Avatar-Konzept und Identitätskonstruktion

Ein Vergleich der filmischen Darstellungen von Stellvertretern einer Person am Beispiel der Filme "Avatar" und "Surrogates"


Hausarbeit (Hauptseminar), 2015

31 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Gliederung

1 Einleitung

2 Körper und Identität
2.1 Bestimmende Faktoren bei dem Identitätsbildungsprozess
2.2 Simulation, Körperlichkeit und Identität
2.3 Avatare als Handlungsfiguren
2.4 Zur Rolle der künstlich erschaffenen Stellvertreter eines Menschen
2.5 Zweites „Ich“ und Selbstkonstruktion

3 Avatar-Konzept: Vergleich der filmischen Darstellungen von Stellvertretern einer Person
3.1 Film Avatar
3.1.1 Funktionen des Avatars
3.1.2 Hauptfigur-Avatar-Beziehung
3.2 Film Surrogates
3.2.1 Funktionen des Avatars bzw. des Surrogates
3.2.2 Hauptfigur-Avatar-Beziehung

4 Fazit

5 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

In den modernen Gesellschaften wird die Identitätsthematik zu einer aktuellen Frage, über die immer wieder diskutiert wird. Dabei bringen die digitalen Medien, die die Möglichkeit bieten, virtuelle Realitäten zu erschaffen, einschließlich einer hohen Popularität von Computerspielen, Online-Social-Communities, Dating-Plattformen usw., neue zu berücksichtigende Aspekte in diese Debatten. An erster Stelle handelt es sich um eine zunehmende Rolle des Körpers, der heutzutage „für viele Menschen zunehmend zum ‚Instrument der Sinnfindung’ wird“ (Stockmeyer 2004, 10) und „als Objekt der Identitätskonstruktion absichtsvoll“ (Gugutzer 2002, 14) eingesetzt wird. So kann das Aussehen bzw. der Körper, der als Bestandteil des eigenen Identitätskonzepts verstanden wird, heute nicht ausschließlich mittels z. B. Fitness, Diäten, Tätowierungen, Piercings, chirurgischen Angriffen usw. optimiert bzw. verändert werden. Die virtuelle Welt bietet ein äußerst breites Spektrum an Selbstverwirklichungsmöglichkeiten, sei es geringere Korrekturen oder gar Erschaffung eines komplett neuen bzw. anderen Körpers, der das eigene „Ich“ in bestimmten Kontexten repräsentieren und „einen Bezug des Ichs zur [virtuellen und/oder realen] Welt“ (Weber 2006, 9) herstellen soll.

Die „Allgegenwärtigkeit von Technik ist zu einer nicht mehr wegzudenkenden Bedingung der Gesellschaft“ geworden und „das Zusammenleben und Zusammenwachsen von Mensch und Technik“ (Belliger, Krieger 2006, 13, 15) stehen im Vordergrund vieler aktueller Theorien diverser Wissenschaftsbereiche. Man befasst sich mit dem Verhältnis zwischen Mensch und Technik, deren möglichen Entwicklungsszenarien und aktuellen Tendenzen, sowie mit der Analyse der Einflüsse bzw. des Veränderungspotenzials der neuen Technologien im Hinblick auf den Menschen. Hier sind unter anderem solche Punkte, wie Optimierung des menschlichen Körpers, die schon heutzutage in gewissem Maße durch die technischen Innovationen erlaubt wird, und die technikunterstützte Erweiterung der körperlichen und geistigen Fähigkeiten eines Menschen, die über die „natürlichen“ Grenzen hinausgehen, für die vorliegende Arbeit besonders interessant (Belliger, Krieger 2006).

Die vorliegende Arbeit beschäftigt sich mit der Analyse der Avatar-Konzepte, die in den Filmen Avatar (Großbritannien, USA, 2009, James Cameron) und Surrogates (USA, 2009, Jonathan Mostow) präsentiert worden sind. Im Fokus der Untersuchung stehen die Ähnlichkeiten und Unterschiede dieser Konzepte, einbegriffen die Rolle des künstlich erschaffenen Körpers, mögliche Folgen ihrer Verwendung, diverse Nutzungsmotive sowie die Besonderheiten der Hauptfigur-Avatar-Beziehung.

