Die Magd Zerline als Schuldige in Hermann Brochs 'Die Schuldlosen'


Hausarbeit, 2006

16 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis:

1. Einleitung

2. Zur Entstehung des Werkes

3. Die Schuld der Magd Zerline

4. Die Geschichten
4.1. Verlorener Sohn
4.2. Die Erzählung der Magd Zerline
4.3. Die Ballade von der Kupplerin
4.4. Erkaufte Mutter
4.5. Steinerner Gast

5. Zerline als Pendant zu Hitler

6. Fazit

7. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Während Die Schlafwandler und Der Tod des Vergil oft als Brochs Meisterwerke bezeichnet und dementsprechend häufig Gegenstand von Untersuchungen wurden, fanden Die Schuldlosen vergleichsweise wenig Beachtung und werden auch heute noch vielfach nur als Nebenwerk eingestuft. Dieser Ungerechtigkeit zum Trotz widmet sich diese Hausarbeit ganz allein dem letzten von Broch veröffentlichten Roman und seiner etwas abenteuerlichen Entstehungsgeschichte. Der Fertigstellung des Werkes soll aus diesem Grunde auch das 2. Kapitel gewährt werden.

Im 3. Kapitel soll dann ein Überblick über die Person und Handlung der Magd Zerline folgen, um dann schließlich im 4. Kapitel die Hauptanalyse darzustellen. Die Magd Zerline wurde deshalb gewählt, weil sich an ihrer Person gut verdeutlichen lässt, dass die Charaktere nicht alle so schuldlos sind, wie sie auf den ersten Blick erscheinen. Aus diesem Grund wählte Broch auch den Titel Die Schuldlosen und nicht etwa „Die Unschuldigen“, da hiermit die beabsichtigte ironische Doppeldeutigkeit vermittelt wird.[1] Die ausgewählten Geschichten – Verlorener Sohn, Die Erzählung der Magd Zerline, Ballade von der Kupplerin, Erkaufte Mutter und Steinerner Gast – werden getrennt voneinander analysiert, um den chronologischen Ablauf der Machtergreifung Zerlines zu erhalten.

Obwohl sich der Titel eigentlich auf die nicht vorhandene Schuld an Hitlers Machtergreifung bezieht, können in dem Werk auch Personen ausgemacht werden, die daran in gewisser Weise mitschuldig sind, wie der Studienrat Zacharias. Doch soll sich diese Hausarbeit mehr auf die gesamte Schuld einer Person – der Magd Zerline – beziehen und verdeutlichen, wie leicht man Macht über andere Mitmenschen bekommen und starken Druck auf diese ausüben kann, auch wenn man kein mächtiger politischer Führer, sondern nur eine „unbedeutende“ Hausmagd ist. Aus diesem Grunde soll auch im 5. Kapitel der Versuch erfolgen, Zerline mit Hitler zu vergleichen, ein heikles Unterfangen, das bei einer Veröffentlichung mit Sicherheit einige Gegenstimmen hervorrufen würde.

2. Zur Entstehung des Werkes

Hermann Brochs Die Schuldlosen ist das letzte von ihm vollendete Werk. Seine Fertigstellung erstreckte sich mit 36 Jahren - von 1913 bis 1949 - über einen ungewöhnlich langen Zeitraum. Die Fertigstellung erfolgte allerdings auch nicht am Stück, sondern etappenweise. 1917 waren bereits fünf der insgesamt elf Erzählungen – „Mit schwacher Brise segeln“, „Methodisch konstruiert“, „Verlorener Sohn“, „Eine leichte Enttäuschung“ und „Vorüberziehende Wolken“ - in verschiedenen Zeitschriften und Zeitungen veröffentlicht worden. Einige von diesen sind verschollen und auch Broch selbst nicht mehr in Erinnerung gewesen. Brochs Verlag wollte jedoch an den Erfolg von Der Tod des Vergil[2] anknüpfen und die Geschichten neu veröffentlichen, weshalb sich der Verleger die Aufgabe stellte, diese verschwundenen Stücke wiederzufinden. Broch selbst veranlasste die anstehende Neuauflage dazu neue Stücke hinzuzufügen, um die einzelnen Werke zu einem Ganzen zu verschmelzen, also zu konstruieren, da er eine einfache Neupublikation nicht für gerechtfertigt hielt. So schrieb er sechs weitere Erzählungen, welche die vorherigen ergänzen sollten, eine Vorgehensweise, die nicht nur von Kritikern, sondern auch von seinen besten Freunden als gewagtes Unterfangen bezeichnet wurde. Einer von Brochs besten Freunden nannte es „Ein seltsames Gebilde [...] von verwirrender Kompliziertheit.“[3] Bis auf die Einleitungsgeschichte „Mit schwacher Brise segeln“ und die Schlussgeschichte „Vorüberziehende Wolken“ wurde wenig an den bereits vorhandenen Stücken geändert, von kleineren Anpassungen und Namensangleichungen abgesehen, so wurde beispielsweise aus der Baronin Elvira F. die Baronin Elvire W. Durch die vorgenommen Änderungen und Anpassungen sicherte Broch die „Einheitlichkeit des Ganzen“[4] für die Neuveröffentlichung. Diese nicht ganz alltägliche Vorgehensweise ein Werk zu vollenden führte letztendlich auch zu der Diskussion ob das Werk nun als Roman bezeichnet werden kann oder ob es sich um eine Novelle handelt – eine bis heute andauernde Debatte ohne eindeutiges Ergebnis.

