Erkenntnis und Täuschung - Untersuchungen zur frühen Mikroskopie im 17. Jahrhundert


Hausarbeit (Hauptseminar), 2005

39 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Vorbemerkungen

2. Die Bewaffnung des Auges

3. Die Entdeckung der Kleinen Welt

4. Erkenntnis und Täuschung

5. Quellen- und Literaturverzeichnis

Vorbemerkungen

An der Schwelle zum 17. Jahrhundert wird das traditionelle Weltbild nachhaltig erschüttert. Tiefgreifende Einschnitte in den verschiedensten sozialen Praktiken und Wissensgebieten stellen die Denk- und Sehgewohnheiten des Menschen vor ungeheure neue Anforderungen. Eine neue Generation von Forschern und Entdeckern bewaffnet sich mit instrumenteller Technik und macht sich daran das Erbe ihrer Vordenker zu entfalten, zu überbieten und auf neue Grundlagen zu stellen. Gewissermaßen im Brennpunkt dieser Entwicklung - im Schnittpunkt von Wissenschaft, Technik, Kunst und Religion - steht das besondere Interesse der Zeit an optischen Geräten, die in entscheidendem Maße die neuen Wissenschaften initiieren und damit verbunden, ein neues Selbst- und Weltverständnis des Menschen etablieren. Die Vorstellungen des Menschen von seiner Position innerhalb der Natur und des Kosmos, wie von seinen Wahrnehmungs- und Erkenntnismöglichkeiten werden erheblichen Korrekturen unterworfen. Wenn man von einer visuellen und wissenschaftlichen Zeitenwende sprechen möchte, die sich im 16. Jahrhundert ankündigt, erfährt diese durch die Wirkungskraft optischer Apparate eine schwindelerregende Dynamik und ist im entscheidender Weise gekennzeichnet durch die Erweiterung des Sichtbaren. Gerade die Zeiten großer Innovation und Veränderung sind zwangsläufig auch die Zeiten großer Krisen und Widersprüche. So schürt die instrumentelle Erweiterung des Sichtbaren gleichzeitig den Zweifel an der Evidenz des Sichtbaren. Das „neue Sehen“ muss erst erlernt werden, zur Gewohnheit werden und neue Orientierungsmuster ausprägen.

Im Zentrum dieser Untersuchung steht ein technisches Objekt, dem sich der Mensch auf eine neue Weise bedient und welches sich gleichzeitig dem Menschen selbst bemächtigt. Die optische Linse. Sie vermag als Werkzeug wissenschaftlicher Erkenntnis und medialer Täuschung, gleichzeitig Realitäten und Illusionen zu erzeugen und verkörpert damit die Umbrüche und Widersprüche der Zeit im besonderen Maße. Es soll dabei im Folgenden keineswegs um eine finalistische Wissenschaftsgeschichtsschreibung gehen, die ihren vorläufigen Höhepunkt möglicherweise in dem auf Jupiter gerichteten Blick Galileis durch das Teleskop ausmachen könnte, sondern vielmehr um eine Untersuchung der Brüche und Überschneidungen, der Fehleinschätzungen, Verzögerungen und Rückschritte, des Unzeitgemäßen und Transitorischen in der Entwicklung dieser Epoche und ihrem Verhältnis zur optischen Technik. Es scheinen gerade die Irrtümer und Täuschungen, die sich nicht problemlos in eine Fortschrittsgeschichte einschreiben lassen, den neuen Wissenschaften und dem neuen Denken entscheidende Impulse geliefert, zumindest stark geprägt zu haben. Untersuchungsobjekte stellen hier auch weniger die Entwicklung der physikalischen Optik und Anwendung von Camera obscura, Laterna magica oder die ` großen´ Entdeckungen der Astronomie durch die Teleskopie dar, sondern im Schwerpunkt der instrumentelle Blick auf die `kleine´ Welt, also die Vergrößerung des Unscheinbaren, des Nahen und oftmals Lebendigen durch die frühe Mikroskopie im 17. Jahrhundert.