Aufgrund der Spezifik dieser Arbeit, die sich auf die Auseinandersetzung mit theoretischen Ansätzen sowie der qualitativen Analyse der erwähnten Filme, bezogen auf bestimmte Aspekte, konzentriert, wird in diesem Fall anstelle von Hypothesen, die für die Verifizierung eine repräsentative Stichprobe benötigen, mit den Forschungsfragen operiert (Brennen 2013).

Die zentrale Forschungsfrage Wie wird das Avatar-Konzept in den Filmen Avatar und Surrogates präsentiert? lässt sich durch weitere Untergliederung spezifizieren:

- Welche Funktionen erfüllt ein Avatar-Körper?
- Welche Einstellungen sind gegenüber dem künstlich erschaffenen Stellvertreter der Menschen zu beobachten?
- Wie lässt sich die Hauptfigur-Avatar-Beziehung charakterisieren?
- Wird durch die Verwendung des zweiten Körpers das eigene Ich-Konzept der Hauptdarsteller in den untersuchten Filmen beeinflusst oder verändert? Wenn ja, wie?
- Welche Differenzen und Ähnlichkeiten lassen sich bezüglich der Avatar-Darstellungen anhand der ausgesuchten Filmen beobachten?

Im ersten Teil der Arbeit wird auf solche Punkte wie Identität, Körperlichkeit, Simulation sowie Selbstkonstruktion, in erster Linie im Zusammenhang mit der Rolle des künstlich erschaffenen Stellvertreters eines Menschen, eingegangen. Außerdem werden verschiedenen Aspekte und Motive der Avatar-Verwendung vorgestellt. Der zweite Teil der Arbeit beschäftigt sich mit der Analyse der filmischen Darstellungen von Avataren bzw. vom zweiten Körper einer Person, Betrachtung deren Funktionen und Auseinandersetzung mit den Entwicklungen, die mit der Verwendung des Ersatzkörpers verbunden sind. Dabei wird das Avatar-Protagonist-Verhältnis in den Filmen Avatar und Surrogates thematisiert. Im abschließenden Fazit werden, im Anschluss an die Analyse der theoretischen Ansätze sowie die Auseinandersetzung mit der filmischen Präsentation der Avatar-Konzepte, die Schlussfolgerungen im Bezug auf die Forschungsfragen gezogen.

2 Körper und Identität

Die Identitätsfrage beschäftigt diverse Wissenschaftsbereiche, wie z. B. Psychologie, Soziologie, Philosophie usw., und dementsprechend existieren mehrere Identitätstheorien, bei denen verschiedene Aspekte im Mittelpunkt stehen. Mit der zunehmenden Wichtigkeit der Medien und generell Technik im Alltagsleben wird die Identitätsthematik auch zum höchstinteressanten Analysegegenstand der Medienwissenschaft.

Wenn man sich mit dem Identitätspotenzial des Körpers auseinandersetzt, stößt man in diesem Zusammenhang auf die Fragen, „Was der Körper ist, wie mit ihm umzugehen ist bzw. dass mit ihm umgegangen werden muss und er nicht mehr als biologisches Faktum schlicht hingenommen werden kann“ (Gugutzer 2002, 13). In diesem Kontext wird der Körper nicht ausschließlich als „Objekt der Reflexion“, sondern auch als „Objekt der Aktion“ (Rohr 2004, 9) betrachtet. Somit verlieren die Grenzen zwischen Körper und Identität, die zuvor in vielen theoretischen Untersuchungen als Tatsache galten, immer mehr an Bedeutung, was auf die Notwendigkeit der neuen Analyseperspektiven bei Körper-Identität-Beziehung hinweist.

