Die Gelbwestenbewegung in Frankreich

Eine einfache Protestwelle oder eine neue soziale Bewegung?


Hausarbeit, 2019
27 Seiten, Note: 2,0
Anonym

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Definition einer sozialen Bewegung

3. Das Phasenmodell
3.1 Erste und Zweite Phase
3.2 Dritte und vierte Phase
3.3 Fünfte und Sechste Phase
3.4 Siebte und Achte Phase

4. Die politische Situation in Frankreich

5 Die Gelbwestenbewegung
5.1 Erste und zweite Phase
5.2 Dritte und vierte Phase
5.3 Fünfte und sechste Phase
5.4 Siebte und achte Phase
5.5 Eine soziale Bewegung?

6. Fazit

Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Vom November 2018 bis zum März dieses Jahres wurde die mediale Berichterstattung über Frankreich fast ausschließlich von den Protesten der Gelbwestenbewegung dominiert. Jeden Samstag fanden Demonstrationen in Paris und anderen Großstädten statt, die zu Beginn bis zu 280.000 Teilnehmer mobilisierten und in Deutschland aber auch weltweit1 Nachahmer fanden. Die Proteste stellten die Regierung des französischen Staatspräsidenten Emmanuele Macron, der in Frankreich und Europa von vielen lange als Hoffnungsträger einer neuen französischen Wirtschafts- und Europapolitik gefeiert worden war, vor ihre erste große Krise. IM Laufe der Zeit fokussierte sich die deutlich rückläufige Berichterstattung fast nur noch auf die gewaltsamen Ausschreitungen am Rande der Demonstrationen, während die ursprünglichen Motive der Bewegung stark in den Hintergrund gerückt sind. Dabei wurden der Bewegung im öffentlichen Diskurs lange ganz unterschiedliche Rollen zugeschrieben. Von einer einfachen Protest-welle bis hin zu einer sozialen Bewegung, die das Potential hat, eine neue politische Kraft in Frankreich zu werden.

Doch welche Rolle nimmt die Gelbwestenbewegung innerhalb der französischen Gesellschaft tatsächlich ein? Handelt es sich nur um eine ausgeprägte Protestwelle oder doch um eine neue soziale Bewegung? Und was sind die Ursprünge und der bisherige Verlauf der Bewegung? Da bisher kaum wissenschaftliche Untersuchungen und Literatur zu den Gelbwesten zur Verfügung stehen, besteht hier ein besonderes Forschungsinteresse.

Um die aufgeworfenen Fragen beantworten zu können, soll zu Beginn dieser Arbeit zunächst der Begriff der sozialen Bewegung genauer definiert werden, um diese von anderen gesellschaftlichen Phänomenen besser unterscheiden zu können. Anschließend soll mithilfe eines Phasenmodells zur Entwicklung sozialer Bewegungen von Brand und Rammstedt der typische Verlauf einer solchen aufgezeichnet werden, damit in einer anschließenden Verlaufsanalyse überprüft werden kann, ob dieser sich auch bei der Gelbwestenbewegung wiederfinden lässt und ob sich eventuell Besonderheiten ausmachen lassen.2 Außerdem wird ein kurzer Überblick über die politische Situation in Frankreich gegeben, um die Geschehnisse besser einordnen zu können. Abschließend erfolgt mithilfe der vorher festgelegten Definition und den Ergebnissen aus der Verlaufsanalyse eine Bewertung, ob die Gelbwesten, als eine soziale Bewegung gesehen werden können. Die Ergebnisse werden in einem Fazit zusammengefasst.

Da bisher so gut wie keine wissenschaftliche Literatur zu der Bewegung vorhanden ist, dienen als Quellen hauptsächlich Zeitungsartikel und Reportagen. Bei deren Auswahl wurde darauf geachtet, eine möglichst breite Perspektive auf die Bewegung zu erlangen3 und verschiedene Nachrichtenportale und Zeitungen in deutscher, englischer und französischer Sprache herangezogen. Dabei wird in der sechsten Phase des Verlaufsmodells auch kurz auf den allgemeinen Verlauf der Berichterstattung über die Bewegung eingegangen. Als Quellen für die Definition einer sozialen Bewegung dienen vor allem die Werke der Autoren Roth, Rucht und Raschke, die entweder als eigene Bücher oder Beiträge in Sammelbänden erschienen sind. Bei der Beschreibung des Phasenmodells wird besonders auf zwei Werke von Brand und Rammstedt zurückgegriffen.

