Pfadabhängigkeit und Weltgesellschaft. Unterschiede zwischen westlichen und islamischen Ländern


Hausarbeit, 2018

30 Seiten, Note: 1,7

M. G. (Autor)


Leseprobe

Inhalt

Einleitung

Demokratie versus Geschlecht – World Values Survey 2010-2014
Länderauswahl
Untersuchungsmethode der Variablen
Ergebnisse

Diskrepanz: Islam versus The West
Pfadabhängigkeit und „multiple modernities“ – Shmuel N. Eisenstadt
Weltgesellschaft oder Weltkultur – John W. Meyer
Mögliche Ursachen für anhaltende Diskrepanz
Lösungsansätze?

Zusammenfassung & Fazit

Quellenangaben

Anhang
World Values Survey Welle 6 – 2010-2014
Freedom House Index 2014

Einleitung

In 1993 wurde Samuel P. Huntingtons kontroverser Aufsatz namens „Clash of Civilizations“ in der wissenschaftlichen Zeitschrift Foreign Affairs veröffentlicht. Es geht um den Aufbau der Welt nach Ende des Kalten Krieges und wie „neue“ Spaltungslinien zwischen Zivilisationen entstehen und damit nun nicht mehr ideologischer, sondern kultureller Natur sein würden (Huntington 1993, 22). Mit Zivilisationen sind hier die größten kulturellen Einheiten gemeint, zu denen sich Nationen zusammenschließen, die eine ähnliche Kultur und historischen Hintergrund haben (Krifko 2011, 02:10-02:48).

Huntington teilt für seine These die Welt in acht verschiedene Zonen oder eben Zivilisationen ein, denen unterschiedliche Kulturen zugrunde liegen: der Westen, die Konfuzianisch geprägte Zivilisation, Japan, islamische Länder, hinduistische Gebiete, die Slawisch-Orthodoxe Zivilisation, Latein Amerika und die Afrikanische Zivilisation (Huntington 1993, 25). Er argumentiert, dass die Unterschiede zwischen den genannten Gruppen nicht nur real sind, sondern ganz grundlegend (ebd.) und zukünftige Konflikte „along the faultlines between the world’s biggest cultural entities“ entstehen und sich entwickeln werden (Krifko 2011, 02:31-02:47).

Einen wichtigen Punkt seiner Ausarbeitung stellt die Beziehung vom Westen zu den anderen Zivilisationen dar (Huntington 1993, 39-41). Ihn kennzeichnet eine Hegemonialstellung, aufgrund konkurrenzloser militärischer Macht und kaum ökonomischer Nebenbuhlerschaft, abgesehen von Japan (ebd., 39). Eben diese Eigenschaften werden vom Westen genutzt, um dessen Vorherrschaft zu erhalten und sowohl seine politischen, kulturellen als auch ökonomischen Werte anzupreisen (ebd., 40). Aufgrund dieser vermeintlich vorbildlichen oder fortschrittlichen Auffassungen, beschreibt sich der Westen selbst als „universelle Zivilisation“ (ebd.). Die Phrase der „Weltgesellschaft“ wird lediglich als Legitimation für die vom Westen angestrebte „westernization“ genutzt (ebd.) und ist demnach höchst eurozentrisch, was in einem nächsten Kapitel genauer erläutert werden soll.

Ein wichtiger Unterschied anknüpfend an die Beziehung vom Westen zu den restlichen Zivilisationen ist der zwischen den Begriffen westlich und modern (Krifko 2011, 10:30-11:20). Diese können nicht äquivalent genutzt werden: Nicht nur, weil etwas modern ist, ist es gleichzeitig auch westlich. Japan beispielsweise sei modern, aber würde auf keinen Fall als westlich bezeichnet werden (ebd.). Diese notwendige Distinktion ist besser zu verstehen anhand der Begrifflichkeiten Westernisierung und Modernisierung: Ersteres würde das Übertragen der westlichen Kultur auf alle anderen Zivilisationen zum Ziel haben, wohingegen letzteres die unterschiedliche Kultur, die den Zivilisationen zugrunde liegt nicht verkennen würde. Allerdings ist Huntington der Meinung, dass die westliche Auffassung von Menschenrechten oder Demokratie definitiv weiterverbreitet werden sollten (ebd., 19:20-20:35). Ein Land muss nicht westlich sein, um demokratisch zu sein (ebd., 20:00). Nichtsdestotrotz erkennt Huntington ebenfalls, dass es in einigen nicht-westlichen Ländern – besonders islamische und konfuzianische – einen mehr oder minder großen Widerstand bezüglich des Akzeptierens der westlichen Definition von Menschenrechten oder Demokratie gibt (ebd., 20:09). Das lege an den Zivilisationen zu Grunde liegenden „totally different traditions“ (ebd., 20:22).

