Stilanalyse fachsprachlicher Texte auf Basis des funktionalstilistischen Ansatzes der Prager Schule


Hausarbeit (Hauptseminar), 2006

19 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Relevanz des Themas und Aufbau der Arbeit

2 Die Prager Funktionalstilistik und ihre Bedeutung für die Fachsprachenforschung
2.1 Die Funktionalstilistik der Prager Schule
2.2 Die Bedeutung der Funktionalstilistik für die Fachsprachenforschung

3 Die spanischen Fachsprachen

4 Analyse spanischsprachiger Produktbeschreibungen auf Basis des funktionalstilistischen Ansatzes
4.1 Aufgabe, Adressat und Makrostruktur der Analysetexte
4.2 Merkmale spanischer Fachsprachen auf morphosyntaktischer Ebene
4.3 Semantische Besonderheiten spanischer Fachsprachen
4.4 Charakteristische Merkmale auf lexikalischer Ebene

5 Fazit

6 Bibliographie

7 Anhang

1 Relevanz des Themas und Aufbau der Arbeit

Insbesondere im Handel und im produzierenden Gewerbe spielt das Funktionieren von Sprache eine wichtige Rolle (vgl. Müller/ Thörle 2005: S. 111). Während bspw. die deutschen Fachsprachen bereits weitgehend untersucht wurden (vgl. Schröder 1992: 91), herrscht vor allem für das Spanische noch Handlungsbedarf. Dies gilt vor allem, wenn man bedenkt, dass die Situation der spanischen Fachsprachen sowie der Stand der Fachsprachenforschung in den spanisch sprechenden Ländern Lateinamerikas sogar hemmenden Einfluss auf deren sozioökonomische Entwicklung haben (vgl. Zierer 1982: 90).

Die vorliegende Arbeit widmet sich deshalb dem Thema der spanischen Fachsprachen. Als theoretische Grundlage soll in Kapitel 2 zunächst das Konzept der Prager Funktionalstilistik vorgestellt werden. Im Anschluss an die Darstellung der Situation der spanischen Fachsprachen (Kapitel 3) erfolgt in Kapitel 4 dann auf Basis des Ansatzes der Funktionalstilistik eine Analyse von Produktbeschreibungen auf mehreren sprachlichen Ebenen. Mithilfe der Ergebnisse dieser Untersuchungen soll gezeigt werden, dass die für Fachsprachen existierenden Stereotype kritisch zu hinterfragen sind und es nicht die typische Fachsprache gibt. Vielmehr kann es sich auch dann um Fachsprache handeln, wenn die charakteristischen Tendenzen in sehr unterschiedlichem Maße vorhanden sind.

2 Die Prager Funktionalstilistik und ihre Bedeutung für die Fachsprachenforschung

Der Analyse von Fachsprachen soll in dieser Arbeit ein theoretisches Konzept zugrunde gelegt werden, das auch den (außersprachlichen) Kontext der sprachlichen Äußerungen berücksichtigt. So spielen bspw. die konkrete Kommunikationssituation sowie die Beziehung zwischen Hörer und Sprecher eine wesentliche Rolle. Darüber hinaus soll bei der Analyse i. R. d. vorliegenden Arbeit das gesamte sprachliche System berücksichtigt werden und nicht wie in vielen früheren Untersuchungen nur die lexikalische Ebene.

Diesen Anforderungen wird weitestgehend das Konzept der Prager Funktionalstilistik gerecht, das Sprache als Produkt zielgerichteten Handelns sieht (vgl. Bartha 1993: 556 zit. n. Thesen 1929: 43). Die Funktionalstilistik erlaubt eine Beschreibung von Fachsprachen als „dynamischer Form der Sprachvariation […] in Verbindung mit ihren jeweiligen außersprachlichen Bezugspunkten“ (Müller/ Thörle 2005: 113). Diese Dynamik ergibt sich daraus, dass sich in den seltensten Fällen zwei eindeutig voneinander abgrenzbare Varietäten unterscheiden lassen. Vielmehr handelt es sich um sehr dynamische, auf wenige sprachliche Merkmale beschränkte Wechsel im Sprechstil, „bei dem Varietäten wie ‚Fachsprache’, ‚Umgangssprache’ oder ‚Hochsprache’ allenfalls als Ressourcen dienen“(Müller/ Thörle 2005: 113).

