Der Essay als Spiegel eines modernen Bewusstseins


Seminararbeit, 2005
25 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1. Einführung
1.1 Themenübersicht
1.2 Der Essay: Versuch einer Merkmalsbestimmung

2. Montaigne und Bacon: Ahnherren der Essayistik
2.1 Michel de Montaignes „Les Essais“ (1580/1588)
2.1.1 Entstehungshintergründe: Der Essay als literarische Gattung
2.1.2 Montaignes „Essais“ – Ein „Spaziergang“ in Gedanken
2.2 Francis Bacon und „The Essayes or Counsels, Civill and Morall“ (1597)
2.2.1 Der Autor und die Diskontinuität der Moderne
2.2.2 „Wissen ist Macht“: Bacons „Reform“ der Essayistik

3. Der Essayismus und seine Bedeutung im Medienwandel
3.1 Zur Geschichte des Buchdrucks
3.2 Elizabeth Eisenstein und die Auswirkungen der „Druckerpresse“
3.3 Medientheoretische Gedanken: Die moderne Kultur und ihre Medien

4. Ausblick

5. Quellenangaben

1. Einführung

1.1 Themenübersicht

Die vorliegende Arbeit erstreckt sich in ihrer thematischen Bandbreite sowohl auf Teilaspekte der gesamten Literaturwissenschaft, als auch auf eine einzelne literarische Gattung: die Essayistik. Deshalb werde ich die Arbeit in zwei größere Teilgebiete gliedern. Der erste Abschnitt ist dabei der Essayistik im Allgemeinen (Versuch einer Gattungsbestimmung sowie weiterführende Informationen) und im Besonderen (ausgewählte Essays von Montaigne und Bacon) gewidmet. Im zweiten Teil werde ich mich anschließend mit den kulturellen und gesellschaftlichen Hintergründen in der frühen Neuzeit befassen, die maßgeblich an der Entstehung neuer medialer und literarischen Formen beteiligt waren, sowie im Schlusskapitel einige Ausblicke in die mediale Gegenwart und Zukunft des Essayistischen wagen.

Beginnen möchte ich mit dem Versuch einer näheren Beschreibung des Begriffs „Essay“ bzw. essayistisch, um anschließend den Essay als eigenständige Gattung von anderen literarischen Formen abzugrenzen und in einen separaten Entstehungszusammenhang fügen zu können. Diese Merkmalssammlung der Essayistik soll anschließend anhand ausgesuchter „Essais“[1] von Michel de Montaigne und einigen „Essays“[2] von Francis Bacon aufgrund ihrer jeweiligen Rahmenbedingungen geprüft werden. Danach möchte ich dazu übergehen, den Essay in seiner gattungsspezifischen Bedeutung auf seinen kulturellen und medialen Stellenwert hin zu untersuchen. Dabei werde ich mich, ausgehend von einer kurzen Darstellung der Geschichte des Buchdrucks, auf „Die Druckerpresse. Kulturrevolution im frühen modernen Europa“[3] von Elizabeth Eisenstein stützen, um die medialen Eigenheiten der Essayistik in einen literar-historischen Zusammenhang zu stellen. Die darauffolgenden Betrachtungen ausgewählter Theorien von Harold Adam Innis, Marshall McLuhan, Michael Giesecke, Stuart Hall und Theodor W. Adorno sollen dabei helfen, den Zusammenhang zwischen menschlicher Identitätsfindung, kulturell geprägten Prozessen und der Entstehung neuer medialer Ausdrucksweisen eingehender zu durchleuchten, um dem essayistischen Verfahren trotz seines formalen und inhaltlichen Freiheitsanspruchs einen angemessenen Platz in der Geschichte – und der Zukunft – der Literaturwissenschaft zuweisen zu können.

1.2 Der Essay: Versuch einer Merkmalsbestimmung

Neben dem Essay gibt es wohl kaum einen anderen literarischen Begriff, der so viele Fragen hinsichtlich seiner formalen und inhaltlichen Festlegung aufwirft. Der Essay entzieht sich in jeglicher Hinsicht einer strengen Definition und entspricht auf formaler Ebene dessen, was er inhaltlich thematisiert. Um dies näher erläutern zu können und dennoch die einzige feststehende Regel der Essayistik – nämlich ihre Absage an jegliche Doktrin – nicht zu verletzen, werde ich anhand einer Merkmalssammlung versuchen, die Bedingungen und Ausdrucksmöglichkeiten des essayistische Verfahrens näher zu erläutern.

