Bullying in der Volksschule. Welche intervenierenden und präventiven Maßnahmen können Volksschullehrer/innen setzen?


Bachelorarbeit, 2019

72 Seiten, Note: 3,0

Anonym


Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1 PROBLEMAUFRISS UND ZIELSTELLUNGEN

2 DAS PHÄNOMEN BULLYING
2.1 Einleitung
2.2 Begriffsbestimmungen
2.2.1 Bullying
2.2.2 Mobbing
2.2.3 Gewalt
2.2.4 Aggression
2.2.5 pädagogische Prävention
2.2.6 pädagogische Intervention
2.3 Erscheinungsformen
2.3.1 direkte Bullying-Handlungen
2.3.2 indirekte oder relationale Bullying-Handlungen
2.3.3 Exkurs Cyber-Bullying
2.3.4 weitere Erscheinungsformen von Bullying
2.4 Prävalenzen
2.5 Bullying - Abgrenzung gegen andere Formen des Konflikts
2.5.1 Auseinandersetzungen auf Augenhöhe
2.5.2 Tobspiele
2.5.3 Necken
2.5.4 Belästigung und Bedrängung
2.5.5 Zurückweisung
2.5.6 einzelne Bullying-Handlungen
2.6 Resümee

3 Bullying: Entstehung, Beteiligte und Folgen
3.1 Einleitung
3.2 Wie Bullying entsteht
3.2.1 Risikoerhöhende familiäre Bedingungen
3.2.2 Risikoerhöhende personale Bedingungen
3.2.3 Risikoerhöhende schulische Bedingungen
3.3 Rollen innerhalb des Bullying-Prozesses
3.3.1 Rollenverteilung bei Bullying
3.3.2 Lehrer/innen als Opfer von Bullying
3.3.3 Lehrergewalt gegen Schüler/innen
3.4 Folgen von Bullying in der Schulzeit
3.5 Resümee

4 PRÄVENTION UND INTERVENTION
4.1 Einleitung
4.2 Grundlagen der Bekämpfung von Bullying in der Volksschulklasse
4.3 Das Olweus-Konzept
4.3.1 Maßnahmen innerhalb der Klasse
4.3.2 Maßnahmen auf Schüler/innen-Ebene
4.3.3 Olweus-Konzept: Evaluierung
4.4 präventive und intervenierende Maßnahmen in der Volksschulklasse
4.4.1 Präventionsarbeit in der Klasse
4.4.2 Interventionsarbeit in der Klasse
4.4.2.1 Intervention auf der Ebene des Opfers
4.4.2.2 Intervention auf der Ebene der Täter/innen
4.5 Resümee

5 FAZIT

6 LITERATURVERZEICHNIS

Kurzzusammenfassung

Die vorliegende Bachelorarbeit behandelt das Thema Bullying im Kontext der Volksschulklasse unter Berücksichtigung form-, rollen- sowie entwicklungsspezifischer Aspekte. Im Laufe der letzten Jahre nahm die Entstehung von Bullying deutlich zu, was sich besonders in der Volksschule beobachten lässt. Folglich zielt diese Arbeit darauf ab, die Notwendigkeit der Einleitung spezifischer Handlungsmöglichkeiten für das gezielte Vorgehen gegen Bullying aufzuzeigen. In diesem Sinne werden präventive und intervenierende Maßnahmen vorgestellt, welche Volksschullehrer/innen zwecks der Vorbeugung und Bekämpfung von Bullying innerhalb der Klasse setzen können. Mittels der kritischen Auseinandersetzung mit themenspezifischer Literatur wird gezeigt, dass die Entwicklung sozialer Kompetenzen seitens der Schüler/innen im Mittelpunkt sowohl präventiver als auch intervenierender Maßnahmen steht. Dieser Vorgang wird durch den Einsatz gezielter Programme und gruppenstärkender Unterrichtsmethoden unterstützt. Der Erfolg all dieser angeführten Ansätze ist stark von der Kompetenz der Lehrperson und der Qualität der Lehrer/innen-Schüler/innen- Beziehung abhängig.

Summary

This bachelor thesis deals with the topic of bullying in context of the elementary school class, taking into account specific aspects of forms, roles and development. Over the past few years, the emergence of bullying has increased significantly, which can be observed particularly in elementary school. Consequently, this paper's aim is to highlight the need of introducing specific actions against bullying. In this sense, preventive and intervening measures are presented, which can be setted by elementary school teachers for the purpose of preventing and combating bullying within class. The critical examination of specific literature shows that the development of social skills in class is the most important aspect of preventive and interventional measures. This process is supported by the use of targeted programs and group- strengthening teaching methods. The success of all these approaches heavily depends on the teacher's competence and the quality of the relationship between teachers and student

Abbildungsverzeichnis

Abbildung 1: Bullying - Überschneidungen mit anderen Gewalt- und Aggressionsformen (Teuschel/Heuschen 2013:40)

Abbildung 2: Rollen bei Bullying in der Klasse (Scheithauer et al. 2003:35)

