Die Funktion von Geld in den Märchen der Brüder Grimm


Hausarbeit, 2018

19 Seiten, Note: 2,7


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Die Einleitung

2. Die pädagogische Wirkung der Märchen der Brüder Grimm
2.1. Die Zielgruppe
2.2. Pädagogik in Märchen

3. Praktische Untersuchung bezüglich der Funktion von Geld in ausgewählten Märchen der Brüder Grimm
3.1. Währungsformen
3.2. Die Funktion von Geld in Märchen

4. Schlussworte

5. Quellenverzeichnis

1. Einleitung

Jeder kennt sie, die Märchen der Brüder Grimm. Schon von klein auf werden den Kindern die Märchen rund um Frau Holle, Schneewittchen und die sieben Zwerge oder Aschenputtel vorgelesen. Hinzu kommen bekannte Verfilmungen, Theateraufführungen oder Neuinterpretationen, die auch im Erwachsenenalter immer noch für Unterhaltung sorgen. Die Märchen sind also keineswegs nur reine Vorlesegeschichten. Sie sind eine der einzigen, wenn nicht sogar die einzige Literatursparte, die für jede Altersklasse interessant ist. Ihre Botschaft kommt den Wünschen, Hoffnungen und Ängsten ihrer Leser entgegen. Somit sind sie auch nach vielen hundert Jahren noch immer gefragt, auch wenn sie von den Handlungsabläufen her nicht mehr eins zu eins auf die heutige Zeit anwenden lassen. So unterschiedlich alle Erzählungen sein mögen, haben sie doch stets eine Sache gemeinsam: Alle vermitteln Wertvorstellungen und verbildlichen eine Moral, die sich damals wie heute im Alltag anwenden lässt und nicht an Aktualität verloren hat.

Diesen versteckten Ratgebercharakter hatten die Märchen aber nicht immer. Erst Jacob und Wilhelm Grimm sammelten die verschiedenen Erzählungen, die zuvor nur mündlich weitergegeben wurden, und verschriftlichten diese in den bekannten Kinder- und Hausmärchen. Ihr Ziel war keine reine Abschrift der Märchen, sondern sie hatten die Vision, aus den Märchen ein Erziehungsbuch zu formen. So wurden die Märchen umgeschrieben und bekamen erst in diesem Schritt die typische Erzählform, wie wir sie heute kennen. Die schaurigen Gestalten wurden verharmlost, die Handlungen wurden zu einem positiven Abschluss gebracht und es wurden Symbole eingefügt. Diese Symbole stützen die erzieherische Komponente der Märchen. Sie sind es, die das Märchen auch für Erwachsene interessant machen und die den Märchen Tiefe geben. Dieser Ansatz leitet auf die Kernfrage der vorliegenden Hausarbeit hin, die sich mit einem bisher wenig hinterfragten Symbol beschäftigt: Welche Funktion hat Geld in den Märchen der Brüder Grimm?

Um die Funktion von Geld in Märchen festzustellen, muss im ersten Schritt die pädagogische Bedeutung von Märchen erarbeitet werden. Als Einstieg wird zunächst die Zielgruppe der Märchen genau festgelegt. Dies ist erforderlich, damit herausgestellt werden kann, welchen Nutzen die Leser aus den Märchen ziehen können. Fragen die in diesem Zusammenhang auftauchen sind: Haben sich die Adressaten der Märchen im Laufe der Zeit geändert? Welche Änderung trat mit der Überarbeitung durch Wilhelm und Jacob Grimm ein?

Im nächsten Schritt liegt der Fokus auf der pädagogischen Wirkung der Märchen. Hier wird untersucht, welche verschiedenen Elemente dem Märchen seinen erzieherischen Charakter geben, welcher Aufbau bei dem Leser den Lerneffekt hervorruft und was das Märchen als Erziehungsratgeber ausmacht. Bettelheim hat sich in seinem Werk „Kinder brauchen Märchen“ mit den pädagogischen Eigenschaften dieser Gattung beschäftigt. Eins seiner größten Ergebnisse ist, dass Kinder eine moralische Erziehung benötigen, die sie dank der Märchen erhalten. Angelehnt an das Werk von Bettelheim widmet sich dieses Kapitel nicht nur dem pädagogischen Nutzen der Märchen, sondern auch ihrer Moral.

