Die Todesrituale der Iban in Relation zur Hertz'schen Theorie eines zweistufigen Begräbnisprozesses


Referat (Ausarbeitung), 2005
16 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1.Einleitung

2. Quellenkritik

3. Die Ethnie der Iban
3.1 Gesellschaftliche Grundlagen
3.1.1 Kosmologie
3.1.2 Bestandteile einer Person
3.2 Gesellschaftliche Strukturen
3.2.1 Soziale Einheiten
3.2.2 Religiöse Spezialisten
3.3 Todesrituale
3.3.1 Das Totengeleit (nyenggai ` antu)
3.3.2 Das Abtrennen der bunga - Pflanze (pelian beserara bunga)
3.3.3 Das Fest der Ahnengeister (gawai antu)

4. Analyse

5. Fazit

6. Bibliographie

1. Einleitung

Der Glaube an eine Wiedergeburt, an ein Weiterleben im Paradies oder eine spätere Existenz in der Gemeinschaft der Ahnen: Jede Kultur besitzt spezifische Vorstellungen über den Tod und das, was danach kommt. Insoweit stellt die Entwicklung von Vorstellungen bezüglich des Todes eine allen Menschen gemeinsame Eigenschaft dar. Eine Auseinandersetzung mit den Todesritualen und Vorstellungen bezüglich der Ereignisse nach dem Tod ermöglichen einen tiefen Einblick in die innere Struktur und das Selbstverständnis einer Kultur.

Aus diesem Grund beschäftige ich mich in dieser Hausarbeit mit den Todesritualen der Iban auf Borneo. Eine Analyse dieser Rituale unter Berücksichtigung der gesellschaftlichen Vorstellungen über die Bestandteile einer Person sowie der Kosmologie soll ein Grundverständnis dieser Ethnie ermöglichen. Anschließend werde ich untersuchen, inwiefern sich die aus der Betrachtung der Todesrituale gewonnenen Erkenntnisse in Relation zur Hertzschen Theorie über einen zweistufigen Begräbnisprozess bringen lassen.

Robert Hertz geht in seiner Studie „The collective representation of death“ davon aus, dass der Tod eines Menschen eine Gefahr für die Kontinuität der Gesellschaft darstellt. Dies resultiert aus der durch den Tod hervorgerufenen Zerstörung der sozialen Bindungen dieses Individuums und ruft folglich eine Lücke im sozialen Gefüge der Gemeinschaft hervor. Diese Gefährdung wird von den Mitgliedern der Gesellschaft wahrgenommen und mit dem Körper und dem Geist des Verstorbenen in Verbindung gebracht. Der Körper wird im ersten Begräbnisritual beerdigt, um die von ihm ausgehende Gefahr zu bannen. Außerdem wird der Tote für eine befristete Zeit aus der Gesellschaft ausgeschlossen; dies findet in einer totalen Verneinung seiner vormaligen Existenz statt. Nahe stehende Verwandte gelten als besonders gefährdet, weshalb ihnen in der anschließenden Trauerphase Restriktionen auferlegt werden. Die Zeitspanne zwischen Tod und einer Wiedereingliederung des Toten in die Gesellschaft wird als „intermediary state between death and ressurection (…) in which the soul is thought to free itself from the impurity of death or from the sin attached to it“ (Hertz 1960: 82) definiert. Die Gemeinschaft nutzt diese Phase, um die entstandene Lücke im sozialen Gefüge neu zu besetzen. Ist diese Zeitspanne, meist gekennzeichnet durch die vollständige Verwesung des Körpers des Verstorbenen, überwunden, findet ein zweites Begräbnis statt. Dieses Ritual markiert das Ende der Trauerzeit und symbolisiert die Reintegration des Toten in die Gesellschaft. Der Verstorbene wird nun als vollständig in das Totenreich eingegliedert und damit zu einer anderen Daseinsform transferiert angesehen, womit er seine Gefährlichkeit verliert. Zu diesem Zeitpunkt hat ebenfalls eine Transformation der Gesellschaft stattgefunden, indem sie sich an den Verlust eines Mitgliedes angepasst hat. Diese Anpassung wird als Triumph der Gesellschaft über den Tod gedeutet.

Es findet also eine zweifache Transformation, die als ein Übergang von einem Status in einen anderen zu definieren ist, sowohl der Gesellschaft als auch des Verstorbenen statt. (Vgl. Hertz 1960: 76 ff.)

2. Quellenkritik

In dieser Hausarbeit verwende ich hauptsächlich das von Clifford Sather verfasste Werk „Seeds of Play, Words of Power: An Ethnographic Study of Iban Shamanic Chants“. Zum Verständnis der Todesrituale wird der Artikel „Transformations of Self an Community in Saribas Iban Death rituals“ aus dem Jahr 2003 desselben Autors herangezogen.

Der Autor Clifford Sather ist einer der für diese Region bedeutendsten Ethnologen und Autoren unserer Zeit. Er hatte den Lehrstuhl für Dayak-Studien an der Universität von Malaysia in Sarawak inne, bevor er zur Universität Helsinki in Finnland wechselte. Außerdem ist er Herausgeber des Borneo Research Bulletin und hat zahlreiche Werke über maritime Kulturen in Sabah und Aspekte der Kultur der Iban in Sarawak, wie beispielsweise das Werk Bajau Laut aus dem Jahre 1997, veröffentlicht.