Das Mikroskop eröffnete, im Gegensatz zum Teleskop, einen völlig neuen Wissensbereich, der als wissenschaftliches Forschungsfeld erst noch etabliert werden musste. Teleskop wie Mikroskop erzeugten zuallererst neuartige Bilder und Erscheinungen, die in vorhandene Vorstellungsmuster integriert werden mussten bzw. diese als überholt erscheinen ließen. Diese instrumentell erzeugten Phänomene mussten sich unter erheblichen Widerständen gegen traditionelles Buchwissen durchsetzen, zumindest dort wo sie ihm widersprachen, und sich als evidente und relevante Tatsachen Anerkennung verschaffen. Die entstandenen Bilder verursachten in viel stärkerem Maße Probleme, zum einen ihrer Darstellung und zum anderen ihrer Deutung, als dass sie ohne weiteres in Wissen überführt werden konnten. Der wissenschaftliche Umgang mit ihnen verlangte vor allem Abstraktions- und Reflektionsvermögen und Erfahrung. So zeigen sich in der Frühzeit der Mikroskopie fast wirkungsmächtiger noch, als die mutmaßlichen Erkenntnisse aus dieser Praxis der Sichtbarmachung, die ästhetischen und psychologischen Konsequenzen eines Blicks auf die vergrößerten Landschaften der alltäglichen Dinge. Von Faszination und Irritation über Ablehnung und Unverständnis bis Abscheu und Angst reichen die Reaktionen der Anfangsjahre aus dem Kontakt mit den neuen Welten.

Um mir eine Schneise durch dieses breitgefächerte Untersuchungsfeld zu schlagen und um die besondere Rezeptionssituation optischer Geräte und ihrer Visualisierungsmöglich-keiten um 1700 zu geben, werde ich in einem ersten Teil überblicksartig die Entwicklung von Optik und Sehtheorie unter besonderer Berücksichtigung der optischen Linse nachvollziehen. Anschließend soll spezieller auf die Entstehung und Entwicklung der Mikroskopie im 17. Jahrhundert und auf ihre Bedeutung innerhalb der wissenschaftlichen und ästhetischen Diskurse der Zeit eingegangen werden. Im Weiteren will ich versuchen einen zusammenfassenden Blick auf die Ambivalenz von Erkenntnisgewinn und Täuschungsmöglichkeit im Umgang mit mikroskopischen Instrumenten und deren Ergebnissen zu werfen. Gerade die Praktiken und Ergebnisse der optischen Technik in ihrem problematischen Spannungsverhältnis zwischen Rationalität suggerierender Evidenzerzeugung und misstrauischem Zweifel stand hier im direkten Bezug zu den kontroversen erkenntnistheoretischen Debatten der frühneuzeitlichen Philosophie und Naturwissenschaft.

Unter dem Mikroskop, dass weder Bildtechnik im engeren Sinne noch ein Speichermedium darstellt, soll hier ein Gerät verstanden werden, dass mittels einer oder mehrerer optischer Linsen eine mindestens 20fache Vergrößerung naher Objekte für das menschliche Auge hervorbringt. Eine genauere technische Unterscheidung der einzelnen Konstruktionsprinzipen, beispielsweise zwischen einfachen und zusammengesetzten Mikroskopen, spielt im Folgenden eine untergeordnete Rolle, schon allein weil die vermeintlich primitiveren einfachen Mikroskope, wie sie Leeuwenhoek benutzte und die man heute wohl eher als eigenwillige Lupen bezeichnen würde, den Linsensystemen der damaligen Zeit überlegen waren. Es geht hier, wie bereits angedeutet, nicht um eine Fortschrittsgeschichte von Technik und Wissenschaft in der Neuzeit, sondern um die äußerst ambivalenten und verzweigten Einflüsse optischer Linsen und ihres Vergrößerungseffekts auf das Selbstverständnis der Epoche. Optische Linsen als technische Objekte stehen hier in den Funktionen der (Wahrnehmungs-)Prothese, des (Erkenntnis- oder auch Täuschungs-) Instruments und gleichzeitig als Symbol, Metapher und Modell innerhalb unterschiedlicher kultureller Praktiken und Vorstellungen.

