kurella vertrat diese These. Dem widersprach Klaus Mann, der einen Zusammenhang zwischen Expressionismus und Faschismus vehement abstritt. Als Beleg dafür gelten zahlreiche Exilliteraten, die zunächst der Stilrichtung des Expressionismus folgten, sich jedoch nun gegen den Faschismus wehrten. Diese Tatsache widerlegt die These Kurellas, der sie im Laufe der Debatte zurücknahm.

Die Expressionismusdebatte war jedoch nur Teil der übergreifenden Realismusdebatte. In dieser ging es um die Frage, wie eine antifaschistische Literatur auszusehen habe. In der Literaturzeitschrift „Das Wort“ (erschienen in Moskau von 1936 bis 1939) diskutierte man folgende Fragen:

- Inwiefern kann und soll die Literatur die Wirklichkeit abbilden?
- Welche Funktion hat die Literatur in den Klassenverhältnissen, bzw. welche Funktion soll sie einnehmen?
- Welche Verantwortung trägt ein politischer Schriftsteller? Sollten sich die Exilautoren schuldig am Faschismus fühlen und welchen Traditionen sollen sie nun folgen?
- Welche Kennzeichen hat eine Literatur von Rang, d.h., wie soll diese antifaschistische Literatur von Rang sowohl formal als auch inhaltlich aussehen?

Diese Fragen wurden im Laufe der Realismusdebatte diskutiert. Dabei bildete sich eine Gruppe um Bertold Brecht und eine um Georg Lukács.

2.2. Die Kontroverse um die Stilmittel

Beide Gruppen vertraten unterschiedliche Positionen im Hinblick darauf, wie die Wirklichkeit literarisch abzubilden sei. Georg Lukács forderte die Exilliteraten trotz des neuen Rezipientenkreises dazu auf, sich in ihrem Schreibstil der deutschen Klassik und den großen bürgerlichen Realisten des 19. Jahrhunderts anzuschließen. Brecht hingegen postulierte eine neue, moderne Schreibweise, die sich ihrem Publikum, dem Proletariat, anpasst. Im Gegensatz zu Lukács vertrat Brecht die Meinung, dass ein neuer Realismusbegriff zu prägen sei und dass der Realismus bereits vorhandener Werke nicht abziehbar und als Muster für die Gegenwart verwendbar sei. Dieses Muster passe nicht auf die derzeitige Gesellschaft und das Proletariat, da es für eine andere Gesellschaft, in der das Bürgertum dominierte, geschaffen wurde. Brecht zufolge ist die realistische keine überhistorische Schreibform, sondern geprägt von der Art, wie, wann und für welche Klasse sie eingesetzt worden sei. Brecht sieht also die Gesellschaft in ihrer Entwicklung und will auf die derzeitige Gesellschaft eingehen, was nicht funktioniert, wenn alte Schreibweisen nachgeahmt werden. Außerdem möchte er der Zielgruppe, also dem Proletariat angemessen, d.h. volkstümlich schreiben. Lukács wirft er vor, diese Zielgruppe nicht zu beachten, denn „was gestern volkstümlich war, ist es nicht heute, denn wie das Volk gestern war, so ist es nicht heute.“ Orientiere man sich an klassizistischen Romanen, schreibe man auch für die Gesellschaft der Zeit des jeweiligen Romans.

In der Realismusdebatte ging es, wie schon erwähnt, vor allem um den Schreibstil, mit dem die Wirklichkeit am genausten abgebildet werden könne. Der historische Roman, den Lukács als Vorbild sieht, zielt auf das Mitleiden des Lesers mit einem erfundenen Helden innerhalb einer fiktiven Handlung. Der Rezipient soll sich in das Geschehen hineinversetzen, mitleiden und so eine innere Reinigung durchlaufen. Die Handlung ist in sich geschlossen und es gibt meist einen auktorialen Erzähler, damit sich der Leser in der künstlich erzeugten Welt unmittelbar zurechtfindet. Die Gestalten des Romans sind exemplarisch für unterschiedliche Klassen, wobei am Ende immer das Proletariat siegt. Mit Hilfe dieser Stilmittel soll eine Totalität der gesellschaftlichen Zusammenhänge abgebildet werden.

