Die Konstruktion von Geschlecht und die Konsequenzen für die Geschlechtersozialisation


Bachelorarbeit, 2011
40 Seiten, Note: 1,4

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Die Konstruktion des biologischen Geschlechts

3 Geschlecht als soziales Konstrukt
3.1 Sex und Gender
3.2 Interkultureller Vergleich
3.3 Konstruktionskonzepte des sozialen Geschlechts
3.3.1 Der Goffmensch
3.3.2 Ethnomethodologie und Doing Gender

4 Geschlechterstereotype
4.1 Definition
4.2 Ursprung
4.3 Entwicklung

5 Geschlechtsspezifische Sozialisation
5.1 Eltern
5.2 Peers
5.3 Schule

6 Zusammenfassung

A Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Die Frage nach der Geschlechtszugehorigkeit eines Menschen wirkt auf den ersten Blick als lage die Antwort auf der Hand. In einer Kultur wie der unseren besteht ein Gesellschaftssystem der Zweigeschlechtlichkeit. Die Bevolkerung besteht aus Frauen und Mannern, Madchen und Jungen. Das Geschlecht scheint von der Natur gegeben und bestimmt von Geburt an die Sozialisation eines Menschen. Im Alltag wird es mit der Vorstellung einer am Korper erkennbaren und unveranderlichen Differenzierung zwischen Frauen und Mannern verbunden. Diese ist eng mit der Annahme von unterschiedlichen Eigenschaften oder Verhaltensweisen verknupft. Madchen spielten mit Puppen, schminkten sich, wurden rosafarbene Kleidung tragen und besonders zartlich und feinfuhlig sein. Jungen hingegen seien ehrgeizig und selbststandig, spielten mit Spielzeugautos und wurden gerne handwerken. Diese stereotypen Vorstellungen der Geschlechter sind vereinfachende Beispiele fur die These einer sozialen Konstruktion von Geschlecht. Sie zeigen, dass das Geschlecht in unserer Gesellschaft einen sozialen und kulturellen Stellenwert besitzt.

Im Rahmen dieser Arbeit wird das Themenfeld der Geschlechterkonstruktion aufgegriffen. Fachrichtungen der Sozial- und Naturwissenschaften versuchen mit Hilfe verschiedenster Theorien Grunde fur die geschlechtsspezifischen Differenzen zu finden. Es wird im Detail dem biologischen und sozialen Geschlecht nachgegangen. Innerhalb dieser Debatte treffen am haufigsten der biologische Erklarungsansatz und der Ansatz der sozialen Konstruktion kontrovers aufeinander. Es wird zunachst aufgezeigt, dass der biologische Erklarungsansatz Geschlechterdifferenzen auf biologische Veranlagung und Vererbung zuruckfuhrt. Die Erorterung der sozialen Konstruktion von Geschlecht stellt darauf folgend den biologischen Determinismus in Frage, da der Ansatz die Geschlechter und deren Differenzen als sozial konstruiert begreift.1 Dafur soll zunachst die Entkoppelung von Geschlecht hinsichtlich Natur und Kultur mit Hilfe des Sex-Gender- Modells betrachtet werden, um im Folgenden die theoretischen Ansatze von Harold Garfinkel und Erving Goffman darzulegen. Ein Blick in die Ergebnisse der Kulturvergleichenden Forschung wird zeigen, welch groBen Einfluss die Kultur auf die menschliche Entwicklung hat. Die entstehenden Lucken des binaren Gesellschaftssystems, die sich beispielsweise bei Transsexualitat finden lassen, bieten einen Darstellungsraum, indem ersichtlich wird, dass die vermutete Eindeutigkeit unserer dichotomen Geschlechterwelt eine Scheinwelt ist und dass sie fur diejenigen groBe Probleme mit sich bringt, die nicht in unser Gesellschaftssystem der Zweigeschlechtlichkeit passen. Es wird ersichtlich, welch groBen Aufwand die Akteure beim so genannten Doing Gender betreiben, um der allgegenwartigen Omnirelavanz des Geschlechts im gesellschaftlichen Zusammenleben gerecht zu werden.

