Der Einfluss der sozialen Herkunft auf den Bildungsweg von Kindern und Jugendlichen

Der Übergang von der Grundschule zur Sekundarstufe I


Seminararbeit, 2015

16 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung
1.1 Problemstellung
1.2 Fragestellung

2. Konzeptueller Hintergrund
2.1 Bildungsungleichheit
2.2 Bildungsentscheidungen

3. Studien
3.1 Einfluss des sozialen Status der Eltern auf die Wahl der weiterführenden Schule
3.2 Einfluss des sozialen Status der Eltern auf deren Bildungsaspiration

6. Diskussion

7. Fazit

8. Limitationen und Ausblick

9. Literatur

1. Einleitung

1.1 Problemstellung

Die Ergebnisse der ersten PISA-Studie aus dem Jahr 2000 sorgten in Deutschland für großes Aufsehen und führten der Bevölkerung ein Problem vor Augen, dass nicht erst seit ein paar Jahren besteht. Die Rede ist von der Bildungsungleichheit im deutschen Schulsystem (vgl. Ditton, Krüsken & Schauenberg, 2005; Bildungsberichterstattung, 2012). Häufig kommt die Frage auf, was die Schulleistung von Kindern und Jugendlichen beeinflusst und wie es da­raufhin zu den großen Ungleichheiten kommt.

Renkl hat in seiner Arbeit aus dem Jahr 1996 herausgefunden, dass die Schulleistung von Schülerinnen und Schülern1 unter anderem von ihren intellektuellen Fähigkeiten und ih­rem Vorwissen geprägt ist. Zudem wird sie von Faktoren wie Interesse, Motivation, leis­tungsbezogenen Emotions- und Kognitionsmustern und deren Regulierung beeinflusst. Diese Faktoren entwickeln sich im Laufe des Lebens der Jugendlichen und sind besonders durch familiäre Erfahrungen geprägt (Zimmermann & Spangler, 2001).

Bemerkenswert ist auch, dass die Ungleichheiten in unserem Bildungssystem vor al­lem da entstehen, wo Übergänge von einem Bildungsabschnitt in einen anderen stattfinden (Ditton et al., 2005). Sie entwickeln sich als kumulative Effekte von aufeinander aufbauenden Bildungsentscheidungen (Baumert, Watermann & Schürmer, 2003).

Im Jahr 2008 veröffentlichte die Zeit einen Artikel mit der Überschrift „Wenn Her­kunft über Zukunft entscheidet“, in welchem der starke Einfluss des Elternhauses auf den schulischen Erfolg bzw. die Schullaufbahn von Kindern und Jugendlichen thematisiert wird. Darin weist der Autor besonders darauf hin, dass der erste Schulübergang, welcher die Basis der schulischen Entwicklung von Kindern und Jugendlichen bildet, in einem Alter von nicht einmal 10 Jahren getroffen werden muss. Das bedeutet, dass die Entscheidung von den Eltern getroffen wird, wenn das Bildungssystem im jeweiligen Bundesland keine verpflichtende Übergangsempfehlung von Seiten der Lehrer vorsieht. Der Autor sieht genau diese Tatsache als Hauptgrund für den sozial ungleichen Bildungserfolg (http://www.zeit.de/2008/12/C- Studie-Bildungschancen).

Vergleicht man die herkunftsabhängigen Bildungschancen mehrerer Länder, so stellt man schnell fest, dass die Chance auf einen höheren Bildungsabschluss in keinem Land so stark von der Herkunft geprägt ist wie in Deutschland. So weist beispielsweise Finnland, trotz etwa ähnlicher Sozialstruktur, ein deutlich höheres mittleres Leistungsniveau bei 15-jährigen Schülern auf als Deutschland (Baumert et al., 2003).