2. Definition einer sozialen Bewegung

Von dem Engagement in Parteien und Interessenverbänden gibt es laut Raschke innerhalb der Sozialwissenschaften ein relativ einheitliches Verständnis und klare Definitionen. Dieser Zustand sei aber für das zivilgesellschaftliche Engagement in sozialen Bewegungen nur bedingt gegeben. (vgl. Raschke 1988: 76) Daher ist es zu Beginn der Arbeit zunächst entscheidend, den Begriff der sozialen Bewegung genau zu definieren.

Für Neidhart und Rucht sind soziale Bewegungen:

„soziale Gebilde aus miteinander vernetzten Personen, Gruppen und Organisationen […], die mit kollektiven Aktionen Protest ausdrücken, um soziale beziehungsweise politische Verhältnisse zu verändern oder um sich vollziehenden Veränderungen entgegenzuwirken.“ (Neidhart/Rucht 2001: 540)

Während in der Literatur Unterschiede in der genauen Ausgestaltung von Organisationsformen und Engagement bestehen, heben alle Autoren den Willen zur Wandlung und Gestaltung des gesellschaftlichen Umfelds als das zentrale Erkennungsmerkmal einer sozialen Bewegung hervor. (vgl. Raschke 1988: 76) (Roth/Rucht 2008: 13) Denn nicht jeder Protest sei Ausdruck einer sozialen Bewegung. Davon können man erst sprechen,

„wenn ein Netzwerk von Organisationen, gestützt auf eine kollektive Identität, eine gewisse Kontinuität des Protestgeschehens sichert, das mit Anspruch auf Gestaltung des gesellschaftlichen Wandels verknüpft ist.“ (ebd.)

Roth und Rucht führen weiter aus, dass der Gestaltungsanspruch darin besteht, einen sozialen Wandel entweder zu fordern und zu fördern oder aber ihn möglicherweise auch zu verhindern.4 Dabei muss eine soziale Bewegung keineswegs progressiv orientiert sein. (vgl. ebd.) Hegner hingegen sieht den Fokus allein auf die Zielinhalte als nicht ausreichend, um soziale Bewegungen von einfachem öffentlichem Protest zu unterscheiden. Notwendig sei stattdessen eine phasenspezifische Verbindung von Handlungsmotiven, kollektiver Zwecksetzung und Mitteln der Zielverwirklichung. Er sieht soziale Bewegungen nur dort,

„wo der Prozess der Verwirklichung von Zielen, Aktions- und Organisationsformen hervor-gebracht hat, deren Forderungskatalog oder demonstrativ gezeigtes Selbsthilfepotential sich zu einem öffentlichkeitswirksamen Programm verdichtet hat. (vgl. Hegner 1980: 42)

Diese allgemeinen Definitionen sollen nun weiter detailliert werden. Dafür müssen soziale Bewegungen zunächst von anderen Organisationsformen wie Parteien und Verbänden, aber auch von temporären Ereignissen wie einer kollektiven Episode abgegrenzt werden. Parteien und Verbände haben zumeist formalere Organisationsstrukturen als soziale Bewegungen, teilen aber die Interessenartikulation als eine zentrale Aufgabe, wobei Parteien daneben besonders auf den Machterwerb ausgerichtet sind. Soziale Bewegungen können ein wichtiger Impulsfaktor für Verbands- und Parteiensektor sein, ihn aber nicht ersetzen. (vgl. Adloff 2005: 135 f.) Kollektive Episoden hingegen sind nur kurzfristig und bilden keine festen Kommunikations- und Rollenstrukturen aus. (vgl. Raschke 1988: 79) Trotz der Unterschiede hält Raschke fest:

„Bei allen Definitions- und Abgrenzungsbemühungen bleibt soziale Bewegung ein weicher Gegenstand mit fließenden Grenzen sowohl zur Seite der festen Organisationen wie zur Seite der kollektiven Episode.“ (ebd.: 82)

