Ist der Mensch gut oder böse? Besitzt der Mensch so etwas wie eine Seele? Das sind Grundfragen der Anthropologie, die den Menschen schon seit der Antike beschäftigen. Ein weiteres Grundproblem der Anthropologie stellt die Frage dar, ob der Mensch ein Kultur- oder ein Naturwesen ist. Arnold Gehlen hat sich diese Frage zur Aufgabe gemacht und einen Vergleich zwischen Tier und Mensch angestellt, mit dem Ziel über diesen dialektischen Umweg das angeführte Grundproblem des Menschen erklären zu können. In dieser Ausarbeitung werde ich das Kultur- Natur Problem des Menschen aufgreifen (vgl. Kapitel 3-6). Unter starkem Bezug auf die Studien Arnold Gehlens wird sich herausstellen, dass des Menschen Natur seine, von ihm geschaffene Kultur ist. Des weiteren wird sich zeigen, dass der Mensch aufgrund seiner fehlenden Natur, Spannungen ausgesetzt ist. Allerdings finden diese besonders in der Technik, aber auch in Institutionen ihren Ausgleich. In Kapitel 6.2. werde ich auf die Veränderungen der Institutionen im Zusammenhang mit der Industriellen Revolution eingehen. Dieser epochale Wandel hat sowohl auf das Individuum, als auch auf die Institutionen Auswirkungen. Bedingt durch den Prozess des „Institutionenwandels“ folgen daraus gesellschaftliche Veränderungen. Die anthropologischen Erklärungsansätze bezüglich der gesellschaftlichen Veränderungen, gehen einher mit dem Erklärungsansatz des aktuellen Problems über den Wertewandel. In Kapitel 2. werden zunächst Werte im Allgemeinen vorgestellt, die in Kapitel 7. als gesellschaftliche Veränderung im Zeitalter des Postindustrialismus näher untersucht werden. Diese Ausarbeitung soll als Versuch gesehen werden, eine aktuelle gesellschaftliche Veränderung, wie den Wertewandel, auf der Ebene der Anthropologie zu erklären. Durch diese Verknüpfung lassen sich wesentliche Erkenntnisansätze über das Zustandekommen und die Auswirkungen von gesellschaftlichen Veränderungen machen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Begriffserklärungen
2.1. Industrialisierung
2.2. Werte
3. Das Individuum – ein Mängelwesen aus anthropologischer Sicht
3.1. objektiver Weltbezug
3.2. intersubjektiver Weltbezug
3.3. subjektiver Weltbezug
3.4. Zusammenfassung
4. Entlastung
5. Exkurs: Technik
6. Institutionen
6.1. Merkmale und Funktionen von Institutionen
6.2. Institutionen im Wandel
7. Wertewandel
7.1. gesellschaftliche Entwicklung
7.2. Mentalitätsänderungen des Individuums
7.3. Konsequenzen des Wertewandels
8. Konsequenzen für das Individuum aus anthropologischer Sicht
8.1. Anpassung
8.2. Erfahrungsverlust
9. Schlussbemerkung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht den Wertewandel im Zeitalter des Postindustrialismus unter Rückgriff auf anthropologische Erklärungsansätze, insbesondere auf die Theorie von Arnold Gehlen. Die zentrale Forschungsfrage zielt darauf ab, wie sich gesellschaftliche Veränderungen und der Wandel von Institutionen sowie der Technik auf das Individuum und dessen Erfahrungswelt auswirken.
- Anthropologische Grundlagen des Mängelwesens Mensch
- Die Funktion von Institutionen und Technik als Entlastungsinstanzen
- Prozesse der Entinstitutionalisierung und deren Auswirkungen
- Gesellschaftlicher Wertewandel und Mentalitätsänderungen
- Anpassungszwänge und Erfahrungsverlust im Postindustrialismus
Auszug aus dem Buch
3.1. objektiver Weltbezug
Zunächst geht Gehlen davon aus, dass der Mensch aus morphologischer Sicht ein Mängelwesen ist. Ihm fehlen mit dem Tierreich vergleichbare spezialisierte Organe. Tatsächlich ist es so, dass nahezu allen menschlichen Fähigkeiten ein ausgeprägteres Korrelat in der Tierwelt gegenübersteht. Besonders im sensorischen und motorischen Bereich weist der Mensch starke Defizite auf, so kann z.B. ein Adler besser sehen oder eine Gazelle schneller rennen.
Des weiteren sind im Tierreich auch Fähigkeiten anzutreffen, die der Mensch nicht einmal besitzt, so z.B. die visuelle Optik einer Fledermaus. Allerdings hat der menschliche Körper, trotz der offensichtlichen Defizite, dennoch morphologische Vorteile. Gehlen stellte fest, dass besonders die multifunktionalen Hände und das ausgeprägte Gehirn, zwar keine Spezialorgane sind, aber den Menschen dennoch in eine Art der Spezialisierung zweiten Grades charakterisieren lassen. Demnach besitzt der Mensch die Fähigkeit sich durch die Kombination von Händen und Gehirn zu spezialisieren. Infolgedessen ist der Mensch darauf spezialisiert nichtspezialisiert zu sein; er hat die Kompetenz sich spezifische Kompetenzen anzueignen.