An die theoretischen Grundlagen aus einschlägigen Werken der Literatur schließt sich die praktische Untersuchung der Funktion von Geld in Märchen an. Bei den Märchen handelt es sich sowohl um Zaubermärchen als auch verschiedene Formen von Schwänken. In der Fachliteratur rund um Märchen und deren Symbole existieren nur wenig Arbeiten zum Thema Geld in Märchen. Deshalb, beruht dieses Kapitel auf persönlichen Beobachtungen. Anfangs wird zunächst auf die verschiedenen Formen der Währung im Märchen eingegangen. Ergänzt wird die Untersuchung durch eine Analyse der verschiedenen Wege im Märchen an Geld zu gelangen. Im letzten Schritt werden die Ergebnisse aus der Theorie auf die Märchen angewandt, mit dem Ziel, einen Bezug zwischen Märchen, Pädagogik, Moral und Geld herzustellen.

Am Ende der Arbeit werden die Erkenntnisse aus der Theorie und der Analyse in einem Schlusswort zusammengefasst und auf die anfängliche Fragestellung, der Funktion von Geld in Märchen der Brüder Grimm, hin erläutert.

2. Die pädagogische Wirkung der Märchen der Brüder Grimm

2.1. Die Zielgruppe

Kinder und Erwachsene, sie alle lesen Märchen. Es gibt wohl keine andere Gattung, die so viele Leser aus den unterschiedlichsten Altersstufen und mit so breit gefächerten Hintergründen hat. Um die Zielgruppe der Märchen besser zu begreifen, lohnt ein Blick in die Vergangenheit und entlang der Entwicklung dieser besonderen Erzählungen.

Schon lange vor den Brüdern Grimm wurden Märchen erzählt. In einer Zeit, in der die meisten Menschen weder lesen noch schreiben konnten, saßen die Erwachsenen am Abend gerne zusammen und hörten sich die, zu diesem Zeitpunkt oftmals noch grausamen, Geschichten an. Durch diese Situation, wurden die Adressaten der Märchen, gleichzeitig auch deren Produzenten. Sie dachten die Geschichten weiter, änderten Kleinigkeiten und es entwickelten sich dementsprechend verschiedene Formen ein- und derselben Geschichte. Gleichzeitig wurden die Empfänger später selber zu Erzählern, um die Märchen nicht in Vergessenheit geraten zu lassen. Denn schließlich war die mündliche Übertragung die einzige Möglichkeit diesen kulturellen Schatz zu erhalten.1 Allein durch die strikte Trennung der Bevölkerung nach arm und reich, blieben die Märchen das Eigentum der einfachen Menschen.

Eine Änderung in diesem Kreislauf des mündlichen Weitergebens brachten erst die Brüder Wilhelm und Jacob Grimm. Sie hatten die Vision, die verschiedenen Märchen zu sammeln und anschließend aufzuschreiben. Ihr Ziel war es, mit dieser Sammlung die Märchen nicht nur dem einfachen Volk, sondern auch den Gebildeten näher zu bringen. So ist eine der ersten Ausgaben der Märchensammlung nicht etwa für Kinder gedacht. Die Brüder Grimm schrieben für Wissenschaftler und interessierte Laien. Trotzdem lässt sich bereits 1808 ein erster Bezug zwischen Märchen und Kindern erkennen, denn Jacob Grimm schickte seiner Patentochter einige der bisher gesammelten Märchen.2

Anfang des 19. Jahrhunderts begann dann vor allem Wilhelm Grimm damit, die Volksmärchen gezielt für Kinder zu überarbeiten. Die grausamen Elemente wurden gestrichen, und sie wurden allesamt mit charakteristischen Handlungsabläufen und einem positiven Ende umgeschrieben.