Die genauen Organisationsformen einer sozialen Bewegung können vielfältig sein. Sie setzen sich in der Regel aus informellen Gruppen und losen Netzwerken zusammen, die ein „polymorphes Gebilde ohne geschlossene Orientierung oder Organisation“ darstellen. (vgl. Geißel/Thillmann 2006: 161) Da spontane Proteste und Ereignisse stehts Teil einer sozialen Bewegung sind, kann die genaue Organisationsstruktur aber kein zentrales Merkmal zur Identifizierung einer sozialen Bewegung sein. Um eine soziale Bewegung dennoch von einer kollektiven Episode abgrenzen zu können, merkt Raschke an, dass eine gewissen Kontinuität des Handelns erkennbar seien sollte. Er selbst schlägt dafür eine Existenzdauer von mehreren Jahren vor. (vgl. Raschke 1988: 79 f.)

Die Träger und Anhänger von sozialen Bewegungen kommen aus allen gesellschaftlichen Milieus. In der Regel jedoch verstärkt aus der gebildeten Mittel-schicht, da dort ein verstärktes politisches Engagement besteht. (Geißel/Thillmann 2006: 163) Soziale Bewegungen bieten ihren Teilnehmern eine geringe Eintritts-schwelle, weil sie keine formalisierte Mitgliederstruktur besitzen und kaum mit persönlichen Verpflichtungen verbunden sind. So kommt es mit dem Bedeutungs-verlust großer antisystemischer Bewegungen zu einem Zuwachs bewegungsartiger Proteste, der sich zumeist durch situatives Engagement auszeichnet. (vgl. Rucht 1999: 20)

Soziale Bewegungen sind eine Möglichkeit der Mobilisierung eines Kollektivs innerhalb der Zivilgesellschaft. (vgl. della Porta/Diani 2011: 69) Sie können soziale Konflikte aufzeigen, die bisher nicht innerhalb der etablierten Kanäle des gesellschaftlichen und politischen Systems gelöst werden konnten und übernehmen dabei oft anwaltschaftlich die Artikulation von tendenziell schwachen oder nur schwer zu organisierenden Interessen. (vgl. Rucht 2001: 327) Da soziale Bewegungen dabei oft bestehende Logiken des herschenden wirtschaftlichen, politischen und gesellschaftlichen Systems in Frage stellen, sind sie im gesellschaftlichen Diskurs nicht unumstritten. (vgl. Roth/Rucht 2008: 16)

3. Das Phasenmodell

Diese allgemeine Definition soll nun durch ein Phasenmodell der Entwicklung sozialer Bewegungen ergänzt werden, Dieses wurde von Brand auf der Basis von Überlegungen von Rammstedt zusammengefasst. Es eignet sich besonders gut für eine Verlaufsanalyse, da sich mit ihm neben den Ursachen auch die Ziele und angewandten Mittel einer sozialen Bewegung untersuchen lassen. (vgl. Brand 1982: 38) Hierbei ist zu beachten, dass eine soziale Bewegung nicht alle Phasen durchlaufen muss, sondern in jeder Phase potenziell zu ihrem Ende kommen kann, falls die phasenspezifischen Ziele nicht erreicht werden. (vgl. Rammstedt 1978: 196) In dieser Arbeit wird das Modell teilweise durch die Ergebnisse anderer Autoren ergänzt, um ein detaillierteres Verlaufsbild zeichnen zu können.

Brand übt die Selbstkritik, dass das Modell vom Idealtypus des „sozial integrierte[n], politisch loyale[n] Bürger[s]“ ausgeht, der sich einer „plötzlichen und unerwarteten Krise“ gegenübersieht. Dies könne in der Praxis in bestimmten Fällen zutreffen, vernachlässige aber solche, in denen die kollektive Lernerfahrung bereits weiter zurückliege und das Vertrauen in die Wandlungsfähigkeit des politischen Systems bereits verloren sei. In diesem Fall beginne bei einer erneuten Mobilisierung der Einstig erst in der vierten oder fünften Phase. Gleichzeitig sei der Fokus zu stark auf ein traditionelles Verständnis von Politik ausgerichtet. (vgl. Brand 1982: 39)

