In der Regel bestand die Vortragsform der höfischen Dichtung im Vorlesen durch den Autor oder einen Vorleser. Selten mag es zu einer einsamen Lektüre gekommen sein. Wie ‘Erec’, ‘Iwein’, ‘Parzival’ usw. gehört das ‘Nibelungenlied’ zur Buchdichtung. Es gliedert sich mit seinem Inhalt über höfische Lebensformen durchaus auch in diese Reihe ein. Doch in seinem Vortrag unterscheidet es sich, laut Haferland, auffällig vom neuen höfischen Literaturbetrieb.
Aufgrund des Umfanges des ‘Nibelungenliedes’ ging man bislang davon aus, dass es vor Jahrhunderten als schriftliche Dichtung verfasst und beim Vortrag abgelesen wurde. Doch war dem wirklich so? Harald Haferland, der an der Freien Universität Berlin Altgermanistik lehrt, ist diesem Problem in seinem Aufsatz über die „Mündlichkeit des ‘Nibelungenliedes’“ auf den Grund gegangen. Ziel der hier vorliegenden Arbeit ist es nun, einen Überblick über diesen Aufsatz und dessen Hypothesen zu verschaffen, kritisch dazu Stellung zu nehmen und einige neue Punkte aufzugreifen.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Der mündliche Vortrag ohne Schriftstütze
2.1. Die Eingangsinitiale der St. Galler Handschrift
2.1.1. Aufsatz von Christel Meier zur Unterstützung der These von Haferland
2.1.2. Die fehlende Prologstrophe in der St. Galler Handschrift
2.1.3. Persönliche Stellungnahme
2.2. Der Epilog der ‘Klage’
2.2.1. Das in der ‘Klage’ vorgestellte Überlieferungsmodell des ‘Nibelungenlied’
2.2.2. Stellungnahme Haferlands zu diesem Überlieferungsmodell
2.3. Das ‘Nibelungenlied’ als mündlicher Vortrag, im Sinne einer „composition in performance“ (Dichten aus dem Stegreif)
2.3.1. Was sind „Formeln“?
2.3.2. Oral-Formulaic Theory von Parry und Lord
2.3.3. Die Stellungnahme Haferlands zu der Oral-Formulaic Theory
2.3.4. Stellungnahme anderer Forscher
2.3.5. Was blieb von dieser Theorie noch übrig?
2.3.6. Persönliche Stellungnahme
3. Der mündliche Vortrag mit Schriftstütze
3.1. Der auswendig gelernte Vortrag
3.1.1. Die poetische Sprache
3.1.2. Die Funktion von Rhythmus und Reim
3.1.3. Die Funktion von Vers und Strophen
3.1.4. Die Funktion von Melodie und Tanz
3.1.5. Hypothese Haferlands
3.1.6. Die Theorie von Curschmann
3.1.7. Stellungnahme Haferlands zur Theorie von Curschmann
3.2. Der vorgelesene Vortrag
3.2.1. Was spricht für einen vorgelesenen Vortrag?
3.2.2. Was spricht gegen diese zwei Punkte für einen vorgelesenen Vortrag?
4. Die Repräsentivität der Handschriften A, B und C
4.1. Die Münchener Handschrift (A)
4.2. Die St. Galler Handschrift (B)
4.3. Die Hohenems-Lassbergsche ‘Nibelungenlied’-Handschrift (C)
5. Zusammenfassung
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die Vortragsweise des Nibelungenliedes und setzt sich kritisch mit Harald Haferlands These eines auswendig gelernten Vortrags auseinander, um zu klären, ob es sich um eine mündliche, improvisierte oder schriftgestützte Dichtung handelt.
- Mündlicher Vortrag vs. schriftgestützte Lektüre
- Analyse der Oral-Formulaic Theory und ihrer Anwendbarkeit
- Memorierhilfen wie Rhythmus, Reim und Strophenbau
- Untersuchung der Handschriften A, B und C zur Bestimmung des Verwendungszwecks
Auszug aus dem Buch
3.1.5. Hypothese Haferlands
Aufgrund der Punkte 3.1.1 bis 3.1.4 verfasst Haferland ein Gesetz:
Je grösser die Zahl der Bindungsfaktoren für einen Wortlaut, desto leichter seine Memorierbarkeit und desto kleiner die Gefahr seiner spontanen Auflösung.
Er ergänzt dieses Gesetz:
Wo die Zahl der Bindungsfaktoren für einen Wortlaut verringert wird, dort können sich Spontaneität und Improvisation beim Vortragen einen Spielraum verschaffen, ohne dass der Wortlaut gleich alle Eigenschaften poetischer Sprache verlieren muss.