Im zweiten Teil der Arbeit wird anhand der Geschlechterstereotype und Geschlechtersozialisation gezeigt, wie Deutungsmuster, Zuschreibungen und Erwartungen das binare Gesellschaftssystem reproduzieren. Es wird infolgedessen auf Wissensstrukturen eingegangen, die die charakteristischen Merkmale von Frauen und Mannern enthalten und erlautert, warum Stereotype auf einer kulturell festgelegten Bewertung beruhen. Die Entwicklung von Geschlechterstereotypen ist ein lebenslanger Prozess, der sowohl Entwicklungsprozessen als auch sozialen Einflussen ausgesetzt ist. Sozialisationsagenten wie Eltern, Lehrer, Peers und weitere bestimmen die Bedeutung der jeweiligen Geschlechterzugehorigkeit. Diese Agenten liefern Regeln der Zuordnung von Eigenschaften und Verhaltensweisen hinsichtlich der Geschlechterkategorien.

Die Soziologie ermoglicht es, Hypothesen einer rein biologischen, vorsozialen Natur des Menschen in Frage zu stellen. Eine grundlegende Einsicht besteht darin, dass die Gesellschaft, in der wir leben, ein Ergebnis unseres eigenen Handelns darstellt. Die alltagliche Unterscheidung in Mann und Frau ist Ausdruck der Zuschreibung, die nicht auf den Akteur, sondern auf das kulturelle System verweist. Es stellt sich die Frage nach dem Sozialen der Kategorie Geschlecht. Diese stellt die kollektiven Annahmen des binaren Systems der Zuschreibung in Frage, da der Prozess der Herausbildung der verschiedenen Geschlechter in der sozialen Welt betrachtet wird.2

Wird ein Kind geboren, ist eine der ersten Fragen - „Junge oder Madchen?“ Warum dies geschieht, welche Konsequenzen die Antwort dieser nicht so einfach beantwortbaren Frage hat, wird die vorliegende Arbeit aufzeigen.

2 Die Konstruktion des biologischen Geschlechts

Bei keiner anderen sozialen Unterscheidung fallt es scheinbar so leicht, soziale Unterschiede auf Biologische zu beziehen, wie bei der von Mann und Frau. Die Geschlechterdifferenz scheint wie keine andere soziale Abgrenzung so „unmittelbar korperbasiert“ zu sein und die „Naturalisierung sozialer Ungleichheit“ ist nirgends so einfach wie bei der Verschiedenheit der Geschlechter.3 Die biologischen Divergenzen, allen voran die unterschiedlichen Auspragungen der Sexualorgane, erscheinen „als unanfechtbare Rechtfertigung des gesellschaftlich konstruierten Unterschieds zwischen den Geschlechtern.“4 Das Geschlecht wird in der westeuropaischen Gesellschaft als naturlich gegeben, binar, konstant und gegensatzlich wahrgenommen.5 Durch den Anspruch der Biologie, exakte empirische Fakten uber „geschlechtliche Korper und sexuelle Vorgange bereitzustellen“6, wurden im Laufe der biologischen Geschlechterforschung verschiedene Bereiche des menschlichen Korpers betrachtet, um die „psycho-physiologische [.] Naturbasis“ belegen zu konnen.7 Das Geschlecht sei ein „biologisches Faktum“8 und stelle eine klare „Dichotomie“ dar.9 Und weil in unserer Kultur eine zweigeschlechtliche soziale Ordnung und ein darauf bezogenes Wissenssystem besteht, wird nach biologisch bestimmbaren Divergenzen zwischen den beiden Geschlechtern gesucht.10 Konkret bezieht sich der biologische Erklarungsansatz auf funf Bereiche, welche einen Menschen dem einen oder anderen Geschlecht zuordnen: das 1.chromosomale Geschlecht. 2.gonadale Geschlecht, 3.hormonale Geschlecht, 4. morphologische Geschlecht und 5. zerebrale11 Geschlecht.