1 Problemaufriss und Zielstellungen

Bereits seit einigen Jahren lässt sich beobachten, dass in den Medien vermehrt von Gewalthandlungen berichtet wird, welche von Kindern und Jugendlichen verübt werden. Besonders häufig wird von Amokläufen und diversen Missbrauchsfällen gesprochen; die Bandbreite der tatsächlich stattfindenden gewalttätigen Übergriffe ist jedoch um ein Vielfaches größer. Wie der Vergleich aktueller Berichte aufzeigt, gibt es jedoch einen Faktor, der verschiedenste Arten gewalttätigen Verhaltens miteinander zu vereinen scheint. So wurde festgestellt, dass die Institution Schule besonders häufig zum Schauplatz sowohl verbaler als auch körperlicher Attacken wird. Die Schule stellt einen zentralen Bereich der kindlichen Erlebniswelt dar und ist von einem hohen Maß an Heterogenität geprägt, infolgedessen ist die Entstehung von Konfliktsituationen unvermeidbar. Eine spezielle Form aggressiven und gewalttätigen Verhaltens ist allerdings besonders häufig im schulischen Umfeld zu beobachten, nämlich Bullying. Eine Untersuchung der OECD (Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung) aus dem Jahr 2015 brachte zutage, dass rund 21,3 Prozent aller österreichischer Schüler/innen regelmäßig mit physischen und psychischen Attacken im Sinne von Bullying konfrontiert werden, wobei ein großer Anteil dieser Übergriffe bereits in der Volksschule stattfindet. Diesem Ergebnis zufolge weist Österreich europaweit den größten Anteil an Bullying-Fällen auf.1 Trotz dieser problematischen Entwicklung ist die Forschung in diesem Bereich derzeit noch nicht ausgereift, weshalb in weiterer Folge kaum über dieses Phänomen berichtet wird. Der daraus resultierende Mangel an Wissen über Bullying und dessen Auswirkungen bedingt, dass derartige Handlungen oft unentdeckt bleiben und somit ungebremst stattfinden können. Um nun der Entwicklung von Bullying effektiv entgegenwirken zu können ist es notwendig, direkt am Entstehungsort dieser schädigenden Handlungen anzusetzen. Aus diesem Grund stützt sich der Inhalt der vorliegenden Arbeit auf die folgende Forschungsfrage:

Welche intervenierenden und präventiven Maßnahmen können Volksschullehrer/innen in Bezug auf Bullying in der Klasse setzen?

Die Forschungsfrage wird hermeneutisch mittels der Sichtung entsprechender, themenbezogener Fachliteratur beantwortet. Zu Beginn wird ein Einblick in die Definition relevanter Begrifflichkeiten gegeben. Im Anschluss erfolgt die Auseinandersetzung mit bereits existierenden theoretischen Ansätzen unter Anführung etwaiger inhaltlicher Mängel sowie Unvollständigkeiten bisheriger Untersuchungen. Der daraus resultierende Erkenntnisgewinn bildet die Basis für die Beantwortung der Forschungsfrage.

Das Ziel der vorliegenden Arbeit besteht darin, Volksschullehrer/innen Handlungsmöglichkeiten hinsichtlich der Prävention und Intervention von Bullying aufzuzeigen. Die vorgestellten Maßnahmen wurden mit der Intention entwickelt, jedem Kind ein gewaltfreies Schulleben zu ermöglichen.

2 Das Phänomen Bullying

2.1 Einleitung

Das zweite Kapitel widmet sich zunächst der terminologischen Erklärung der Fachausdrücke. In diesem Sinne soll auf nachfolgende Inhalte vorbereitet und somit ein Grundstein für die vorliegende Arbeit gelegt werden. In weiterer Folge wird der Begriff „Bullying“ mit dem Ausdruck „Mobbing“ in Relation gesetzt, um inhaltliche Unterschiede aufzuzeigen. Danach folgen eine kurze Auseinandersetzung mit den beiden Termini „Gewalt“ und „Aggression“ sowie eine Definition der pädagogischen Prävention und Intervention. Der nächste Abschnitt dieses Kapitels beschäftigt sich mit der Erörterung der verschiedensten Formen von Bullying unter Anführung möglicher spezifischer Handlungsmuster. Die anschließende Ermittlung der Bullying-Prävalenzen erfolgt unter der Berücksichtigung sowohl länder-, geschlechts- als auch altersspezifischer Faktoren und untersucht Zusammenhänge zwischen eben diesen Komponenten und dem Bullying-Verhalten von Kindern. Im Sinne der klaren Abgrenzung von Bullying zu anderen aggressiven und gewalttätigen Verhaltensformen werden zum Abschluss einige Konfliktformen beschrieben, welche bezüglich ihrer Erscheinungsformen eine große Ähnlichkeit mit Bullying-Handlungen aufweisen, jedoch nicht als diese kategorisiert werden. Hierdurch soll das Bewusstsein für die in der Definition diskutierten Komponenten von Bullying vertieft werden.

2.2 Begriffsbestimmungen

2.2.1 Bullying

Der Begriff „Bullying“ entstammt dem angelsächsischen Sprachgebrauch und beschreibt schikanierende und tyrannisierende Verhaltensformen.2 Abgeleitet wird dieser Ausdruck vom englischen Verb „to bully“ (einschüchtern, tyrannisieren), das zugehörige Substantiv „a bully“ charakterisiert eine gewalttätige, unterdrückende Person. Anhand der Übersetzungen lässt sich erkennen, dass Bullying ursprünglich vor allem mit körperlichen Gewalthandlungen assoziiert wurde. Inzwischen wird diese Bezeichnung auch für die Beschreibung anderer Formen gewalttätigen, aggressiven und schikanierenden Verhaltens gebraucht.3

Laut Dan Olweus, einem schwedisch-norwegischen Psychologen, der sich als einer der ersten Forscher im Bereich des Bullying etablierte, spricht man von einer Bullying­Handlung, wenn ein einzelner, unterlegener Schüler oder eine Schülerin wiederholt und über einen längeren Zeitraum hinweg den negativen Handlungen eines oder mehrerer Kinder ausgesetzt ist. Das bestehende Kräfteungleichgewicht erschwert es dem Opfer, sich zur Wehr zu setzen.4