Die Bewaffnung des Auges

Die schöne Formulierung von den „Waffen der Sinnen“, die auf Baumgarten[1] zurückgeht und in der deutschsprachigen Literatur vor allem als `Bewaffnung des Auges´ so ungemein populär wurde, verweist einerseits auf den militärischen Nutzen dieser Technik bzw. auf einen Zusammenhang zwischen optischen Instrumenten und Gewalttätigkeit,[2] worauf noch einzugehen sein wird. An dieser Stelle sei nur kurz auf die enge, immer wiederkehrende und offengestanden wenig verwunderliche Verbindung von neuer optischer Technik und neuer ästhetisch-wissenschaftlicher Vorstellung bei Baumgarten hingewiesen, der dabei vor allem, aber nicht nur, „Vergrößerungs- und Fern-Gläser“ im Auge hatte. Die neue Ästhetik bedient sich also der aktuellen Medien, die der Ausdifferenzierung der Wissenschaften erheblichen Vorschub leisteten. Der fokussierte Blick auf einen Ausschnitt der Dinge lässt neue spezialisierte Disziplinen und Teilbereichen des Wissens entstehen.

Bei Baumgarten rangiert die Ästhetik als die `Logik der unteren Erkenntnisvermögen´ bzw. als neu zu begründende Wissenschaft über die Gesetze der sinnlichen, lebhaften Erkenntnis´ und wird damit gegenüber der traditionellen Logik, wenn auch nicht gleichberechtigt, so doch zumindest aufgewertet. Die Frage nach dem Verhältnis von `Schönheit´, Wahrnehmung und Erkenntnis stellt sich beim Gebrauch neuer optischer Werkzeuge somit stets auf Neue. Insbesondere die Ergebnisse des Mikroskops wurden je nach Blickrichtung und Neigung, entweder als Sichtbarmachung oder als Zerstörung natürlicher Schönheit, sowie entweder als Erzeugung oder Verwirrung wissenschaftlicher Erkenntnis, gedeutet. Bestes und bekanntestes Beispiel ist sicherlich Goethe, der letzte Zweifel am Nutzen instrumenteller Optik anmeldete, wobei er sich des Mikroskops bediente und es zugleich ablehnte. Insofern steht das klassische, romantische Denken, hier sehr weit gefasst, für eine eher ablehnende, aber keinesfalls konsequente Haltung gegenüber instrumentell erzeugten Erscheinungen. Soweit ein nur kurzer Ausblick auf die Rezeption des Mikroskops späterer Jahre, in der die wissenschaftliche Euphorie verflogen war und die Entwicklung des Instruments stagnierte. Im Ganzen führt das jedoch über den Zeitraum dieser Betrachtung hinaus.

Eine Geschichte der optischen Linsen beginnt gewöhnlich mit geschliffenen Bergkristallen aus antiken Fundstätten, deren Zweck allerdings fraglich bleibt und die heute gemeinhin als Schmuckstücke etikettiert sind.[3] Während die Nutzung von Brenngläsern den Griechen schon vertraut war, finden sich in den antiken Quellen keine verwertbaren Anhaltspunkte zur Anwendung vergrößernder Technik, obgleich ihnen das Phänomen selbst nicht entgangen sein konnte. Auch wenn Ptolemäus einige Untersuchungen zur Lichtbrechung anstellt, findet sich jedoch keinerlei gezielte optische Vergrößerung von Gegenständen oder gar Lebewesen in den Quellen und scheint in der Antike unbekannt, unnatürlich, ja geradezu ungedacht geblieben zu sein. Ein Grund dafür mag auch die antike Sehstrahlentheorie gewesen sein, die bis ins späte Mittelalter dominant bleiben sollte. Die Vorstellung von Sehstrahlen als tastenden Entitäten des Auges scheint sich weniger mit dem Phänomen der Lichtbrechung zu vereinbaren als die Empfangstheorie, die sich seit dem Ende des 13. Jahrhunderts durchzusetzen beginnt, ohne jedoch ausschließlich zu gelten.[4] Die Impulse für die neuen optischen Theorien kamen von arabischen Gelehrten, namentlich vor allem von Alhazen, (965-1038/9), dessen „Schatz der Optik“ zu dieser Zeit erstmals ins lateinische übersetzt wurde.[5] Die Vergrößerungswirkung von gläsernen Kugelsegmenten wird darin erstmals explizit beschrieben und untersucht. Für eine praktische Nutzung als Sehhilfe oder gar für empirische Untersuchungen, findet sich darin jedoch kein Anhaltspunkt. An dieser Stelle sei nochmals auf die Bedeutung arabischen Handwerks und Gelehrsamkeit für den technischen und geistigen Aufschwung Europas hingewiesen. Insbesondere der Arbeit spanischer Übersetzerschulen hatte das Aufleben der Wissenschaften einiges zu verdanken, diesbezüglich vor allem die Wiederentdeckung des Aristoteles und damit verbunden eine zaghafte Belebung der empirischen Naturforschung. Allerdings war es auch gerade die Autorität solcher Schriften, die darüber hinaus gehende Erkenntnisse der Naturerscheinungen bremste.