An diesem Punkt knüpfen Inglehart und Norris mit einer neueren Studie von 2003 an. Allerdings kritisieren Sie, dass Huntington Einstellungen zu Demokratie als die Spaltungslinie deklariert (Inglehart & Norris 2003, 63) und den Islam gar als unvereinbar mit demokratischen Werten bezeichnet (ebd., 70): Sowohl der Westen, als auch die islamischen Länder seien an Demokratie interessiert. Die wahren Differenzen, die die Zivilisationen spalten seien Einstellungen bezüglich Scheidung, Abtreibung, Homosexualität und Geschlechtergleichheit (ebd., 63). Diese These überprüfen die AutorInnen mit Hilfe von den Wellen aus 1995-1996 und 2000-2002 der World Values Survey (wvs). Sie vergleichen die Einstellungen aller westlichen und islamischen Länder, die an der wvs teilnehmen, bezüglich Demokratie und der zuvor genannten Punkte (ebd., 65f.). Sie kommen zu dem Schluss, dass trotz einer eher positiven Einstellung zu Demokratie in sowohl islamisch geprägten als auch westlichen Ländern, die grundlegenden Einstellungen in ersteren keine Demokratie zulassen können (ebd., 68): Es gibt immer noch keinen „global consensus on the selfexpression values […] that are crucial to democracy“ (ebd.).

Da die Studie von Inglehart und Norris bereits 15 Jahre alt ist, stellt sich die Frage, ob diese vielleicht veraltet sein könnte. Durch die exemplarische Überprüfung neuerer Wellen der wvs von 2010-2014, soll herausgefunden werden, ob sich die Einstellung bezüglich Demokratie, Geschlechtergleichheit, Abtreibung, Scheidung und Homosexualität geändert hat. Auf den Ergebnissen dieser exemplarischen Untersuchung aufbauend, soll dann die Frage beantwortet werden, inwiefern sich die beiden Zivilisationen möglicherweise angenähert oder weiter entfernt haben und was eventuelle Gründe dafür sind. Abschließend und in Bezugnahme auf Vorhergegangenes sollen die Theorien der Weltgesellschaft und Pfadabhängigkeit gegenübergestellt werden, die Ursachen für die Unterschiedlichkeit der beiden Zivilisationen erklären könnten. Ein besonderes Augenmerk soll hierbei daraufgelegt werden, ob islamische Länder überhaupt die gleiche Möglichkeit haben, dass sich Demokratie und dafür grundlegende Wertevorstellungen verankern, wie der Westen. Außerdem soll sich der Frage gewidmet werden, inwiefern Lösungsansätze für diese Diskrepanz von Nöten sind.

Im Fortverlauf dieser Hausarbeit, wird eine Verallgemeinerung vorgenommen, um die Ergebnisse zu komprimieren und in einem realisierbaren Untersuchungsrahmen zu halten. Exemplarisch für den Westen werden Deutschland, die Vereinigten Staaten von Amerika und die Niederlande stehen. Die islamisch geprägten Länder sollen vertreten werden durch Aserbaidschan, die Türkei und Marokko. Wohingegen der Westen einen klaren Kernstaat – nämlich die USA – zu haben scheint, sind die islamischen Länder stark heterogen (Krifko 2011, 16:00; 16:25). Da die hier vorgenommene Untersuchung rein exemplarisch und stichprobenartig bearbeitet wurde, dient sie lediglich zur Überprüfung der These und Ergebnisse von Inglehart und Norris, kann aber nicht repräsentativ für sich selbst stehen, sondern ausschließlich in Anlehnung an The True Clash of Civilizations (Inglehart & Norris 2003). Warum die Länder ausgewählt wurden und was die Ergebnisse der Überprüfung sind, soll im nächsten Kapitel thematisiert werden.