Eines der wesentlichsten Elemente dieser Definition ist das Machtungleichgewicht in der Täter-Opfer-Beziehung, welches von außen oft nicht erkennbar ist. Folglich befindet sich das Opfer in einem Zustand der Wehrlosigkeit und hat große Schwierigkeiten, sich aus dieser Situation ohne Hilfe zu befreien. Die angesprochenen negativen Handlungen können sowohl auf psychischer als auch auf physischer Ebene stattfinden und beinhalten somit neben körperlichen Übergriffen auch verbale Attacken wie Beleidigungen, Beschimpfungen, Erpressung und Zerstörung. Bullying- Handlungen finden regelmäßig und über einen längeren Zeitraum hinweg statt, wobei unter „regelmäßig“ mindestens einmal pro Woche verstanden wird. Der Zeitraum bezieht sich auf eine Dauer von einem Vierteljahr oder länger. Schädigende Handlungen im Sinne von Bullying werden systematisch mit dem Ziel eingesetzt, jemanden zu schikanieren und zu quälen.5

Olweus‘ Bullying-Definition beinhaltet alle wesentlichen Erkennungsmerkmale dieses Phänomens, was die Abgrenzung von Bullying zu anderen aggressiven und gewalttätigen Verhaltensformen deutlich erleichtert. Infolgedessen werden zahlreiche Definitionen mit weniger spezifischem Wortlaut in den Hintergrund gedrängt. So fällt zum Beispiel die Beschreibung des Bullying-Prozesses von Smith und Sharp als „systematic abuse of power“ 6 sehr allgemein aus, da sie keinerlei Auskunft über die konkreten Erkennungsmerkmale von Bullying gibt. Folglich ist es schwierig, lediglich anhand dieser Definition zwischen einer Bullying-Handlung und anderen Arten aggressiven bzw. gewalttätigen Verhaltens zu unterscheiden, wodurch wiederum keine solide Grundlage für weitere Forschungsarbeit gegeben ist. Bei genauerer Betrachtung der Formulierung fällt jedoch auf, dass einige der bereits angeführten Kernelemente von Olweus‘ Bullying-Definition auch in diesen kurzen Schlagwörtern zu finden sind - nämlich das Machtungleichgewicht in der Täter-Opfer-Beziehung, die negativen Handlungen sowie die Komponenten Dauer und Häufigkeit.7 Dieses Beispiel belegt, dass die in Olweus‘ Definition angeführten Kriterien auch von anderen Personen aufgegriffen werden, was diese zu einem wesentlichen Bestandteil zahlreicher Definitionen von Bullying macht.

2.2.2 Mobbing

Der Ausdruck „Mobbing“ beschreibt - ähnlich wie Bullying - ein feindseliges und gezielt destruktives Verhalten gegenüber einzelnen Personen. Das englische Verb „to mob“ wird mit anpöbeln oder belästigen in die deutsche Sprache übersetzt.8 Die in unserem Sprachgebrauch unspezifische Verwendung des Begriffs „Mobbing“ für eine Vielzahl an unfreundlichen Verhaltensweisen hat zu einigen Unklarheiten bei der inhaltlichen Differenzierung von Bullying und Mobbing geführt. Leymann formulierte eine Unterscheidung, welche besagt, dass das Wort „Mobbing“ aus der Arbeits- und Organisationspsychologie stammt und vor allem für die Beschreibung der permanenten, zielgerichteten Belästigung von Erwachsenen am Arbeitsplatz Verwendung findet.9 Demnach ist der Ausdruck Mobbing für spezielle Konflikte am Arbeitsplatz reserviert, während Schikanen unter Kindern und Jugendlichen als Bullying-Handlungen bezeichnet werden.10 Aus diesem Grund wird für die vorliegende Arbeit der Terminus Bullying übernommen.

2.2.3 Gewalt

Gewalt ist ein sehr weitläufiger Begriff, weshalb es eine Vielzahl an uneinheitlichen Definitionen gibt.11 Als Grundlage soll hier die Begriffsbestimmung der Weltgesundheitsorganisation aus dem Weltbericht „Gewalt und Gesundheit“ dienen:12

„Gewalt ist der tatsächliche oder angedrohte absichtliche Gebrauch von physischer oder psychologischer Kraft oder Macht, die gegen die eigene oder eine andere Person, gegen eine Gruppe oder Gemeinschaft gerichtet ist und die tatsächlich oder mit hoher Wahrscheinlichkeit zu Verletzungen, Tod, psychischen Schäden, Fehlentwicklung oder Deprivation führt.“

Die WHO teilt Gewalt demnach in drei verschiedene Kategorien ein, abhängig von ihrer jeweiligen Ausgangslage. Gewalt gegen die eigene Person wird auch Autoaggression genannt und beinhaltet Selbstmisshandlung und suizidales Verhalten. Die zwischenmenschliche Gewalt kann sowohl auf psychischer (Verletzung, Tod) als auch auf physischer Ebene (Einschüchterung, Drohung) stattfinden und hat oftmals Fehlentwicklungen und psychische Schädigungen zur Folge. Die letzte Kategorie bildet die sogenannte kollektive Gewalt. Wie der Wortlaut bereits vermuten lässt richtet sich diese Form gegen mehrere Einzelpersonen oder eine Gruppe und geht von Mitgliedern anderer Gruppierungen aus. Den jeweiligen Gewalthandlungen werden in den meisten Fällen mit dem Ziel der Durchsetzung sowohl wirtschaftlicher, politischer als auch gesellschaftlicher Wünsche und Vorstellungen durchgeführt.13