2.1 Bestimmende Faktoren bei dem Identitätsbildungsprozess

Die neuen medialen und technischen Entwicklungen gewinnen immer mehr Relevanz im Leben der Menschen, was für die Teilnehmer und Teilnehmerinnen einer modernen Gesellschaft mit neuen Herausforderungen verbunden ist. Einerseits ist es heutzutage unkompliziert bzw. per Mausklick möglich an dem Leben der Anderen teilzunehmen und/oder über eigene Lebensereignisse zu berichten, die außergewöhnlichen Situationen und die anderen Rollen (vor allem in der virtuellen Realität) auszuleben, was beispielsweise in der Zeit vor Internet und Computerspielen nicht oder nur bedingt möglich war. Andererseits tragen die neuen Technologien und deren aktive Nutzung zur Entstehung von vielschichtigen Identitätskonstruktionen bei, in deren Mittelpunkt solche Fragen wie Wer bin ich?, Was kann ich?, Was denken die Anderen über mich? und Was halte ich von mir? stehen. Die Antworten sollen zum einen erklären inwiefern eine Person sich von anderen Gesellschaftsteilnehmern unterscheidet (als Individuum) und zum anderen, inwiefern sie sich zu einer Gesellschaft zugehörig fühlt. Folglich entstehen zwei Identitätsebenen: personale bzw. subjektbezogene Identität und kollektive bzw. gruppenbezogene Identität. Überdies spricht man über subjektive und objektive Identitätsdimensionen, die sich dementsprechend auf das individuelle Bewusstsein (oder so genanntes Selbstkonzept) und soziale Position beziehen (Jaeggi 2014; Jörissen 2000; Schramm, Hartmann 2007).

James unterscheidet unter anderem zwischen folgenden Selbst -Formen, die auf die Vielschichtigkeit des Identitätskonstrukts und viele Aspekte, die bei dem Identitätsbildungsprozess beteiligt werden können, hinweist:

- das materielle Selbst (bezieht sich auf den eigenen Körper und auf diverse Gegenstände, wie z. B. Kleidung, Wohnsituation usw., die ein Individuum umgeben);
- das spirituelle Selbst (beispielsweise individuelle Eigenschaften, Einstellungen und Fähigkeiten einer Person);
- das soziale Selbst (beschäftigt sich mit der Reflektion von Reaktionen, die eine Person von ihrer sozialen Umgebung erhält) (Hannover 1997).

Wegen der verschiedenen Analyseperspektiven, die je nach gesetzten Schwerpunkten und wissenschaftlichem Interessengebiet (z. B. Psychologie, Soziologie, Medienwissenschaften, Philosophie usw.) variieren, sowie einer hohen Komplexität des Phänomens ist keine umfassende interdisziplinäre Definition des Identitätsbegriffs vorhanden. Da für diese Arbeit soziopsychologische Ansätze von besonderem Interesse sind, wird der Fokus auf die aktuellen Analysen und Theorien in diesem Bereich gelegt. Diesen zufolge wird personale Identität gleichermaßen von mentalen Vorgängen sowie der sozialen Umwelt bestimmt und sind bei der Analyse eines Identitätsbildungsprozesses zu berücksichtigen (Schmidhuber 2011). Des Weiteren wird der Aspekt der Selbstpräsentation bei dem Identitätskonstrukt betont: „From a more current perspective, the self as known can be viewed as the content of self-representation; and the self as knower can be viewed as the mental processes monitoring and operating from moment to moment on this self-representation, controlling thought, emotions, and actions“ (Linville & Carlston nach Hannover 1997, 5).