Brecht kritisiert an diesem Schreibstil, dass er nicht dazu in der Lage sei, beim Proletariat ein Bewusstsein zu schaffen, Kampfbereitschaft gegen den Faschismus zu wecken und ein neues Selbstwertgefühl herbeizuführen. Der Roman des 19. Jahrhunderts könne kein Bewusstsein verändern, er könne nur bereits vorhandenes Bewusstsein stabilisieren. Somit sei er nicht in der Lage, eine Revolution herbeizuführen und den Faschismus zu bekämpfen. Brecht bevorzugt neue Formen der Literatur wie Reportageromane, Textmontagen, Lehrstücke, aneinander gereihte, unausgeformte Bruchstücke von wirklichem Geschehen und Methoden wie den Verfremdungseffekt. Diese Stilmittel sollen bewirken, dass der Rezipient nachdenkt und kritisch überprüft. Er soll sich nicht wie im historischen Roman mit den handelnden Personen identifizieren, sondern über sie reflektieren. Der Leser muss das ihm vorgelegte Material selbst durchforsten, aus ihm nötige Einsichten gewinnen, abstrahieren und selbstständig politische Schlüsse herleiten. So ist der Leser nicht nur Konsument literarischer Produkte, sondern er soll sich emanzipieren. Brecht legt sich jedoch nicht auf eine bestimmte Form oder Technik fest, für ihn ist entscheidend, dass die eingesetzten Mittel das Bewusstsein des Lesers verändern.

Lukács wiederum kritisiert die sprachlichen Methoden Brechts. Er ist der Meinung, dass die modernen Darstellungsformen zu wissenschaftlich und zu empirisch seien. Die Darstellungsweise überzeuge nur verstandesmäßig und bilde nur einen Teil der Wirklichkeit ab, da Gefühle kaum berücksichtigt werden. Wissenschaftliche Darstellungsmethoden wie Reportage, Montage oder Tatsachenroman und Verfremdung zeigen nur die Oberflächenstruktur der Wirklichkeit. Es sind zufällige Realitätsausschnitte, die nie die Gesetzmäßigkeiten und treibenden gesellschaftlichen Kräfte erfassen können.

Die Gruppe um Lukács dominierte im Laufe der Zeit immer eindeutiger. Ihre Standpunkte wurden zur herrschenden Literaturauffassung und die Gruppe erfuhr Unterstützung durch die KPD. Brecht hingegen konnte zu Lebzeiten nur wenige seiner kritischen Schriften zum Realismusbegriff veröffentlichen, da man im BPRS Einheit demonstrieren wollte. Dies war auch ein großes Anliegen Anna Seghers’.

2.3. Das Realismuskonzept Anna Seghers’

Anna Seghers sah die fortschreitende Realismusdebatte insofern kritisch, als dass sie befürchtete, die öffentlich ausgetragenen Meinungsverschiedenheiten könnten die dringend notwendige Geschlossenheit und Einheit der kritischen antifaschistischen Schriftsteller zerstören und somit der gemeinsamen Sache, dem Kampf gegen den Faschismus, schaden. In einem Briefwechsel mit Georg Lukács legt sie ihr Konzept des Realismus dar.

[...]


[1] Buthge, Werner: Anna Seghers: Werk – Wirkungsabsicht – Wirkungsmöglichkeit in der Bundesrepublik Deutschland. Stuttgart, Akademischer Verlag Hans-Dieter Heinz 1982. S. 19.

Ende der Leseprobe aus 20 Seiten

Details

Titel
Anna Seghers’ Roman "Transit". Der Entstehungskontext, der Einfluss anderer Autoren und die Verwendung moderner Stilmittel
Hochschule
Ruhr-Universität Bochum
Veranstaltung
Gesellschaftskritik
Note
2,7
Autoren
Jahr
2005
Seiten
20
Katalognummer
V52873
ISBN (eBook)
9783638484671
ISBN (Buch)
9783638765381
Dateigröße
588 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Entstehungskontext, Einfluss, Autoren, Verwendung, Stilmittel, Anna, Seghers’, Roman, Transit, Gesellschaftskritik
Arbeit zitieren
Bernadette Bideau (Autor)Nicole Kaminski (Autor), 2005, Anna Seghers’ Roman "Transit". Der Entstehungskontext, der Einfluss anderer Autoren und die Verwendung moderner Stilmittel, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/52873

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