Die antike Rhetoriktheorie nach Cicero unterscheidet bekanntlich fünf partes artis, deren sich drei mit Fragen der Textproduktion beschäftigen (inventio, dispositio, elocutio), einer mit der Textspeicherung (memoria) und der letzte (actio) mit der Aufführung oder Sendung. Fast das vollständige Gewicht des rhetorischen Theoriegebäudes lastet dabei auf den ersten drei partes; Speicherung und Sendung von Texten werden eher spärlich abgehandelt. Dieser Umstand scheint im krassen Widerspruch zur Persuasionsrelevanz zumindest des letzten pars zu stehen: Die römischen Rhetoriklehrer überlieferten die Anekdote, daß der berühmteste griechische Redner Demosthenes auf die Frage, was das wichtigste Element der Beredsamkeit sei, geantwortet habe: Erstens actio, zweitens actio, drittens actio!1 Die bloße Möglichkeit der persuasiven Wechselerzeugung hat die Sendung des Redetextes notwendig zur Voraussetzung. Dass der theoretische Zugriff auf diesen Sektor trotzdem recht knapp ausfiel, mag damit zusammenhängen, „[...] daß man die rhetorisch-performative Kompetenz (Aufführungskompetenz) weitgehend für eine Naturgabe hielt, die sich der rhetorischen Kunstlehre entzog“2. In den letzten Jahrzehnten hat der Begriff der „Performanz“ und des „Performativen“ in verschiedenen theoretischen Diskursen große Beachtung erfahren.
Aus Sicht der Rhetoriktheorie stellt sich die Frage, ob die genannten Performanzbegriffe mit einer rhetorischen Sichtweise überhaupt kompatibel sind und inwieweit man die teils interdisziplinären Theorieansätze zur Performanz für eine Austheoretisierung der erwähnten rhetorischen „performativen Kompetenz“ nutzbar machen kann. Gesonderte Beachtung soll dabei den Medialisierungsbedingungen situativer, also klassisch-rhetorischer Settings einerseits, und den Herausforderungen dimissiver Kommunikation andererseits gelten. Zunächst bedarf es dazu einer Bestimmung des Performanzbegriffes in seinen verschiedenen Verwendungszusammenhängen. Diese können wir auf drei Begriffsoppositionen eindampfem. Schließlich wird zu klären sein, welcher theoretische Stellenwert dem Performanzbegriff dabei jeweils zukommt. Wir werden dann kurz summieren, was die klassische Rhetorik an Theorie zu bieten hat und wie sie zur Performanz steht. Schließlich werden wir drei Basissettings beleuchten und feststellen, ob und wie man unter deren Bedingungen von Performanz sprechen kann und wo sich Anschlussmöglichkeiten ergeben könnten.
Inhaltsverzeichnis
1. EINLEITUNG
2. ANALYSE
2.1 Begriffsklärung: Verwendungszusammenhänge „Performanz/performance/Performativität“
a. Performance vs. Competence: Der transformationsgrammatische Performanzbegriff
b. Performative vs. Constative Utterances: Der Performanzbegriff Austins
c. Performanz vs. Text: Performanztheorie des Theaters
2.2 Bewertung der Performanzbegriffe im Hinblick auf rhetorische Theoriebildung
2.2.1 Performanz als Präsenz: zum rhetorischen Performanzbegriff
2.2.2 Performanz in der Situation
2.2.3 Performanz unter dimissiven Bedingungen
5. ZUSAMMENFASSUNG UND AUSBLICK
6. LITERATURVERZEICHNIS
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht das Konzept der "Performanz" in seinen vielfältigen theoretischen Verwendungszusammenhängen und prüft dessen Kompatibilität sowie Anwendungsmöglichkeiten für die klassische Rhetoriktheorie. Ziel ist es, unter Berücksichtigung verschiedener Medialisierungsbedingungen, einen theoretischen Rahmen für rhetorisch-performative Kompetenz zu entwickeln, der sowohl situative Interaktion als auch textgebundene Kommunikation umfasst.
- Performanzbegriffe in der Linguistik (Chomsky, Hymes)
- Die Sprechakttheorie (Austin, Searle) und deren Bedeutung für die Rhetorik
- Theaterwissenschaftliche Perspektiven auf Aufführung und Text
- Antike actio-Theorie und moderne Rhetoriktheorie
- Medialisierungsbedingungen: Situative vs. dimissive Kommunikation
Auszug aus dem Buch
2.2.2 Performanz in der Situation
Zwar müssen sich „strukturell [...] der sprachliche Text und die Präsenz gegenseitig stützen, d.h. der Text darf nicht nur rationalistisch argumentieren, sondern hat auch die Selbstdarstellung des Organons zu flankieren [...]“. Entscheidendes Gewicht bei der situativen Präsenzherstellung fällt aber der oratorischen Performanz zu. Das Setting, das der antiken Rhetoriktheorie als Modell zugrundeliegt, bezeichnen wir als primärmediales Setting. Es ist gekennzeichnet durch die korporale Anwesenheit sowohl des Orators als auch der/des Adressaten.
Der Orator ist (im umgangssprachlichen Sinne) präsent, es ist ihm stets möglich, sein Instrumentarium zur aktiven Lenkung des Persuasionsaktes anzupassen, „in kritischen Phasen [...] ständig selbst [zu] korrigieren und eine Krise gegebenenfalls auch dialogisch [aufzufangen]“ – abhängig ist er dabei natürlich vom sicht- und interpretierbaren Adressatenfeedback, dessen Semiotik möglicherweise eine gesonderte Untersuchung erforderte. Eine „[...] komplexe Situationsanalytik [...]“ wird also benötigt, „[...] vor allem die bewusste Inblicknahme der Instanz des Auditoriums [...] mit allen kommunikativen Rahmenbedingungen (Setting), die für rhetorisches Handeln bedeutsam sind“.