Der Begriff Essay stammt ab von dem französischen „essayer“ (versuchen, kosten, probieren) und hängt eng mit dem Verfahren des Experimentierens und der Ergebnisfindung zusammen. Ausgehend von dieser Übersetzung findet sich in zahlreichen Lexika eine vorsichtige Bestimmung des Essayistischen. Bei der Recherche über den Essay stößt man z.B. auf seine „Bezeichnung für ein überlegt gestaltetes, kürzeres Prosastück, das eine subjektiv-tastende Gedankenbewegung über ein beliebiges Thema formuliert.“[4] Ein weiterer Lexikoneintrag unterstreicht die „nicht zu umfangreiche, stilistisch anspruchsvolle, [...] unsystematisch[e], aspekthaft dargestellt[e]“ Thematik des Essays.[5] Da solche Beschreibungen jedoch dem Komplex des essayistischen Verfahrens nicht gerecht werden, ist es sinnvoller, dem Wesen des Essays anhand der Auflistung zentraler Merkmale näher zu kommen. Den Essay kennzeichnen im Allgemeinen folgende Haltungen auf Seiten des Autors aus: eine „skeptisch-souveräne Denkhaltung“, ein „Misstrauen gegenüber festen Ergebnissen“, sowie eine „dialektische Sichtung der Wirklichkeit“, mit welcher der zu behandelnde Thematik anhand einer „offenen Fragestellung“ in einem „prozesshaften Denkvorgang“ nachgegangen wird.[6] Die assoziative Gedankenführung des Essays bedarf eines hohen literarischen Geschicks sowie eines gewissen Grads an geistiger Bildung, die auch auf Seite des Lesers vorausgesetzt wird, da diesem das „gedankliche Fazit“ des Essays überlassen bleibt.[7] Bei der Betrachtung des Verhältnisses zwischen Autor und Leser wird beim Essay deutlich, dass dieser in besonderer Weise von einer aufgeklärten – zur Reflexion fähigen – Leserschaft abhängig ist und eine dialogische Kommunikation zwischen Autor und Leser bedingt.

In diesem Punkt unterscheidet sich der Essay unter anderem auch von seiner verwandtschaftlichen Beziehung zur Abhandlung oder zum Feuilleton, denn während die Abhandlung anhand einer lückenlosen wissenschaftlichen Darstellung dem Leser in belehrender Weise Kenntnisse zuführt, zielt im Gegensatz zur essayistischen kritisch-sukzessiven Betrachtung eines Themas der Feuilleton auf die spielerische Unterhaltung des Lesers ab.[8] Während andere literarische Gattungen (mehr oder minder) strengen Gestaltungsregeln unterworfen sind, verpflichtet sich die kategoriale Unverbindlichkeit der essayistischen Methode einzig dem jeweiligen Autor. Das erklärt auch, weshalb der Versuch einer definitorischen Beschreibung des Essayistischen einzig einen groben Überblick über die formale und inhaltliche Bandbreite der essayistischen Gestaltungsmöglichkeiten leisten kann.

2. Montaigne und Bacon: Ahnherren der Essayistik

2.1 Michel de Montaignes „Les Essais“ (1580-1588)

2.1.1 Entstehungshintergründe: Der Essay als literarische Gattung

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Da der Essay in seiner komplexen Gestalt nicht allumfassend definiert werden kann, wird die Betrachtung seiner geschichtlichen Entwicklung und kulturellen Herkunft umso wichtiger für die Analyse seiner Bedeutung in der Literaturgeschichte sowie seiner Auswirkungen auf die freie Meinungsbildung der Leserschaft. Untersuchungen haben ergeben, dass es bereits in der Antike strukturale Vorformen des Essayismus gab, so z.B. bei Seneca, Cicero oder Horaz. An diesen literarischen Vorläufern hat sich vermutlich auch der Ahnherr der Essayistik, Michel de Montaigne, orientiert, als er Ende des 16. Jahrhunderts seine „Essais“ niederschrieb. Um den Charakter dieses Werks näher zu durchleuchten, möchte ich den Lebensweg Montaignes kurz skizzieren.[9]