1. Laut Biologie und Medizin ist das Geschlecht eines Menschen bereits durch die Gene fixiert. Die Kombination der Geschlechtschromosomen nach der Verschmelzung von vaterlicher Samenzelle und mutterlicher Eizelle bestimmt diese Fixierung.12 Diesen nicht sichtbaren Unterschied bezeichnet das chromosomale oder genetische Geschlecht.13 Das Geschlechtschromosom des Vaters, entweder X- oder Y-Chromosom, verbindet sich mit dem X-Chromosom der Mutter. Ist das vaterliche Geschlechtschromosom ebenfalls ein X-Chromosom, wird die Chromosomkombination XX, der „chromosomal weibliche Typ“, gebildet.14 Der „chromosomal mannliche Typ“ XY ergibt sich, sobald das Geschlechtschromosom des Vaters ein Y-Chromosom ist.15 Bei letzterer Kombination setzt der Entwicklungsablauf des mannlichen Organismus ein. Entscheidend ist das Y- Chromosom, da sich auf diesem das SRY-Gen lokalisieren lasst. Diese Geschlechtsdeterminierende Region des Y-Chromosoms lost die Bildung der Hoden aus. Ist das SRY-Gen nicht vorhanden, bilden sich statt Hoden Eierstocke. Dies geschieht bei der Kombination von zwei X-Chromosomen (Chromosomkombination XX), welche den weiblichen Entwicklungsablauf bestimmt.16
2. Trotz des designierenden chromosomalen Geschlechts lauft die Entwicklung des Embryos zunachst unabhangig von diesem in identischer Weise ab.17 Erste evidente Unterscheidungen zwischen den Geschlechtern sind erst nach zirka sechs bis sieben Wochen Schwangerschaft existent. Es kommt zur Ausdifferenzierung des gonadalen Geschlechts. Die Gonaden, auch Geschlechtsdrusenanlage, sind bis dahin undifferenziert und bilden sich zu Ovarien, eine Vorform der Eierstocken, oder zu Hodenvorformen aus.18 Im weiteren Verlauf der Embryonalentwicklung differenziert sich das gonadale Geschlecht, durch die Produktion der entsprechenden Sexualhormone, den Phanotyp und das morphologische Geschlecht aus.19
3. Hormone beeinflussen den Aufbau und das Wachstum eines Individuums. Diese chemischen Stoffe werden durch die Gonaden gebildet. Die relevantesten Sexualhormone sind Ostrogene und Androgene.20 Mit der Ausdifferenzierung der geschlechtsspezifischen Keimdrusen wird vermehrt das jeweilige Geschlechtshormon produziert und ausgeschuttet. Testosteron, den Androgenen zugehorig, dient der Bildung der mannlichen sekundaren Geschlechtsmerkmale, der Hoden. Analog wird die Entwicklung der weiblichen sekundaren Geschlechtsmerkmale durch das Ostrogen gefordert.21 Diese spezifischen Hormone beeinflussen nicht nur die Entstehung der Geschlechtsorgane, sondern ihnen obliegt zudem die „Differenzierung des Gehirns nach mannlichem Muster.“22 Es ist jedoch darauf hinzuweisen, dass sowohl mannliche als auch weibliche Individuen die gleichen Sexualhormone herstellen. In der Regel wird von weiblichen Individuen wesentlich mehr Ostrogen als Testosteron gebildet. Mannliche Individuen produzieren hingegen mehr Testosteron und weniger Ostrogene. Daher ist das „hormonelle Geschlecht ein quantitatives, kein qualitatives Merkmal“, welches sich aus dem Mischverhaltnis der mannlichen und weiblichen Hormone ergibt.23 Bis zur Pubertat ist die hormonelle Situation allerdings nahezu gleich.24
4. Die Genese des morphologischen Geschlechts beginnt ab der siebenten Schwangerschaftswoche und beschreibt die Phase der Herausbildung von primaren und sekundaren Genitalien. Diese ist genetisch induziert und hormonell gesteuert. Vor dieser Phase sind keine geschlechtstypischen Unterschiede beim Embryo sichtbar.25 Zu den mannlichen primaren Geschlechtsorganen sind Penis, Hoden und Samenleiter zuzuordnen. Den weiblichen primaren Geschlechtsmerkmalen Vagina, Eierstocke und Gebarmutter. Wesentlich spater entwickeln sich die sekundaren Geschlechtsorgane. Diese bilden sich unter der Einwirkung von Hormonen wahrend der Pubertat aus. Wahrend diesem Kontinuum zwischen Jugend- und Erwachsenenalter verandert sich die relational hormonelle Zusammensetzung bei den Geschlechtern.26 Diese Reifezeit beginnt im Alter zwischen 10 und 12 Jahren und startet bei Madchen zirka ein bis zwei Jahre eher als bei Jungen .27 Der Anstieg von Ostrogen bei Madchen stimuliert das Wachstum der Brust und Schambehaarung. Bei Jungen fuhrt der Anstieg von Testosteron zur Ausbildung der Schambehaarung und des Bartwuchses.28 Aufgrund der Funktion der Fortpflanzung wird den primaren Geschlechtsorganen ein weitaus hoherer Stellenwert zugeschrieben als den ubrigen korperlichen Merkmalen. Zudem erzielen sie eine gleichsam andere Aufmerksamkeit. Die Genitalien bilden daher ein uberaus geeignetes Symbol fur die scheinbar naturliche Geschlechterdifferenz.29
5. Das zerebrale Geschlecht bezieht sich auf die differenzierte Gehirnentwicklung.30 Naturwissenschaftler berufen sich auf neurobiologische und neuropsychologische Forschungen. Diese deuteten darauf hin, dass die Vernetzung zwischen linker und rechter Gehirnhalfte bei Frauen sehr viel intensiver sei als bei Mannern.31 Sie verweisen auf die anders geartete Gehirnlateralisation32 und im Detail auf die Relevanz des Corpus Callosum. Dieses Gebilde aus Nervenstrangen verbindet beide Gehirnhalften miteinander.33 Die Gehirnhemispharen haben unterschiedliche Funktionen, wobei die linke Hemisphare den analytisch, rationalen und mathematischen Bereich darstellt, welche zudem fur die Sprachfahigkeit bedeutend ist. Die rechte Hemisphare bildet hingegen den Teil aus, in der raumliche Wahrnehmung, kreative Fertigkeiten und intuitives Denken verortet sind.34 Der Wert des Corpus Callosum liegt in der Informationsubermittlung zwischen den beiden Gehirnhemispharen. Moir und Jessel:

„Der Mann halt seine Gefuhlsregungen an ihrem Platz; und dieser Platz ist auf der rechten Seite des Hirns, wohingegen die Fahigkeit, diese Gefuhle sprachlich zu artikulieren, auf der anderen Hirnseite beheimatet ist. [...] Es ist dann oft schwieriger fur einen Mann, seine Gefuhle auszudrucken, weil die Informationen es schwerer haben, zur linken - verbalen - Seite seines Hirns durchzudringen. Dass die Frauen moglicherweise weniger dazu befahigt sind als der Mann, Vernunft und Gefuhle voneinander zu trennen, liegt wahrscheinlich schlicht an der Art und Weise, in der ihr Hirn konstruiert ist. Das weibliche Hirn verfugt uber emotionale Kapazitaten in beiden Hemispharen; hinzu kommt der leichtere Informationsfluss zwischen den beiden Hirnhalften. Die emotionale Seite ist starker mit der verbalen Seite verknupft. Eine Frau kann ihre Gefuhle deshalb in Worte fassen, weil das, was sie fuhlt, besser und effektiver auf die verbale Seite ihres Hirns geleitet wird.”35

Evolutionsbiologen versuchen die Geschlechterunterschiede, welche durch die erlauterten funf Kategorien entstehen, als evolutionare Uberlegenheit zu erklaren. Manner hatten demnach einen Penis, um sich fortzupflanzen und ihre Gene weiterzugeben.36 Dem entsprechend wird angenommen, dass sich die Gehirnareale, die das Fortzupflanzungsverhalten regeln, bei mannlichen Individuen strukturell verschieden entwickelt sind als bei weiblichen Individuen.37 Der Grund sei, dass bei mannlichen Individuen die Gehirnstrukturen fur sexuelle Verhaltensweisen, bei erfolgreicher Fortpflanzung, eher ihre Gene mit Erfolg verteilen konnen, als die, die keine spezifischen Strukturen besitzen. Bei weiblichen Individuen waren diese Strukturen sogar hinderlich, weil „diese mit der weiblichen Rolle wahrend der Fortpflanzung interferieren“ wurden.38 Daher wurden weiblichen Individuen mit mannlichen Gehirnstrukturen der Selektion zum Opfer fallen. Weitere Merkmale wurden durch sexuelle Selektion isoliert und ausgeschlossen werden.39 Evolutionsbiologen gehen davon aus, dass Gene unmittelbar das menschliche Verhalten determinieren.40