Derart kasualrhetorisch betrachtet, wird die Situation zu einem Problem der Setting-Analyse, die danach ausgerichtete oratorische Performanz aber auch zu einem Problem der kommunikationstheoretischen Größe „Kanal“ und deren spezifischen Widerstandspotenzialen. Zwei Arten von kommunikativen Persuasionswegen lassen sich hier unterscheiden, nämlich central route und peripheral route: „Als Zentralweg wird das kognitive, auf Rationalität ausgerichtete Argumentieren verstanden, als Peripherweg die Einflussnahme über paralinguistische, nonverbale und performative Kommunikationsmittel“. Die relative Gewichtung beider routes können wir mit dem Adressatenkalkül in Verbindung bringen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. EINLEITUNG: Die Einleitung führt in die Problematik der vernachlässigten actio in der Rhetorik ein und skizziert die Notwendigkeit, den Begriff der Performanz für die rhetorische Theoriebildung zu erschließen.
2. ANALYSE: Dieses Hauptkapitel untersucht Performanzbegriffe aus Linguistik, Sprechakttheorie und Theaterwissenschaft, um sie kritisch auf ihre Brauchbarkeit für die Rhetorik zu prüfen.
2.1 Begriffsklärung: Verwendungszusammenhänge „Performanz/performance/Performativität“: Es werden die unterschiedlichen Konzepte bei Chomsky, Hymes, Austin und im Theaterkontext dargestellt und abgegrenzt.
2.2 Bewertung der Performanzbegriffe im Hinblick auf rhetorische Theoriebildung: Die theoretischen Ansätze werden an der klassischen Rhetoriktheorie gespiegelt, wobei Konzepte wie Ethos, Pathos und Medialität im Fokus stehen.
2.2.1 Performanz als Präsenz: zum rhetorischen Performanzbegriff: Dieses Unterkapitel verbindet antike actio-Theorien mit der Bedeutung von Stimme, Mimik und Gestik zur Präsenzherstellung.
2.2.2 Performanz in der Situation: Hier wird der Fokus auf das primärmediale Setting und die dynamischen Anpassungsmöglichkeiten des Orators in einer Live-Situation gelegt.
2.2.3 Performanz unter dimissiven Bedingungen: Dieses Kapitel analysiert sekundär- und terziärmediale Settings, in denen die direkte Interventionspräsenz des Orators abnimmt oder entfremdet wird.
5. ZUSAMMENFASSUNG UND AUSBLICK: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und diskutiert das epistemologische Potenzial des Performanzbegriffs für die Destabilisierung dichotomischer Modelle.
6. LITERATURVERZEICHNIS: Verzeichnis der verwendeten wissenschaftlichen Quellen.
Schlüsselwörter
Performanz, Rhetorik, Performativität, Sprechakttheorie, actio, Kommunikation, Persuasion, Medialität, Kompetenz, Interventionspräsenz, Theaterwissenschaft, primärmediales Setting, Semiotik, Orator, Kommunikationstheorie
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit analysiert, wie der Begriff der "Performanz" in verschiedenen Disziplinen definiert ist und wie diese Konzepte genutzt werden können, um die klassische rhetorische Lehre – insbesondere den Bereich der actio – theoretisch zu fundieren und für moderne Medienkontexte weiterzuentwickeln.
Welche zentralen Themenfelder werden behandelt?
Die zentralen Themenfelder umfassen die linguistische Kompetenz-Performanz-Dichotomie, die Theorie der Sprechakte (Konstativ vs. Performativ), die semiotische Theaterwissenschaft sowie die klassisch-rhetorische Theoriebildung unter Einbezug von Affektlehre und Medialität.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist die interdisziplinäre Untersuchung der Performanzbegriffe, um ein theoretisches Fundament für die "performative Kompetenz" des Orators zu schaffen, das sowohl für face-to-face-Situationen als auch für medienvermittelte Kommunikation tragfähig ist.
Welche wissenschaftliche Methode kommt zum Einsatz?
Es handelt sich um eine systematische, rhetoriktheoretische Analyse, die Begriffe aus Fremddisziplinen (Linguistik, Sprechakttheorie, Theaterwissenschaft) aufnimmt, in Bezug zur klassischen Rhetorik setzt und auf ihre Anwendbarkeit bei verschiedenen Medialisierungsbedingungen hin überprüft.
Was steht im Zentrum des Hauptteils?
Im Zentrum steht die differenzierte Betrachtung des Performanzbegriffs: von der funktionalen "Sendung" in der Situation bis hin zur textgebundenen "intellektuellen Präsenz" bei medienvermittelter Kommunikation.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit?
Die Arbeit wird besonders durch Begriffe wie Interventionspräsenz, primärmediales Setting, performativ-propositionale Doppelstruktur und das aptum-Konzept charakterisiert.
Wie unterscheidet die Arbeit zwischen verschiedenen Mediensettings?
Die Arbeit differenziert basierend auf den Kriterien Distanz und Komplexität zwischen primärmedialen (face-to-face), sekundärmedialen (z.B. Live-TV) und terziärmedialen (Text/Publizistik) Settings, um den Verlust oder die Transformation der rhetorischen Präsenz zu beschreiben.
Welche Schlussfolgerung zieht der Autor in Bezug auf die Theaterwissenschaft?
Der Autor würdigt den übersetzungstheoretischen Ansatz von Erika Fischer-Lichte als nah an der actio-Theorie, kritisiert jedoch konzeptionell das Fehlen situativer Dynamik und eines Adressatenkalküls in ihrem Modell.
- Quote paper
- Andreas Glombitza (Author), 2006, Situative und Dimissive Aspekte von Performanz, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/53416