3.1 Erste und Zweite Phase

Phase 1: Krise als kollektive Erfahrung:

Zu Beginn des Phasenmodells fühlen sich Teile der Bevölkerung von einer sozialen oder politischen Krise betroffen. (vgl. ebd.: 35) Eine Krise ist dabei die „plötzliche Zuspitzung oder das plötzliche Auftreten einer Problemsituation, die mit den herkömmlichen Problemlösungstechniken nicht bewältigt werden kann“. (Rammstedt 2011: 215) Das geschieht gemäß der Systemtheorie, wenn „die Struktur eines Gesellschaftssystems weniger Möglichkeiten der Problemlösung zulässt, als zur Bestandserhaltung in Anspruch genommen werden müssen“. (Rolshausen 1991: 307) Das gesellschaftliche Potential für die Bewegung entsteht dadurch, dass die Betroffenen an ihrem ursprünglichen Handlungsentwurf festhalten und nicht bereit sind, ihr Verhalten der Krise entsprechend anzupassen.5 (vgl. Rammstedt 1978: 146 f.)

Im Rahmen gesellschaftlicher Kommunikation zwischen den Betroffenen tritt der soziale Lernprozess ein, dass die Krise eine kollektive Erfahrung für größere Teile der Bevölkerung darstellt. (vgl. Brand 1982: 35) Dieser Diskurs verlagert sich heutzutage zunehmend in das Internet, wo er plattformabhängig in unterschiedlichen Formen zum Ausdruck gebracht wird. Dabei besteht ein plattformabhängiges Mobilisierungspotential. Dieses kann aufgrund hoher Anonymität sehr gering sein, ist aber auf Plattformen mit stärkeren sozialen Bindungen deutlich höher. So können sich einzelne Beiträge sehr schnell verbreiten und ein hohes Mobilisierungspotenzial entfalten. (vgl. Baringhorst 2015: 330-335)

Phase 2: Propagierung der Krisenfolgen

Nach dem Eintritt der kollektiven Erfahrung der Krise starten die Betroffenen einen öffentlichen Apell, um ihre Not zu verdeutlichen und in der Hoffnung, dass dieser eine politische Reaktion zur Milderung der Krisensymptome hervorbringt. (vgl. Brand 1982: 35) Die Betroffenen äußern ihren Apell auf der Basis der Annahme, dass ihre Situation von der Gesellschaft als unzumutbar angesehen wird und die Forderung nach Abhilfe daher legitim ist. Grundvoraussetzung für die Funktionalität des Apells ist eine weiterhin funktionierende Öffentlichkeit und ein politisches System, das potenziell noch auf die öffentliche Meinung reagieren kann. (vgl. Rammstedt 1978: 148 f.)

3.2 Dritte und vierte Phase

Phase 3: Artikulation des Protests

Erfolgt auf den Apell keine, von den Betroffenen als angemessen bewertete Reaktion von öffentlicher Seite, gehen diese zu neuen Protestformen über und fordern verstärkt Maßnahmen zur Minderung der Krisenfolgen. Es kommt zu einer ersten Radikalisierung des Protestes, wobei die Ebene der Legalität aber noch nicht verlassen wird (vgl. Brand 1982: 35) Für eine erleichterte Zuordnung der Protest-form kann grundsätzlich zwischen drei Formen nichtinstitutionalisierter Strategien unterschieden werden. Die konventionellen zurückhaltenden Strategien wie angemeldete Demonstrationen und Versammlungen sind nicht nur legal, sondern genießen zumeist auch besonderen rechtlichen Schutz. Die disruptiven Protest-formen, Sitzstreiks, ziviler Ungehorsam oder Straßensperren sind ebenfalls legal oder zumindest staatlich geduldet, können aber die Grenze der Gesetzmäßigkeit teilweise überschreiten und die letzte Form, der gewaltvolle Protest, ist so gut wie immer illegal. (vgl. Gupta 2017: 177 f.)