2.2.4 Aggression

Der Ausdruck Aggression stammt vom lateinischen Wort „aggredi“ und bedeutet angreifen oder herangehen. Aggression wird von der Gesellschaft oft als etwas Negatives angesehen, doch das ist nicht immer zwangsläufig der Fall. Es gibt durchaus Umstände, unter welchen der Begriff der Aggression positiv besetzt werden kann. Ein konkretes Beispiel hierfür wäre das äußerst motivierte Herangehen an eine Sache. Die pädagogische Literatur hingegen verwendet diesen Wortlaut nahezu ausschließlich im negativen Kontext. Jeder Mensch trägt ein gewisses Aggressionspotenzial in sich, folglich ist aggressives Verhalten bis zu einem gewissen Grad Teil des menschlichen Lebens und ruft nicht automatisch Gewalthandlungen hervor. Die Beurteilung aggressiver oder nicht-aggressiver Verhaltensweisen ist stark von der Situation sowie von den Erfahrungen und Empfindungen des jeweiligen Individuums abhängig und fällt daher sehr subjektiv aus.14

2.2.5 Pädagogische Prävention

Prävention lässt sich auf das lateinische Wort „prävenire“ zurückführen und wird mit „etwas zuvorkommen“ in die deutsche Sprache übersetzt. Sämtliche Maßnahmen, die der Vorbeugung und der Verminderung negativer sozialer Handlungen dienen, werden in diesem Begriff zusammengefasst.15 Die Prävention als pädagogisches Prinzip zielt auf die Erzeugung eines ungestörten Lernklimas im Unterricht durch Förderung der Persönlichkeitsentwicklung und der Lebenskompetenz ab, wobei der Fokus auf die individuellen Ressourcen der Schülerinnen und Schüler sowie auf die Stärkung der Klassengemeinschaft gerichtet wird. Einen wichtigen Teil der pädagogischen Prävention stellt außerdem der Umgang mit Themen wie Sucht, Armut, Gewalt und Sexualität dar. Im Rahmen des Schulalltags werden die Kinder sowohl beim Erwerb sozialer und personaler Grundlagen für eine erfolgreiche Lebensbewältigung als auch bei der Festigung psychischer Strukturen und der Aneignung von Methoden für den Umgang mit Frustrationen unterstützt. Schulische Prävention kann auf den verschiedensten Ebenen stattfinden, wobei wichtige Faktoren wie das Alter und kultur-, geschlechts- sowie milieuabhängige Unterschiede bei der Auswahl des geeigneten Konzepts unbedingt berücksichtigt werden müssen:16

- Bei der universellen Prävention werden alle Schülerinnen und Schüler miteinbezogen, unabhängig davon, ob eine Bedrohung jeglicher Art besteht.17
- Die selektive Prävention findet Anwendung bei Kindern, die verschiedenste Arten riskanten Verhaltens aufweisen. Das deutlich erhöhte Gefahrenpotenzial bedingt ein breites Angebot an präventiven Maßnahmen für die Betroffenen.18
- Das Konzept der indizierten Prävention richtet sich an Schülerinnen und Schüler mit bereits auffälligem Verhalten (Gewalt, Sucht, ...). Oftmals ist in diesen Fällen die Zusammenarbeit mit außerschulischen Institutionen wie zum Beispiel mit Fachberatungsstellen erforderlich.19

2.2.6 Pädagogische Intervention

Der Begriff „Intervention“ lässt sich auf das lateinische Wort „intervenire“ (sich einschalten, dazwischentreten) zurückführen und beschreibt das Eingreifen in eine laufende Handlung durch bestimmte Maßnahmen. Eine wichtige Komponente hierbei bildet die sogenannte Diagnostik, da nur durch im Vorfeld getätigte Beobachtung und Beurteilung einer Situation entsprechend reagiert werden kann. Des Weiteren bedarf es gründlicher Überlegungen darüber, was mit der Intervention bezweckt werden soll und welche Reaktionen diese seitens der Betroffenen unter Umständen hervorrufen kann.20 Das Ziel der pädagogischen Intervention ist die Anleitung zu einer angemessenen Verhaltensweise, welche die betroffenen Personen zu einer effektiven Auseinandersetzung mit konkreten Lebenssituationen befähigt.21

2.3 Erscheinungsformen

Bullying-Handlungen können in den verschiedensten Formen auftreten und sind deshalb in vielen Fällen nicht leicht als diese zu identifizieren. Außerdem finden Schikanen oft heimlich und versteckt statt, was bedingt, dass sie von außenstehenden Personen gar nicht oder erst einige Zeit später wahrgenommen werden. Wie bereits kurz bei der Definition von Bullying erwähnt, assoziierte man mit diesem Begriff lange Zeit lediglich direkte körperliche Gewalt; verbale sowie relationale Übergriffe wie das Verbreiten von Gerüchten oder Ausgrenzungen wurden nicht als Bullying angesehen. Um diesem Umstand entgegenzuwirken wurde eine Einteilung der verschiedenen Bullying-Handlungen vorgenommen. Außerdem ist durch diese Kategorisierung ein weiterer Anhaltspunkt für eine deutlichere Unterscheidung zwischen Bullying und anderen gewalttätigen bzw. aggressiven Verhaltensformen gegeben.22

2.3.1 Direkte Bullying-Handlungen

Direkte Bullying-Handlungen können sowohl auf verbaler als auch auf handgreiflicher Ebene stattfinden. Wie die Bezeichnung dieser Bullying-Form bereits verrät, geschehen die Schikanen in direktem Kontakt und nicht hinter dem Rücken des Opfers, wobei die Täter/innen eine äußerst aktive Rolle einnehmen und das Opfer unmittelbar beeinflussen. Konkrete Beispiele für verbale Attacken sind Herabsetzung, Bedrohung, Bloßstellung sowie Beschimpfungen. Schädigende Handlungen physischer Art schließen unter anderem Bein stellen, Schlagen, Schubsen, Festhalten, Einsperren aber auch das Abnehmen von Geld und Erpressung ein.23