Des Weiteren wird der Begriff „der Westen“ als Gegensatz zu den islamischen Ländern beziehungsweise der islamisch geprägten Zivilisation verwendet. Er wird in der Regel als „rational, progressive, manly, and morally and racially superior“ (Hixson 2013, 3) gesehen, wohingegen sein Gegenpart – die nicht-westlichen Gebiete – als „heathen, primitive, treacherous, and de-masculinized“ (ebd.) bezeichnet werden. Der hier verwendete Begriff des Westens soll diese eurozentrische Grenzziehung nicht verdeutlichen. Er soll lediglich und vor allem einer besseren örtlichen Einordnung dienen und greift die Beschreibung der Zonen nach Huntington auf.

Demokratie versus Geschlecht – World Values Survey 2010-2014

Im Folgenden sollen die Ergebnisse zu denen Inglehart und Norris in Ihrer Studie „The Real Clash of Civilizations“ von 2003 kamen, mit den neusten Wellen der World Values Survey (wvs) von 2010-2014 verglichen werden. Es soll exemplarisch überprüft werden, inwiefern mögliche Veränderungen in den Einstellungen zu Geschlechtergleichheit, Homosexualität, Scheidung, Abtreibung und Demokratie stattgefunden haben. Außerdem soll untersucht werden, inwiefern Demokratie in den hier ausgewählten Ländern herrscht und ob dies mit der Einstellung bezüglich dieser zu vereinbaren ist.

Länderauswahl

Da es im Rahmen dieser Hausarbeit nicht möglich ist, die Erhebung im gleichen Ausmaß wie Norris und Inglehart durchzuführen, wird anhand von drei islamisch geprägten und drei westlichen Ländern lediglich eine exemplarische Überprüfung durchgeführt. Außerdem soll hier die Variable religiöser und politischer Anführer unberücksichtigt gelassen werden. Dazu aber mehr im nächsten Abschnitt.

Die hier ausgewählten Länder, die zur Überprüfung der These, dass sich islamische und westliche Gebiete nicht durch ihre Auffassung bezüglich Demokratie, sondern grundlegender demokratischer Werte unterscheiden, sind die Türkei, Marokko, Aserbaidschan, Deutschland, die Niederlande und die Vereinigten Staaten von Amerika. Letztere drei repräsentieren den Westen. Die USA ist nach Huntington der Kernstaat von diesem (Krifko 2011, 16:00) – die Berücksichtigung ist also notwendig. Deutschland soll untersucht werden, da hier der größte Landes- beziehungsweise Nationalitätsbezug vorherrscht. Des Weiteren wird das Augenmerk auf die Niederlande gelegt, da es nach Frankreich die am stärksten ausgeprägte Laizität unter den westlichen Ländern vorweist. Würde Frankreich am wvs teilnehmen, so wäre das aufgrund seiner besonderen politischen Situation – mit strenger Laizität in der Verfassung verankert – das dritte hier untersuchte Land des Westens gewesen.

Dieses Merkmal in der Konstitution des Landes ist insofern an dieser Stelle wichtig, aufgrund der Annahme Huntingtons, dass es der „Muslim world“ (Inglehart & Norris 2003, 63) an politischen Kernwerten mangelt, die die Demokratie im Westens möglich machen. Zu diesen Werten zählt unter anderen die Separierung von Kirche und Staat (ebd.). Aufgrund dieser Annahme wird die Türkei repräsentativ für einen laizistischen Staat in der islamischen geprägten Zone betrachtet, da sie zum Zeitpunkt der Erhebung der World Values Survey unter Atatürk noch ein solcher war (Seibert 2016). Außerdem spielt die Türkei eine wichtige Rolle, da sie nach Huntington ein sogenanntes „torn country“ darstellt (Huntington 1993, 42): „while the elite of Turkey has defined Turkey as a Western society, the elite of the West refuses to accept Turkey as such“ (ebd).

Des Weiteren werden die Einstellungen Marokkos und Aserbaidschans überprüft. Ersteres ist eine konstitutionelle Monarchie und eine ehemalige französische Kolonie in der 98,7% Muslime leben (de Haas 2009). Letzteres wurde als Ersatz für Ägypten gewählt, da dort weder die Einstellung zu Homosexualität noch Abtreibung in der wvs abgefragt wurde. Aufgrund der Heterogenität der islamischen Länder sind Marokko als auch Aserbaidschan eher willkürlich gewählt, so wie es Ägypten auch gewesen wäre.