Dieses Gesetz ist nun für Haferland von erheblicher Bedeutung für die Bewertung der Oral-Formulaic Theory. Wenn längere Heldendichtungen aus dem Stegreif vorgetragen werden, können niemals alle verfügbaren Bindungsfaktoren angewendet werden, da dies den Vortragenden beim aktuellen Kompositionsvorgang völlig überfordern würde. Umgekehrt ist zu erwarten, dass eine Heldendichtung, die alle Bindungsfaktoren anwendet, kaum aus dem Stegreif vorgetragen wird. Sondern sie wird vorher mit Bedacht geschmiedet, damit man das ganze aus dem Gedächtnis abrufen kann. Man trägt die Dichtung auswendig vor.29
Demnach kann nach Haferland das Gesetz folgende Ausformulierung erhalten:
Strophische Heldendichtungen werden memorierend vorgetragen, stichische Heldendichtungen werden improvisierend vorgetragen.30
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung skizziert die Problematik des Vortrags im höfischen Kontext und stellt die zentrale Fragestellung zur Memorierbarkeit des Nibelungenliedes vor.
2. Der mündliche Vortrag ohne Schriftstütze: Dieses Kapitel prüft Indizien für einen rein mündlichen Vortrag, wie die St. Galler Initiale und den Epilog der Klage, und diskutiert die Grenzen der Oral-Formulaic Theory.
3. Der mündliche Vortrag mit Schriftstütze: Hier stehen Memorierhilfen wie Rhythmus, Reim und Melodie im Fokus, die den auswendig gelernten Vortrag gegenüber dem reinen Vorlesen oder Improvisieren wahrscheinlich machen.
4. Die Repräsentivität der Handschriften A, B und C: Der Autor analysiert die physische Gestaltung der Handschriften, um auf deren individuellen Verwendungszweck und die Rolle der Schrift zu schließen.
5. Zusammenfassung: Das Fazit fasst die Argumente für den Gedächtnistext-Charakter des Nibelungenliedes zusammen und identifiziert Haferlands These als die plausibelste Lösung.
Schlüsselwörter
Nibelungenlied, Harald Haferland, mündlicher Vortrag, Heldendichtung, Oral-Formulaic Theory, Memorierbarkeit, Bindungsfaktoren, Handschriften, Mittelalter, Gedächtnis, Composition in performance, Strophenbau, Überlieferungsmodell, Literarisierung, Vortragspraxis.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht die Vortragspraxis des Nibelungenliedes im Mittelalter, insbesondere die Frage, ob das Werk auswendig vorgetragen oder von einem Text abgelesen wurde.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zentrale Themen sind die Abgrenzung zwischen mündlichem und schriftgestütztem Vortrag, die Rolle von Gedächtnisstützen und die Bedeutung der handschriftlichen Überlieferung.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Das Ziel ist eine kritische Auseinandersetzung mit der These Harald Haferlands, der das Nibelungenlied primär als auswendig gelernten Gedächtnistext interpretiert.
Welche wissenschaftliche Methode wird angewendet?
Die Arbeit nutzt eine philologische Analyse von Quellen und Handschriften sowie eine kritische Literaturdiskussion aktueller mediävistischer Theorien.
Was wird im Hauptteil behandelt?
Der Hauptteil analysiert die theoretischen Voraussetzungen des mündlichen Vortrags, die Funktion von poetischer Sprache und Formeln sowie die materielle Beschaffenheit der Handschriften A, B und C.
Welche Begriffe charakterisieren die Arbeit?
Wichtige Begriffe sind Memorierbarkeit, Bindungsfaktoren, composition in performance, Scheinmündlichkeit und strophische Heldendichtung.
Welche Rolle spielt die 'Klage' in der Beweisführung?
Die 'Klage' liefert in ihrem Epilog wichtige Hinweise auf das Überlieferungsmodell, da sie die Trennung zwischen mündlicher rede und schriftlichem maere thematisiert.
Warum spielt die Handschriftenanalyse eine so wichtige Rolle?
Durch die Analyse von Größe, Spaltenzahl und Ausstattung der Handschriften lässt sich auf den praktischen Gebrauch (z.B. als Arbeitstext für Sänger oder als repräsentatives Buch) schließen.
Wie unterscheidet der Autor zwischen rede und maere?
Die Arbeit folgt Haferland, indem sie rede als mündliche Vortragsform und maere als den aufgezeichneten Textinhalt interpretiert, was den auswendigen Vortrag stützt.
- Quote paper
- Petra Biffiger (Author), 2005, Wie wurde das 'Nibelungenlied' vorgetragen? - Eine Kritische Auseinandersetzung mit Harald Haferlands These eines auswendig gelernten Vortrags, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/53538