2.3.2 Indirekte oder relationale Bullying-Handlungen

Diese Form schädigenden Verhaltens ist auf den ersten Blick oft nicht leicht zu erkennen, da die Täter/innen bei der Ausübung nicht in direktem Kontakt mit dem Opfer stehen. Es wird versucht, das Ansehen des Opfers mittels Verleumdung, dem Verbreiten von Gerüchten und anderen gleichartigen Handlungen zu schädigen.24 Das Ausbleiben des direkten Kontakts ermöglicht den Kindern die unerkannte Planung und Inszenierung der Handlungen. Folglich fällt der betroffenen Person das Bullying oft erst einige Zeit später auf da in diesem Augenblick nicht mit einer Attacke gerechnet wird. Indirektes Bullying kann ebenso schädigende Auswirkungen haben wie die direkte Bullying-Handlung und bleibt aufgrund der Möglichkeit des versteckten Agierens nicht selten ungestraft.25 Eine Extremform des indirekten Bullying ist das sogenannte Cyber­Bullying, welches im nächsten Absatz aufgrund des häufigen Auftretens in der heutigen Zeit und der oftmals dramatischen Folgeschäden für das Opfer näher vorgestellt wird.26

2.3.3 Exkurs Cyber-Bullying

Unter Cyber-Bullying versteht man Bullying unter Verwendung elektronischer Technologie. Dieses Phänomen entwickelte sich zunehmend in den letzten Jahren und ist im Bereich der wissenschaftlichen Studien derzeit noch sehr dünn angesiedelt. Bekanntheit erlangte die spezifische Form des indirekten Bullying mittels diverser Medienberichte, welche suizidale Handlungen von Kindern und Jugendlichen mit vorhergehendem Cyber-Bullying in Verbindung gebracht hatten.27 In diesem Sinne wird im nächsten Absatz ein Fall aus dem Jahr 2010 angeführt, welcher als Beispiel für die möglichen Konsequenzen von Cyber-Bullying dienen soll:28

Der 13-jährige Joel aus Kärnten legte sich am 14. Mai 2010 auf die Bahngleise in der Nähe seiner Wohnung und wurde von einem Zug erfasst. Eigentlich hatte der Bub vor, an diesem Abend in Begleitung eines Freundes zu einem GTI-Treffen zu gehen. Joel und sein Freund hatten kurz zuvor auf seiner Facebook-Seite geschaut, ob es „News“ gäbe. Dort fand der Bub einen Link zu einer pornografischen Seite, auf der er mit sämtlichen Ausdrücken als schwul beschimpft wurde. Wie seine Mutter berichtete hatte Joel bereits zuvor in der Schule mit Bullying-Attacken zu kämpfen, wo er wegen seiner „uncoolen“ Kleidung und seines Übergewichts verspottet worden sei. Laut seines Freundes habe der „Anschlag“ im Internet den jungen Bub so aufgewühlt, dass er kurz darauf aus dem Haus gelaufen sei, er habe Joel nicht mehr einholen können .

Wie auch im Fall des Buben Joel wird für die Ausübung von Cyber-Bullying bevorzugt auf Facebook und andere Internetforen, die vor allem von jungen Menschen genutzt werden, zurückgegriffen. Täter/innen stammen meist aus dem Umfeld des leidtragenden Kindes, also aus der eigenen Klasse oder Schule. Sie bedienen sich hier derselben methodischen Vorgehensweisen wie bei anderen Formen des Bullying, wobei in vielen Fällen kein direkter Kontakt zum Opfer besteht. Die Bandbreite der schädigenden Handlungen reicht von Drohungen, anonymen Anschlägen, Beschimpfungen und der Verbreitung kompromittierender Fotos oder Filme bis zur Ausstoßung des Opfers aus der Gesellschaft. Bedingt durch die Speicherbarkeit digitaler Daten hat der Täter die Möglichkeit, die Schikanen beliebig oft zu wiederholen. Des Weiteren spielen sich die Attacken beim Cyber-Bullying vor nahezu unbegrenztem Publikum ab und können so geplant und ausgeübt werden, dass der größtmögliche Effekt erzielt wird. Dabei kann das Opfer jederzeit erreicht werden und ist den Schikanen unter Umständen rund um die Uhr ausgesetzt, ohne jegliche Chance auf Rückzug.29

Was die Täter/innen betrifft, so sind diese bei der Anwendung von Cyber-Bullying besser vor Sanktionen geschützt als bei offenem Bullying, da sie sich nicht zwangsläufig zu erkennen geben müssen. Diese Anonymität lässt die Bullying­Situation in vielen Fällen noch bedrohlicher auf das Opfer wirken und kann neben den ohnehin bereits vorhandenen negativen Emotionen zusätzliche Gefühle der Hilflosigkeit und Ohnmacht auslösen. Untersuchungen haben ergeben, dass schädigende Handlungen auf virtueller Ebene oft in Kombination mit herkömmlichen Formen des Bullying auftreten und bereits nach einmaligem Vorkommen gewaltige Schädigungen auslösen können, wie auch das oben angeführte Fallbeispiel zeigt. Der Trend zur vermehrten Nutzung des Cyber-Bullying sollte aus diesen Gründen keinesfalls verharmlost werden oder gar unbeachtet bleiben und erfordert zwecks der korrekten Bewertung beziehungsweise Bekämpfung derartiger Problemsituationen die genaue Kenntnis der entsprechenden virtuellen Räume und deren Kommunikationsformen.30