Im Hinblick auf den sozialpsychologischen Kontext, versteht man unter Identität kein statisches Phänomen, sondern einen lebenslangen Prozess, der durch kulturelle und soziale Umwelt bzw. deren Veränderungen bedingt wird und eine Art Reflexion der neuen Umstände ist. Darüber hinaus darf der Identitätsbildungsprozess nicht ausschließlich auf soziale Einflussfaktoren begrenzt werden, weil individuelle Eigenschaften bzw. Besonderheiten eines Menschen ebenfalls eine relevante Rolle spielen. Hier sind nicht nur immaterielle Innenwelt und Selbstkonzept, sondern auch materielle Faktoren und insbesondere der Körperaspekt, der sowohl die Identitätsbildung beeinflusst als auch als Mittel der Selbstpräsentation dienen kann, zu erwähnen (Schmidhuber 2011, Wegener 2010).

Bei Körper-Identität-Verhältnis wird der Körper an erster Stelle als „Medium, durch das soziale Realität wahrgenommen wird, [bzw.] [...] als Schnittstelle zwischen Individuum und Gesellschaft“ betrachtet (Stockmeyer 2004, 15-16). Wenn man das Identitätskonzept erweitert und „in einem allgemeinen Sinne [...] als das immer nur vorläufige Resultat der Organisation von [insbesondere leiblichen] Erfahrungen“ (Gugutzer 2002, 74) bezeichnet wird, gewinnt die Körperrolle an Bedeutung und wird zu einer der Basiskategorien personaler Identität, wie es in dem folgenden Diagramm verdeutlicht wird:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abb. 1: Leib-Körper-fundiertes Identitätsmodell; Quelle: Gugutzer 2002, 127

Zusammenfassend lässt sich formulieren, dass es sich bei der Identitätsbildung um kein statisches Phänomen, sondern um einen Prozess handelt, der dazu beiträgt, dass das Identitätskonstrukt lebenslang weiterentwickelt wird. Die gesellschaftlichen Rahmenbedingungen und Lebensumstände verändern sich andauernd und eine gewichtige Rolle spielen hier die neuen Technologien bzw. Hightech-Produkte, die immer tiefer in die modernen Gesellschaften generell und in das Leben der einzelnen Personen eindringen und neue Herausforderungen bei der Identitätsarbeit stellen. Aufgrund dessen wird eine gewisse Flexibilität bei der Identitätsbildung vorausgesetzt. Dabei sind nicht nur immaterielle Faktoren, wie Einstellungen, individuelle Fähigkeiten usw. von Relevanz, sondern auch persönliche Erfahrungen und Körperlichkeit bekommen in der durch digitale Medien und hochkomplexe Technologien geprägten Welt eine neue Bedeutung. In den aktuellen Identitätstheorien wird der Körper vor allem als Medium personaler Identität bezeichnet und auch als eine bedeutende Ressource sowie Instrument für Identitätsarbeit gesehen.

2.2 Simulation, Körperlichkeit und Identität

Eine moderne Gesellschaft „fordert den Menschen in Hinblick auf seine soziale und kulturelle Selbstverortung mehr den je, denn die strukturellen und soziokulturellen Rahmen sind wenig stabil, sie sind variabel und nicht immer zuverlässig“ (Hoffmann 2011, 25). Somit machen Neuentwicklungen und Veränderungen in einer Gegenwartsgesellschaft, technische Innovationen inbegriffen, die Flexibilität bzw. Anpassungsfähigkeit eines Individuums für die Bewältigung der neuen Umstände notwendig, was zum Teil auch auf eine dynamische Identitätsbildung zurückgreift. Aus sozialpsychologischer Sicht verfügt ein Mensch über mehrere Selbst-Konzepte, die je nach Situation eingesetzt werden, um verschiedene Aspekte des eigenen Selbst zu zeigen und sich einem bestimmten Kontext optimal anzupassen. Überdies differenziert man zwischen privaten und öffentlichen Selbst-Konzepten. Das private Ich setzt sich aus solchen Komponenten wie Gedanken, Selbstbewertungen, Körperempfindungen, Emotionen sowie Stimmungen, zusammen, die sich auf Innenwelt einer Person beziehen und für die anderen Gesellschaftsteilnehmer und -teilnehmerinnen nicht oder nur begrenzt zugänglich bzw. beobachtbar sind. Dementsprechend handelt es sich bei Gesichtsausdruck, sprachlichem Ausdruck, physischem Erscheinungsbild und Kleidung um ein öffentliches Ich, das häufig von Anpassungsmaßnahmen an die soziokulturelle Umwelt begleitet wird (Hannover 1997).