2.1 Die Funktionalstilistik der Prager Schule

Das Konzept der Funktionalstilistik wurde in den 30er Jahren von den Linguisten der Prager Schule[1] unter Einfluss des russischen Formalismus entwickelt (vgl. Glück 2005: Funktionalstil; Gläser 1974: 489). Charakteristisch für die Prager Schule, die die Lehre de Saussures weiterführt, ist der enge Zusammenhang von funktionaler Sprachbetrachtung und struktureller Sprachbeschreibung (vgl. Bartha 1993: 552). Der Prager Funktionalismus beschreibt also nicht mehr nur, wie das System Sprache funktioniert, sondern berücksichtigt darüber hinaus auch deren Funktionen („Wozu dient Sprache?“) (vgl. Pelz 1996: 65f.). Auf dieser Prämisse beruht auch die Funktionalstilistik, die die gesellschaftlich bedingten Varianten des Sprachgebrauchs in bestimmten kommunikativen Situationen untersucht (vgl. Gläser 1998: 200). Sie geht demzufolge davon aus, dass Sprache keine uniforme, homogene Struktur aufweist, sondern ein „System von Ausdrucksmitteln ist, die auf ein bestimmtes Ziel gerichtet sind“(Bartha 1993: 554 zit. n Thesen 1929: 43).

Aufgrund der großen Bedeutung, die entsprechend dieser Definition außersprachliche Faktoren im Kommunikationsprozess haben, erscheint eine Differenzierung in unterschiedlich funktionierende Stilarten[2] notwendig (vgl. Glück 2000: Funktionalstil; Lewandowski 1994: Funktionalstil). Durch eine solche Untergliederung von Funktionalstilen bspw. in Substile soll die sprachliche Wirklichkeit diastratisch und diasituativ besser erfasst werden (vgl. Gläser 1998: 199).

Funktionalstile werden definiert als rekurrente Kombinationen sprachlicher und kommunikativer Mittel und somit als Subsysteme der Standardsprache einer Nation. Sie sind Merkmalsbündel, die im kollektiven Wissen einer Gemeinschaft mit bestimmten sozialen Bezugspunkten verknüpft sind (Müller/ Thörle 2005: 113). Je nach außersprachlichem Bezugspunkt[3] bzw. Sprachfunktion erfolgt demnach eine Auswahl, Anordnung und Anpassung bestimmter Sprachmittel und Kompositionsmuster, wodurch sich sowohl die „lautliche als auch die grammatische Struktur wie auch der lexikalische Bestand der Sprache“ verändern (These 3) (vgl. Bartha 1993: 557 zit. n. Thesen 1929: 51).[4] Diese stellen dann einen entsprechenden Funktionalstil dar (vgl. Gläser 1998: 200).

Funktionale Stile werden deshalb als funktional bezeichnet, da sie im Gespräch an der Herstellung sozialer Ordnung und kollektiven sozialen Sinns beteiligt sind (Mülller/ Thörle 2005: 3). So zeigen Sprecher mithilfe funktional-stilistischer Eigenschaften des Sprechens bspw. an, an welchen Kategorien und Wertvorstellungen sie sich in der augenblicklichen Interaktion orientieren. In diesem Sinne fungieren Funktionalstile auch als Kontextualisierungshinweise (vgl. Müller/ Thörle 2005: 113 zit. n. Auer 1992 bzw. Gumperz 1992). Die beschriebenen sprachlichen Mittel sind polyfunktional und ihre Funktion abhängig vom Gesprächskontext (vgl. Müller/ Thörle 2005: 121). Da Sprache als das Produkt zielgerichteten menschlichen Handelns gesehen wird, muss eine linguistische Analyse neben der Sprecherseite auch die Hörerseite, die Beziehung zwischen den Gesprächspartnern[5], die konkrete Kommunikationssituation sowie die richtige Auswahl sprachlicher Zeichen berücksichtigen (These 1) (vgl. Bartha 1993: 556 zit. n. Thesen 1929: 43).