Untersuchungsmethode der Variablen

Norris und Inglehart testen anhand verschiedener Fragen und Antworten der westlichen und islamischen Länder aus der World Values Survey zwischen 1995 und 2001 die Variablen Geschlechtergleichheit, Scheidung, Abtreibung, Homosexualität, demokratische Ausübung, demokratische Ideale, starke Anführer und religiöse Anführer (Inglehart & Norris 2003, 65). In dieser neueren Überprüfung soll sich allerdings lediglich auf die Befürwortung eines demokratischen Systems, die Rechtfertigung von Scheidung, Abtreibung, Homosexualität und einige Indikatoren zur Geschlechtergleichheit konzentriert werden.

Letzteres setzt sich in der zugrundeliegenden Studie von 2003 aus der Abfrage folgender Sätze zusammen, die auf einer Skala von „Agree strongly“ über „Agree“ und „Disagree“ bis „Strongly Disagree“ mit der Möglichkeit keine Antwort zu geben oder „don’t know“ anzukreuzen, von den TeilnehmerInnen bewertet werden sollten: Männer sind bessere politische Anführer als Frauen; Wenn Jobs rar sind, sollten Männer eher das Recht auf diesen Job haben; eine universitäre Ausbildung ist wichtiger für einen Jungen, als für ein Mädchen; eine Frau muss Kinder haben, um vollkommen zu sein. Außerdem wurde abgefragt, ob es gutgeheißen wird, dass eine Frau ein Kind möchte, obwohl sie nicht in einer festen Beziehung mit einem Mann ist (ebd.). Da entweder keine identische Abfrage in der neueren Welle 2010-2014 zu denen zwischen 1995 und 2001 vorgenommen wurde oder weitere Fragen bezüglich Geschlechtergleichheit gestellt wurden, variieren die hier genutzten Ergebnisse der wvs leicht von denen aus der Studie von Inglehart und Norris: Männer sind bessere politische Anführer als Frauen; wenn eine Frau mehr Geld verdient, als ihr Mann, führt dies höchstwahrscheinlich zu Problemen; eine universitäre Ausbildung ist wichtiger für einen Jungen, als für ein Mädchen; Männer sind bessere Geschäftsmänner als Frauen (wvs 2010-2014).

Bezüglich Homosexualität, Abtreibung und Scheidung wird in den von Inglehart und Norris genutzten Wellen, als auch in der hier untersuchten, auf einer Skala von „Never justifiable“ (1) bis „Always justifiable“ (10) mit der Möglichkeit nicht zu antworten oder „don’t know“ anzukreuzen, abgefragt, inwiefern diese gerechtfertigt werden können (ebd.). Für die Erfassung der Wichtigkeit von Demokratie werden in der Studie von 2003 mehrere Indikatoren anhand einer Skala von „Agree strongly“ über „Agree“ und „Disagree“ bis „Strongly Disagree“ mit der Möglichkeit keine Antwort zu geben oder „don’t know“ anzukreuzen untersucht: Demokratien sind zu unentschlossen und haben zu viel Wortklauberei; Demokratien sind nicht gut darin, Ordnung zu erhalten; Demokratie bringt vielleicht Probleme mit sich, ist aber dennoch besser als jede andere Form von Regierung; Befürwortung eines demokratischen Systems (Inglehart & Norris 2003, 65). In der Überprüfung des Stellenwerts von Demokratie wird hier lediglich Augenmerk auf die Wichtigkeit von Demokratie gelegt, die auf einer Skala von „Not at all important“ (1) bis „Absolutely important“ (10) abgefragt wird (wvs 2010-2014). Es besteht ebenfalls die Möglichkeit, keine Antwort zu geben oder „don’t know“ zu wählen.

Da in der Studie von Inglehart und Norris bloß die zusammengefassten Daten zu den Variablen und Zonen zu finden sind, sollen diese im Folgenden als Vergleichswert verwendet werden. Die eigens vorgenommene Überprüfung soll allerdings zuerst über die einzelnen Frageeinheiten und Länder dargelegt werden, um mögliche Abweichungen zu berücksichtigen. Dies ist besonders bei der Abfrage der verschiedenen Items zu Geschlechtergleichheit notwendig. Anschließend sollen aber dennoch verallgemeinernde Schlüsse aus den Ergebnissen gezogen werden. Diese können, wie bereits erwähnt, nicht für sich selbst stehen beziehungsweise repräsentativ sein.