Wenn man über technische und mediale Innovationen spricht, die mittlerweile zum Alltagsleben gehören und weitere Herausforderungen an die Gesellschaftsteilnehmer stellen, ist die Virtualität-Materialität-Frage zu erwähnen. In diesem Zusammenhang befasst man sich mit dem Phänomen des Bedeutungswandels von Raum, Zeit und Körperlichkeit sowie der daraus resultierenden Veränderungen bezüglich der Wirklichkeitsauffassung. „Die gegenseitige Durchdringung zwischen virtueller Erlebniswelt und realer Lebenswelt erschwert es, klar zwischen Virtualität und Realität zu differenzieren“ (Krüger 2004, 69). Diese beide Elemente sind im Alltagsleben vieler Menschen zum Bestandteil geworden und ergänzen bzw. erweitern sich häufig gegenseitig.

Neben dem Raum- und Präsenzerlebnis verändert sich auch das Körperbild, weil man immer weniger an die physische Anwesenheit an einem Ort mit dem eigenen Körper gebunden ist. „Menschliche Erkenntnis und Identität sind unbestreitbar in einem beträchtlichen Ausmaß von der materiellen Form des menschlichen Körpers, seinen Wahrnehmungsmöglichkeiten und auch unserer Wahrnehmung des Körpers abhängig“ (Krüger 2004, 65). Jedoch werden die beschränkten sensorischen und motorischen Möglichkeiten des menschlichen Körpers, der primär auch durch räumliche Anwesenheit begrenzt ist, mittels der modernen Technologien überwunden. Dadurch nehmen das Erleben und Wahrnehmen der Ereignisse neue Dimensionen an, indem in einer „virtuellen“ Wirklichkeit nicht nur bereits vorhandenen Erfahrungen angewendet, sondern auch neue gemacht werden.

Einerseits wird der Körper „und seine Sinnesorgane [weiterhin] als Zugang zur Welt und zwar als Quelle für die Erfahrung erscheinender Tatsachen“ ( Irrgang 2005, 50) verstanden. Andererseits wird angenommen, dass „der Mensch nie in direkten Kontakt zur Welt steht, sondern nur über Rezeptoren und Nervenbahnen des Körpers Informationen zum Gehirn gelangen“ (Krüger 2004, 185, Herv. im Orig.), was den Körper bzw. Körperteile ersetzbar bzw. austauschbar macht. Diese Doppelperspektive hebt zwar die Bedeutung des Körpers für eine Ich-Welt-Beziehung hervor, es wird aber davon ausgegangen, dass die Relevanz einer physischen Erscheinung für das Identitätskonzept nicht ausschließlich an den eigenen Körper (mit dem bzw. in dem man geboren wird) gebunden ist, sondern durch technische Optimierung oder gar neue Körper(-simulation) vertreten werden kann. Das Körpererleben begrenzt sich „hierbei in den meisten Fällen [...] weniger auf das Erleben des eigenen Körpers als vielmehr auf die Wahrnehmung und [...] auch auf die interaktive Steuerung von anderen realen bzw. fiktiven Körpern“ (Krüger 2004, 66).

