Veränderte Kindheit - veränderte Bewegungswelt?


Hausarbeit (Hauptseminar), 2005

29 Seiten, Note: 1.5


Leseprobe

0 Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung oder: Worum geht es eigentlich?

2 Veränderte Lebensbedingungen – Veränderte Kindheit
2.1 Bestandsaufnahme früher
2.2 Was hat sich verändert
2.3 Sich wandelnde Wohnverhältnisse
2.4 ‚Verinselung’
2.5 Das neue Familienbild
2.6 Das Medienkonsumverhalten
2.7 Verändertes Spiel & Spielzeug
2.8 Zusammenfassung

3 Medienfreaks oder sportive Kindheit ?
3.1 Was wird den Jugendlichen vorgeworfen?
3.2 Überprüfung der Vorwürfe
3.3 Mole 2002
3.4 Wie sind die Fakten zu deuten?
3.5 Reaktion der Heranwachsenden
3.5 Schlussbetrachtung

4 Ausblick

5 Résumé

6 Literaturverzeichnis

Tabellen und Abbildungsverzeichnis

Tabelle 1: Durchschnittliche täglich Fernsehzeiten von Kindern nach Kleine (1997, S. 488)

Tabelle 2: ausgewählte Untersuchungen zur motorischen Leistungsfähigkeit von Heranwachsenden nach Bös (2003, S. 93f)

Tabelle 3: vereinfachte Analyse des Einflusses der einzelnen Items auf die motorische Leistungsfähigkeit. +/- 1 entspricht höchstem Einfluss, 0 bedeutet kein Zusammenhang (vgl. Kretschmer, 2003, S. 433)

Abbildung 1: Hinweisschild zu einem Konstanzer Spielplatz.

1 Worum geht es eigentlich?

Nicht nur in der Sportwissenschaft, sondern auch in der Politik, den Medien und bei der (Sport-)Lehreraus- und – weiterbildung, wurde in den letzten Jahren vermehrt über die Leistungsfähigkeit der Kinder und Jugendlichen diskutiert. Auf fast allen Ebenen wird beklagt, dass die Heranwachsenden der Informations- und Mediengesellschaft sowohl in den Grundfertigkeiten, wie Lesen, Schreiben und Rechnen, als auch in den motorisch - koordinativen Anforderungen immer mehr Defizite aufweisen. Die Diskussion darüber wird unter anderem mit prägnanten Formeln wie „Fett und Krank“ (Spiegel - Special 4/97), oder „Früh angeknackst“ (Spiegel - Special 12/97) immer wieder neu angeheizt. Dies wird zunehmend auf den Mangel an Bewegung und das steigende Medienkonsumverhalten zurückgeführt.

Es ist sicherlich nicht von der Hand zu weisen, dass eine Veränderung der Kindheit stattgefunden hat, die sich sowohl beim Bewegungsverhalten, als auch im Umgang mit Medien bemerkbar macht. Ziel dieser Arbeit ist es nicht – und kann es auch nicht sein – eine umfangreiche Längsschnittstudie durchzuführen und auszuwerten, um den Wahrheitsgehalt dieser Aussagen zu verifizieren, bzw. zu falsifizieren. Vielmehr soll hier ein Überblick gegeben werden über die tatsächlichen Veränderungen der Lebens- und Bewegungswelt und darüber, wie sich diese eventuell auf die Heranwachsenden auswirken. Dazu soll der aktuelle Forschungsstand kritisch beleuchtet und die unterschiedlichen Ansichten und Studien gegenübergestellt werden.

Außerdem soll betrachtet werden, wie die Kinder und Jugendlichen sich an die Veränderungen anpassen und welche Konsequenzen dies mit sich bringt.

Zum Schluss der Arbeit sollen noch einmal alle Standpunkte kurz zusammengefasst, sowie ein Ausblick mit Empfehlungen gewagt werden.

2 Veränderte Lebensbedingungen – Veränderte Kindheit

Will man die Problematik der veränderten Kindheit in ihrer vollen Komplexität verstehen, so darf man nicht die zeitgeschichtlichen Umstände außer Acht lassen. Deshalb möchte ich an dieser Stelle kurz auf die sich verändernden Bedingungen in der Bundesrepublik Deutschland nach 1950 eingehen.