Ergebnisse

Die Ergebnisse zu denen Norris und Inglehart anhand der World Values Survey von 1995-2001 kommen, sind eindeutig: Sowohl 86% der westlichen als auch 87% muslimischen Gesellschaften stimmen demokratischen Idealen zu (Inglehart & Norris 2003, 64). Eine Diskrepanz zwischen beiden Zonen wird erst bei den einer Demokratie zugrundeliegenden Werten erkennbar, woraus die AutorInnen schließen, dass diese aufgrund der liberaleren Einstellungen in westlichen Ländern stärker ausgeprägt ist, als in islamischen Gebieten (ebd., 68). So stimmen 82% der Befragten des Westens für Geschlechtergleichheit, bei den muslimischen Gesellschaften sind es lediglich 55%. Beim Gutheißen von Scheidung, Abtreibung und Homosexualität sieht das Ergebnis ähnlich aus: Zwischen 60% und 48% der westlichen Länder empfinden alle drei kontroversen Themen als vertretbar. Nur 35% der muslimischen Gesellschaften sind der Auffassung, dass Scheidung endschuldbar ist und nur 25% befürworten Abtreibung. Den gravierendsten Unterschied zwischen beiden Zonen findet man in der Messung von Homosexualität: Nur 12% der Befragten der islamischen Zone sehen Homosexualität als rechtfertigbar, wohingegen es in westlichen Ländern 53% sind.

Die zu überprüfende These soll nun sein, ob sich diese Tendenzen der wvs Wellen von 1995-2001 in Welle 6 zwischen 2010 und 2014 verändert haben und in welcher Relation die Antworten mit dem Demokratie-Grad des jeweiligen Landes stehen.

Als Ausgangspunkt soll hier auch wieder die Wichtigkeit von Demokratie für die verschiedenen Zonen sein. Bei den drei islamischen Gesellschaften ist Demokratie für 40,2% (Aserbaidschan 33,1%, Marokko 49,5%, Türkei 37,8%) absolut wichtig, in den hier ausgewählten westlichen Ländern sogar für 49,9% (Deutschland 58,8%, Niederlande 44,5%, USA 46,5%) (wvs 2010-2014). Bei allen sechs Ländern ist die Mehrheit im oberen Drittel der Wichtigkeit von Demokratie angesiedelt. Es ist also eine klare Tendenz erkennbar, dass Demokratie sowohl im Westen, als auch in muslimischen Ländern hohe Bedeutung beigemessen wird. Diese Erkenntnis von Norris und Inglehart kann also mit der hier erfolgten exemplarischen Überprüfung nicht außer Kraft gesetzt werden, da sie zu den gleichen Ergebnissen kamen.

Auf die Frage, ob Abtreibung endschuldbar ist, ist bei Aserbaidschan, Marokko und der Türkei eine klare Richtung ins Extrem festzustellen: 63% der Befragten in diesen muslimisch geprägten Ländern empfinden Abtreibung als niemals vertretbar (ebd.). Hingegen Huntingtons These der Heterogenität der islamischen Zone (Krifko 2011, 16:00; 16:25), stellen sich in dieser Stichprobe die westlichen Länder als geteilt dar. In den USA empfinden 22,4% Abtreibung als unendschuldbar, 23,3% positionieren sich auf einer fünf, die „eher nicht gerechtfertigt“ entsprechen könnte. In Deutschland liegt die Mehrheit der Antworten mit 22,5% ebenfalls bei „Never justifiable“, dicht gefolgt von einer Neigung zur Mitte mit 28,7% bei fünf und sechs, Tendenz allerdings ähnlich wie bei den USA in Richtung Unvertretbarkeit (wvs 2010-2014). In den Niederlanden liegen die Antworten fast gespiegelt auf der Skala: Die Mehrheit, nämlich 19,1%, empfindet Abtreibung als immer vertretbar. Die Antworten befinden sich hauptsächlich in der oberen Hälfte, die Abtreibung befürworten. Allerdings sprechen sich auch 11,3% gegen diese aus. Da die Skala relativ groß (1-10) ist, erscheinen 19,1% eher wenig: diese stellen hier lediglich diejenigen Bewohner da, die sich bei einer 10 positioniert haben. Trotz der hier erkennbaren Diskrepanz innerhalb der westlichen Länder, ist kein eindeutiges Extrem erkennbar. Die Antworten bewegen sich auf einer Skala allerdings alle eher in Richtung Endschuldbarkeit (ebd.).