Die in diesen Werken veröffentlichten Daten stammen aus Feldstudien, welche der Autor in den Jahren 1977-1979 im Gebiet des Lower Betong und Saratok Distrikts durchführte. In den 90’er Jahren kehrte er noch mehrmals zu weiteren Studien in dieses Gebiet zurück. Er arbeitete mit dem Ethnologen Benedict Sandin zusammen. Ein Grossteil der Kenntnisse stammt aus Beobachtungen von Heilungszeremonien, die der Schamane Manang Jabing anak Incham of Tarum Longhouse in dieser Zeit abhielt. (Vgl. Wilder 2003: XIV)

Meiner Meinung nach sind die Daten als zuverlässig zu bewerten, da der Autor innerhalb der Ethnologie ein hohes Ansehen genießt . Hierfür spricht auch seine Zusammenarbeit mit dem Ethnologen Sandin, der auf dem Gebiet der Iban bereits zuvor geforscht hatte. Die Veröffentlichung des originalen Wortlautes der aufgezeichneten rituellen Gesänge weist meiner Ansicht nach ebenfalls auf eine Authentizität der Daten hin.

3. Die Ethnie der Iban

Die Nord-West Küste Borneos stellt die Heimat der Iban dar. Sie gehört heute dem größten Staat Malaysias, Sarawak, an. Obwohl die Iban nur eine der zahlreichen Ethnien dieses Landstriches darstellen, nehmen sie mit 30% den Grossteil der Bevölkerung ein. Ihre traditionelle Religion ist eine Mischung aus animistischen und hindu-buddhistischen Glaubensvorstellungen. Die Kopfjagd, welche der Gemeinschaft Fruchtbarkeit und Stärke verleihen sollte, wurde zugunsten eines agrarisch geprägten Lebensstiles aufgegeben. Obwohl die Mehrheit der Menschen den christlichen Glauben angenommen hat, werden die alten Rituale wie etwa das Erntefest Gawai Dayak auch heute noch gefeiert. Der entstehungsgeschichtliche Ursprung der Kultur der Iban liegt im Hinterland von Kalimantan. In der Mitte des 16. Jahrhunderts setzte eine Migrationsbewegung nach Sarawak ein, welche bis ins 19. Jahrhundert anhielt. Heutzutage haben sich Menschen dieser Ethnie nahezu im gesamten Staatsgebiet angesiedelt. (N.N. 2005)[1]

3.1 Gesellschaftliche Grundlagen

Die Ethnie der Iban verfügt über spezifische Vorstellungen über den Ursprung und den Aufbau der Welt, in der sie leben. Sie sehen sich selbst als das Zentrum des Universums an, wobei sie sich dem Ethnozentrismus zahlreicher anderer Ethnien anschließen. (Vgl. Sutlive 1978: 1)

3.1.1 Kosmologie

In der traditionellen Vorstellung teilt sich die Welt in unterschiedliche Regionen auf. In der mythischen Vergangenheit existierte diese Trennung noch nicht und Menschen, Geister und Götter lebten in derselben Welt. Nach und nach fand eine Abwanderung der unterschiedlichen Gruppen statt. Aus dieser Entwicklung resultierte schließlich die Trennung der Welt. Das Universum lässt sich bildlich als „two bowls, one inverted upon the other, with a flat area between the two” (Jensen 1974: 103) darstellen . Aus dieser Illustration lassen sich die drei Sphären der Welt ableiten: Der Himmel (langit), der sich einem Gewölbe gleich über der flachen Scheibe der Erde (dunya) erhebt, sowie das Reich der Toten (menua Sebayan) unterhalb der Erde. (Vgl. Jensen 1974: 103 f.)

Trotz der Trennung dieser Regionen und der Schwierigkeit des sich zwischen diesen Dimensionen Bewegens, wie sie im Mythos des Menschen Beji dargestellt wird (vgl. Jensen 1974: 103), stehen die Dimensionen untereinander in Kontakt und beeinflussen sich gegenseitig. Als landschaftliche Verbindungen werden der Berg Rabung, welcher sowohl in der Welt der Lebenden als auch im Totenreich existiert, sowie der in dieser Welt entspringende und sich ins Totenreich fortsetzende Fluss Mandai[2] angesehen. Es herrscht die Vorstellung, dass die Siedlungen der Toten im Totenreich sich an den Ufern dieses Flusses befinden. Die den Seelen der Toten zugesprochene Welt ist der Welt der Lebenden gegensätzlich ausgerichtet. So ist es dort Nacht, wenn es bei den Menschen Tag ist. (Vgl. Sather 2001: 87 ff.)

[...]


[1] http://www.sarawaktourism.com

[2] Der dieser Vorstellung zu Grunde liegende reale Fluss fließt durch das Gebiet Kalimantan Barat.

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Details

Titel
Die Todesrituale der Iban in Relation zur Hertz'schen Theorie eines zweistufigen Begräbnisprozesses
Hochschule
Westfälische Wilhelms-Universität Münster  (Institut für Ethnologie)
Veranstaltung
Proseminar Todesrituale in Südostasien und dem Pazifik
Note
1,3
Autor
Jahr
2005
Seiten
16
Katalognummer
V53150
ISBN (eBook)
9783638486774
ISBN (Buch)
9783638956550
Dateigröße
490 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Todesrituale, Iban, Relation, Hertz, Theorie, Begräbnisprozesses, Proseminar, Südostasien, Pazifik
Arbeit zitieren
Rebecca Müller (Autor), 2005, Die Todesrituale der Iban in Relation zur Hertz'schen Theorie eines zweistufigen Begräbnisprozesses, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/53150

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