2.1 Bestandsaufnahme früher

Aufgrund des Wirtschaftswunders und des Wiederaufbaus herrschten suboptimale Verhältnisse für die Kinder. Es gab nur wenige, organisierte Sport - und Turnverbände, die meist „einmal wöchentlich ein vielfältiges Tummeln“ (Schmidt, 2003b, S.111) und Spielen organisierten. Durch die Wohnungsknappheit bedingt, lebten oft viele Familienmitglieder auf engem Raum, Spielzeug gab es so gut wie keines und die Kinder waren froh, wenn sie sich die Zeit mit den Freunden auf der Straße vertreiben konnte. Die meisten Eltern waren tagsüber beim Arbeiten und so entstanden große alters- und geschlechtsheterogene Gruppen von Straßenkindern, die sich abseits von jeglicher Aufsicht durch Erziehungspersonen und Organisationen ihre Bewegungsumwelt aneigneten. In diesem entstehenden Freiraum mussten die Heranwachsenden ihre eigene „Spiel-, Regelspiel- und Sportspiel-Kultur“ (Schmidt, 2003b, S. 110) entwickeln, was zu einer frühen Selbständigkeit führte (vgl. Büchner, 1985, S.66). Was man nicht hatte, wie zum Beispiel einen Fußball oder einen Drachen, wurde notdürftig aus den Trümmern und herumliegenden Teilen kreativ zusammengebastelt.

Obwohl es in den 50er und 60er Jahren noch keine (sport-) pädagogische Erziehung in diesem Sinne gab, kann man aus heutiger Sicht den Straßenspielen sowohl motorische, soziale als auch kognitive Funktionen zuschreiben (vgl. Schmidt, 2003b, S. 110), die die Heranwachsenden sich aneigneten.

2.2 Was hat sich verändert

Der Wirtschaftsaufschwung hatte zur Folge, dass Lebensmittel und Konsumgüter plötzlich für jedermann erschwinglich wurden. Nicht nur, dass man die Wohnungen und Häuser besser ausstatten konnte (wie z.B. Fernsehgeräte und Elektrogeräte), er ermöglichte es nun auch fast jeder Familie, sich eine eigene Wohnung zu leisten (vgl. Büchner, 1985, S. 73). Die zunehmende Motorisierung der deutschen Haushalte, sowie die Kommerzialisierung des Spielzeugmarktes, trugen ebenso zu den Veränderungen des Lebensstils bei, wie der - etwas später entstehende -Medienkonsum.

Auf die Veränderungen in den verschiedenen Bereichen soll nun zur Verdeutlichung im Einzelnen noch einmal eingegangen werden.

2.3 Sich wandelnde Wohnverhältnisse

Viele Familien zogen vom Land in die Stadt, um erstens, die besseren Arbeitsplatzchancen wahrzunehmen und zweitens, ihren Kindern eine bessere (Schul-) Ausbildung zu gewährleisten. Dadurch entstanden meist in den Randgebieten der rasant wachsenden Städte neue Wohngegenden, die einerseits den Familien eine größere Wohnung mit einem Kinderzimmer boten und anderseits den Heranwachsenden den nötigen „Streif- und Erkundungsraum“ (Büchner, 1985, S. 82) entzogen. Auch die Straßen wandelten sich von Spiel- und Bewegungsplätzen zu reinen Verkehrsnutzungsräumen und wurden dadurch für die Heranwachsenden mehr und mehr zur Gefahr (vgl. Brettschneider & Gerlach, 2004, S. 19; Schmidt, Hartmann - Tews & Brettschneider 2003d, S. 404). Zwar wurde mit dem Entstehen der Trabantenstädte auch gleichzeitig versucht, einen Ausgleich zu schaffen, indem man zunehmend Spielplätze einrichtete, aber diese waren für die meisten Kinder uninteressant und „zugleich auch Ausdruck der vorangegangenen Vernichtung der kindlichen Spielumwelt in der unmittelbaren Umgebung der Wohnungen“ (Büchner, 1985, S. 84). Dadurch blieb den Kindern und Jugendlichen nichts anderes übrig, als ihren Blick für außerschulische Aktivitäten nach innen in die Wohnung, oder in die Ferne zu richten. Beides sorgte für eine Einschränkung der Bewegungspraxis.

2.4 ‚Verinselung’

Eng mit den veränderten Wohnverhältnissen hängt die These der ’Verinselung’ zusammen. Mussten frühere Generationen noch alle Wege zu Fuß oder mit dem Fahrrad zurücklegen, so entfällt diese Bewegung in der Freizeit heute fast völlig. Durch die verbesserte Infrastruktur ist zwar einerseits alles einfacher und schneller zu erreichen, aber dies bedeutet auch, dass man weitere Strecken zurücklegen muss, um seinen (Nachmittags-) Aktivitäten[1] nachzugehen. Kinder werden damit zu transportbedürftigen Wesen und das Auto ihrer Eltern zum Taxi (vgl. Brettschneider, 2004, S. 18; Zimmer, 1998, S. 12). Ein Großteil der Bewegung, die man früher dafür verwendet hat, zum Spielen zu gehen, fällt damit heute weg und reduziert die Bewegungszeit der Heranwachsenden drastisch.