Ein weiterer Aspekt, der argumentativ und didaktisch im Zusammenhang mit der organischen Unspezialisiertheit des Menschen gesehen werden muss, ist, dass der Mensch auch aus einer fehlenden, unspezifischen Umwelt heraus ein Mängelwesen ist. Bisher hatten wir sowohl den Menschen, als auch das Tier als einzelne Einheiten betrachtet. Die meisten Tierarten leben in einer artspezifischen Umwelt. Diese Umwelt charakterisiert sich durch die subjektive Wahrnehmung, sowie durch das Verhalten des Tieres. So wird z.B. ein Hund immer in der Umwelt des Hundes leben, und nicht etwa in der „Katzenwelt“. Der Mensch hingegen hat keine spezifische Umwelt, diese wird individuell selbstbestimmt. Im Unterschied zum Tier sind beim Menschen die objektiven Weltbezüge nicht angeboren. Der Mensch hat somit im Gegensatz zum Tier die Möglichkeit, sich seine Umwelt selbst zu schaffen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in die anthropologische Fragestellung nach dem Natur- oder Kulturwesen Mensch ein und stellt den Bezug zur Theorie Arnold Gehlens her, um den gesellschaftlichen Wertewandel zu analysieren.
2. Begriffserklärungen: Dieses Kapitel definiert die zentralen Rahmenbedingungen der Arbeit, insbesondere den Prozess der Industrialisierung und den Begriff der Werte.
3. Das Individuum – ein Mängelwesen aus anthropologischer Sicht: Hier wird der Mensch als biologisch mangelhaftes Wesen charakterisiert, das durch objektive, intersubjektive und subjektive Weltbezüge seine eigene "Natur", die Kultur, schafft.
4. Entlastung: Es wird der dualistische Begriff der Entlastung eingeführt, wobei zwischen individuellen Mustern und kulturellen Errungenschaften unterschieden wird, die den Menschen in ein Gleichgewicht versetzen.
5. Exkurs: Technik: Dieser Abschnitt beleuchtet die Rolle der Technik als größte Entlastungsfunktion, die in der Moderne zu einer Superstruktur geworden ist.
6. Institutionen: Das Kapitel analysiert die stabilisierende Funktion von Institutionen und deren Wandel hin zu Superstrukturen und Organisationen infolge der Industriellen Revolution.
7. Wertewandel: Es wird die Entwicklung hin zu modernen Selbstentfaltungswerten beschrieben und die daraus resultierenden Mentalitätsänderungen sowie die gesellschaftliche Desintegration untersucht.
8. Konsequenzen für das Individuum aus anthropologischer Sicht: Das Kapitel diskutiert die Auswirkungen des Wandels auf das Individuum, insbesondere durch Spezialisierungszwänge und einen Verlust an echter Erfahrungswelt.
9. Schlussbemerkung: Die Arbeit schließt mit dem Fazit, dass der Mensch in einer schwierigen Lage ist, da er bei gleichzeitiger Instabilität seiner Institutionen nur begrenzt in der Lage ist, sich und seine Umwelt aktiv neu zu gestalten.
Schlüsselwörter
Anthropologie, Arnold Gehlen, Wertewandel, Mängelwesen, Industriegesellschaft, Postindustrialismus, Institutionen, Entlastung, Technik, Superstrukturen, Individualisierung, Entinstitutionalisierung, Anpassung, Erfahrungsverlust, Kulturwesen.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit befasst sich mit der anthropologischen Analyse des menschlichen Wesens und untersucht, wie gesellschaftliche Umbrüche, wie der Wertewandel im Zeitalter des Postindustrialismus, die Stabilität und das Handeln des Individuums beeinflussen.
Was sind die zentralen Themenfelder der Publikation?
Die zentralen Felder sind die anthropologische Bestimmung des Menschen als Mängelwesen, die Bedeutung von Institutionen und Technik als Entlastungsmechanismen sowie die Dynamik gesellschaftlicher Wandlungsprozesse.
Welches primäre Ziel verfolgt die Ausarbeitung?
Das Ziel ist es, aktuelle gesellschaftliche Veränderungen wie den Wertewandel theoretisch auf Basis anthropologischer Erkenntnisse von Arnold Gehlen zu begründen und ihre Folgen für das Individuum aufzuzeigen.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Die Arbeit stützt sich auf eine theoretische Auseinandersetzung mit philosophischen und sozialwissenschaftlichen Ansätzen, primär durch die Analyse und Anwendung der Institutionen- und Anthropologietheorie von Arnold Gehlen.
Was bildet den inhaltlichen Schwerpunkt des Hauptteils?
Der Hauptteil behandelt die Untersuchung des Mängelwesens Mensch, die Rolle von Entlastungsinstanzen (Technik und Institutionen) und die Analyse, wie der Wertewandel in der postindustriellen Gesellschaft zu einer Entinstitutionalisierung führt.
Welche Schlüsselbegriffe sind für das Verständnis essenziell?
Wichtige Begriffe sind das anthropologische "Mängelwesen", der Prozess der "Entlastung", "Superstrukturen", "Entinstitutionalisierung" sowie der Übergang von Pflichtwerten zu modernen "Selbstentfaltungswerten".
Warum spielt die Unterscheidung zwischen Technik und Institutionen eine Rolle?
Beide Bereiche fungieren als existenzielle Entlastungsinstanzen für den instinktreduzierten Menschen. Während die Technik eine direkte Kompensation von Organmängeln bietet, schaffen Institutionen einen sozialen Rahmen für Stabilität und Normen.
Was versteht der Autor unter dem "Erfahrungsverlust" des Individuums?
Der Erfahrungsverlust beschreibt die Tendenz, dass der Mensch durch die starke Spezialisierung der Arbeitsprozesse und die Medialisierung des Alltags kaum noch Möglichkeiten zur unmittelbaren, selbstbestimmten Handlung und authentischen Erfahrung hat.
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- Christian Fritsch (Author), 2002, Über den Wertewandel im Zeitalter des Post-Industrialismus im Bezug auf anthropologische Erklärungsansätze, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/52935