Zur Gestaltung von Lernprozessen


Essay, 2019

4 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Wie sind Lernprozesse und Lernarrangements zu gestalten?

Unterricht ist weit mehr als nur die Aneignung fachlichen Wissens. Vermittelt werden ebenso gesellschaftliche Werte und Normen sowie soziale Fähigkeiten. In vielerlei Hinsicht stellt die Schule einen Wegweiser in unsere Gesellschaft und den beruflichen Werdegang dar. Als angehende Lehrkraft ist es mir deswegen ein Anliegen nicht nur über das „Was bringe ich meinen Schülern bei“, sondern auch über das „Wie bringe ich meinen Schülern dies bei“ nachzudenken. Man sollte sich darüber bewusst sein, dass Unterricht eben weit mehr ist, als reine Erarbeitung und Weitergabe von Faktenwissen. Wobei diese Formulierung schon nicht ganz unproblematisch gewählt ist, denn Lernen kann man nicht machen und Wissen kann nicht unverändert von einer zur anderen Person weitergegeben werden. Letztlich macht man als Lehrer das Angebot und die Lerner nutzen dies in individuellem Umfang. Diese Überlegungen entsprechen dem Angebots-Nutzungs-Modell nach Helmke und verdeutlichen also, dass über die wahre Nutzung der Lerner nur diese selbst bestimmen können (vgl. Helmke 2009). Da Hattie aber herausstellen konnte, dass durchschnittlich 25-30 % des unterrichtlichen Lernerfolgs der Schüler durch die Qualität des Unterrichts und die Professionalität des Lehrerhandelns herbeigeführt werden, sehe ich es als lohnenswert einmal genauer über die Wege dieser Vermittlung nachzudenken und in diesem Zug eben auch darüber, die Lernprozesse und -arrangements ansprechend und nützlich für Lerner gestaltet werden können (vgl. Hattie 2003).

Hinsichtlich der Wissensaneignung kritisiert Mandl besonders die Entstehung von trägem Wissen. Dies stelle sich immer wieder als eines der Probleme schulisch angeeigneten Wissens heraus: Wissen ohne Anwendung in konkreten Problemsituationen, werde oft zu trägem Wissen (vgl. Mandl 2010, S. 20). Mandl fordert deswegen, Unterrichtsumgebungen so zu gestalten, dass es zur Anregung und Unterstützung der Aktivität und Selbststeuerung der Lerner kommt, vorhandenes Wissen integriert und situative und soziale Bezüge geschaffen und einbezogen werden (ebd., S. 22). Der Ansatz des problemorientieren Lernens kommt seinen Anforderungen in hohem Maß nach, denn darunter werden Lernumgebungen zusammengefasst, die ebendiese lernerzentrierte Ausrichtung aufweisen und ihnen komplexe authentische Problemstellungen zur Betrachtung anbieten. Somit soll den Lernern der potentielle Nutzen des erworbenen Wissens für reale Herausforderungen deutlich werden (vgl. Zumbach 2003, S. 11).

Nach Reinmann und Mandl bilden weiterhin folgende fünf konstruktivistisch geprägte Prozess­merkmale die Basis dieses Ansatzes: Lernen als ein aktiver, konstruktiver, selbstgesteuerter, emotionaler, sozialer und situativer Prozess. Daraus ergeben sich für die Lerngestaltung die Anforderungen, dass die Lerner sich aktiv in das Lerngeschehen einbringen können und die Möglichkeit haben, neues Wissen mit bereits bestehendem zu verknüpfen, um die eigene Bedeutsamkeit für sich selbst zu spüren. Außerdem sollen die Lernenden den eigenen Lernprozess wahrnehmen, kontrollieren und mitgestalten können. Darüber hinaus sind die Emotionen für das Lernen von großer Bedeutung. Sie haben auch auf die Motivation, sich mit dem Inhalt auseinanderzusetzen, große Auswirkungen. Ein sensibler und bewusster Umgang mit emotionalen Komponenten ist daher bedeutend. Des Weiteren ist Lernen als sozialer Prozess zu verstehen, der durch Interaktion mit anderen erfolgt und in einer bestimmten Lernkultur stattfindet. Letztlich sollte die situative Komponente des Lernens berücksichtig werden, die darauf hinweist, dass Wissenserwerb immer an spezifische Kontexte gebunden ist und situative sowie kontextuelle Bezüge aufweist (vgl. Mandl 2010, S. 21).