Bildquelle: http://de.wikipedia.org/wiki/Michel_de_Montaigne

Michel Eyquem de Montaigne wird am 28. Februar 1533 auf Schloss Montaigne in der Dordogne geboren. Das Studium der Rechtswissenschaften ebnet ihm den Weg zu einer erfolgreichen juristischen Karriere: Er pflegt enge Beziehungen zum königlichen Hof, wird 1557 Parlamentsrat und ist ab 1582 als Bürgermeister von Bordeaux tätig. Nach dem Verlust seines besten Freundes Étienne de La Boëtie sowie dem Tod des Vaters zieht sich Montaigne von seinen öffentlichen Geschäften zurück und arbeitet in Abgeschiedenheit von 1572 bis 1580 an den ersten beiden Büchern seiner „Essais“.[10] Im selben Jahr bricht er zu einer Reise durch Deutschland, die Schweiz und Italien auf. Nach seiner Rückkehr sieht er sich in Frankreich mit schweren politischen Unruhen und dem Ausbruch der Pest konfrontiert, die ihn 1585 schließlich zwingt, sein Bürgermeisteramt niederzulegen. Die ihm verbleibenden Jahre verbringt er mit der Ergänzung und Überarbeitung seiner „Essais“, die er 1588 um das dritte Buch erweitert. Am 13. September 1592 stirbt Montaigne auf seinem Landsitz. Dank seines literarischen Vermächtnisses wird seine humanistisch-moralistische Denkhaltung bis in die hinein Gegenwart transportiert: Mit den drei Büchern der „Essais“ begründet er die literarische Gattung der Essayistik und übte damit großen Einfluss auf nachfolgende Schriftsteller und Philosophen aus. Neben seinen schriftstellerischen Fähigkeit sind es jedoch auch die äußeren Umstände, die bei der Entstehung seiner „Essais“ maßgeblich beteiligt sind. Betrachtet man die Geschichte der Essayistik, so lässt sich ein deutlicher Zusammenhang erkennen zwischen kulturell bedingten Umbruchzeiten und einer damit einhergehenden Präsenz des Essayistischen.[11] So trägt der Essay in Zeiten erhöhter geistig-gesellschaftlicher Kultur zur „Klärung und Deutung des Erreichten“ bei, während er in Krisenzeiten eher als „gedanklich-erzählerische Neuorientierung“ verstanden werden kann.[12] Auch Montaignes „Essais“ zeugen vom Charakter dieser Neuorientierung. Seine Schriften entstanden zu einer von Aufruhr geprägten Zeit, die die Folge kontroverser Machtansprüchen zwischen der englischen und französischen königlichen Erbfolge darstellten. Bedingt durch die Spannungen des Hundertjährigen Krieges kam es zur Schwächung der französischen Monarchie und ihr Herrschaftsmonopol geriet ins Wanken. In den Streit um die Krone mischte sich auch die Kirche: In den Hugenottenkriegen, die in der Bartholomäusnacht vom 23. August 1572 ihren blutigen Höhepunkt fanden, kämpften die Vertreter des protestantischen und des katholischen Glaubens erbittert gegeneinander.

Während dieser angespannten politischen Lage beschäftigte sich Montaigne intensiv mit den Fragen des menschlichen Lebens, die sich in den „Essais“ als literarisch-gedanklicher Ausdruck seines subjektiven Erfahrungsschatzes widerspiegeln – und dennoch allgemeingültigen Charakter besitzen, wenngleich es Montaigne fern stand, seine Leser zu bevormunden. Das methodische Ziel seiner Essais lautete vielmehr: Vertrauen schaffen, überzeugen statt überreden.[13] Überträgt man dieses Bedürfnis nach geistigem Tiefgang und kommunikativ fruchtbarem Austausch auf die politisch verfahrene Situation dieser Zeit, so wird deutlich, wie eng die in den „Essais“ behandelte Thematik mit dem äußeren Wandel in Verbindung stehen. Allein die regionalgeschichtlichen Hintergründe erklärt jedoch nicht den gesamten Entstehungshorizont der essayistisch-literarischen Gattung. Bevor ich in Punkt 3 dieser Arbeit dazu übergehen werde, das Phänomen der Essayistik im Hintergrund der Verbreitung des Buchdrucks zu untersuchen, möchte ich mich einzelnen Aspekte der essayistischen Kunst von Michel de Montaigne widmen, um im anschließenden Vergleich mit der essayistischen Methode Bacons die individuellen essayistischen Ausdrucksmöglichkeiten in den Kontext kultureller Entwicklung stellen zu können.

