Historisch-Kritische Exegese zu Jesaja 62,1-12


Hausarbeit, 2005
23 Seiten, Note: 1,3

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Übersetzungsvergleich
2.1 Der Übersetzungsvergleich
2.2 Vergleich der Übersetzungen
2.3 Verschiedene Übersetzungen von Jesaja 62,1-12
2.4 Übersetzungsvergleich von Jesaja 62,1-12

3 Literarkritik
3.1 Die Literarkritik
3.2 Literarkritik von Jesaja 62, 1-12
3.2.1 Einordnung in den Kontext des Buches Jesaja
3.2.1 Literarkritik des Kapitels 62

4 Gattungskritik
4.1 Die Gattungskritik
4.2 Gattungskritik von Jesaja 62,1-12

5 Traditionskritik
5.1 Die Traditionskritik
5.2 Traditionskritik von Jesaja 62,1-12

6 Fazit

7 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Propheten sind Sprecher Gottes, die seine Botschaft an die Menschen verkünden. Sie ermahnen, warnen oder ermutigen das Volk als Sprachrohr Jahwes und äußern sich häufig auch sozialkritisch. Ein solcher Prophet war auch Jesaja, der, wie auch später seine Schüler, den Völkern das Gericht, aber auch das Heil ankündigte. Auch das Kapitel Jesaja 62, das im Folgenden behandelt werden soll, fällt unter die Kategorie der prophetischen Schriften im Alten Testament. Wie alle Texte der Bibel weist auch diese Stelle inhaltliche, sprachliche und semantische Besonderheiten auf, die beim bloßen Lesen nicht sofort einleuchtend sind. Um dem Text, seinen Auffälligkeiten und seiner Botschaft näher zu kommen, werden in diesen Ausführungen einige Methodenschritte der historisch-kritischen Exegese auf die Passage Jes 62,1-12 angewandt. Die Exegese soll helfen, eine Brücke zwischen dem Leser und dem Text aufzubauen dem Rezipienten den Umgang mit der Lektüre erleichtern.

Zunächst werden in dieser Arbeit verschiedene Übersetzungen der Textstelle miteinander verglichen um dem hebräischen Original möglichst nahe zu kommen. Anschließend werden in der Literarkritik Spannungen oder Widersprüche aufgedeckt, bevor die Gattungskritik Aufschluss über die formalen Besonderheiten von Jesaja 62 geben wird. Mit der Untersuchung der Metaphorik des Textes in der Traditionskritik schließt die Arbeit ab.

2 Übersetzungsvergleich

2.1 Der Übersetzungsvergleich

Der Ausgangspunkt jeder Bibelarbeit ist der hebräische oder griechische Originaltext, der viele sprachliche und stilistische Eigenheiten beinhaltet. Die dem Exegeten vorliegenden, muttersprachlichen Übersetzungen sind stets bereits Auslegungen der Übersetzer und müssen immer als Interpretation derselben betrachtet werden. Um möglichst genau auf den Urtext schließen zu können, ist es notwendig verschiedene Bibelübersetzungen miteinander zu vergleichen. Bei einem solchen Übersetzungsvergleich soll im Besonderen darauf geachtet werden, welche zentralen Begriffe in den einzelnen Versionen voneinander abweichen, ob es inhaltliche Differenzen gibt, ob Handlungen oder Personen unterschiedlich dargestellt werden und ob an bestimmten Stellen unterschiedliche Verben auftauchen.[1]

Im Folgenden werden nun die Übersetzungen der Luther- und der Elberfelder Bibel und die Einheitsübersetzung miteinander verglichen und deren Besonderheiten benannt. Anschließend werden die gewonnenen Erkenntnisse auf das Kapitel 62 des Buches Jesaja angewandt.