Folglich lässt sich die Bedeutung des Körpers für persönliche Identität in einer Gegenwartsgesellschaft nicht auf eine spezifische Form begrenzen, sondern beinhaltet in erster Linie körperliche Funktionen, Präsenzerlebnis und breites Spektrum der Sinneswahrnehmung in Bezug auf die aktuelle Umwelt sowie Orientierung bzw. Anpassung an die wahrgenommene Umgebung, die in einer virtuellen bzw. anderen Realität simuliert werden kann. Außerdem lässt sich die Immaterialität der Wirklichkeit mittels des Immersionsphänomens verdeutlichen, das Rittmann als „eine simple Aufmerksamkeitsverlagerung, von einer von uns wahrgenommenen Welt, die uns von Geburt an als real bekannt ist – hin zu einer, deren Realität wir für einen kleinen Zeitraum als unsere eigene akzeptieren“ (Koblmüller 2010, 34), definiert. Aus diesem Grund lässt sich zusammenfassen, dass die Körperlichkeit, obwohl sie für den Identitätsbildungsprozess in einer modernen Hightech-Gesellschaft eine relevante Rolle spielt, sich nicht auf den eigenen bzw. einen bestimmten Körper beschränkt. Durch die Verlagerung der Aufmerksamkeit (z. B. auf die Steuerung des „Ersatzkörpers“ und/oder Interaktion in einer anderen Realität) nimmt sie neue Dimensionen an.

2.3 Avatare als Handlungsfiguren

Die primäre Bedeutung des aus Sanskrit stammenden Begriffs „Avatar“ bezog sich ursprünglich auf „göttliche Wesen, die sich eines menschlichen Körpers bedienen, um auf der Erde leben und ihre Botschaft verbreiten zu können“ (Mraček 2004, 264). Heute wird unter dem Avatar vor allem „a computer-generated figure controlled by a person via a computer“ (Coleman 2011, 12) bzw. eine graphische Repräsentation einer Person verstanden, die eine Interaktion zwischen den Nutzern auf einer virtuellen Ebene erleichtert sowie bereichert. Neben der Bezeichnung für immaterielle bzw. computerbasierte Repräsentation eines Menschen spricht man über mögliche Begriffsableitungen. Im weiteren Sinn lässt sich dieser Avatar-Begriff ebenfalls auf alle künstlich erschaffenen Wesen anwenden, die nicht über die Fähigkeit verfügen, selbständig Entscheidungen zu treffen und dementsprechend zu interagieren, sondern durch eine Person gesteuert und als Stellvertreter dieser Operatoren eingesetzt werden (Geser 2007; Ferrando 2014).

Bei dem Avatar-Konzept konzentriert sich die Forschung vor allem auf die virtuelle Realität und Spielwelten. Man unterscheidet in diesem Kontext zwischen folgenden Strukturbereichen, die für virtuelle Welten der Avatare von Bedeutung sind:

- virtuelle Umgebung
- vorhandene Avatar-Technologie
- eine Community- bzw. Interaktionsumgebung

Obwohl es sich um virtuelle Realität handelt, ist das Phänomen der Aufmerksamkeitsverlagerung bzw. Immersion zu beachten, wodurch das Virtualität-Realität-Verhältnis aus einem anderen Blickwinkel betrachtet wird, indem die eine oder andere Welt in bestimmten Momenten zur Wirklichkeit werden kann (Bachmair 2011).

Wenn ein Avatar als eine weitere Verkörperung einer Person und demzufolge als Interaktions- bzw. Handlungsfigur in einer bestimmten Umgebung aufgefasst wird, die als Medium zwischen Realität und Virtualität dasteht, verändert sich auch die Wirklichkeitswahrnehmung. Entsteht das Gefühl der gleichzeitigen Präsenz an zwei unterschiedlichen Orten bzw. in zwei verschiedenen Welten, das durch Verflechtung von virtuellen und realen Erfahrungen und Empfinden hervorgerufen werden kann, spricht man über Cross-Reality-Phänomen. Der Begriff steht außerdem für Verschwimmen der Grenzen zwischen virtuellen und realen Welten, so dass diverse Wirklichkeiten ineinander übergehen und einander ergänzen (Coleman 2011).