Eine entscheidende Epoche in der Geschichte der Märchen war der Vormärz. Zu dieser Zeit bildete sich die Kleinfamilie heraus. Den kleineren Familien stand oftmals mehr Geld zur Verfügung und die Kinder hatten die Möglichkeit, lesen zu lernen. So wurde die bis Mitte des 19. Jahrhunderts reine Erwachsenenliteratur zum Gut für Kinder. Mit diesem neuen Werk kam es zu der Geburtsstunde der Kinder- und Jugendliteratur. Die Brüder Grimm schrieben die Sammlung mit der Vision, ein Erziehungsbuch zu schaffen. Bei den Märchen handelt es sich also um die erste Literatur zur pädagogisch gelenkten Kindererziehung. Gleichzeitig behielten die Märchen aber ihre guten Lehren, die zeitlos sind und sich auch in der Gegenwart noch anwenden lassen. Dieser tiefere Sinn macht die Märchen auch heute noch für Erwachsene lesenswert.3

Diese pädagogische Wirkung der Märchen erlebte eine wahre Revolution durch den Psychoanalytiker und Kinderpsychologen Bettelheim4. Seiner Ansicht, dass nicht nur Kinder Märchen brauchen, stimmten Psychologen, Theologen, Pädagogen und Didaktiker zu.5 Nach ihnen liegt der große Vorteil der Märchen darin, dass sich die Leser mit den Figuren und den Situationen identifizieren können. Das macht sie auch heute noch zu weltweit sehr beliebter Literatur.

Da es sich bei dem Märchen aber um ein ursprünglich rein mündliches Phänomen handelt, ist auch der Sprecher beziehungsweise der Erzähler ein wichtiger Aspekt, der die Zielgruppe prägt. Denn auch, wenn die Märchen schon seit 200 Jahren verschriftlicht sind, hat sich der mündliche Ursprung durch das Vorlesen erhalten.

Die Erzähler haben die Möglichkeit die Märchen für bestimmte Altersgruppen anzupassen. Anders als noch vor 100 Jahren, gibt es heute nur noch wenige professionelle Märchenerzähler. Die Kinder hören die Märchen zuhause von ihren Eltern und die Erwachsenen können die Geschichten selbst nachlesen. Trotzdem existieren die Erzähler noch in allen Altersgruppen und erleben seit einigen Jahren eine aufsteigende Beliebtheit.6

Auch in der Pädagogik werden die Märchen nach und nach ernster genommen und ihre zahlreichen Vorteile werden in der Förderpädagogik, der Schule und der Sucht- und Gewaltprävention genutzt.

Was aber ist die aktuelle Zielgruppe der Märchen? Eine Umfrage mit einigen Erzählern hat ergeben, dass diese ein erwachsenes Publikum bevorzugen, gefolgt von Familien, Kindern und Kindergartenkindern, Senioren und zuletzt Jugendlichen. Vielleicht lässt sich hieraus am besten, die aktuelle Zielgruppe der Märchen erkennen. Wie aber dieser kurze Überblick gezeigt hat, ist das Märchen ein Werk, dass sich selbst und somit auch seine Zielgruppe in einem ständigen Wandel befindet.

2.2. Pädagogik in Märchen

Es steht also fest, dass Märchen nicht nur für Kinder einen Nutzen haben. Ihre pädagogische Wirkungskraft wird in vielen verschiedenen Institutionen eingesetzt. Zitzlsperger sieht in den Märchen sogar noch eine andere Komponente: „Märchen wirken hier letztlich [...] therapeutisch, sofern man Zeit zur Auseinandersetzung hat. Dies betrifft Kinder, Jugendliche und Erwachsene gleichermaßen.“7 Sie sind also nicht nur aus pädagogischer Sicht interessant, sondern ebenso als Therapiewerkzeug. Aber die Aussage von Zitzlsperger zeigt noch mehr, denn man muss sich mit den Märchen auseinandersetzen, um den pädagogischen Mehrwert aus ihnen zu ziehen. Die Pädagogik in den Märchen ist nicht schwarz auf weiß niedergeschrieben. Sie bedarf verschiedener Mittel, um ihre Wirkung zu entfalten.