Ob und in welcher Weise diese Erkenntnisse Auswirkungen auf das Geschlechterverhaltnis haben, wird jedoch widerspruchlich diskutiert. Pates mahnt, dass die biologischen Kriterien als binar darstellbar waren, diese aber nicht immer zueinander passen wurden. So konne ein Mensch „endokrinologisch mannlich sein, anatomisch weiblich.“41 Der Bezug auf einen eindeutigen Befund der binaren Chromosomenkonstellation ist irrefuhrend. Es sind nicht nur die Kombinationsmoglichkeiten XX und XY, sondern auch die Kombinationen XXY, X0 und andere moglich.42 Diese Konstellation werden als „Abweichungen“ der korperlichen Entwicklung zum Mann und Frau beschrieben und in Syndrome, wie Klinefelder-, Turnersyndrom und weitere definiert.43 44 Statistisch betrachtet, handelt es sich bei der Haufigkeit dieser Syndrome um eine niedrige Zahl von 0,1% bis 0,2% der Gesamtbevolkerung.45 Hochgerechnet auf die nordwesteuropaische Bevolkerung, betrifft dies jedoch knapp 300000 Menschen.46 Auch beim gonadalen Geschlecht lassen sich vermehrt Variationen feststellen. So lassen sich auf hormoneller Ebene Manner und Frauen nicht so klar voneinander trennen, wie gern beschrieben wird.47 Hinsichtlich des Phanotyps ist entgegenzuhalten, dass es beim weiblichen und mannlichen Phanotyp, dem Erscheinungsbild aus der Summe aller Merkmale eines Individuums, immer wieder zu Uberschneidungen komme. Auf der Ebene physischer Merkmale seien die Uberschneidungen deutlich ausgepragt. Daher lasse sich vermuten, dass die Unterschiede zwischen den Geschlechtern auf dieser Grundlage oft groBer eingeschatzt werden, als sie sich tatsachlich messen lassen.48 Zudem verweisen Kritiker des biologischen Ansatzes auf den Unterschied hinsichtlich des Corpus Callosum. Innerhalb der homogenen Geschlechtergruppen sei die Differenz wesentlich groBer als zwischen den beiden Geschlechtergruppen.49 Es steht dennoch zur Debatte, ob es wirklich biologisch bedingt ist, dass Manner ihre Gefuhle schlechter ausdrucken konnen, wie Moir und Jessel beschrieben. Vielmehr konnte es an der emotionalen Vernachlassigung der Jungen in der Kindheit liegen. Zimmermann kritisiert, dass es „eine biologische Tatsache [sei], dass Kinder nicht mit einem fertigen Gehirn auf die Welt kommen.“50 Da das Gehirn nicht komplett vorprogrammiert sei, wurde es sich erst noch entwickeln. Die Idee, die Geschlechterunterschiede uber unterschiedliche Kommunikation der Gehirnhalften zu erklaren, sei nicht zweifelsfrei plausibel.51

Ein Beweis fur die Naturalisierung geschlechtstypischer Verhaltensweisen liefert die Evolutionsbiologie nicht. Zimmermann beschreibt, dass es „keine stichhaltigen Auskunfte uber mogliche biologisch-genetische Faktoren der unterschiedlichen Verhaltensweisen, Fahigkeiten und Eigenschaften“ gebe.52 Vergleiche von tierischen Verhaltensmustern oder der Blick in die fruhe Geschichte der Menschheit, wurden keine Beweise eines Biologismus liefern, der Mann und Frau eindeutig voneinander trenne. Es sei „naiv“ davon auszugehen, dass menschliches Verhalten durch Gene das Verhalten determiniere.53 Die dichotome Gliederung in zwei Geschlechtergruppen findet in der Biologie keine Entsprechung.54 Stark vereinfachende Vermutungen von der Naturhaftigkeit der Geschlechterdifferenzen verweisen eher auf genetische Beschrankungen als auf Vielfaltigkeit.55 Laut Meuser ergeben die „biologischen Forschungen nicht die Eindeutigkeit“, welche zur Erklarung der sozialen Unterschiede zwischen Frauen und Mannern beitragen konnten.56 Die Suche nach einem biologischen Nachweis der naturlichen zweigeschlechtlichen Unterscheidung wird mit groBer RegelmaBigkeit immer wieder enttauscht. Nunner-Winkler warnt davor uber scheinbar eindeutige Divergenzen zwischen den Geschlechtern zu mutmaBen, die empirisch nicht beweisbar seien.57 Dem Interesse an einer Eindeutigkeit geht ein gesellschaftliches Bedurfnis voran. Hirschauer: „Dem theoretischen Interesse an Unterschieden geht ein Praktisches an Unterscheidungen voran.“58 Und da ein binares Gesellschaftssystem und ein darauf bezogenes Wissenssystem besteht, richtet sich der forschende Blick des biologischen Erklarungsansatzes immer wieder auf biologisch bestimmbare Unterschiede zwischen Mann und Frau.

