Die Philosophie des Nobelpreisträgers für Literatur Henri Bergson (1859–1941) schöpft ihre Bekanntheit aus vier Hauptwerken, die, jedes für sich genommen, alternierende Schwerpunkte beinhalten. In einer Gesamtbetrachtung weisen sie jedoch eine thematische Kohärenz auf: „seine Konzeption der lebendigen Zeit als Dauer.“ Nach eigener Aussage sieht Bergson in einer „Intuition der Dauer“ schließlich das Zentrum seiner Lehre.
Die Lebensphilosophie Bergsons hat verkürzt beschrieben zum Ziel, dem Bewusstsein seine Stellung in der Wahrnehmung der Welt aufzuzeigen sowie den Menschen aus den Zwängen seiner Handlungsbezogenheit zu befreien. Sein Ansatz besteht fast durchgängig in einer kritischen Auseinandersetzung mit den szientistischen Naturwissenschaften und der Assoziationspsychologie seiner Epoche. Seine philosophischen Abhandlungen lehnen einen rationalistischen und empiristischen Positivismus ab und charakterisieren sich gleichermaßen durch eine Abgrenzung von idealistischen und realistischen Weltdeutungen.
In dieser Einleitung wird im Folgenden eine Prima-vista-Übersicht der prägnanten Thesen seiner Hauptwerke vorgestellt, die für das Verständnis des Untersuchungsgegenstandes dieser Hausarbeit, Materie und Gedächtnis (1869) , förderlich erscheint.
In Bergsons erstem Buch, Zeit und Freiheit (1889) , wird der zentrale Begriff der Dauer (durée) herausgearbeitet. Dieser ist in Opposition zum Raum (espace) und der Mischform beider, die Zeit (temps), zu betrachten. Die durée ist das Theorem, das für seine Philosophie in differierender Form grundlegend ist. Sie ist als heterogene, qualitative Dauer zu verstehen im Gegensatz zu einer numerischen, quantitativen Auffassung der Zeit, die vom Geist (esprit) in einem homogenen Raum entfaltet wird. Zur Begriffsklärung der beiden temporalen Wörter sei an dieser Stelle darauf hingewiesen, dass die durée in Zeit und Freiheit der Psyche, also dem Inneren, zugeordnet wird und nicht den Ablauf einer Zeitspanne außerhalb des Menschen darstellt. Sie wird vielmehr mit einem sich kontinuierlich fortsetzenden Werden und Wandel assoziiert. Die durée ist in der deutschen Übersetzung mit den Eigenschaften der Fortdauer, Haltbarkeit, Beständigkeit und Unveränderlichkeit besetzt, während der Begriff der temps die physikalische Auffassung der Zeit (t) beschreibt. Das bewusste Erleben der Wirklichkeit kann sich für Bergson nur durch das Hineinversetzen in die Dauer vollziehen - er nennt dies die Methode der Intuition.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Materie und Gedächtnis
Von der Auswahl der Bilder bei der Vorstellung.
Die Funktion des Leibes
3. Abre los ojos – öffne die Augen
4. Abschließende Bemerkung
5. Literatur
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Die Arbeit untersucht Henri Bergsons Wahrnehmungstheorie in seinem Werk "Materie und Gedächtnis" und wendet diese Erkenntnisse auf den Psychothriller "Abre los ojos" an, um die Reziprozität von Realität und Virtualität innerhalb der menschlichen Wahrnehmung zu analysieren.