Eine weitere untersuchte Variable ist die Einstellung zu Scheidung. Die islamischen Länder liegen erneut eher im Bereich „Nicht rechtfertigbar“. Allerdings sticht Marokko hier etwas raus: Zwar empfinden 35,7% der Befragten Scheidung als „Never justifiable“, 24,7% bewegen sich im mittleren Raum der Skala und ganze 12,2% antworteten, dass Scheidung immer gerechtfertigt ist (ebd.). Im Vergleich zu Aserbaidschan mit 1,6% und der Türkei mit 3,9% bei „Always justifiable“, erscheint Marokko hier liberaler. Im Westen geht die Tendenz bezüglich der Rechtfertigbarkeit von Scheidung eher in Richtung „Justifiable“. Allerdings bewegen sie sich im ganzen oberen Teil der Skala, sodass keine genaue Zuordnung erfolgen kann. Allerdings fällt ein westliches Land ebenfalls aus der Reihe: Die Mehrheit der Befragten aus den Vereinigten Staaten von Amerika ordnen sich bei einer fünf ein (ebd.).

Dafür, dass Huntington die USA als den Kernstaat des Westens deklariert hat (Krifko 2011, 19:20), kann bisher eher ein Spalt zwischen den Vereinigten Staaten Amerikas und besonders den Niederlanden, wahrgenommen werden. Besonders wird dies deutlich bei der Abfrage, inwiefern Homosexualität rechtfertigbar ist. Es wird erkennbar, dass die Niederlande von den hier untersuchten Ländern das Liberalste ist. Die Mehrheit, nämlich 54,3%, der Befragten finden Homosexualität ist immer endschuldbar (wvs 2010-2014). In Deutschland und den Vereinigten Staaten spalten sich die Einstellungen in drei Lager – nämlich in die beiden Extreme und die eher neutrale – oder vielleicht auch unentschlossene – Mitte. In Deutschland empfinden 25,4% der Befragten, Homosexualität als „Always justifiable“, aber auf der anderen Seite ordnen sich 17,8% im anderen Extrem ein und 21,6% in der Mitte zwischen fünf und sechs. In Amerika sieht diese Bilanz ähnlich aus: mit 27% mittig auf der Skala, 21,5% der Befragten finden Homosexualität immer vertretbar, 24% finden sie allerdings nie gerechtfertigt (ebd.). Es kann also keine eindeutige homogene Einstellung der hier untersuchten westlichen Länder erfasst werden – sowohl in sich, als auch untereinander.

Bei den ausgewählten islamisch geprägten Ländern kann bei diesem Thema eine relativ eindeutige Zuordnung erkannt werden: 84,93% der Befragten aller drei Nationen empfinden Homosexualität als niemals gerechtfertigt (ebd.). Nur 0,36% würden sich bei „Always justifiable“ positionieren. Generell kann weder in Aserbaidschan, noch der Türkei oder Marokko eine andere klare Positionierung erfasst werden, die beweisen könnte, dass die hier angeführten islamischen Länder sich als stark heterogen erweisen. Die Tendenz ist klar zu erkennen und diese ist eindeutig „Never Justifiable“.

Im Gegensatz zu den anderen untersuchten Variablen, kann und wird die Einstellung bezüglich Geschlechtergleichheit nicht mit einer einzelnen Frage – wie beispielsweise „Befürworten Sie Geschlechtergleichheit?“ – abgefragt werden. Das liegt daran, dass eine so direkte Fragestellung hier nicht zielführend wäre, da sich Geschlechterungleichheiten auf verschiedenen gesellschaftlichen Ebenen manifestiert haben. Außerdem ist Geschlecht im Gegensatz zu Homosexualität, Abtreibung und Scheidung ein Merkmal, was das Gegenüber direkt zu erkennen und einzuordnen vermag. In diesem Kontext soll kurz angesprochen werden, dass im Folgenden die Dichotomitätsannahme der Geschlechter – es gibt nur männlich und weiblich – nicht aufgehoben werden soll. Diese Vereinfachung ist lediglich der begrenzten Länge dieser Arbeit geschuldet und hat nichts damit zu tun, dass diese Dichotomie oder gar Heteronormativität als gesetzmäßig und natürlich befunden wird. Außerdem liegt es daran, dass in der World Values Survey die patriarchale Herrschaft und damit die Hegemonialstellung des Mannes untersucht werden soll, die am ehesten in Abgrenzung zum weiblichen Geschlecht gemessen werden kann. Das wiederum resultiert daraus, dass die Zweigeschlechtlichkeit und die damit einhergehenden konträren Rollen am weitesten verbreitet sind.

