Institutionelle Diskriminierung von Schülern und Schülerinnen mit Migrationshintergrund im deutschen Bildungssystem

Im Übergang von der Primar- in die Sekundarstufe


Hausarbeit, 2020
16 Seiten, Note: 1,0

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Institutionelle Diskriminierung
2.1 Begriffsabgrenzung: InstitutionellerRassismus
2.2 Begriffserklärung: InstitutionelleDiskriminierung
2.2.1 Direkte und indirekte institutionelle Diskriminierung

3 Institutionelle Diskriminierung in der Schule - Bildungsbenachteiligung von Schülern und Schülerinnen mit Migrationshintergrund
3.1 Struktureller Aufbau des deutschen Schulsystems - „Übergänge“
3.2 Entscheidungsstelle: Übergang von Primär- in die Sekundarstufe - Chancenungleichheit durch Selektion

4 Fazit

5 Literaturverzeichnis

Die Abbildung 1 wurde aus urheberrechtlichen Gründen von der Redaktion entfernt

Abbildung 1: (nach Traxler Hans 1994)

1 Einleitung

Seit 2000 werden die internationalen und nationalen PISA-Studien von der OECD zur Ermittlung der Kompetenzen Fünfzehnjähriger in den zentralen Bereichen Lesen, Mathematik und Naturwissenschaften durchgeführt.1

Durch die Ergebnisse der PISA-Studien sind Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund zu einem zentralen Thema der bildungspolitischen Debatte geworden. Bis heute gilt weiterhin: „Kinder und Jugendliche mit Migrationshintergrund besuchen seltener eine Kita und sind an Hauptschulen über- und an Gymnasien unterpräsentiert.“2 Verschiedene Schulleistungsuntersuchungen der letzten Jahre zeigen außerdem, dass die Leistungen von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund weiterhin deutlich hinter denen von Gleichaltrigen ohne Migrationshintergrund liegen. Gleiches lässt sich in der beruflichen Bildung und im Studium beobachten. Der Bundesdurchschnitt zeigt, dass 33,6 Prozent der Kinder an Grundschulen einen Migrationshintergrund haben. Hier gilt zu erwähnen, dass der Anteil zwischen den Bundesländern stark variiert. Sprachliche und kulturelle Vielfalt in Deutschland sind demzufolge als fester Bestandteil der Gesellschaft anzunehmen.3 Diese offensichtlichen Leistungsunterschiede zwischen Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund und denen ohne Migrationshintergrund lassen sich unter anderem durch ungleiche Bildungschancen, vielmehr durch eine Bildungsbenachteiligung von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund erklären. In der folgenden Arbeit soll vor Allem die Begriffskombination der „Institutionellen Diskriminierung“ im deutschen Bildungssystem, in besonderer Beachtung des Übergangs von Primär- in die Sekundarstufe, untersucht werden. Unter welcher institutionellen Benachteiligung und/oder Diskriminierung leiden Schüler und Schülerinnen mit Migrationshintergrund, insbesondere beim Übergang von Primär- in die Sekundarstufe? Um sich dieser Fragestellung anzunehmen, soll zunächst eine Begriffsabgrenzung der „Institutionellen Diskriminierung“ zur Begriffskombination des „Institutionellen Rassismus“ erfolgen. Folglich sollte die Begriffsentstehung der „Institutionellen Diskriminierung“ ersichtlich werden, diese erklärt und in „Direkte und Indirekte Diskriminierung“ unterteilt werden. Danach folgt ein kurzer Einblick in den strukturellen Aufbau des deutschen Schulsystems in Bezug auf dessen zentrales Merkmal des „Übergangs“ von Primär- auf Sekundarstufe, um sich dann schließlich der institutionellen Diskriminierung von Schülern und Schülerinnen mit Migrationshintergrund, insbesondere beim Übergang von Primär- auf Sekundarstufe anzunehmen. Abschließend soll aus eigener Perspektive eine kritische Auseinandersetzung mit dem behandelten Thema aufgeführt werden.

2 Institutionelle Diskriminierung

2.1 Begriffsabgrenzung: InstitutionellerRassismus

Zunächst soll auf die Entstehungsgeschichte der Begriffskombination des „Institutionellen Rassismus“ eingegangen werden, um dann die Begriffsentstehung der „Institutionellen Diskriminierung“ sichtbar zu machen und deren Begriffsabgrenzung kenntlich zu machen.