In der zweiten Phase kommt es zwischen den Betroffenen auch zur Entwicklung eines Wir-Gefühls, aufgrund eines schichtspezifischen, regionalen oder ähnlichem kollektiven Bewusstsein. Die Betroffenen sehen sich nicht mehr als eine „durch die Krise ad hoc zusammengebundene Gruppierung, sondern als [einen] Teil der Gesellschaft, der gezielt zum Abstieg gezwungen wird.“ Der Protest polarisiert sich damit zu einem gesellschaftlichen Konflikt mit den Herrschenden. (vgl. Rammstedt 1978: 150 f.) Die Protestierenden definieren fortan selbst als soziale Bewegung. (vgl. Brand 1982: 35 f.)

Phase 4: Intensivierung der Sozialen Bewegung

Sobald öffentlicher Protest stattfindet, kann davon ausgegangen werden, dass die Forderungen der Betroffenen allgemein bekannt und die herrschenden politischen Akteure gezwungen sind, Stellung zu ihnen zu beziehen. Das partikulare Problem bekommt „symbolischen Gehalt für die inhaltliche Legitimation [ihrer] Herrschaft gegenüber der Gesellschaft.“ Gleichzeitig dehnt sich die Basis der Bewegung auch auf Menschen aus, die sich nicht direkt von der Krise betroffen fühlen. (vgl. Rammstedt 1978: 152 f.)

Die Bewegung nutzt alle Möglichkeiten der legalen Kommunikation, um ihre Bedeutung zu unterstreichen. Dafür ist es wichtig, dass sie vom herrschenden System durch Ablehnung als Kontrahent anerkannt wird, was durch die Störung der täglichen Abläufe des Systems von der Bewegung erzwungen werden kann. Zu diesem Zeitpunkt verbindet die Anhänger der Bewegung der Vorwurf, dass ihre Interessen nicht vertreten werden, aber noch keine grundlegende Ablehnung der bestehenden Strukturen. (vgl. ebd.: 153 f.) Sichtbarer Protest stellt dabei ein unverzichtbares Mittel der kollektiven Identitätsbehauptung dar und die von der Bewegung gewählten Mittel formen ihren Charakter. So muss sich der Protest mit Blick auf potenzielle Unterstützer in der breiten Öffentlichkeit aber auch in Bezug auf die Provokation der Gegenspieler bewähren. Die resultierenden Spannungen sind meist nur in eine Richtung abbaubar. (vgl. Roth/Rucht 2008: 26) In der Forschung besteht Uneinigkeit welche Form des Protests hierfür am effektivsten ist. Zurückhaltender Protest kann die stärkste Botschaft senden, während disruptiver Protest die Abläufe des Systems am effektivsten stört. Je gewalttätiger der Protest wird, desto größer ist die Möglichkeit der Herrschenden, sich nicht mit den Mitgliedern der Bewegung auseinanderzusetzen. Einige Autoren sehen hingegen gewalttätigem Protest, wegen seines hohen Empörungs- und Aufmerksamkeits-potenzial, als einzige Möglichkeit. (vgl. Gupta 2017: 179-181)

3.3 Fünfte und Sechste Phase

Phase 5: Artikulation der Ideologie

Sollte die Protestbewegung bis zu diesem Punkt ihre Ziele nicht erreicht haben beginnt sie nun mit der Artikulation ihrer eigenen Ideologie.6 Diese richtet sie sich „gegen die Ursachen der Krise [und] […] ihre strukturellen Bedingungen und entwickelt zugleich ein [eigenes] Zukunftsbild“. (vgl. Brand 1982: 36) Durch die Entwicklung einer eigenen Ideologie werden die ursprünglichen Forderungen insofern ausgeweitet, dass sie nun nicht mehr nur Maßnahmen zur Linderung der Krisenfolgen enthalten, sondern sich auch gegen deren Ursachen richten, zu denen nun explizit die Systemstrukturen gezählt werden. „Damit wird die soziale Bewegung krisenauslösend für das herrschende System.“ (vgl. Rammstedt 1978: 154 f.)