2.3.4 Weitere Erscheinungsformen von Bullying

Neben der direkten beziehungsweise indirekten Bullying-Form wird außerdem zwischen proaktivem und reaktivem Bullying unterschieden. Reaktives Bullying basiert auf negativen vorausgegangenen Erlebnissen, während schädigende Handlungen auf proaktiver Ebene intentional durchgeführt werden.31 Scheithauer et al. stellt darüber hinaus alternative Erscheinungsformen des Phänomens Bullying vor. Menschen, die große Angst vor etwas Fremdem haben und im Allgemeinen eher unsicher sind greifen unter Umständen auf homophobisches Bullying zurück. Eine weitere, häufig auftretende Erscheinung ist das Bullying mit fremdenfeindlichem Hintergrund. Wie die Bezeichnung bereits vermuten lässt, liegt dieser spezifischen Erscheinungsform die Missbilligung anderer aufgrund ihrer ethnischen Zugehörigkeit zugrunde.32

2.4 Prävalenzen

Bereits in der Volksschule lässt sich immer häufiger beobachten, dass Kinder physische bzw. psychische Gewalt auf ihre Mitschüler/innen ausüben. Dieser Umstand wurde bereits im Jahr 2002 durch eine Wiener Studie belegt, die das Gewaltverhalten von Kindern im Volksschulalter untersuchte. Im Zuge dieser Studie gaben rund 40 Prozent der 400 befragten Schüler/innen aus 18 Klassen an, bereits einmal Opfer von Gewalt gewesen zu sein. Je nach Klasse lag der Anteil der Täter/innen zwischen 0 und 21 Prozent. Diese Schüler/innen gaben bekannt, bereits körperliche oder verbale Übergriffe auf ein anderes Kind verübt zu haben, sei es in Form von Schlagen, Anrempeln, Beleidigungen oder Ablehnung.33 Eine weitere Untersuchung in diesem Bereich wurde 2015 von der OECD durchgeführt. Diesen Ergebnissen zufolge ist Österreichs Anteil an Bullying-Opfern mit 21,3 Prozent fast doppelt so hoch wie der Durchschnitt aller 27 untersuchten Länder, welcher rund 11 Prozent beträgt. Das Land mit den wenigsten Bullying-Handlungen ist Schweden mit einer Rate von 4 Prozent.34

Es gibt mehrere Faktoren, die mit der Häufigkeit des Auftretens von Bullying in engem Zusammenhang stehen. Ein wichtiges Kriterium hinsichtlich der Ermittlung dieser sogenannten Prävalenzen stellt die Methodik der Vorgehensweise dar. Da jedoch keine einheitlichen Forschungsmethoden festgelegt sind ist es oft schwierig, Ergebnisse miteinander in Verbindung zu bringen oder gar zu vergleichen.35 Konkrete Beispiele für mögliche Vorgehensweisen zur Erhebung bestimmter Daten sind Lehrerbefragungen 36 oder self-report-Fragebögen 37. Aufgrund der Tatsache, dass Bullying allerdings auch in relationaler Form auftreten kann und somit oft schwer erkennbar ist, stellen die Ergebnisse von Lehrerbefragungen jedoch keine verlässliche Informationsquelle hinsichtlich der Ermittlung von Prävalenzen dar.38

Ein Faktor, der das Auftreten von Bullying wesentlich beeinflusst, ist das Geschlecht der Kinder. So sind Jungen öfter als Mädchen Täter bzw. Täter-Opfer von Bullying- Handlungen. Außerdem wurde festgestellt, dass Schülerinnen vermehrt von indirektem Bullying betroffen sind, während Jungen häufiger mit direkten Attacken konfrontiert werden.39 Auch das Alter der Kinder steht in engem Zusammenhang mit dem Bullying- Verhalten. Je jünger das Kind, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass es zum Opfer von Bullying wird. Als Täter/innen stellen sich im Bereich der Volksschule vermehrt Kinder im Alter von 8 bis 10 Jahren heraus. Infolgedessen kann Bullying auch klassenübergreifend stattfinden.40 Im Gegensatz zur geschlechts- und altersspezifischen Komponente hat die Größe der Schule bzw. der Klasse jedoch keine Auswirkungen auf die Häufigkeit von Bullying. Folglich muss dieser Faktor bei der Durchführung wissenschaftlicher Untersuchungen nicht berücksichtigt werden.41

2.5 Bullying - Abgrenzung gegen andere Formen des Konflikts

Die Grenze zwischen Bullying und anderen Arten aggressiven bzw. gewalttätigen Verhaltens ist aufgrund einiger Überschneidungspunkte nicht immer klar ersichtlich. Eine Unterscheidung bzw. Kategorisierung ist dennoch von großer Wichtigkeit, da jede Form des Konflikts unterschiedliche Präventions- sowie Interventionsmaßnahmen erfordert.42

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1: Bullying - Überschneidungen mit anderen Gewalt- und Aggressionsformen (Teuschel/Heuschen 2013:40)

Die Abbildung soll darauf hinweisen, dass Bullying nicht als isoliertes Phänomen angesehen werden kann und veranschaulicht die Überschneidungen mit ähnlichen Konfliktformen.43 Im folgenden Abschnitt werden diese etwas näher vorgestellt.