Ein neuer wissenschaftlicher Forschergeist hält zögerlich Einzug, angetrieben durch die ersten Universitätsgründungen seit ca. 1200 und in zunehmenden Maße von der Entwicklung des handelsstädtischen Handwerks und Kaufmannstums befördert. In diesem Umfeld findet die Linse als Sehhilfe im Italien des 13. Jahrhunderts seine Einführung und lässt zahlreiche optische Werkstätten und Glasschleifereien entstehen, ohne dass das dazu geführt hätte, die neuen Sehwerkzeuge zur Untersuchung kleiner Objekte zu gebrauchen. Ein empirisches Interesse an den kleinen, unsichtbaren Dingen der Natur gab es im Prinzip nicht. Was der Sichtbarkeit des Menschen entzogen war, musste auch seinem Wissen entzogen bleiben. Auch die Herkunft der Linsen aus einem eher profanen handwerklichen Umfeld,[6] lies sie für wissenschaftliche Zwecke weitgehend unbrauchbar erscheinen. Die Linse wurde zur Augen-Prothese im Dienste des Buchwissens und erst 300 Jahre später zu einem Instrument der Beobachtung der Welt. Die ältesten erhaltenen Darstellungen von Brillen stammen aus dem 14. Jahrhundert und zeigen vor allem Geistliche beim Lesen.[7] Doch auch hinter die Klostermauern, die das Wissen des Mittelalters so streng behüteten, geriet Bewegung, die jedoch schnell wieder auf die eigenen Grenzen ihres dogmatischen Erbes stieß.

In diesem Zusammenhang erscheint der universalgelehrte Franziskanermönch Roger Bacon (ca.1219-1292) von Interesse. Zum einen weil er sich die „volle Ausschöpfung des Wißbaren zum Ziel“ setzte und zum anderen weil er dazu die Methoden des wissen-schaftlichen Experiments und der instrumentellen Untersuchung propagierte.[8] In seinem Opus Majus beschäftigt er sich unter anderem mit optischen Problemen und es finden sich sogar vage Andeutungen von Linsensystemen. Er spricht dabei vom „Wunder des gebrochenen Sehens“ mit dessen Hilfe man Sterne und Planeten „heruntersteigen“ lassen könnte.[9] Im allgemeinen bleiben diese Stellen allerdings sehr unklar und stark magisch aufgeladen, aber gerade deswegen erscheinen sie so bemerkenswert, denn sie enthalten die wichtigsten Zutaten neuer Wissenschaften, die sich erst im 16. und 17. Jahrhundert entfalten sollten: Die Überschreitung des Wissenshorizonts, das Experiment, das optische Instrument bezogen auf den Sternenhimmel und eben jene mittelalterliche Magie, die den Linsen noch lange anhaftete. In der Vorstellung des Mittelalters von Linsen, zeigen diese, die Dinge eben größer und näher, und nicht wie sie `wirklich´ sind.