Da nun immer wieder die Schüleraktivität und das entdeckende Lernen angesprochen werden, stellt sich weiterhin natürlich die Frage nach der besonderen Position der Lehrkraft in dieser Konstellation. Die Problematik der Gewichtung von Konstruktion und Instruktion sollte deswegen bei diesem Gedanken einmal genauer beleuchtet werden. Denn trotz dieser konstruktivistisch angelegten Merkmale ist die Bedeutung von Instruktion beim problemorientierten Lernen nicht zu vernachlässigen (vgl. Rummler 2012, S. 20ff.). Die Lehrenden sind entscheidend in der Begleitung des Lernprozesses. Sie sollen als Mentor und Moderator bereitstehen und so den Arbeitsgang unterstützend begleiten. Daraus schließe ich, dass sich die Lehrkraft nicht völlig zurücknimmt. Sie präsentiert, erklärt und strukturiert, aber ohne die Lernenden ständig zu kontrollieren. Es gilt also nach Bedarf Anweisungen zu geben, zu unterstützen und zu beraten, ohne die Lernenden in irgendeiner Form zu in ihrem Tun einzuschränken. Zusammenfassend könnte man sagen, Balance zwischen Konstruktion und Instruktion ist entscheidend, um problemorientierte Lernumgebungen zu schaffen und ihnen einen Rahmen zu geben.

Auch Jürgens plädiert für schüleraktiven Unterricht, der handlungsorientiert angelegt sein soll. Er stellt die Bedeutung der Schülerfrage in den Vordergrund und spricht sich kritisch gegen einen frage-entwickelnden Unterricht aus. Die Begründung scheint auch unter dem Aspekt der Textarbeit nachvollziehbar: werde der Unterricht durch Lehrerfragen geleitet, so gebe es Vorüberlegungen der Lehrkraft, welche Gedankengänge beim Lernen wichtig seien, um zu dem erwünschten Ergebnis zu kommen. Gleichzeitig entstehe aber durch die Fragen eine künstliche Situation, da die Antworten für die Lehrkraft im Vorfeld klar seien. Somit enthalte man keine Schülerorientierung mehr und könne nicht sichergehen, dass alle Schüler folgen können bzw. überhaupt die Notwendigkeit sehen aufzupassen und mitzumachen, da es nicht ihre eigenen Interessen und Fragen zu Gedankengängen seien, die thematisiert würden, sondern die des Lehrers. Damit nehme man den Schülern die Neugierde und verwehre ihnen die Möglichkeit zur geistigen Selbstständigkeit (vgl. Jürgens 2010, S. 47). Auch Brüning und Saum kritisieren dies am fragegeleiteten Unterrichtsgespräch (vgl. Brüning, Saum 2012, S. 8). Dies ist durchaus bedenklich - vor allem, da neurowissenschaftliche Forschungen zeigen, dass ohne das Erkennen der eigenen Nützlichkeit für den Einzelnen, das Lernen nicht erfolgreich verlaufen kann, wie es Roth in ihren Ausführungen deutlich macht (vgl. Roth 2010, S. 236).

Jürgens appelliert deswegen an selbstgesteuerte, kooperative Formen des Lernens und Öffnung der klassischen Unterrichtsformen. Die Lehrkraft sieht er als Organisator und Moderator neuer, offener Lernformen, die in der Schüleraktivität eine Schlüsselfunktion erkennen (vgl. Jürgens 2010, S. 47). Apel und Sandfuchs sprechen sich für Unterricht aus, der zum Lernen herausfordert. Basierend auf einem gekonnten didaktischen Arrangement solle er variierend angelegt sein (vgl. Apel, Sandfuchs 2003, S. 6). Für mich heißt das, dass auch die Lernprozesse und Lernarrangements vielfältig angelegt werden sollen und dabei Schüler zu einem Problemlöse- und Übungsverhalten aktivieren. Erst aktiv entdeckendes Lernen setze eigene Lernprozesse frei, heißt es hier weiterhin (ebd.). Selbstorganisiertes Lernen - egal ob Wochenplanarbeit, Freiarbeit oder Projekte -scheinen diesen Kriterien aus meiner Sicht gut zu entsprechen. Ich bin allerdings trotzdem der Meinung, dass auch lehrergesteuerter Unterricht nicht unbedingt im Gegensatz zu den eben genannten Ansätzen stehen muss, wenn er lernaktivierend und schülerzentriert angelegt ist. Wichtig ist hierbei nur, dass auch wirklich das Lernen der Schüler und nicht das Lehren der Lehrkraft im Mittelpunkt steht.

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Ende der Leseprobe aus 4 Seiten

Details

Titel
Zur Gestaltung von Lernprozessen
Hochschule
Universität Bielefeld
Note
1,0
Autor
Jahr
2019
Seiten
4
Katalognummer
V534863
ISBN (eBook)
9783346138132
Sprache
Deutsch
Schlagworte
essay, lernprozesse, schülermotivation, gestalten, handlungsorientiert, schule, lernen, aktiv, unterrichtsgestaltung
Arbeit zitieren
Anni Esweer (Autor), 2019, Zur Gestaltung von Lernprozessen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/534863

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