2.5.1 Auseinandersetzungen auf Augenhöhe

Bei dieser Form des Konflikts handelt es sich um Auseinandersetzungen zwischen zwei ungefähr gleich starken Kindern bzw. Jugendlichen, welche unter gewissen Voraussetzungen einen essentiellen Teil der kindlichen Entwicklung darstellen. Auf diesem Weg werden die eigenen Fähigkeiten und Grenzen erprobt, was vor allem bei Jungen zunächst oft auf physischer Ebene geschieht44:

Max besucht die 3. Klasse und ist ein großer, kräftiger Bub. In der Klasse ist er von allen der Stärkste. Seine Rolle wird von den Mitschülerinnen und Mitschülern problemlos akzeptiert, es kommt nie zu körperlichen Auseinandersetzungen. Max ist ein sehr beliebtes Kind, auch der Lehrer lobt ihn aufgrund seiner sozialen Kompetenzen, denn Max agiert oft als Konfliktlöser in der Klasse. Nach ein paar Wochen bekommt Max einen neuen Mitschüler, sein Name ist Tom. Im Gegensatz zu Max ist Tom ein wildes, stürmisches Kind. Außerdem ist der Bub ein Jahr älter als seine neuen Mitschüler/innen. Schon seit dem ersten Tag macht der Neue Probleme, er stört den Unterricht, nimmt anderen Kindern die Jause weg und rempelt rücksichtslos andere im Schulhof an. Eines Tages stößt Tom Kathi, eine Freundin von Max. Daraufhin hält Max den Buben fest und es gibt eine kurze, aber heftige Auseinandersetzung, in der sich Tom als ernst zu nehmender Gegner herausstellt. Infolgedessen kommt es in den nächsten Wochen regelmäßig zu einem Kräftemessen zwischen Max und Tom. Keiner der beiden Jungen möchte den jeweils anderen als ebenbürtig akzeptieren. Schließlich leitet die Lehrperson Gespräche mit beiden Kindern ein und ermahnt sie, die Streitereien einzustellen. Die Situation wird als Anlass genommen, um im Unterricht die Themen Aggression und Gewalt aufzugreifen. Mittlerweile gehen sich die zwei Kinder aus dem Weg.45

In diesem Fallbeispiel kam es trotz der körperlichen Auseinandersetzung nicht zu einer Bullying-Handlung, da einige wichtige Merkmale der Bullying-Definition nicht erfüllt werden. So besteht zwischen Max und Tom kein Machtungleichgewicht und es wird auch nicht versucht, ein unterlegenes Kind zu schikanieren. Das Kräftemessen geht von beiden Seiten aus, infolgedessen ist auch keine Täter-Opfer-Beziehung vorhanden. Des Weiteren kann in Toms Fall weder eine Beeinträchtigung im physischen noch im psychischen Sinn festgestellt werden.46

2.5.2 Tobspiele

Tobspiele beschreiben spielerische Auseinandersetzungen zwischen zwei gleichaltrigen Kindern, die sich in physischer Hinsicht auf ungefähr demselben Entwicklungsstand befinden. Sie dienen dem Ausbau körperlicher Fähigkeiten, der Festigung sozialer Strukturen und bieten zusätzlich einen Ausgleich zum ständigen Sitzen in der Klasse. Da das Spielverhalten auf außenstehende Personen oft ungestüm und wild wirkt kommt es oft zu Missverständnissen bei der Interpretation. Prinzipiell sind Tobspiele im spielerischen Kontext zu beobachten, aus welchen sich nur selten Bullying-Handlungen entwickeln.47

2.5.3 Necken

Neckereien spielen eine wichtige Rolle in der kindlichen Entwicklung. Vor allem bei der Knüpfung sozialer Kontakte oder Beziehungen lassen sich diese meist wohlwollenden Hänseleien oft beobachten, insbesondere dann, wenn es um die Kontaktaufnahme zum anderen Geschlecht geht. Dennoch können sich Neckereien unter Umständen zu Bullying-Situationen entwickeln. Entscheidende Indikatoren dafür, ob tatsächlich eine Bullying-Handlung vorliegt, sind sowohl die jeweilige Situation als ach nonverbale, den Verhaltensprozess begleitende Signale. Ist die Handlung in einen spielerischen Kontext eingebettet, so wird das Necken als eine positive Form der sozialen Interaktion wahrgenommen.48

2.5.4 Belästigung und Bedrängung

Dieses Verhalten wird vom Gegenüber zwar als unangenehm empfunden, es beinhaltet jedoch nicht zwangsläufig ein feindseliges Motiv. Ein Beispiel aus dem Schulalltag ist der Schüler, der gerne dem Unterricht folgen möchte und von seinem Sitznachbarn durch Tratschereien daran gehindert wird. Folglich erlebt dieses Kind das Benehmen des Mitschülers als belästigend, selbst wenn der Belästigende keine bösen Absichten hegt. Ähnlich wie bei Neckereien kann auch im Fall von Belästigung die Grenze zu Bullying fließend verlaufen. Eine besonders extreme Form der Belästigung, die oft in Verbindung mit Bullying auftritt, ist die sexuelle Belästigung.49

Neben Belästigungen werden auch Formen der Bedrängung unterschieden. Wie die Bezeichnung bereits vermuten lässt, handelt es sich hierbei um eine dauerhafte, zielorientierte Belästigung. Die bedrängende Person möchte also etwas von seinem „Opfer“ und beendet die Handlungen erst dann, wenn das Ziel erreicht wurde. Bedrängendes Verhalten tritt meist nicht in Verbindung mit Bullying auf, allerdings kann es durchaus auch für diese Zwecke eingesetzt werden. In diesem Fall steht jedoch weniger die Erreichung eines bestimmten Ziels im Vordergrund. Den schikanierenden Kindern geht es vielmehr um das Drängen an sich und um das daraus resultierende Elend des Opfers. Demnach erfordern belästigende oder bedrängende Verhaltensformen eine gesonderte Beobachtung sowie eine Beurteilung darüber, ob es sich um eine isolierte Handlung oder Schikanen im Zusammenhang mit Bullying handelt.50