2.2 Vergleich der Übersetzungen

Die Einheitsübersetzung trägt diesen Namen, da sie die Übersetzung der Heiligen Schrift ist, die den offiziellen Text darstellt, der in allen Diözesen benutzt wird. Sie kommt vor allem im Gottesdienst, in den Schulen oder privat zum Einsatz.[2] Dieser praktische Gebrauch setzt voraus, dass der Text keine veralteten Begriffe enthält, sondern sich am gehobenen Deutsch orientiert.[3] Einige Übersetzungen enthalten in Klammern oder Fußnoten angegebene, zusätzliche Informationen, die das Verständnis erleichtern oder über die Entstehung der Texte Aufschluss geben.[4]

Durch die einfache Sprache bietet die Einheitsübersetzung einen besseren Zugang zum Text, so dass er auch für Laien gut verständlich ist. Das Ziel dieser Übersetzung ist es, durch gutes Deutsch in der Praxis gebräuchlich zu sein, aber auch nicht zu sehr vom Urtext abzuweichen. Die Sprache hat einen höheren Stellenwert als die wörtliche Wiedergabe, doch eine hohe Genauigkeit ist ebenfalls sehr wichtig.[5]

Die Lutherbibel von 1984 ist eine im hohen Maße wörtlich wiedergegebene Fassung des Urtextes. An manchen Stellen hat Luther den Sinn jedoch auch frei nach seinem Ermessen formuliert. Diese Bibel verfügt über einen sehr gehobenen, zum Teil auch altertümlich erscheinenden Stil. Luther hat bei seiner Bearbeitung die biblischen Grundbegriffe einerseits übernommen, andererseits hat er einige, die Reformation prägende Begriffe, vielfach für die ursprünglichen Worte benutzt, um diese zu verbreiten. Der Text ist nicht sehr leicht zugänglich und wird neben der Nutzung in evangelischen Gottesdiensten hauptsächlich von historisch und stilistisch gebildeten Menschen gelesen.[6]

Auch die Elberfelder Bibel ist eine sehr wörtliche Übersetzung des hebräischen Textes.[7] Da ihr der Grundgedanke der Verbalinspiration zugrunde liegt, gibt sie den Urtext möglichst genau wieder und kann somit als eine der zuverlässigsten Übersetzungen angesehen werden. Der Treue zum hebräischen Wort wird in der Elberfelder Übersetzung mehr Beachtung geschenkt als der sprachlichen Eleganz obwohl die Übersetzer sich um verständliches Deutsch bemühen und deshalb häufig schwere Satzkonstruktionen beseitigen.[8]

2.3 Verschiedene Übersetzungen von Jesaja 62,1-12

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

2.4 Übersetzungsvergleich von Jesaja 62,1-12

Die in 2.3 aufgeführten Übersetzungen enthalten diverse Unterschiede bezüglich Wortwahl und Verbformen. Bereits in Vers 1 unterscheiden sich die Hilfsverben „können“ und „wollen“ voneinander. So heißt es in der Einheitsübersetzung „Um Zions willen kann ich nicht schweigen“, während die Luther- und die Elberfelder Bibel den Urtext mit „Um Zions willen will ich nicht schweigen“ wiedergeben. Während das Verb „können“ in diesem Falle die Unmöglichkeit zu schweigen betont, zeigt „wollen“ nur die feste Absicht des Sprechers an. Möglicherweise wurde diese Wahl des Hilfsverbs in der Einheitsübersetzung aus stilistischen Gründen getroffen, da ein Aufeinanderfolgen der Worte „willen“ und „will“ dem gehobenen Deutsch dieser Übersetzung widersprechen würden. Direkt im Anschluss an diesen Unterschied lässt sich im selben Vers ein weiterer finden. In der Einheitsübersetzung heißt es „still sein“, was sehr stark auf Sprache bezogen ist, doch die Elberfelder Bibel enthält den Ausdruck „ruhen“, die Lutherbibel spricht von „innehalten“. Diese beiden Begriffe beziehen sich eher auf körperliche Aktivität. Aufgrund der größeren Nähe zum Originaltext der zuletzt angegebenen Bibeln ist anzunehmen, dass diese recht synonymen Begriffe der wörtlichen Übersetzung des Hebräischen näher kommen. Die Übersetzung „still sein“ könnte gewählt worden sein, da sie der Wortfamilie des Schweigens, welches im selben Vers erwähnt wird, eher zuzuordnen ist.[9]