2.5 Das neue Familienbild

Die Veränderungen, die sich in den Familien vollzogen haben, zählen zu den Hauptgründen der veränderten Kindheit (vgl. Kretschmer, 2004b, S. 421, zit. nach Honig, 1999, S. 144). Der Trend geht ganz klar zur Kleinfamilie. Dies bedeutet nicht nur, dass die meisten Kinder Einzelkinder sind und teilweise auch von nur einem Elternteil erzogen werden, sondern dies bedeutet in der Konsequenz auch, dass die Kinder ohne weitere Verwandtschaft - wie Onkel und Tanten - aufwachsen. Dieses Fehlen des familiären sozialen Netzwerkes und die Krisen in den Familien, wie Scheidung, wirken sich (angeblich) negativ auf die Entwicklung der Kinder und Jugendlichen aus (vgl. Brettschneider, 2003a, S. 47). War 1965 nach Nave - Herz (1984, S. 47) noch eine durchschnittliche Kinderzahl von 2,1 pro Haushalt gegeben, so reduzierte sich diese bis 1975 schon auf 1,5.

Im gleichen Zeitraum ist die Zahl der Ein-Eltern-Familien von 6,4% auf 8,5% gestiegen (vgl. Büchner, 1985, S. 70, zit. nach Behr/Häsing, 1980, S. 84).

Ein weiterer Faktor für die neue Familienstruktur ist die Schul- und Ausbildungsphase. Diese wird immer länger und sorgt so für eine künstliche Ausdehnung der Jugendphase, denn die sozio-kulturelle Unabhängigkeit der Jugendlichen erfolgt eher als die finanzielle Unabhängigkeit (von den Eltern), was auch zu einer späteren Familiengründung führt (vgl. Brettschneider, 2003a, S. 44; Schmidt, 2003d, S. 401).

2.6 Das Medienkonsumverhalten

Die Medien gehören heute für die Heranwachsenden selbstverständlich zum Alltag. Wissen die Kinder nicht, wie sie sich beschäftigen sollen und ist es ihnen langweilig, dann gehört fernsehen und Computer spielen nachmittags zu den Hauptbeschäftigungen. Dies ist umso verwunderlicher, landen die medienbezogenen Freizeitinteressen doch nur auf den unteren Rängen bei den Meinungsumfragen unter Jugendlichen nach Lieblingsbeschäftigungen am Nachmittag (vgl. Brettschneider, 2003a, S. 52, zitiert nach Feierabend & Klinger, 2002, S. 10). Betrachtet man aber die tatsächlich durchgeführten Aktivitäten, so rangieren Medien und Medienkonsum auf Platz zwei der Hobby -Tabelle (vgl. Schmidt, 2003b, S. 112).

Fest steht, dass die Nutzungshäufigkeit von Medien in den letzten Jahrzehnten drastisch zugenommen hat. Nimmt man die Daten der Tabelle 1 als Grundlage, so ist die Fernsehzeit von 1988 bis 1995 um fast eine halbe Stunde pro Tag gestiegen. Laut einer neuen Studie des Kriminologischen Forschungsinstitut Niedersachsen, die jüngst im Südkurier (61/239, S.10) veröffentlicht wurde, läuft bei einem durchschnittlichen Viertklässler der Fernseher 139 Minuten am Tag, also eine weitere halbe Stunde länger als bei der Untersuchung 1995.

Tabelle 1: modifizierte Tabelle der durchschnittlichen täglichen Fernsehzeiten von Kindern nach Kleine (1997, S. 488; Nardelli, 2005, S. 10)

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Die Problematik, die durch die Benützung der Medien (Spielkonsole, PC und TV) auftritt, ist nicht die monotone Wirkung auf die Zuschauer und Benutzer. Im Gegenteil - die ständig wechselnden, fertigen Bilder erzeugen eine viel konkretere Wahrnehmung als Schrift und Ton und werden deshalb schneller und besser verarbeitet. Allerdings verlangen diese Bilder auch eine geringere Abstraktionsleistung und intellektuelle Fähigkeit des Gehirns und es müssen selbst keine eigenen Bilder und Phantasien konstruiert werden (vgl. Büchner, 1985, S. 99). Der Körper wird dabei aus der primären und unmittelbaren Erfahrung verdrängt und es fehlt die eigentliche selbstständige Handlung (vgl. Zimmer, 1998, S. 13). Es wird der Eindruck vermittelt, man könne alles beherrschen und habe alles schon einmal erlebt, ohne die eigentliche, reale Erfahrung damit gehabt zu haben.

[...]


[1] Diese Aktivitäten finden meist in Funktionsstätten – Akkomodation interessengleicher Veranstaltungen – statt.

Ende der Leseprobe aus 29 Seiten

Details

Titel
Veränderte Kindheit - veränderte Bewegungswelt?
Hochschule
Universität Konstanz
Note
1.5
Autor
Jahr
2005
Seiten
29
Katalognummer
V53481
ISBN (eBook)
9783638489232
ISBN (Buch)
9783656803560
Dateigröße
590 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Veränderte, Kindheit, Bewegungswelt
Arbeit zitieren
Stephen Ströhle (Autor:in), 2005, Veränderte Kindheit - veränderte Bewegungswelt?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/53481

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