2.5.5 Zurückweisung

In einer sozialen Gemeinschaft zu leben bedeutet, manchmal auch mit Zurückweisung konfrontiert zu werden. Besonders Kinder erleben aufgrund ihrer Offenheit und Ehrlichkeit oft derartige Situationen, können jedoch im Gegensatz zu Erwachsenen besser mit dieser Direktheit umgehen. Zurückweisung innerhalb eines gewissen Rahmens kann sich tatsächlich auch im positiven Sinn auf die Entwicklung des Kindes auswirken, ein Beispiel hierfür ist die Steigerung der Frustrationstoleranz. Es passiert sehr selten, dass einzelne Schüler/innen von der gesamten Klasse zurückgewiesen werden. Doch selbst ein solcher Fall ist noch kein Indikator für das Vorliegen von Bullying. Natürlich könnte der Ausschluss des Kindes aus der Gemeinschaft als indirekte Bullying-Handlung angesehen werden, jedoch ist diese Maßnahme alleine ohne folgende schädigende Handlungen zu wenig, da die in der Definition festgelegte Komponente der aktiven Schikanen nicht erfüllt wird.51

[...]


1 Vgl. Nimmervoll: OECD: Österreich hat höchste Mobbingrate in Schulen (Stand: 23.03.2015) https://www.derstandard.at/story/2000013298817/oecd-oesterreich-mit-hoechster-mobbingrate-in- schulen. [28.11.2019]

2 Vgl. Teuschel/Heuschen (2013), S. 4

3 Vgl. Teuschel/Heuschen (2013), S. 5

4 Vgl. Olweus (1995), S. 22

5 Vgl. Kessler/Strohmeier (2009), S. 19 f.

6 Vgl. Smith/Sharp (1994), S. 2

7 Vgl. Teuschel/Heuschen (2013), S. 12

8 Vgl. Teuschel/Heuschen (2013), S. 5

9 Vgl. Leymann (1993), S. 2

10 Vgl. Scheithauer et al. (2003), S. 20

11 Vgl. Kessler/Strohmeier (2009), S. 18

12 WHO (2003), S. 6

13 Vgl. Kessler/Strohmeier (2009), S. 18 f.

14 Vgl. Kessler/Strohmeier (2009), S. 19

15 Vgl. Bertet/Keller (2011), S. 30

16 Vgl. Brozio et al. (2016), S. 9

17 Vgl. ebda. (2016), S. 9

18 Vgl. ebda. (2016), S. 9

19 vgl. ebda. 2016, S. 9

20 20 Vgl. Leutner (2013), S. 17

21 21 Vgl. Flösser (1995), S. 61

22 22 Vgl. Teuschel/Heuschen (2013), S. 16

23 Vgl. Teuschel/Heuschen (2013), S. 17

24 Vgl. ebda (2013), S. 17

25 Vgl. ebda (2013), S. 18

26 Vgl. ebda (2013), S. 19

27 Vgl. Teuschel/Heuschen (2013), S. 20

28 Vgl. Beer-Odebrecht : Cyber Mobbing. Internet trieb Joel in den Selbstmord (Stand: 26.01.2011) https://www.kleinezeitung.at/lebensart/multimedia/4225153/CyberMobbing_Internet-trieb-Joel-in-den- Tod. [28.08.2019]

29 Vgl. Teuschel/Heuschen (2013), S.24

30 Vgl. ebda (2013), S. 24

31 Vgl. Petermann et al. (2008), S. 399

32 Vgl. Scheithauer et al. (2003), S. 32

33 Vgl. o.V.: Gewalt in der Schule. Bullying gibt's schon im Volksschulalter (Stand: 28.11.2002) https://www.derstandard.at/story/1145501/gewalt-in-der-schule-bullying-gibts-schon-im- volksschulalter. [01.12.2019]

34 Vgl. Nimmervoll: OECD: Österreich hat höchste Mobbingrate in Schulen (Stand: 23.03.2015) https://www.derstandard.at/story/2000013298817/oecd-oesterreich-mit-hoechster-mobbingrate-in- schulen. [01.12.2019]

35 Vgl. Novak (2014), S. 16

36 Vgl. Marées/Petermann (2009), S. 152

37 Vgl. Scheithauer et al. (2006), S. 261

38 Vgl. Scheithauer et al. (2006), S. 261

39 Vgl. Scheithauer et al. (2006), S. 265

40 Vgl. Scheithauer et al. (2006), S. 270

41 Vgl. Olweus (1995), S. 270

42 Vgl. Teuschel/Heuschen (2013), S. 39

43 Vgl. Teuschel/Heuschen (2013), S. 40

44 Vgl. ebda (2013), S. 40

45 Vgl. ebda (2013), S. 41

46 Vgl. Teuschel/Heuschen (2013), S. 42

47 Vgl. ebda (2013), S. 48

48 Vgl. ebda (2013), S. 47

49 Vgl. Teuschel/Heuschen (2013), S. 49

50 Vgl. ebda (2013), S. 49

51 Vgl. Teuschel/Heuschen (2013), S. 43

Ende der Leseprobe aus 72 Seiten

Details

Titel
Bullying in der Volksschule. Welche intervenierenden und präventiven Maßnahmen können Volksschullehrer/innen setzen?
Hochschule
Pädagogische Hochschule Wien
Note
3,0
Jahr
2019
Seiten
72
Katalognummer
V535012
ISBN (eBook)
9783346125828
ISBN (Buch)
9783346125835
Sprache
Deutsch
Schlagworte
bullying, volksschule, welche, maßnahmen, volksschullehrer/innen, bezug, klasse
Arbeit zitieren
Anonym, 2019, Bullying in der Volksschule. Welche intervenierenden und präventiven Maßnahmen können Volksschullehrer/innen setzen?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/535012

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