- Grundlagen der Lebensphilosophie Henri Bergsons
- Die prozessuale Bildtheorie und die Funktion des Gedächtnisses
- Die Unterscheidung zwischen reiner Wahrnehmung und subjektiver Erinnerung
- Analyse der hybriden Wahrnehmungsstrukturen im Film "Abre los ojos"
Auszug aus dem Buch
1. Kapitel: Von der Auswahl der Bilder bei der Vorstellung. Die Funktion des Leibes
„Wir wollen uns einen Augenblick vorstellen, dass wir weder von den Theorien über die Materie, noch von den Theorien über den Geist, noch von den Streitigkeiten über die Realität oder Idealität der Außenwelt irgendetwas wüssten. Da sehe ich mich dann umgeben von Bildern (...)“
Diesen Satz stellt Henri Bergson seiner Abhandlung programmatisch voran. Materie und Gedächtnis möchte sich mit einem „gesunden Menschenverstand“ der Betrachtung der Materie annähern und stellt sich in Opposition zu den philosophischen Vordenkern der Realismus- und Idealismusschule. Bergson lehnt eine kategorische dualistische Einordnung, wie die der Realität vs. der Subjektivität oder die einer Subjekt-Objekt-Trennung ab. Er stellt jedoch aus exemplarischen Gründen einen Dualismus hinsichtlich des Geistes gegenüber der Materie auf, wobei sich das Gedächtnis als deren Schnittstelle erweisen soll.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Philosophie von Henri Bergson ein und erläutert die Bedeutung seines Werkes "Materie und Gedächtnis" für die Untersuchung des menschlichen Bewusstseins.
2. Materie und Gedächtnis: In diesem Kapitel wird Bergsons Wahrnehmungstheorie dargelegt, die das Gedächtnis als entscheidende Schnittstelle zwischen Geist und Materie definiert.
3. Abre los ojos – öffne die Augen: Die theoretischen Ansätze Bergsons werden hier als Analysewerkzeug verwendet, um die Verschränkung von Realität und Traum im Film "Abre los ojos" zu untersuchen.
4. Abschließende Bemerkung: Die Arbeit resümiert, wie das Zusammenspiel von Wahrnehmungs- und Erinnerungsbildern zur Konstruktion von Wirklichkeit beiträgt und welche Rolle dabei die subjektive Wahrnehmung spielt.
5. Literatur: Auflistung der verwendeten Primär- und Sekundärliteratur.
Schlüsselwörter
Henri Bergson, Materie und Gedächtnis, Wahrnehmung, Erinnerung, Dauer, durée, Bildtheorie, Geist, Körper, élan vital, Realität, Virtualität, Abre los ojos, Bewusstsein, Intuition
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit thematisiert die Wahrnehmungstheorie des Philosophen Henri Bergson, insbesondere das Verhältnis von Geist und Materie, und veranschaulicht diese durch eine Filmanalyse.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Die zentralen Felder sind die Philosophie der Dauer, die Funktion des Gedächtnisses als konstituierendes Element der Wirklichkeitswahrnehmung und deren mediale Darstellung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, zu zeigen, wie Bergsons Thesen zu "Materie und Gedächtnis" helfen können, die hybriden Wahrnehmungsstrukturen in narrativen Werken wie dem Film "Abre los ojos" zu entschlüsseln.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird eine philosophisch-theoretische Herleitung gewählt, die anschließend im Rahmen einer immanenten Filmanalyse angewendet wird.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Erarbeitung von Bergsons Bildbegriff und eine praktische Anwendung dieser Theorie auf das Anwendungsbeispiel des Psychothrillers.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Zu den prägenden Begriffen zählen neben der "Dauer" (durée) vor allem der prozessuale "Bildbegriff", die "reine Wahrnehmung" und das "subjektive Gedächtnis".
Wie definiert Bergson den menschlichen Leib im Kontext der Wahrnehmung?
Bergson beschreibt den Leib als ein bevorzugtes "Bild" und als ein Zentrum von Handlungen, das zwischen Außenwelt und Geist vermittelt.
Welche Bedeutung hat das Filmbeispiel "Abre los ojos" für Bergsons Philosophie?
Der Film dient als Modell, um zu demonstrieren, wie Erinnerungen und virtuelle Realitäten die Wahrnehmung eines Individuums beeinflussen und von der objektiven Realität ununterscheidbar machen können.
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- Benjamin Pauwels (Author), 2003, Henri Bergson, Materie und Gedächtnis. Über die Reziprozität der Bilder bei der Wahrnehmung, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/52936