1.2 Fragestellung

In der vorliegenden Arbeit wird der Einflussfaktor Familie auf den schulischen Werdegang von Kindern und Jugendlichen untersucht. Dabei wird der Fokus auf den Übergang von der Grundschule zur Sekundarstufe I gesetzt. Dieser Übergang gilt in unserem Bildungssystem als weichenstellend für den späteren Lebenslauf von Kindern und Jugendlichen und hängt, im Vergleich zu späteren Bildungsentscheidungen, sehr stark von der Entscheidung der Eltern ab, welche nicht zuletzt von deren sozialem Umfeld beeinflusst ist (Baumert et al., 2003; Henz & Maas, 1995). Ditton et al. (2005) haben beispielsweise herausgefunden, dass Kinder aus der oberen Sozialschicht vier- bis sechsmal häufiger ein Gymnasium besuchen, als Arbeiterkin­der, die dieselben schulischen Leistungen in der Grundschule zeigten. Betrachtet man die Hauptschulbesuche nach Schichtzugehörigkeit, so stößt man auf das umgekehrte Zahlenver­hältnis. Auf Basis dieser Erkenntnisse, wird der vorliegenden Arbeit folgende Forschungsfra­ge zugrunde gelegt: „Welchen Einfluss hat die soziale Schichtzugehörigkeit auf die Bildungs­aspirationen der Eltern und den tatsächlichen Übergang ihrer Kinder von der Grundschule zur Sekundarstufe I?“

Nachdem der Begriff der Bildungsungleichheit geklärt und zwei Theorien zur bil­dungsbedingten Entscheidungsfindung beschrieben wurden, werden anschließend empirische Ergebnisse aus bereits durchgeführten Studien berichtet und diskutiert. Im darauffolgenden Abschnitt wird, resultierend aus den vorherigen Kapiteln, ein Fazit gezogen. Abschließend werden die Limitationen dieser Arbeit aufgezeigt und es wird ein Ausblick gegeben.

2. Konzeptueller Hintergrund

Zur Beantwortung der Forschungsfrage bedarf es zunächst der Darstellung einiger Definitio­nen und theoretischer Modelle. Zunächst wird der Begriff der Bildungsungleichheit bestimmt und differenziert. Im Anschluss daran werden zwei unterschiedliche Ansätze erläutert, die die Entscheidungsfindung in Bildungsübergängen erklären.

2.1 Bildungsungleichheit

Müller und Haun definieren Bildungsungleichheit als die Diskrepanz in Bildungsverhalten, Bildungswegen und Bildungsabschlüssen von Kindern und Jugendlichen, die sich hinsichtlich der sozialen und familiären Umgebung, in der sie aufgewachsen sind, unterscheiden (Müller & Haun, 1994).

Ehmke, Siegle und Hohensee (2005) unterscheiden zwischen zwei Formen von Un­gleichheit. Die primäre Ungleichheit beruht auf Disparitäten in Fähigkeiten und Kompeten­zen, die Voraussetzung sind, um die Anforderungen bestimmter Bildungsangebote zu erfül­len. Dieser Faktor ist, neben weiteren Einflüssen, auch von der sozialen Herkunft abhängig, wonach Kinder und Jugendliche aus niedrigeren sozialen Schichten meist einen geringeren Anteil dieser Kompetenzen aufweisen. Von einer sekundären Ungleichheit sprechen sie hin­gegen, wenn die Fähigkeiten und Potenziale von Kindern und Jugendlichen nicht erkannt, nicht gefördert oder falsch eingesetzt werden. Hervorgerufen wird diese Form der Ungleich­heit durch Entscheidungen im Elternhaus und die Empfehlungen von Lehrern.

Einen weiteren Ansatz zur Kategorisierung von Bildungsungleichheiten entwickelte Jacobs. Dabei unterscheidet er die drei Kategorien Ungleichheit im Bildungszugang, Un­gleichheit im Bildungsprozess und Ungleichheit im Bildungsergebnis (Jacobs, 1996).

Unabhängig von der Form der Ungleichheit, sind sich die Forscher darüber einig, dass die soziale Herkunft einen der größten Einflussfaktoren auf die Bildungschancen von Kindern und Jugendlichen darstellt (vgl. Foster, Gomm & Hammersley, 1996).