Die Funktionalstile, die die Funktionalstilistik je nach Art der außersprachlichen Korrelation unterscheidet, variieren bzgl. Ihrer Anzahl und Beschreibung. Beispielhaft genannt werden sollen an dieser Stelle der Funktionalstil des Alltags und der Wissenschaft. Darüber hinaus ist eine weitere Untergliederung in funktionale Substile möglich. So lässt sich bspw. der Funktionalstil der Wissenschaften in den Stil der Wissenschaften, den Stil der populärwissenschaftlichen Darstellung und den der Wissensvermittlung im Unterricht unterteilen (vgl. Fix/ Poethe/ Jos 2003: 33). Grundsätzlich problematisch an Gliederungsversuchen der Funktionalstile scheint die Definition einheitlicher Kriterien zu sein (vgl. Fix/ Poethe/ Jos 2003: 33f.).

Bleibender Verdienst der Funktionalstilistik ist sicherlich, dass sie erstmals auch Sachdarstellungen in stilistischen Analysen berücksichtigte. Diese wurden bis zu diesem Zeitpunkt vernachlässigt, da man davon ausging, dass nur literarische Texte Stilqualitäten aufwiesen (vgl. Gläser 1998: 199). Allerdings werden in der Literatur auch einige Schwachpunkte genannt. So wird bspw. kritisiert, dass das Konzept nicht aus einer empirischen Untersuchung umfangreicher Textkorpora erwachsen ist und ihm somit die parallelverlaufende Validierung durch empirisch-induktive Analysen repräsentativer Textsorten in einzelnen Kommunikationsbereichen und insbesondere der Fachkommunikation fehlt. Diese hätte ggf. als Korrektiv auf die Theorie zurückwirken können. Darüber hinaus ist das System der Funktionalstile einerseits eine aus dem praktischen Alltagswissen der Sprachbenutzer und Stilistiker abgeleitete Klassifikation, andererseits eine theoretisch-abstrakt konzipierte Typologie, die Gläser zufolge in ihrer Gesamtheit unausgewogen ist. Ferner werden mündliche Kommunikation und andere Existenzformen zugunsten schriftlicher Kommunikation und Standardsprache vernachlässigt. Kritisch zu betrachten ist außerdem, dass der theoretischen Fundierung eine soziolinguistische Basis fehlt und tragende Begriffe wie bspw. Funktion nicht ausreichend definiert sind (vgl. Gläser 1998: 200; Weise 1978: 566ff.).

2.2 Die Bedeutung der Funktionalstilistik für die Fachsprachenforschung

Die ganzheitliche Sprachbetrachtung und Auffassung von Sprache als funktionalem Ganzen hatte nachhaltigen Einfluss auf die Linguistik im Allgemeinen und führte zu einer Wende in der Fachsprachenforschung (vgl. Bartha 1993: 552 bzw. 564). Die Prager Schule führte erstmals eine sprachlich-stilistische Differenzierung des gesamtsprachlichen Inventars systematisch durch setzte sich in diesem Zusammenhang auch mit dem Phänomen der Fachsprachen auseinander (vgl. Bartha 1993: 562).[6] Damit leistete sie einen großen Beitrag zu deren Untersuchung (vgl. Hoffmann 1985: 40).

Auf Grundlage der Funktionalstilistik und deren Erkenntnisse versteht Beneš unter Fachsprache nicht mehr nur den Fachwortschatz.[7] Er definiert Fachsprache vielmehr als „funktionale Variante sprachlicher Realisation in einem Fachbereich“ (Beneš 1981: 185), also

als ein Subsystem der Sprache und ihrer Vorgehensweise. Fachtexte sind dementsprechend die Realisation der Fachsprachen nach den Normen des Fachstils (vgl. Beneš 1981: 185).