Bei der Analyse der Avatar-Verwendung spielt die „subjektive Kamera“ (Funken 2005, 220) eine wesentlich Rolle, die das Gefühl der Anwesenheit und eines reales körperliche Erlebens vermittelt, indem die Nutzer und Nutzerinnen „aus der Perspektive des eigenen Körpers“ (Funken 2005, 220) das Geschehen beobachten, erleben sowie situationsabhängig handeln können. Dabei begrenzt sich die Aktivität des Avatar-Operators nicht nur auf die Beobachtung der Umgebung und Ereignisse, sondern der Nutzer hat die Möglichkeit, mit Hilfe „virtueller“ Körper selbst zu agieren und zu interagieren. Einerseits bringen „Virtuelle Gestik und Mimik [...] real erfahrene Emotionalität und Intimität zum Ausdruck“ (Eisenrieder 2003, 180), andererseits werden die Sinneseindrücke des Avatar-Körpers zum „realen“ Körper übertragen, wodurch letzterer vom virtuellen Erleben beeinflusst werden kann. Somit kann eine virtuelle Situation bzw. ein Ereignis mit „realem“ Empfinden verbunden werden und demzufolge unter bestimmten Voraussetzungen zur Realität werden bzw. als real erlebt werden.

Anschließend lässt sich formulieren, dass ein Avatar-Konzept aus verschiedenen Perspektiven analysiert werden kann. Zum einen kann ein Avatar als eine Art der Verlängerung bzw. Erweiterung des Körpers eines Operators und zum anderen als zweiter Körper derselben Person betrachtet werden, indem man über das Phänomen der doppelten Körperlichkeit spricht (Eisenrieder 2003). Überdies ist Avatar-Nutzung mit Interaktion mit den anderen Avatar-Figuren bzw. deren Operatoren verbunden. Da die Handlungen in Zusammenhang mit Identität stehen, zählen sie zu den relevanten Faktoren, die Identitätsweiterentwicklung bedingen können. Zwar wird grundsätzlich davon ausgegangen, dass die Identität einer Person ihre Taten bestimmt, jedoch kann ebenfalls eine Wechselwirkung auftreten, wenn bestimmte Erlebnisse sowie die damit verbundenen Handlungen in den Identitätsbildungsprozess eingebunden werden und ihn beeinflussen (Bolay, Trieb 1988). Überdies ist zu erwähnen, dass für eine Weiterentwicklung der persönlichen Identität sowohl „reale“ Interaktionen und Erfahrungen als auch „virtuelle“ relevant sind.

2.4 Zur Rolle der künstlich erschaffenen Stellvertreter eines Menschen

Heutzutage stehen einem zahlreiche Möglichkeiten zur Verfügung, sein eigenes Aussehen bzw. Körperbild zu verändern, sei es Make up, Friseur, Piercing, Tattoos, chirurgische Eingriffe, oder gar Modellierung eines individuellen Avatars, der in einer bestimmten Umgebung ebenfalls zur Oberfläche der Selbstpräsentation wird. So erscheint der menschliche Körper „im Kontext neuer Technologien und digitaler Medien als eine formbare Entität, als flexibles, dynamisches Objekt“ (Becker, Weber 2006, 178). In diesem Zusammenhang werden die neuen Technologien zur Schnittstelle zwischen einem Individuum und seiner Umwelt, „über die das Selbst nicht nur Verbindungen zur Außenwelt aufnehmen, sondern auch sich selbst zur Welt in ein Verhältnis setzen“ (Eisenrieder 2003, 55) kann.

[...]

Ende der Leseprobe aus 31 Seiten

Details

Titel
Avatar-Konzept und Identitätskonstruktion
Untertitel
Ein Vergleich der filmischen Darstellungen von Stellvertretern einer Person am Beispiel der Filme "Avatar" und "Surrogates"
Hochschule
Rheinische Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn
Note
1,0
Autor
Jahr
2015
Seiten
31
Katalognummer
V535404
ISBN (eBook)
9783346120144
ISBN (Buch)
9783346120151
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Avatar, Surrogates, Identitätsbildung, Selbstkonzept
Arbeit zitieren
Lena Mykhaylychenko (Autor), 2015, Avatar-Konzept und Identitätskonstruktion, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/535404

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