Phase 6: Ausbreitung der Sozialen Bewegung

Nach der Veröffentlichung ihrer Ideologie gewinnt die Bewegung weiteren Zulauf, da die Ideologie „Anknüpfungspunkte und Solidarisierungsmöglichkeiten für andere Menschen und Gruppen“ bietet. (vgl. ebd.: 36 f.) Hierbei ist die Medienlandschaft der wichtigste Umweltfaktor für die soziale Bewegung. Sie kann das expressive Moment der Bewegung fördern, aber durch einen abrupten Themenwechsel auch zu deren schnellen Ende führen. (vgl. Raschke 1999: 70 f.) Für die Bewegung ist es dabei negativ, wenn die Berichterstattung die Proteste entweder ignoriert oder in Form des Protestparadigmas „kriminalisierende, marginalisierende, oder andere diffamierende Frames“ für diese verwendet. Gleiches gilt für die Rekuperation, bei der die radikalen Inhalte der Bewegung von den Medien sozial verträglich umgedeutet werden, um den Status quo zu stabilisieren. Positiv sind entweder eine differenzierte oder eine affirmative Berichterstattung, die durch positives Framing die Bewegung implizit oder explizit bevorteilt. (vgl. Ertl 2015: 325)

[...]


1 Die gelben Weste wurden von verschiedenen, teilweise neu geformten Protestbewegungen weltweit als Symbol übernommen. (vgl. Carlier 2018) Diese Proteste stellten zum Teil jedoch eigene getrennte Forderungen auf und lassen sich nur bedingt mit den Protesten in Frankreich in Verbindungen bringen. Sie werden daher hier nicht näher behandelt.

2 Daneben gibt es noch weitere Theoriemodelle zur Untersuchung sozialer Bewegungen. Diese fokussieren sich aber zumeist auf einen spezifischen Aspekt und sind daher für die Analyse, ob es sich bei den Gelbwesten grundsätzlich um eine soziale Bewegung handelt eher ungeeignet.

3 Es gilt trotzdem zu berücksichtigen, dass diese Arbeit aufgrund der Nationalität des Autors und auch durch die Theorieauswahl die Gelbwestenbewegung aus einer grundlegend deutschen Perspektive betrachtet.

4 Dabei kommt es sozialen Bewegungen heutzutage weniger darauf an, die grundlegende Umgestaltung von Verfahren und Institutionen zu fordern, sondern stattdessen „die mangelhafte Ausgestaltung [dieser] im Sinne weithin anerkannter Grundprinzipien“ zu kritisieren. (vgl. Rucht 1999: 18)

5 Raschke kritisiert das in Beziehung setzen von Krisen und sozialen Bewegungen, als eine problematische Generalisierung. So gäbe es erstens soziale Bewegungen, die nicht plausibel auf Krisen zurückzuführen seien und zweitens könne eine soziale Bewegung bei frühzeitiger Problematisierung der Krisenvermeidung dienen. (vgl. Raschke 1988: 161 f.)

6 Fraglich ist auf welchen Ideologiebegriff sich Rammstedt in diesem Fall genau bezieht. Auf die weite Fassung, also die „Gesamtheit, der systematisch geordneten und logisch verknüpften Gedanken […] eines Staates [..] über wirtsch., soz., [...] pol. […] Ereignisse und Tatbestände“ (Beck 1986: 410 f.) oder die engere Fassung, also eine der „4 bedeutende[n] Hochideologien [..]: den Liberalismus, den Konservatismus, den Nationalismus und Faschismus und den Kommunismus.“ (ebd.: 411). Bei der Lektüre entsteht der Eindruck, dass Rammstedt, wohl eher die weite Definition im Sinn hatte und dass er mit dem Begriff vor allem auf die Forderung nach tiefgreifender Änderung des bestehenden Systems ausdrücken möchte.

Ende der Leseprobe aus 27 Seiten

Details

Titel
Die Gelbwestenbewegung in Frankreich
Untertitel
Eine einfache Protestwelle oder eine neue soziale Bewegung?
Hochschule
Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg
Note
2,0
Jahr
2019
Seiten
27
Katalognummer
V535612
ISBN (eBook)
9783346128263
ISBN (Buch)
9783346128270
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Gelbwesten, Frankreich, Soziale Bewegung, Soziale Proteste, Neue Soziale Bewegung, Politische Theorie
Arbeit zitieren
Anonym, 2019, Die Gelbwestenbewegung in Frankreich, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/535612

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