Die vorliegende Hausarbeit thematisiert sowohl Entstehung als auch Entwicklung der ostdeutschen Bürgerbewegungen und versucht zu analysieren, welche Gründe für ihre Konstituierung benannt werden können sowie letztlich die Formierung des Bündnis’ 90 herbeiführen. Weiterhin wird die spätere Vereinigung zur bundesdeutschen Partei „Bündnis 90/ Die Grünen“ [im folgenden: B’90/ Grüne] kurz angesprochen.Kapitel 2 informiert zunächst über die oben aufgeführten Deutungsmuster, wobei die 2.1.Sozialstrukturelle Theorie von einem demokratischen „Klassenkampf“ ausgeht, in dem soziostrukturelle Konfliktlinien („cleavages“) miteinander ringen. Hierbei sind als einzelne in ihrer historischen Abfolge „Center-periphery-“, „State-chruch-“, „Land-industry-“ sowie „Owner-worker-cleavage“ zu benennen. Auf dem Hintergrund einer sowohl nationalen als auch industriellen Revolution prägen diese sich landesspezifisch aus, was letzten Endes zu differenten Parteiensystemen führt. Die Entwicklung besagter demokratischer Institutionen, ausgehend von der Reichsgründung 1871 bis zum Ende der Weimarer Republik, ist Gegenstand der in 2.2.dargelegten Milieutheorie. Jene basiert auf den Staat bildenden Subkulturen, auf deren Weltanschauungen Parteien reagieren, sie ausdrücken und in politisches Handeln transformieren. Gegen Ende der Republik setzt eine Erosion der spezifischen Lebensräume ein, welche sich schließlich nicht mehr derart kohärent in der BRD formieren.
Inhaltsverzeichnis
1. Einführung
2. Warum bilden sich Parteien?
2.1. Sozialstrukturelle Theorie
2.2. Milieutheorie
2.3. Interessentheorie
3. Von Bonn nach Berlin – Entstehung des (west-) deutschen Parteiensystems
4. „Und der Zukunft zugewandt“ – vom Kollaps bis zu „Einigkeit und Recht und Freiheit“
4.1. Zusammenbruch und Untergang des „real existierenden Sozialismus“
4.2. Von Initiatoren des Umbruchs zur bundesdeutschen Partei – Ursprung und Entwicklung der Bürgerkomitees
5. Fazit
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht die Ursprünge und die Entwicklung ostdeutscher Bürgerbewegungen während der Wendezeit. Ziel ist es, die Gründe für ihre Konstituierung zu analysieren, ihre Rolle im politischen Umbruch der DDR zu beleuchten und den Prozess ihrer Transformation sowie die spätere Fusion mit dem Bündnis 90 und den „Grünen“ nachzuvollziehen.
- Theoretische Grundlagen zur Parteienentstehung (sozialstrukturelle Theorie, Milieutheorie, Interessentheorie)
- Historische Entwicklung des (west-)deutschen Parteiensystems von 1945 bis zur Wiedervereinigung
- Zusammenbruch des „real existierenden Sozialismus“ in der DDR
- Ursprung, Organisationsformen und gesellschaftliche Rolle der Bürgerkomitees im Jahr 1989
- Politische Integration ostdeutscher Bürgerbewegungen in das gesamtdeutsche Parteiensystem
Auszug aus dem Buch
4.1. Zusammenbruch und Untergang des „real existierenden Sozialismus“
1986 initiiert Michail Gorbatschow einen weitreichenden Wandel innerhalb des „Ostblocks“ durch eine Proklamation auf dem 27. Parteitag der KPdSU, welche „die Selbstständigkeit jeder Partei, ihr Recht auf souveräne Entscheidung über die Entwicklungsprobleme ihres Landes, ihre Verantwortung gegenüber dem eigenen Volk“ betont und explizit Ostberlin in eine später unüberwindbare Krise stürzt. Diese öffentliche Abkehr von der bis dato gültigen Breschnew-Doktrin drückt letztlich auch den Verzicht auf militärische Intervention seitens der UdSSR aus. Anders als Polen oder Ungarn verweigert man sich in der DDR den Reformen von „Glasnost“ (Offenheit) und „Perestroika“ (Umgestaltung), weil etwaige Diskussionen zwangsläufig die eigene Allmacht unterminieren, den Staat vernichten könnten.