Doch an welchen Abschnitten der Schullaufbahn bzw. zu welchen Zeitpunkten entste­hen diese Ungleichheiten, die zu divergenten Bildungsabschlüssen führen? Laut Ditton et al. (2005) separieren sich die Chancen am häufigsten an Schnittstellen und Übergängen der Bil­dungslaufbahn. An diesen Punkten des schulischen Werdegangs muss eine Entscheidung von Seiten der Schüler bzw. der Eltern getroffen werden, die Einfluss auf ihren weiteren schuli­schen und beruflichen Lebensweg hat. Um diese bildungsbedingten Entscheidungen samt ihren Einflussfaktoren zu erklären, unterscheidet man in der Literatur häufig zwischen dem Rational Choice Ansatz und dem Soziokulturellen Ansatz (vgl. Kleine, Paulus & Blossfeld, 2009).

2.2 Bildungsentscheidungen

Rational Choice Ansatz

Laut dem Rational Choice Ansatz beruhen Bildungsentscheidungen auf rationalen Abwä­gungsprozessen. Demnach wird der Bildungsweg gewählt, der in Abhängigkeit der zu erwar­teten Kosten und Nutzen die Erträge maximiert. Die Bewertung der Erträge erfolgt unter schichtspezifischen Bedingungen. Dabei sind die Präferenzen aller Entscheidungsträger ähn­lich (Boudon 1974; Erikson & Jonsson, 1996; Esser, 1999). Boudon entwickelte 1974 auf Basis dieses Ansatzes ein Modell, dass das Zusammenspiel verschiedener Einflussfaktoren auf Bildungsentscheidungen und die daraus resultierenden Ungleichheiten zeigt. Wegweisend sind dabei zum einen die schulischen Leistungen, die Selektionsmechanismen des jeweiligen Bildungssystems, sowie die familiäre Bewertung von Bildung (Boudon, 1974). Grundlegend unterscheidet Boudon zwischen zwei Arten von Effekten, dem Primären Effekt und dem Se­kundären Effekt. Der Primäre Effekt umfasst Faktoren, die einen direkten Einfluss auf die Kompetenzentwicklung von Schülern haben. Sie entstehen im Sozialisationsprozess durch die soziale Herkunft (Boudon, 1974; Kleine et al., 2009). Beispiele für Primäre Effekte sind die Sprachkultur oder die Wertschätzung von Lernen (Boudon, 1974). Sekundäre Effekte beein­flussen die Entscheidungsfindung hingegen unabhängig von der Leistungsfähigkeit der Ler­nenden. Vielmehr spielen hier schichtspezifische Erwartungshaltungen eine Rolle, da diese die Bewertung der Erlöse der Kosten-Nutzen-Analyse bestimmen (Becker, 2000; Boudon 1974). Sekundäre Effekte werden durch Bildungsentscheidungen nach dem Rational Choice Ansatz und einer verinnerlichten Sozialschichtzugehörigkeit hervorgerufen (Boudon, 1974).

Soziokultureller Ansatz

Ein weiterer Ansatz zur Erklärung der Unterschiede in Bildungsentscheidungen ist der Sozio­kulturelle Ansatz. Dieser besagt, dass die Bildungsentscheidung auf schichtspezifischen Wer­ten und Normen beruht (Sewell, Haller & Portes, 1969). Laut Haller und Portes (1973) haben Bildungsaspirationen den größten Einfluss auf die spätere Statuserreichung. Im Hinblick auf Entscheidungen zum Schulübergang, beruhen diese demnach auf unbewussten, zeitstabilen und schichtspezifischen Bestrebungen der Eltern (Gambetta, 1987). Daraus resultiert, dass der schulische Werdegang von Schülern bereits durch schichtspezifische Werte und Normen vor­bestimmt ist; weit bevor der Zeitpunkt der Bildungsentscheidung eintrifft (Kleine et al., 2009).