Die Begriffskombination „institutioneller Rassismus“ wurde bereits 1967 durch S. Carmichael und C.V. Hamilton in ihrer Studie „Black Power“ begründet. Diese beschäftigt sich mit dem Entwurf politischer Strategen gegen rassistische Ausgrenzung und Unterdrückung, sowie der Analyse rassistischer Ungleichheit und der Aufrechterhaltung der schwarzen Ghettos in den USA. Carmichael und Hamilton unterscheiden zwischen offenem, individuellem Rassismus und verdecktem, institutionellem Rassismus. Offener und individueller Rassismus ist gekennzeichnet durch direktes Handeln von Individuen, verdeckter und institutioneller Rassismus dagegen durch4 jene Handlungen und Unterlassungen, durch die „Schwarze“ in einer Situation der Benachteiligung gehalten würden, für deren Zustandekommen und Aufrechterhaltung jedoch nicht individuelle Einstellungen und Handlungen, sondern die etablierten gesellschaftlichen Kräfteverhältnisse ausschlaggebend seien.“5

Institutionellen Rassismus definierten Carmichael und Hamilton wie folgt:

„less overt, far more subtle, less indentifiable in terms of specific individuals, committing the acts. (...it) orginates in the Operation of etablished forces in the society, and thus receives far less public codemnation.“6

Das Konzept des institutionellen Rassismus wurde in den USA, später international, als deskriptives Konzept angenommen und von verschiedenen Autoren weiterentwickelt. Als wesentliches weiterentwickeltes Konzept gilt die in 1969 entwickelte Fragestellung von Knowles und Prewitt7, dass individuelle rassistische Handlungen und rassistische Politiken ohne bewußte Bigoterie, also absichtslos entstehen können und von den Akteuren nach der „Tat“ sowohl absichtsvoll als auch unwillentlich maskiert werden können.“8 Institutioneller Rassismus lässt sich demzufolge als operierende Schlüsselinstitution oder als organisierte soziale Arrangements verstehen, durch welche die Verteilung von sozialen Gütern und Diensten geschieht.9 Verortet wird institutioneller Rassismus auf dem Arbeits- und Wohnungsmarkt, der Gesundheitsversorgung, dem Bildungs- und Ausbildungsbereich, sowie vielen weiteren Bereichen. Als Ursache „rassischer“ Ungleichheit gelten Ungleichheitsmuster wie Gesetze, Sitten und Praktiken. Von Forschungsinteresse galten die Konsequenzen von institutionellem Rassismus, weniger die ursächlichen Mechanismen. Erst 1985 wurde mittels Williams Dimensionen institutionellen Rassismus auf den gesellschaftlichen Diskurs und die soziale Praxis10 eingegangen, also auf die Fragestellung „wie“ über Rassismus geredet und „wie“ gehandelt wird. Als zentrales Thema galt hier die Macht der Institutionen bei der Definition sozialer Probleme. In den 80er Jahren wurde das Konzept des institutionellen Rassismus dann endgültig begrifflich und politisch geöffnet und als allgemeines Konzept „institutioneller Diskriminierung“ zusammengefasst. Dieses schließt alle zentralen Diskriminierungsmuster nach Geschlecht, sozialer Schicht, Alter oder sexueller Orientierung mit ein. Als Interventionspunkt gelten nun diskriminierende Organisationen, nicht weiter das Individuum und seine Vorurteile. Betrachtet wird dabei die Verteilungsgerechtigkeit der von den Organisationen zu vergebenden sozialen Gütern.11

Das Konzept des Institutionellen Rassismus kann folglich als Vorläufer der aktuellen Konzeption der „institutionellen Diskriminierung“ betrachtet werden.

2.2 Begriffserklärung: Institutionelle Diskriminierung

Aufbauend auf den vorherigen Abschnitt soll nun explizit auf die Begriffskombination der „institutionellen Diskriminierung“ eingegangen werden.