Wilkes ist der Ansicht, dass die Wirksamkeit durch den großen Bilderreichtum der Erzählungen entsteht. Die Sprache der Märchen ist klar und anschaulich, wodurch in der Phantasie des Zuhörers Bilder entstehen. Diese sind bei jeder Person individuell, aber gleichermaßen fest im Gedächtnis gespeichert. Das für die Märchen aber wohl entscheidendste pädagogische Element ist die Identifikation. Nicht nur Wilkes sieht im 'Lernen am Modell' den größten Nutzen für den Leser.8 Für diesen Zweck existieren in den Kindermärchen einfache Figurenrollen. Zum einen gibt es meist eine Hauptperson, die zugleich den Held der Handlung darstellt. Oft handelt es sich um ein Kind, das eine Verhaltensregel verletzt. Dadurch, dass es auf sich alleine gestellt war, hat es das bekannte Verbot vergessen. Aus diesem Bruch entsteht Neugier und dem Helden werden die negativen Folgen seines Handelns gezeigt. Nach diesem Test des Helden und einem positiven Ausgang enden die Kindermärchen in der Regel. Ein passendes Beispiel für eine solche Entwicklung ist das Märchen von Hänsel und Gretel. Alle Märchen zeigen lebensnahe Problemfelder und reflektieren Wirklichkeitsbezüge. Dieser direkte Bezug zum eigenen Handeln des Lesers, ruft zur Nachahmung auf.9 Bei Erwachsenen geschieht die Reflexion bewusst, bei Kindern hingegen unbewusst. Es handelt sich bei den Märchen um eine Komposition aus Spannung und Ruhe. Wie schon zuvor erwähnt, sind die Märchen fest im Gehirn verankert und lösen dadurch Resonanz aus. Gleichzeitig vermitteln sie auch Lebensmut, denn viele der Heldinnen und Helden sehen sich gegenüber einem Entwicklungsproblem, einem Ablösungskonflikt oder einer anderen subjektiven Befindlichkeit.10

[...]


1 Vgl. Pöge-Alder, Kathrin: Märchenforschung-Theorien, Methoden, Interpretationen. 3. Auflage, Tübingen 2016, S. 71.

2 Vgl. Pöge-Alder 2016, S. 137ff.

3 Vgl. Ebd., S. 151ff.

4 Bettelheim schrieb 1976 das Werk „Kinder brauchen Märchen“. In diesem Buch erforschte er, warum Märchen für Kinder aus psychoanalytischer Sicht unersätzlich sind. Er weist in seinem Buch eine Übereinstimmung zwischen der Märchenwelt und kindlichem Erleben und Denken nach. Mehr Informationen zu den Ergebnissen von Bettelheim finden sich in Kapitel 2.3.

5 Vgl. Solms, Wilhelm: Die Moral von Grimms Märchen. Sonderausgabe, Darmstadt 2010, S. 1.

6 Vgl. Pöge-Alder 2016, S. 152ff.

7 Zitzlsperger, Helga: Märchen in Pädagogik und Didaktik. Anregungen zu sinnorientierten Gestaltungsformen. In: Lange, Günter: Märchen. Märchenforschung-Märchendidaktik. 2. Auflage, Baltmannsweiler 2010, S. 140.

8 Vgl. Wilkes, Johannes: Märchen und Psychotherapie. Über die psychologische Deutung und therapeutische Wirkung der Volksmärchen. In: Lange, Günter: Märchen. Märchenforschung­Märchendidaktik. 2. Auflage, Baltmannsweiler 2010, S. 107ff.

9 Vgl. Pöge-Alder 2016, S. 248f

10 Vgl. Zitzlsperger 2010, S. 136f.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Die Funktion von Geld in den Märchen der Brüder Grimm
Hochschule
Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf
Note
2,7
Autor
Jahr
2018
Seiten
19
Katalognummer
V536497
ISBN (eBook)
9783346138781
ISBN (Buch)
9783346138798
Sprache
Deutsch
Schlagworte
funktion, geld, märchen, brüder, grimm
Arbeit zitieren
Franziska Marie Michels (Autor), 2018, Die Funktion von Geld in den Märchen der Brüder Grimm, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/536497

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