Im Vers 2 ist ein deutlicher Unterschied zwischen den zentralen Begriffen „Völker“ in der Einheitsübersetzung, „Nationen“ in der Elberfelder Übersetzung und „Heiden“ im Text Martin Luthers zu erkennen. Diese Differenzierung ist dadurch zu begründen, dass es zur Zeit des Propheten Jesaja zwischen dem ausgewählten Heilsvolk, nämlich den in Jerusalem lebenden Menschen, und allen anderen Völkern zu unterscheiden galt. Diese nicht in Jerusalem beheimateten Völker, die demnach nicht zu den Auserwählten Gottes gehörten, wurden Heiden genannt. Im Laufe der Geschichte entwickelte sich jedoch die Erwartung, dass auch diese anderen Völker dem Heilsvolk beitreten würden. Der Begriff „Nationen“ ist meines Erachtens mit dem Wort „Völker“ synonym zu setzen.[10] All diese Begriffe können Übersetzungen des hebräischen Wortes „goj“ sein, was beweist, dass es sich hier um keine etymologische Unterscheidung handelt.[11]

Auch in Vers 4 lassen sich einige Unterschiede aufzeigen. Die Namen, die der Herr Jerusalem geben wird, sind in den drei verglichenen Übersetzungen verschieden. So nennt Gott es gemäß der Einheitsübersetzung „meine Wonne“, in der Lutherbibel erhält es den Namen „meine Lust“ und die Elberfelder Bibel spricht von „mein Gefallen an ihr.“ Diese Unterscheidungen können ebenfalls mit der Herkunft der Begriffe erklärt werden. Im Hebräischen gab es den Personennamen „Hefzi-Bah“ dessen Übersetzung „meine Freude ist in ihr“ ist. Dieser wurde nun auf Jerusalem übertragen. Somit unterscheiden sich auch diese drei Begriffe nur durch ihre Übersetzung des Urtextes, wobei die Elberfelder Bibel den wörtlichsten Ausdruck gewählt hat und die Einheitsübersetzung einen allgemeineren Begriff enthält. Ähnlich zu begründen sind die unterschiedlichen Ausdrücke „Verheiratete“ in der Elberfelder Bibel, „Vermählte“ in der Einheitsübersetzung und „Liebe Frau“ in der Lutherübersetzung. Sie alle sind mögliche Übersetzungen des hebräischen Namens „Beluah“.[12] Während die ersten beiden genannten sehr ähnlich sind, ist die Übersetzung Luthers eher altertümlich, was zu den Charakteristika dieser Bibel passt. Zudem enthält sie eine positive Wertung. Ebenso ist die letzte Differenz dieses Verses zu betrachten, in der in der Einheitsübersetzung „dein Land wird mit ihm vermählt“, in der Lutherbibel „dein Land wird einen lieben Mann haben“ und in der Elberfelder Bibel „dein Land wird verheiratet sein“ aufzufinden sind. Das zusätzliche Personalpronomen in der Einheitsübersetzung ist wahrscheinlich zum besseren Verständnis eingefügt worden.

