In der heutigen Zeit kann der Eindruck entstehen, dass das, wie fast alles, durch einen Download einer App problemlos und schnell erledigt werden kann. Natürlich kann niemand wirklich sehen, hören, fühlen was und wie ein anderer Mensch sieht, hört und fühlt. Es ist aber möglich, das, was wir von uns selbst kennen, nachzufühlen, also wie es sich für einen anderen Menschen anfühlt, anhört, aussieht. Fühlen muss man können und wollen. Ohne dieses Hineinfühlen in Andere ist das gemeinschaftliche Leben nur schwer möglich. Empathie bedeutet auch, zu verstehen, warum andere so und nicht anders reagieren und Wünsche, Bedürfnisse und Gefühle anderer Menschen zu registrieren und ernst zu nehmen. Sicher ist, dass wir diese Kompetenzen auch beim Lesen oder Hören und Verstehen von literarischen Texten benötigen. Und beim Schreiben wenden wir dementsprechende Techniken an.
Inhaltsverzeichnis
1 Einführung
2 Empathie. Mitleid. Sympathie. Definition der Grundlagenbegriffe
2.1 Empathie – Der wertneutrale „Als-ob-Zustand“
2.2 Mitleid – Die intensive Emotion
2.3 Sympathie – Die positive Wertschätzung
3 Modell zur Analyse von empathiefördernden Textstrukturen nach Verena Barthel
4 Analyse der empathiefördernden Strukturen in „Das Herzmaere“
4.1 Die Ebene des epischen Berichts in „Das Herzmaere“
4.2 Die Ebene der persönlichen Erzählinstanz in „Das Herzmaere“
4.3 Die Ebene der Figurenrede in „Das Herzmaere“
5 Fazit und Ausblick
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht narrative Strukturen in Konrads von Würzburg Versnovelle „Das Herzmaere“ unter Anwendung des Analysemodells von Verena Barthel. Ziel ist es, rhetorisch-strategische Kategorien nachzuweisen, die beim Rezipienten Empathie, Mitleid oder Sympathie für die fiktiven Figuren erzeugen, und diese auf ihre Relevanz für den Deutschunterricht zu reflektieren.
- Grundlagendefinition der Affekt-Konzepte Empathie, Mitleid und Sympathie
- Anwendung des Analysemodells von Verena Barthel auf ein mittelalterliches Märe
- Strukturanalyse auf den Ebenen des epischen Berichts, der persönlichen Erzählinstanz und der Figurenrede
- Quantitative und distributive Auswertung der Fokalisierungseffekte
- Reflexion der erziehungswissenschaftlichen Bedeutung mittelalterlicher Literatur im modernen Deutschunterricht
Auszug aus dem Buch
4.1 Die Ebene des epischen Berichts in „Das Herzmaere“
In „Das Herzmaere“ spricht auf der Ebene des epischen Berichts der auktoriale heterodiegetische Erzähler zum Rezipienten. Er besitzt unbegrenztes Wissen über das Innenleben der Figuren. Diese erzählerische Vermittlung nutzt verschiedene Techniken der Lenkung von Empathie und erreicht dadurch beim Rezipienten die erwünschte Einfühlung in die Figuren. Der epische Bericht nimmt den größten Teil des Erzähltextes ein und erscheint wie ein objektiver Handlungsbericht. Doch die Objektivität kann schon deshalb nicht gegeben sein, weil der Erzähler niemals auf alle Figuren gleichermaßen fokussiert sein kann - er muss sich auf einzelne Figuren konzentrieren. Durch das Vermitteln von Emotionslagen oder Motivationen der Figuren mittels Raum-, Zeit- und Innenfiltertechniken kann sich der Rezipient in die Figuren hineinversetzen. So entstehen auf dieser Erzählebene ideale Bedingungen für einen hohen Grad empathiefördernden Eingreifens.
Ich unterteile für die genauere Analyse den Hauptteil des Werkes in drei inhaltliche Abschnitte. Die Situation der Liebenden bis zum Abschied des Ritters, die Reise mit Todesfolge des Ritters und schließlich die Reaktion des Ehemanns und der Tod seiner Dame. Ich erhoffe mir davon die Möglichkeit eines quantitativen und distributiven Vergleichs der vom Erzählfokus begünstigten Figuren.
Betrachten wir nun zunächst den ersten Teil, also die Situation der Liebenden bis zum Abschied des Ritters. Durch die Erzählweise des Er-Erzählers folgen wir als Hörer/ Leser in den Versen 29 bis 59 den beiden Hauptfiguren, dem Ritter und der Dame. Im Anschluss wird der Fokus in Vers 60 einmal kurzzeitig nur auf die Frau - daz süeze wîp (V. 60-62) -, dann sofort auf den Ritter (V. 63-67) gelenkt, dann springt die „Kamera“ wieder auf beide zurück. Nun steht der Ritter wieder im Blickpunkt (V. 70-79). Der Ehemann wird zwar zwischenzeitlich erwähnt, aber noch immer stehen die Liebenden im Zentrum der Betrachtung.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einführung: Die Einleitung erläutert die Relevanz von Empathie als Grundkompetenz beim Verstehen literarischer Texte und führt in die Fragestellung ein, wie solche Prozesse in mittelalterlichen Texten gesteuert werden.