Die Renaissance brachte nun ein optisches Medium hervor, welches wie kein Zweites dazu berechtigt hier von einer visuellen Zeitenwende zu sprechen. Das Prinzip der Camera obscura nutzte schon Aristoteles für Himmelsbeobachtungen, jedoch in seiner neuzeitlichen Form als Abbildungsmechanismus geht es wahrscheinlich auf Brunelesci und Alberti zurück.[10] In jedem Fall sind sie die Väter der Zentralperspektive als der mathematisch-geometrischen Entsprechung zur Camera. Die Folgen für die Bild-produktion, die Raum und Perspektive entdeckte, und die verschiedenen Bedeutungen innerhalb unterschiedlichster kultureller Praktiken, waren einschneidend. Darüber hinaus stellte sich die Lochkamera, als „wichtigste philosophische Metapher“ der Zeit, für die Erkennbarkeit der Welt und deren `wahrheitsgetreuer´ Abbildung, dar.[11] Sie konstruierte ein neues Bild vom Sehen, vom Verhältnis und der Stellung des Betrachters zur Außenwelt, und lieferte das Modell für den Wahrnehmungs- und Erkenntnisvorgang - von der Aneignung der Welt. Leonardo da Vinci (1452-1519), der um 1500 eine erste Beschreibung abgab, verglich das Sehen des Auges mit eben jener „dunklen Kammer“.[12] Hier konnte auch das Sehen nur noch als Empfangen gedacht werden. Es bestätigt sich hier ums andere Mal die These, dass wir nichts über unsere Wahrnehmung wissen, bevor uns nicht Medien die Modelle dafür liefern.[13]

Der Universalgelehrte Neapolitaner Giambatista della Porta (ca.1535-1615), dem zuweilen die Erfindung der Laterna magica zugeschrieben wird, also der technischen Umkehrung der Lochkamera zum Projektor, kombinierte diese Geräte mit Linsen, wodurch die Bildschärfe verbessert werden konnte.[14] Die Sammellinse hat den positiven Effekt der Lichtbündelung, anstatt der negativen Lichtfilterung des einfachen Lochs. Man könnte sagen, dass die Technik der Linsen, die sich hier zu entwickeln beginnt, das Licht selbst in die zuvor nur theoretisch entdeckte Perspektive zwingt.[15] Auch werden durch die Laterna magica erstmals relevante Vergrößerungen, vornehmlich artifizieller Bilder, angestellt. Della Porta experimentierte zudem mit verschiedenen Linsenkombinationen, wobei es ihm in erster Linie um die Entwicklung leistungsstärkerer Brillen ging. Er beschäftigte sich mit Apparaturen aller Art, sein besonderes Interesse galt dabei den Aufführungsmöglichkeiten optischer Technik, der effektvollen Inszenierung in einer Mischung aus Zauberei und Wissensvermittlung. Im Dienste der Gegenreformation wurden diese Techniken vor allem von Jesuiten wie Athanasius Kircher (1601-1680) und Gaspar Schott (1608-1666) weiterentwickelt und erregten vor allem bei der unterhaltenden Erzeugung von Illusionen, Staunen und Neugier.[16] Als Teil einer katholischen Abschreckungspropaganda warfen sie effektvoll den `Teufel an die Wand´ und waren zugleich Werkzeuge einer avancierten Wissenschaftsinszenierung. Obgleich im Dienste der Kirche, verstärkte diese Praxis die täuschende Bestimmung optischer Apparate, machte sie magisch suspekt und ließ sie durch ihr verwirrendes Spiel von Wahrnehmung, Bild und Wirklichkeit für wahren Erkenntnisgewinn zumindest problematisch erscheinen. Sie wurden vornehmlich dem Bereich des Scheins und der Künstlichkeit zugeordnet. Nichtsdestotrotz haben gerade die „gegenaufklärerischen Anwendungen optischer Systeme“[17] die Entwicklung von Technik und Theorie des Sehens entscheidend vorangetrieben.

[...]