Aufbauend auf bereits existierenden Konzepten der Prager Funktionalstilistik und mit Bezug auf die Fachkommunikation entwickelt Beneš eine ‚Typologie der Stilgattungen der wissenschaftlichen Prosa’. Diese ist durch Fachtextanalysen validiert und stellt eine mögliche horizontale Eingliederung der Fachsprache dar. Neu an seinem Ansatz ist die Verbindung von Funktionalstilen mit Erkenntnissen aus der Textlinguistik und Fachsprachenforschung. Fachsprache realisiert sich als Teil- bzw. Untersystem der Sprache in einer Textmenge, die Beneš Sachprosa nennt. Fachprosa hat einen Fachstil, den er als „Prinzip der sprachlichen Organisation der Texte der Fachprosa mit Hilfe der Ausdrucksmittel der Fachsprache“ (Gläser 1998: 204 zit. n. Beneš 1969: 226) definiert. Diesen unterteilt er in einen praktischen bzw. theoretischen/ wissenschaftlichen Sachstil[8] (vgl. Gläser 1998: 204). Bis in die 60er Jahre wurden die Begriffe Fachsprachen und Fachstil synonym verwendet. Eine Differenzierung nimmt Havránek vor, indem er den Funktionalstil der Ebene der parole, die Funktionalsprache der langue zuordnet. Demnach handelt es sich „bei einer sprachlichen Aussage […] um funktionale Sprachen in verschiedenen Typen funktionaler Stile“ (vgl. Bartha 1993: 563 zit. n. Havránek 1967: 185). Sowohl die von Beneš entwickelte Typologie der Stilgattungen als auch die verwendete Kategorie des Fach- bzw. Sachstils haben nachhaltigen Einfluss auf die Fachsprachenforschung gehabt und ihr wichtige Impulse gegeben (vgl. Gläser 1998: 204ff.).

[...]


[1] Die Vertreter der Prager Schule veröffentlichten anlässlich des „1. Internationalen Slawistenkongresses“ 1929 10 Thesen (von denen die erste und dritte für die Fachsprachenforschung relevant sind). Diese erschienen im 1. Band der „Travaux du Cercle Linguistique de Prague“. Zu den Verfassern zählen Mathesius, Jakobson, Havránek und Mukarovsky (vgl. Weise 1978: 654; Bartha 1993: 554).

[2] Stilarten werden in diesem Kontext als Realisationmöglichkeiten des Systems definiert (vgl. Lewandowski 1994: Funktionalstil).

[3] Außersprachliche Bezugspunkte sind je nach Gemeinschaft unterschiedlich. Als Beispiele für außersprachliche Bezugspunkte in Betrieben nennen Müller/ Thörle Aufgabe, Rang, Beruf und Ideologie (vgl. Müller/ Thörle 2005: 3f.).

[4] Man spricht deshalb auch von einem korrelativen Zusammenhang zwischen Außersprachlichem und sprachlichen Gebrauchsweisen (vgl. Fix/ Poethe/ Jos 2003: 33).

[5] Dieser Erkenntnis wurde in der Fachsprachenforschung erst recht spät Rechnung getragen, nämlich erst mit dem Aufkommen eines pragmatisch orientierten Fachsprachenverständnisses (vgl. Bartha 1993: 558).

[6] Havránek bspw. unterteilt Standardsprache in vier Funktionalstile, von denen er einen als scientific functional dialect bezeichnet. Riesel definiert einen von fünf Funktionalstilen als Stil der Wissenschaft (vgl. Bartha 1993: 562 zit. n. Havránek 1964: 14f.).

[7] Spätestens seit Mitte der 70er Jahre wird der Begriff der Fachsprachen mit zunehmender Einbeziehung funktionalsprachlicher Aspekte kaum mehr als Synonym zu Fachwortschatz verwendet (vgl. Bolten 1992: 59).

[8] Statt Fachstil bevorzugt Beneš den bereits von Havránek eingeführten Begriff Sachstil (vgl. Gläser 1998: 204).

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Stilanalyse fachsprachlicher Texte auf Basis des funktionalstilistischen Ansatzes der Prager Schule
Hochschule
Universität Mannheim  (Romanisches Seminar)
Veranstaltung
Hauptseminar Sprache & Stil
Note
1,3
Autor
Jahr
2006
Seiten
19
Katalognummer
V52932
ISBN (eBook)
9783638485081
Dateigröße
496 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Stilanalyse, Texte, Basis, Ansatzes, Prager, Schule, Hauptseminar, Sprache, Stil
Arbeit zitieren
Christina Stojek (Autor), 2006, Stilanalyse fachsprachlicher Texte auf Basis des funktionalstilistischen Ansatzes der Prager Schule, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/52932

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