2 Empathie. Mitleid. Sympathie. Definition der Grundlagenbegriffe: Dieses Kapitel definiert die zentralen Begriffe und grenzt Empathie als wertneutralen „Als-ob-Zustand“ von Mitleid als intensiver Emotion und Sympathie als dauerhafter Wertschätzung ab.
3 Modell zur Analyse von empathiefördernden Textstrukturen nach Verena Barthel: Hier wird das methodische Analysemodell vorgestellt, das narrative Techniken wie Fokalisierung und Innensicht auf drei verschiedenen Textebenen untersuchbar macht.
4 Analyse der empathiefördernden Strukturen in „Das Herzmaere“: Die Analyse wendet das Modell praktisch auf das „Herzmaere“ an, wobei die Ebenen des epischen Berichts, der Erzählinstanz und der Figurenrede getrennt betrachtet werden.
5 Fazit und Ausblick: Die Arbeit resümiert die Wirksamkeit der narrativen Lenkungsstrukturen und plädiert für den Einsatz mittelalterlicher Literatur im Deutschunterricht zur Förderung von Empathie und Fremdverstehen.
Schlüsselwörter
Empathie, Mitleid, Sympathie, Das Herzmaere, Konrad von Würzburg, Verena Barthel, Rezeptionslenkung, narrative Strukturen, Mittelalter, Epischer Bericht, Figurenrede, Literaturdidaktik, Fokalisierung, Minne, Erzähltechniken
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht, mit welchen narrativen Strategien und sprachlichen Strukturen mittelalterliche Texte – konkret das „Herzmaere“ – die Emotionen ihrer Leser oder Hörer lenken und Empathie gegenüber den Figuren erzeugen.
Welches wissenschaftliche Modell wird als theoretischer Rahmen verwendet?
Die Autorin nutzt das Modell von Verena Barthel, das speziell darauf ausgelegt ist, empathiefördernde, mitleidsfördernde und sympathiefördernde Strukturen in mittelalterlichen Texten methodisch nachzuweisen.
Was ist das primäre Ziel der Untersuchung?
Ziel ist es, rhetorisch-strategische Kategorien zu identifizieren, die den Rezipienten dazu bringen, bestimmte Einstellungen gegenüber den Figuren einzunehmen, und den theoretischen Nutzen dieser Analyse für den modernen Deutschunterricht aufzuzeigen.
Welche Ebenen werden in der Analyse des Textes unterschieden?
Die Analyse unterteilt das Werk in drei Ebenen: den epischen Bericht, die persönliche Erzählinstanz (insbesondere Prolog und Epilog) sowie die Figurenrede.
Welche Rolle spielen die Begriffe "Misericordia" und "Compassio"?
Sie dienen im Kapitel zum Mitleid der Differenzierung: Während *misericordia* Mitleid in helfendem Handeln ausdrückt, bezeichnet *compassio* eher das passive, tatenlose Mitleid, das im mittelalterlichen Kontext als spiritueller Weg verstanden werden kann.
Wie unterscheidet sich die Figurenrede von anderen Techniken?
Die Figurenrede bietet einen hohen Grad an Unmittelbarkeit, da die Protagonisten durch eigene Äußerungen (Monologe oder Dialoge) ihre Emotionen und Motivationen selbst offenlegen, was die Empathie beim Rezipienten stark fördern kann.
Warum ist das „Herzmaere“ für eine solche Untersuchung besonders geeignet?
Das Werk bietet durch seine Konzentration auf ein emotional-erotisches Minne-Dreiecksverhältnis und seine klare Ausrichtung auf ein höfisches Publikum ideale Voraussetzungen, um Lenkungsstrategien und Wertehorizonte des 13. Jahrhunderts zu analysieren.
Welches Fazit zieht die Verfasserin bezüglich des Einsatzes mittelalterlicher Texte im Unterricht?
Die Autorin kommt zu dem Schluss, dass mittelalterliche Texte entgegen der Annahme ihrer Veraltetheit gerade wegen ihrer ausgeprägten Werteorientierung exzellent geeignet sind, um bei Schülern Kompetenzen wie Empathie und rationales Textverständnis zu fördern.
- Arbeit zitieren
- Sina Neumann (Autor:in), 2019, "Empathie gibt's nicht im Appstore". Zu den empathielenkenden Strukturen in "Das Herzmaere", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/535542