Der fünfte Vers weist zunächst die Unterscheidung zwischen „freit“ bei Luther und „heiratet“ beziehungsweise „vermählt“ in den beiden anderen Übersetzungen auf. Dies ist erneut mit der bei Luther häufig altertümlichen Sprache zu begründen. Ein größerer Unterschied in diesem Vers besteht zwischen den Begriffen „dein Erbauer“, der in der Einheits- und der Lutherübersetzung zu finden ist, und „deine Söhne“ in der Elberfelder Bibel. Diese Unterscheidung hat ihren Grund in den unterschiedlichen Vokalisierungsmöglichkeiten des hebräischen Konsonantentextes. In vielen Übersetzungen findet man den Ausdruck „Erbauer“, der auf Jahwe bezogen wird. Da das Verb „freuen“ jedoch ursprünglich im Plural stand, ist diese Übersetzung syntaktisch wenig begründet.[13] In der Elberfelder Bibel ist auch in diesem Falle stark wörtlich übersetzt worden. In dieser Interpretation sind mit den „Söhnen“ die Einwohner Jerusalems gemeint, die nach dem Exil erneut dort zu Hause sein werden.[14] Diese Übersetzung ist jedoch semantisch weniger sinnvoll, da Jahwe derjenige ist, der sich mit Jerusalem vermählt und der es wieder aufbauen wird. Die Version „Erbauer“ ist demnach gängiger und sinnvoller.[15]

Dass der im Vers 7 in der Luther- und der Elberfelder Übersetzung benutzte Ausdruck „und es setze zum Lobpreis auf Erden“ beziehungsweise „es zum Lobpreis macht auf Erden“ in der Einheitsübersetzung durch „es auf der ganzen Erde berühmt macht“ beschrieben wird ist meines Erachtens darauf zurückzuführen, dass diese Begrifflichkeit es den Laien, die den Großteil der Leserschaft dieser Bibel ausmachen, besser verständlich macht, dass Gott Jerusalem zu einer bedeutenden Stadt machen will, in die die Menschen aus aller Welt ziehen sollen.

[...]


[1] vgl. Meurer, Thomas, Einführung in die Methoden alttestamentlicher Exegese, Münster, 1999, S.10f

[2] vgl. Kassülke, Rudolf, Eine Bibel – viele Übersetzungen. Ein Überblick mit Hilfen zur Beurteilung, Wuppertal, 1998, S.56

[3] ebd., S.55

[4] ebd., S.56

[5] vgl. Dohmen, Christoph, Vom Umgang mit dem Alten Testament, Stuttgart, 1995, S.26

[6] vgl. Kassülke, Eine Bibel – viele Übersetzungen, S.86ff

[7] ebd., S.61

[8] vgl. Dohmen, Vom Umgang mit dem Alten Testament, S.27

[9] Anmerkung: Die fettgedruckten Markierungen zeigen die von mir als Unterschiede angesehenen Passagen an.

[10] vgl. Reclams Bibellexikon, Koch, Klaus u.a. (Hrsg.) Philipp Reclam jun., Stuttgart 1992, S. 205

[11] ebd., S. 537

[12] vgl. Das Alte Testament erklärt und ausgelegt, Band 3 Jesaja-Maleachi, Walvoord; Zuck (Hrsg.), Neuhausen-Stuttgart, 1991, S. 121

[13] vgl. Wischnowsky, Marc, Tochter Zion. Aufnahme und Überwindung der Stadtklage in den Prophetenschriften des Alten Testaments, Neukirchen-Vluyn, 2001, S. 238

[14] vgl. Das Alte Testament erklärt und ausgelegt, S.121

[15] vgl. Kraus, Hans-Joachim, Das Evangelium der unbekannten Propheten, Jesaja 40-66, Neukirchen-Vluyn, 1990, S. 219

Ende der Leseprobe aus 23 Seiten

Details

Titel
Historisch-Kritische Exegese zu Jesaja 62,1-12
Hochschule
Universität Paderborn  (Fakultät für Kulturwissenschaften)
Veranstaltung
Proseminar Altes Testament
Note
1,3
Autor
Jahr
2005
Seiten
23
Katalognummer
V53165
ISBN (eBook)
9783638486897
Dateigröße
540 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Historisch-Kritische, Exegese, Jesaja, Proseminar, Altes, Testament
Arbeit zitieren
Melanie Kloke (Autor), 2005, Historisch-Kritische Exegese zu Jesaja 62,1-12, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/53165

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