3 Geschlecht als soziales Konstrukt

Der Korper als biologisches Fundament wurde aus biologischer Betrachtungsweise als nichtkulturelle Gegebenheit angenommen und damit der sozialwissenschaftlichen Perspektive vorenthalten. Somit war der geschlechtliche Korper fur lange Zeit dem Gebiet der Natur und damit zur Angelegenheit der Naturwissenschaften kontingentiert.59 Durch die Argumentationen der naturwissenschaftlichen Forschung sollten Frauen und Manner auf ihre angebliche Naturbestimmung festgelegt werden. Nach Laqueur galten in der Antike und im Mittelalter Frauen als geringwertige Manner, weil sie anatomisch gegensatzlich seien. Die weiblichen Geschlechtsteile seien nach innen gewendete mannliche Genitalien.60 61 Auf diese Weise wurde mit der biologischen Geschlechterdifferenz gleichzeitig die gesellschaftliche Geschlechterhierarchie legitimiert. Die soziale Position wurde durch ein von Naturwissenschaft belegtes Naturrecht bestimmt. Wahrend des Industrialisierungsprozesses kam es zur Trennung zwischen Haus- und Arbeitswelt, weshalb sich ein aufkommender Gegensatz und qualitativer Unterschied zwischen den Geschlechtern formierte und binare Eigenarten der Geschlechter ausbildete.62 Braun beschreibt dahingehend:

„Heute sind etwa die Halfte aller Studierenden [...] Frauen. Liest man jedoch Beitrage zur Debatte um 1900 uber die Zulassung von Frauen zu den Universitaten und hoherer Ausbildung, konnte man meinen, dass sich innerhalb von rund einhundert Jahren eine radikale Mutation des weiblichen Korpers vollzogen haben muss. Denn die Gegner des Frauenstudiums argumentierten nicht mit den kulturellen Kodierungen von Weiblichkeit, sondern mit der biologischen, mithin unveranderbaren Beschaffenheit des weiblichen Korpers.“63

In einem Lehrbuch fur angehende Lehrer wurde bis in die siebziger Jahre des 20. Jahrhunderts ein weiblicher Typus beschrieben, der durch eine „starkere Verwurzlung in den tiefen Schichten des Gefuhls, die sich aus den biologischen Bestimmung ableiten lasst“, gekennzeichnet sei.64 Mit den darauf folgenden Beschreibungen der angeblichen Eigenschaften wie beispielsweise Feinfuhligkeit, wurde daraufhin die berufliche Eignung beziehungsweise Nichteignung abgeleitet. Wahrend der Mann „in die Welt der Berufe, der Wissenschaft, der Kunst“ und somit „hinaus ins feindliche Leben“ musse, finde die Frau „im Inneren der Familie ihren naturgemaBen Platz“65 Dieser biologistischen Position wurde mit sozialwissenschaftlicher Forschung entgegengetreten. Besonders die feministische Forschung bezeichnete die „Natur der Frau“ als Denkweise, um das bestehende patriarchalische Gesellschaftssystem zu sichern.66 Geschlecht wird als soziale und historische Kategorie verstanden, welches sozial geformt und interpretiert wird. Damit ruckt der Zusammenhang zwischen Kultur und Natur in den Blickpunkt. Das Vorhandensein von Mannern und Frauen und der daraus abzuleitenden Geschlechterdifferenz wird nicht einfach vorausgesetzt, denn es handelt sich um nichts an die Biologie Gebundenes, sondern um eine sozial kontextabhangige Erscheinung. Einer solchen Denkweise folgt die Notwendigkeit, den gesellschaftlichen Anteil an der Geschlechterdifferenz hervorzuheben.67

[...]