[1] Baumgarten, Alexander Gottlieb, Zweiter philosophischer Brief (1741), in: Texte zur Grundlegung der Ästhetik, hrsg. u. übers. v. Hans Rudolf Schweizer, Hamburg 1983, S.67-72, S.72: „Hingegen wäre hier die Stelle von den Waffen der Sinnen oder denen Werkzeugen zu sprechen, durch welche wir klar zu empfinden in Stand gesetzt werden, was uns sonst nur dunkel geblieben wäre.“

[2] Vgl. Stadler, Ulrich, Der technisierte Blick... , Würzburg 2003, S.34ff.

[3] Vgl. Schmitz E.-H., Handbuch zur Geschichte der Optik, Bd.1 Von der Antike bis Newton, Bonn 1981, S.7; Gloede 1986 S.10; Mann, Heinz Herbert, Optische Instrumente, in: Erkenntnis Erfindung Konstruktion ... , hrsg. v. Hans Holländer, Berlin 2000 , S.357 - 407, S.358.

[4] Vgl. Mann 2000, S. 357f; Lindberg, David C., Auge und Licht im Mittelalter... , Frankfurt a.M. 1987

[5] Alhazen (oder Ibn al Haitham), Opticae Thesaurus ... , vgl. Schmitz 1981, S.51; Gloede 1986, S.12.

[6] Was später noch Descartes angesichts der Herkunft optischer Instrumente bedauern sollte.

[7] Vgl. dazu Mann 2000, S.360f; ausführlich in: ders., Augenglas und Perspektiv... , Berlin 1992; sehr ausführlich: Schmitz 1981, S.69ff,147ff; ders., Handbuch zur Geschichte der Optik, Erg.-Bd.3, Bonn 1995.

[8] Vgl. Blumenberg, Hans, Legitimität der Neuzeit, Frankfurt a.M. 1988, S.435: Roger Bacon als „die verketzerte Faustfigur des 13. Jahrhunderts“; dazu auch: vgl. dazu Schmitz 1981, S.60, Gloede 1986, S.12.

[9] Bacon, Roger, Opus Majus (geschr. 1267, ersch. 1273), hier nach: Mann 2000, S.363f.

[10] Leon Battista Alberti (1404-1472), Filippo Brunellesci (1377-1446), vgl. dazu Kittler 1999, S.48ff.

[11] Crary, Jonathan, Techniken des Betrachters... , Dresden u.a. 1996, S.41f.

[12] In seinen Tagebüchern (erstm. veröffentl. 1779); In seinem Codex Atlanticus (entstanden 1483, veröffentl. 1548) äußert er den Gedanken: „Manche Gläser für die Augen um den Mond groß zu sehen“, nach: Schmitz 81, S.124; Mann 200, S.362f.

[13] Vgl. Kittler 1999, S.30.

[14] Della Porta, Giambatista, Magia naturalis … (1558, 1580), dazu: Schmitz 1981, S.135ff; Gloede 1986, S.13; Gronemeyer, Nicole, Optische Magie... , Bielefeld 2004, S.73ff.

[15] Vgl. Kittler 1999, S.86.

[16] Kircher, Athanasius, Ars magna lucis et umbrae (1646,1671), Schott, Gaspar, Magia universalis... (1657f), vgl. Gronemeyer 2004, S.106ff; Kittler 1999, S. 92ff; Schmitz 1981, S.356f.

[17] Crary 1996, S.164.

Ende der Leseprobe aus 39 Seiten

Details

Titel
Erkenntnis und Täuschung - Untersuchungen zur frühen Mikroskopie im 17. Jahrhundert
Hochschule
Humboldt-Universität zu Berlin  (Institut für Kulturwissenschaften)
Veranstaltung
Das Unsichtbare
Note
1,0
Autor
Jahr
2005
Seiten
39
Katalognummer
V53140
ISBN (eBook)
9783638486682
ISBN (Buch)
9783638662550
Dateigröße
649 KB
Sprache
Deutsch
Anmerkungen
Sehr ausführliche Bibliographie
Schlagworte
Erkenntnis, Täuschung, Untersuchungen, Mikroskopie, Jahrhundert, Unsichtbare
Arbeit zitieren
Robert Hanulak (Autor), 2005, Erkenntnis und Täuschung - Untersuchungen zur frühen Mikroskopie im 17. Jahrhundert, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/53140

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