Bei der Abfrage, ob die universitäre Ausbildung wichtiger für einen Jungen, als für ein Mädchen sei, sind alle sechs untersuchten Länder beider Zonen auf einem Nenner: Die Mehrheit aller Antworten der Befragten liegen mit 43,3% bei „Disagree“, gefolgt von 37,9%, die stark widersprechen. Hier lautet das Ergebnis also, dass das Besuchen der Universität für die Mehrheit der westlichen und islamischen Zone für Mädchen gleichermaßen wichtig ist, wie für Jungen (wvs 2010-2014).

In der Beantwortung der nächsten Fragestellung ist die Heterogenität zwischen, aber auch innerhalb der Länder weitaus ausgeprägter: Wenn eine Frau mehr Geld verdient, als ihr Mann, führt dies höchstwahrscheinlich zu Problemen. In den muslimisch geprägten Ländern liegt die Mehrheit der Antworten bei „Agree“, in den westlichen Nationen bei „Disagree“. Allerdings kann beobachtet werden, dass bei weder noch eine eindeutige Majorität vorhanden ist, außer bei 76,4% der Befragten der Niederlande, die der These nicht zustimmen. Ansonsten kann in den islamischen Nationen eine relativ gleichmäßige Aufteilung festgestellt werden, die zeigt, dass die einzelnen Länder in sich geteilt sind.

Die letzten beiden Thesen, die hier zur Untersuchung der Einstellung zu Geschlechtergleichheit heran gezogen wurden beziehen sich auf Männer als bessere Geschäftsmänner beziehungsweise bessere politische Anführer. Bei ersterem widersprechen die meisten Befragten der westlichen Länder, einige sogar stark. Unter den islamisch geprägten Ländern kann zwar eine Tendenz – nämlich die Zustimmung, dass Männer bessere Geschäftsleute als Frauen sind – festgestellt werden, allerdings liegt die prozentuale Verteilung nicht eindeutig verteilt: In der Türkei stimmen zwar 64,1% der These zu, 32,2% widersprechen ihr aber auch (ebd.). Die Zahlen und Einstellungen schlagen in dieselbe Richtung bei der Kompetenz einE politischeR AnführerIn zu sein: In Deutschland, den Niederlanden und den Vereinigten Staaten stimmt die Mehrheit der These, Männer seien bessere politische Anführer als Frauen, nicht zu. Sowohl in Aserbaidschan, als auch Marokko und der Türkei kann die gegenteilige – zwar erneut nicht eindeutige – Einstellung festgestellt werden (ebd.).

In der prozentualen Gesamtverteilung dieser letzten beiden Thesen stimmen alle untersuchten Länder im Schnitt eher nicht zu, wobei die Zahlen nicht so eindeutig sind, wie es in Anbetracht der Einstellung zu Demokratie zu sein schien. Es kann festgehalten werden, dass westliche Länder bezüglich der Geschlechtergleichheit ähnlich eingestellt – und damit eher befürwortend dieser gegenüber – sind. Allerdings wurde mit einer höheren Anzahl egalitärer Antworten gerechnet, da gerade die Gleichbehandlung der Geschlechter einen zentralen demokratischen Wert darstellt beziehungsweise darstellen sollte (Inglehart & Norris 2003, 67).

[...]

Ende der Leseprobe aus 30 Seiten

Details

Titel
Pfadabhängigkeit und Weltgesellschaft. Unterschiede zwischen westlichen und islamischen Ländern
Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen
Note
1,7
Autor
Jahr
2018
Seiten
30
Katalognummer
V537272
ISBN (eBook)
9783346147554
ISBN (Buch)
9783346147561
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Islam, Pfadabhängigkeit, kulturelle Differenz, Werte, Huntington, Religion, Weltgesellschaft, Globalisierung
Arbeit zitieren
M. G. (Autor), 2018, Pfadabhängigkeit und Weltgesellschaft. Unterschiede zwischen westlichen und islamischen Ländern, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/537272

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