1 Vgl. Mammes 2009. S.160.

2 Vgl. Bereswill 2008. S.98.

3 Meuser 2008. S.634 f.

4 Ebd. S.635.

5 Vgl. Pates 2009. S.11.

6 Palm 2008. S.851.

7 Ebd. S.854.

8 Asendorpf 2007. S.386.

9 Arnold 2007. S.70.

10 Vgl. Meuser 2008. S.635.

11 Anm.: In der Literatur wird u.a. auch vom neuronalen Geschlecht gesprochen.

12 Vgl. Schandry 2006. S.367.

13 Vgl. Mammes 2009. S.160.

14 Asendorpf 2007. S.387.

15 Ebd. S.387.

16 Schandry 2006. S.367.

17 Vgl. ebd. S.367.

18 Vgl. Asendorpf 2007. S.387.

19 Vgl. Schandry 2006. S.367.

20 Vgl. Asendorpf 2007. S.387 ff.

21 Vgl. ebd. S.387 ff.

22 Tillmann 2000. S.48.

23 Asendorpf 2007. S.387.

24 Vgl. Stier, Weissenrieder 2006. S.6.

25 Vgl. ebd. S.6.

26 Vgl. ebd. S.6.

27 Vgl. ebd. S.11 f.

28 Vgl. ebd. S.8.

29 Vgl. Meuser 2008. S.635.

30 Vgl. Asendorpf 2007. S.389.

31 Vgl. Zimmermann 2006. S.183 f.

32 Anm.: Gehirnlateralisation bezeichnet die neuroanatomische Ungleichheit hinsichtlich der funktionalen Aufgabenteilung der GroBhirnhemispharen.

33 Vgl. Tillmann 2000. S.48.

34 Vgl. Zimmermann 2006. S.183.

35 Zimmermann, 2006. S.183 f.

36 Vgl. Arnold 2007. S.22.

37 Vgl. ebd. S.22.

38 Arnold 2007. S.22.

39 Anm.: Zum Beispiel der Hals-Nacken-Bereich. Siehe Arnold 2007. S.22 ff.

40 Vgl. Zimmermann 2006. S.184.

41 Pates 2009. S.12.

42 Vgl. Asendorpf 2007. S.387.

43 Asendorpf 2007. S.387.

44 Anm.: Eine ausfuhrliche Darstellung der Syndrome siehe Schandry 2006. S.368 ff.

45 Vgl. Buselmaier 2004. S.130; Graw 2010. S.627; Asendorpf 2007. S.387.

46 Anm.: Die Zahl ergibt sich aus der BevolkerungsmaBzahl von 288 Millionen Einwohnern in Nord- und Westeuropa. Vgl. DSW Datenreport 2010 S.6 f.

47 Vgl. Meuser 2008. S.635.

48 Vgl. Tillmann, 2000. S.47 ff.

49 Vgl. Meuser 2008. S.635.

50 Zimmermann 2006. S.184.

51 Vgl. Zimmermann 2006. S184.

52 Zimmermann 2006. S.184.

53 Vgl. Zimmermann 2006. S.184.

54 Vgl. Meuser 2008. S.635.

55 Vgl. Nunner-Winkler 1991. S.268.

56 Meuser 2008. S.635.

57 Vgl. ebd. S.268.

58 Hirschauer 1999. S.24.

59 Vgl. Gildemeister 2006. S.4.

60 Laqueur 1992.

61 Anm.: Ausfuhrlich bei Schochow, Maximilian: Die Erfindung des Geschlechts. In: Pates, Rebecca (Hrsg.), Esther Donat, Ulrike Frobose: Nie wieder Sex. Geschlechterforschung am Ende des Geschlechts. Wiesbaden 2009.

62 Gildemeister 2006. S.5 ff.

63 Ebd. S.6.

64 Tillmann 2000. S.51.

65 Gildemeister 2006. S.6.

66 Tillmann 2000. S.52.

67 Vgl. Bereswill S.107.

Ende der Leseprobe aus 40 Seiten

Details

Titel
Die Konstruktion von Geschlecht und die Konsequenzen für die Geschlechtersozialisation
Hochschule
Universität Leipzig  (Institut für Soziologie)
Note
1,4
Autor
Jahr
2011
Seiten
40
Katalognummer
V535540
ISBN (eBook)
9783346128041
ISBN (Buch)
9783346128058
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Geschlecht, Geschlechtersozialisation, Sozialisation, Geschlechterunterschiede, Gender Studies, Geschlechterkonstruktion, Konstruktion von Geschlecht
Arbeit zitieren
Oliver Bellstedt (Autor), 2011, Die Konstruktion von Geschlecht und die Konsequenzen für die Geschlechtersozialisation, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/535540

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