3. Studien

Zur Erklärung der Einflüsse von sozialem Status auf die Bildungsaspirationen der Eltern und den tatsächlichen Übergang ihrer Kinder von der Grundschule zur Sekundarstufe I, wurden bereits einige Studien durchgeführt. Im Folgenden werden zunächst die Ergebnisse von Stu­dien, die den Einfluss des sozialen Status der Eltern auf die Wahl der weiterführenden Schule untersucht haben, berichtet. Im Anschluss daran werden Ergebnisse präsentiert, die zusätzlich die Auswirkungen des sozialen Status auf die elterliche Bildungsaspiration berücksichtigen.

3.1 Einfluss des sozialen Status der Eltern auf die Wahl der weiterführenden Schule

Die Bildungsberichterstattung der Bundesrepublik Deutschland aus dem Jahr 2012 zeigt, dass sich der Anteil an Schülern an Gymnasien in den letzten Jahren insgesamt erhöht hat. Aller­dings stammen im Jahr 2009 61% aller 15-jährigen Gymnasiasten aus Familien mit hohem und nur 16% aus Familien mit geringem sozioökonomischem Status. Betrachtet man die sozi­ale Herkunft von Hauptschülern, so stellt man fest, dass 27% aus sozial schwachen Familien stammen und lediglich 5% aus Familien mit einem hohen ökonomischen Status (Bildungsbe­richterstattung, 2012).

Geißler berichtet in seiner Arbeit aus dem Jahr 2006, die prozentualen Anteile an Schülern jeder Schulart, in Abhängigkeit der ausgeübten Berufe des Hauptverdieners der Fa­milie. Die von Geißler berichteten Werte wurden auf Basis der PISA Daten aus dem Jahr 2000 ermittelt und sind tendenziell vergleichbar mit den Werten der Bildungsberichterstattung aus dem Jahr 2012. Dabei wird gezeigt, dass 52% der Schüler die aus einem Elternhaus stammen, das der oberen Erwerbsklasse angehört, ein Gymnasium besuchen. Nur 13% besu­chen eine Hauptschule. Das Gegenteil zeigt sich bei der Betrachtung von Facharbeiterfamilien und den Familien von un- bzw. angelernten Arbeitern. Hier besuchen lediglich 16 % (bzw. 11%) ein Gymnasium und 34% (bzw. 41%) eine Hauptschule. Die Anteile an Schülern, die eine Realschule besuchen sind über alle Klassen ungefähr gleichverteilt. Die Anteile an Kin­dern die eine integrierte Gesamtschule besuchen ist insgesamt relativ gering, steigt jedoch von der höchsten Klasse ausgehend von 4% auf 12% an. Noch eindeutigere Ergebnisse konnte Geißler bei dem Zusammenhang des Berufs des Hauptverdieners und der Anzahl an Studien­anfängern feststellen. Nur 7% der Arbeiterkinder beginnen ein Studium. Kinder von Beamten und Selbstständigen studieren hingegen zu 53% bzw. 41% (Geißler, 2006).

[...]


1 Um den Lesefluss zu erleichtern, wird im Folgenden auf die Nennung beider Geschlechtsformen verzichtet. Es wird lediglich die männliche Form verwendet. Gemeint sind jeweils beide Geschlechter.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Der Einfluss der sozialen Herkunft auf den Bildungsweg von Kindern und Jugendlichen
Untertitel
Der Übergang von der Grundschule zur Sekundarstufe I
Hochschule
Universität Mannheim
Note
1,3
Autor
Jahr
2015
Seiten
16
Katalognummer
V536426
ISBN (eBook)
9783346125965
ISBN (Buch)
9783346125972
Sprache
Deutsch
Schlagworte
einfluss, herkunft, bildungsweg, kindern, jugendlichen, übergang, grundschule, sekundarstufe
Arbeit zitieren
Sarah Trierweiler (Autor), 2015, Der Einfluss der sozialen Herkunft auf den Bildungsweg von Kindern und Jugendlichen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/536426

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