Grundsätzlich lässt sich „institutionelle Diskriminierung“ als Ungleichbehandlung von Personen durch das organisatorische Handeln zentraler gesellschaftlicher Institutionen wie beispielsweise der Bildungs- und Ausbildungssektor verstehen.12 Der Ansatz der institutionellen Diskriminierung beschäftigt sich mit „der sozialen Strukturierung diskriminierender Handlungen und ihrer Einbettung in institutionelle und organisatorische Kontexte.“13 Dabei richtet sich der Begriffder Institution auf konkrete Organisationen, wie z.B. eine Schule, aber auch auf umfassendere Einheiten oder Kombinationen von Organisationen wie beispielsweise die Wirtschaft. Gesellschaftliche Institutionen können demnach diskriminierende Annahmen vertreten und diskriminierende Konsequenzen haben. Die Ursachen von Ungleichheit lassen sich in den Strukturen, Normen, regulären und informellen Regeln und Rollen der Gesellschaft einbinden. Elementar für das Konzept der institutionellen Diskriminierung ist die Annahme einer Institutionalisierung von Privilegien basaler Ressourcen entlang rassischer und/oder geschlechterspezifischen Trennlinien.14 Institutionelle Diskriminierung zielt dabei primär auf anonyme Operationen in Organisationen, Berufsgruppen/-kulturen oder ganzen Gesellschaften, welche diskriminierend wirken können. Als „anonym“ lässt sich die institutionelle Diskriminierung deshalb bezeichnen, da das Vorhandensein von diskriminierendem Handeln nicht zwingend direkt an beteiligte Individuen gebunden ist, sondern ebenfalls in Organisationsstrukturen wie z.B. Routinen eingebettet sein kann. Nach Cashmore sollten folglich die Ursachen offensichtlich überdauernder Muster der Ungleichbehandlung und Ausschließung in den Institutionen gesucht werden. Zur Ermittlung diskriminierender Wirkung empfiehlt es sich deshalb die unausgesprochenen Annahmen und Prinzipien, auf welchen die Organisationen ihre Praktiken gründen, zu beobachten.15

2.2.1 Direkte und indirekte institutionelle Diskriminierung

Institutionelle Diskriminierung lässt sich grundsätzlich in direkte und indirekte institutionelle Diskriminierung unterteilen. Diese Unterscheidung institutioneller Diskriminierung in „direkte“ und „indirekte“ „institutionalisierende Diskriminierung“ soll anhand der in 1986 von Feagins und Booher Feagins entwickelten Matrix im Folgenden erkenntlich werden. Unterschieden wird zwischen vier idealtypischen Basisformen von Diskriminierung.

[...]


1 Vgl. Bundesministerium für Bildung und Forschung 2019, in: https://www.bmbf.de/de/pisa-2018- deutschland-stabil-ueber-oecd-durchschnitt-10349.html

2 Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration 2019, in: https://www.stiftung- mercator.de/media/downloads/3_Publikationen/2019/2019_03/Kurz_und_Buendig_Bildung.pdf

3 Vgl. Sachverständigenrat deutscher Stiftungen für Integration und Migration 2019, in: https://www.stiftung- mercator.de/media/downloads/3_Publikationen/2019/2019_03/Kurz_und_Buendig_Bildung.pdf

4 Vgl. Gomolla, Radtke 2007, S.43 f.

5 Ebd., S.44

6 Carmichael, Hamilton, zitiert nach Gomolla, Radtke 2007 S. 44

7 Vgl. Gomolla, Radtke 2007, S.44

8 Ebd., S.44

9 Vgl. Pettmann, Chambers, zitiert nach Gomolla, Radtke 2007, S.44

10 Vgl. Miles, zitiert nach Gomolla, Radtke 2007, S.45

11 Vgl. Gomolla, Radtke 2007, S. 45-47

12 Vgl. Gomolla, zitiert nach Fereidooni 2011,S.23

13 Gomolla, Radtke 2007, S.40

14 Vgl. Feagin Booher Feagin, zitiert nach Gomolla, Radtke 2007, S.40

15 Vgl. Cashmore, zitiert nach Gomolla, Radtke 2007, S.40

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Institutionelle Diskriminierung von Schülern und Schülerinnen mit Migrationshintergrund im deutschen Bildungssystem
Untertitel
Im Übergang von der Primar- in die Sekundarstufe
Hochschule
Leopold-Franzens-Universität Innsbruck  (Erziehungswissenschaft)
Veranstaltung
Migration und Rassismus
Note
1,0
Autor
Jahr
2020
Seiten
16
Katalognummer
V536688
ISBN (eBook)
9783346135100
ISBN (Buch)
9783346135117
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Institutionelle Diskriminierung, Rassismus, Migrationshintergrund
Arbeit zitieren
Katharina Hofer (Autor), 2020, Institutionelle Diskriminierung von Schülern und Schülerinnen mit Migrationshintergrund im deutschen Bildungssystem, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/536688

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