Nachdem Erich Honecker Walter Ulbricht am 3. Mai 1971 in sämtlichen Positionen beerbt, setzt zunächst ein sowohl innen- als auch außenpolitischer Modernisierungsschub ein, welcher sich u.a. durch eine Erhöhung des Lebensstandards respektive die erfolgreich abgeschlossene KSZE-Konferenz in Helsinki 1975 ausdrückt. Im krassen Gegensatz zu angesprochenem realitätsbezogenen Erneuerungsschritt des Sozialismus steht der strukturell funktionierende Stalinismus der DDR, so dass schließlich ein interner Erosionsprozess einsetzt. Dies konkretisiert sich beispielsweise durch Folgen des XI. SED-Parteitages vom 17. April 1986, auf dem verstärkt Forderungen nach innerparteilicher Demokratie, Erörterung der wirtschaftlichen (desolaten) Lage sowie Unzufriedenheiten mit dem propagandistischem Pressewesen aufkommen. Maßregelungen und Ausschlussverfahren sind die üblichen Reaktionen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einführung: Definition von Parteien als politische Akteure und Vorstellung der theoretischen sowie historischen Fragestellung der Arbeit.
2. Warum bilden sich Parteien?: Erläuterung der theoretischen Erklärungsmodelle zur Parteienentstehung, insbesondere der sozialstrukturellen Theorie, der Milieutheorie und der Interessentheorie.
3. Von Bonn nach Berlin – Entstehung des (west-) deutschen Parteiensystems: Historischer Überblick über die Phasen der Parteienbildung in Westdeutschland von der Nachkriegszeit bis zur Ära der „catch-all-parties“.
4. „Und der Zukunft zugewandt“ – vom Kollaps bis zu „Einigkeit und Recht und Freiheit“: Analyse des Zerfalls der DDR-Diktatur und der Rolle, die ostdeutsche Bürgerbewegungen beim demokratischen Umbruch spielten.
5. Fazit: Zusammenfassende Betrachtung der Spaltungsprozesse innerhalb der DDR und der Dilemmasituation der Bürgerbewegungen auf dem Weg in die parlamentarische Demokratie.
Schlüsselwörter
Parteiensystem, Bürgerbewegungen, DDR, Wende, Sozialstrukturelle Theorie, Milieutheorie, Interessentheorie, Bündnis 90, catch-all-parties, Systemkollaps, Demokratisierung, Transformation, politische Partizipation, Cleavages, Deutsche Einheit.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser Arbeit grundsätzlich?
Die Hausarbeit befasst sich mit der Entstehung und Entwicklung von Bürgerbewegungen in der ehemaligen DDR während der Wendezeit und deren Eingliederung in das Parteiensystem der Bundesrepublik.
Was sind die zentralen Themenfelder der Arbeit?
Die Schwerpunkte liegen auf den soziologischen Theorien zur Entstehung von Parteien, der Parteigeschichte in Westdeutschland sowie dem konkreten Zusammenbruch des DDR-Regimes und dem Agieren der dortigen Oppositionsgruppen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist die Analyse der Gründe, die zur Gründung ostdeutscher Bürgerbewegungen führten, sowie die Erklärung der Prozesse, die ihre Fusion zur Partei „Bündnis 90/ Die Grünen“ bedingten.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden verwendet?
Es handelt sich um eine politikwissenschaftliche Arbeit, die auf einer theoretischen Fundierung durch klassische Theorien (wie die von Lipset, Rokkan und Downs) sowie auf einer historischen Aufarbeitung beruht.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in die Darstellung der theoretischen Modelle, einen Abriss der westdeutschen Parteigeschichte und eine detaillierte Betrachtung des gesellschaftlichen Umbruchs in der DDR 1989/90.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Schlagworte sind Parteiensystem, Bürgerbewegungen, Transformation, catch-all-parties und der politische Umbruch in der DDR.
Warum konnten sich die Bürgerbewegungen in der DDR nicht als eigenständige politische Akteure behaupten?
Die Arbeit führt aus, dass die Bewegungen einerseits durch die Konkurrenz etablierter Parteien unter Druck gerieten und andererseits in eine Dilemmasituation zwischen ihrer basisdemokratischen Identität und dem Zwang zur Professionalisierung gerieten.
Welche Rolle spielte die Theorie von Seymour M. Lipset und Stein Rokkan für diese Arbeit?
Die Autoren dienen zur Erklärung der „Cleavages“ (Spaltungslinien), die auch in der DDR trotz hoher sozialer Homogenität existierten und als Basis für die Entstehung der oppositionellen Bürgerkomitees fungierten.
- Quote paper
- Daniel Mielke (Author), 2005, "Und der Zukunft zugewandt" - ostdeutsche Bürgerbewegungen und ihre Entwicklung oder: warum sich die Herbst-Avantgarde alleine nicht behaupten kann, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/53401