2.1.2 Montaignes „Essais“ – Ein „Spaziergang“ in Gedanken

Das essayistische Werk Montaignes verteilt sich auf drei Bücher mit insgesamt 107 „Essais“. Obwohl das essayistische Verfahren keine Regeln hinsichtlich der Wahl seines inhaltlichen Gegenstandes kennt, konzentriert sich Montaigne in seinen „Essais“ auf Fragen des Mensch-Seins in Verbindung mit gesellschaftlichen und kulturell geformten Systemen. Das erste Buch bildet mit 57 „Essais“ die umfangreichste Sammlung und umfasst Gedanken zu kulturell abhängigen Wertvorstellungen (z.B. „Von den Menschenfressern“, Kap. 30) und emotionalen Themen wie „Über die Freundschaft“ (Kap. 28) oder „Philosophieren heißt sterben lehren“ (Kap. 20). Im zweiten Buch beschäftigt sich Montaigne in 37 „Essais“ unter anderem mit der Bedeutung kulturell geschaffenen Wissens („Über Bücher“, Kap.10) und menschlich bedingtem Verhalten, z.B. „Über die Grausamkeit“ (Kap. 11) und in der „Apologie des Raimond Sebundus“ (Kap. 12). Das dritte Buch stellt den kleinsten Teil des Werkes dar und markiert mit 13 „Essais“ wie denen „Über einige Verse des Vergil“ (Kap. 5) oder „Über die Erfahrung“ (Kap. 13) inhaltlich wie formal den Abschluss von Montaignes „Lebensbuch“.

[...]


[1] Montaigne, Michel Eyquem de: Essais. Übersetzt von Hans Stilett, Frankfurt a.M.: Eichborn 1998. Erstveröffentlichung der Gesamtausgabe: Paris 1588.

[2] Bacon, Francis: Essays oder praktische und moralische Ratschläge. Übersetzt von Elisabeth Schücking, Stuttgart: Reclam 2005. Erstveröffentlichung im Original: The Essayes or Counsels, Civill and Morall, Viscount St. Alban 1625.

[3] Eisenstein, Elizabeth: Die Druckerpresse. Kulturrevolutionen im frühen modernen Europa. Wien/New York: Springer 1997.

[4] Bondy, Francois (Hrsg.): Lexikon der Weltliteratur. Autoren, Werke, Begriffe, Bd. 1. Dortmund: Harenberg 1995, S. 888.

[5] Schweikle, Günther und Irmgard (Hrsg.): Metzler-Literatur-Lexikon. Begriffe und Definitionen. Stuttgart: Metzler 1990, S. 139.

[6] Vgl. Ebenda.

[7] Ebenda.

[8] Vgl. Ricklefs, Ulfert (Hrsg.): Fischer Lexikon. Literatur, Bd. 1, Frankfurt a. M.: Fischer 1996, S. 619f.

[9] Soweit nicht anders vermerkt beziehen sich die biografischen Angaben Montaignes auf: Schultz, Uwe: Montaigne. Hamburg: Rowohlt 1989, S. 142-144.

[10] Die Veröffentlichung der Erstausgaben der „Essais“ ist datiert auf das Jahr 1580 (Bordeaux), 1588 folgte schließlich die Erstveröffentlichung der um das dritte Buch erweiterten Gesamtausgabe in Paris.

[11] Vgl. Ebenda, S. 626.

[12] Ebenda. Vgl. auch: Schweikle, Günther und Irmgard (Hrsg.): Metzler-Literatur-Lexikon, a.a.O., S. 139.

[13] Vgl. Hocke, Gustav Réné (Hrsg.): Der französische Geist. Geistesgeschichtliche Untersuchung der französischen Essayistik. Zürich: Diogenes 1988, S. 8f.

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Der Essay als Spiegel eines modernen Bewusstseins
Hochschule
Universität Konstanz
Note
1,0
Autor
Jahr
2005
Seiten
25
Katalognummer
V53020
ISBN (eBook)
9783638485807
ISBN (Buch)
9783638708883
Dateigröße
534 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Essay, Spiegel, Bewusstseins
Arbeit zitieren
Amely Braunger (Autor), 2005, Der Essay als Spiegel eines modernen Bewusstseins, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/53020

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