3. Die Schuld der Magd Zerline

Im Gegensatz zum Titel von Brochs Werk scheinen nicht alle Charaktere wirklich schuldlos zu sein. Die Magd Zerline, die sich selbst gerne als ein Opfer darstellt, da sie an ihrer „untergeordneten sozialen Stellung“ leidet (DS, S. 301) wird im Laufe des Romans vielfach selbst zur Täterin. Sei es zu Beginn ihres Dienstmädchendaseins, als sie nur widerwillig in den Dienst der Baronin W., Tochter ihrer bisherigen Arbeitgeberin, tritt oder gegen Ende, als sie die Herrschaft über das alte Jagdhaus übernimmt. Zwischen diesen Handlungen liegt eine ganze Reihe von Intrigen und Machenschaften, die sie keineswegs mehr in dem Licht dastehen lassen, indem sie sich selbst so gerne sieht: das arme Dienstmädchen, dem ohne eignes Verschulden so vieles verwehrt blieb.

„Wenn man überhaupt von einer Hauptperson reden darf [...], so ist es wohl die Magd Zerline“ (DS, S. 301). Dieser Meinung scheint jedoch nicht nur der Autor selbst zu sein, sondern auch viele Rezipienten der Schuldlosen. Sie wird als „Ur-Weib, triebstark, ohne sich ihre Triebe zu verheimlichen, eifersüchtig, machthungrig, willenskräftig, sehr ihres Frauentums bewusst und geschlechtsstolz“ beschrieben.[5] Broch selbst charakterisiert sie als „nicht böse, dennoch boshaft, ein ebenso tyrannischer wie unentbehrlicher Hausgeist“ (DS, S. 314f.).

Schon als „junges Ding“ versuchte sie, der Frau Baronin das Leben so schwer wie möglich zu machen, nachdem diese den von ihr so angehimmelten Baron von W. - den späteren Gerichtspräsidenten heiratete - mit dem auch sie sich vermählen wollte. Das von ihr erwartete Kind – Hildegard - war allerdings nicht von ihm, sondern aus einer Affäre mit einem gewissen Herrn von Juna, mit dem Zerline nun aus Rache, da sie der Baronin schon den Ehemann nicht ausspannen konnte, ebenfalls eine Affäre begann. Als sie dann nach einem Liebesurlaub mit ihm aus dessen Haus Liebesbriefe einer weiteren Geliebten und auch von der Baronin selbst entwendet, hängt sie ihm - nach dem mysteriösen Tod dieser Geliebten - einen Mord an indem sie Gerüchte schürt, die schließlich zu einem Prozess führen. Da ausgerechnet der Gerichtspräsident in diesem Fall die exekutive Gewalt ausübt, spielt sie diesem einen Teil der Liebesbriefe seiner eigenen Frau zu, aus Rache an dieser und dem Herrn von Juna. Damit verfehlt sie allerdings die erhoffte Wirkung – eine Verurteilung des ehemaligen Geliebten – und erreicht genau das Gegenteil von dem, was sie eigentlich erhofft hatte. Anstatt das der Gerichtspräsident den angeblichen Mörder aus Rache für die Affäre mit seiner Frau verurteilt spricht er ihn frei. Auch seiner Frau gegenüber äußert er sich nicht zu deren Affäre, worauf Zerline wohl spekulierte, und statt diese nun zu verlassen und eine Beziehung mit der Magd einzugehen stirbt er an gebrochenem Herzen. Zerline sieht sich jetzt als die tatsächliche Witwe, denn immerhin hatte der Gerichtspräsident ihr, bevor er verheiratet war, einmal an die Brust gelangt, was für sie als Bestätigung dafür, dass eigentlich sie seine Braut hätte werden sollen, ausreicht. Die Tochter der Baronin erzog sie nun so, als wenn sie das Kind des Gerichtspräsidenten wäre um die Baronin zu „tyrannisieren und gewissermaßen unter Dauerstrafe zu stellen“ (DS, S. 302).

[...]


[1] Wolter, Bernd: Hermann Brochs „Die Schuldlosen“. Anspruch und Wirklichkeit eines politischen Romans. Inaugural- Dissertation zur Erlangung der Doktorwürde des Fachbereiches Sprach- und Literaturwissenschaften der Gesamthochschule Paderborn. o.O. o.J. S. 81.

[2] Broch, Hermann: Gesammelte Werke. Der Tod des Vergil. Band III. Zürich: Rhein-Verlag 1952.

[3] Durzack, Manfred: Hermann Broch. Dichtung und Erkenntnis. Studien zum dichterischen Werk. Stuttgart, Berlin, Köln, Mainz: Kohlhammer 1978. S. 169.

[4] Broch, Hermann: Die Schuldlosen. Hg. v. Paul Michael Lützeler. Hermann Broch. Kommentierte Werkausgabe, Band 5. Frankfurt am Main: Suhrkamp Taschenbuch 1974. S. 323.

[5] Wolter, o. J. S. 275f.

Ende der Leseprobe aus 16 Seiten

Details

Titel
Die Magd Zerline als Schuldige in Hermann Brochs 'Die Schuldlosen'
Hochschule
Universität Mannheim
Veranstaltung
Hermann Broch
Note
2,0
Autor
Jahr
2006
Seiten
16
Katalognummer
V53728
ISBN (eBook)
9783638490979
ISBN (Buch)
9783638765558
Dateigröße
479 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Magd, Zerline, Schuldige, Hermann, Brochs, Schuldlosen, Hermann, Broch
Arbeit zitieren
Stefanie Krause (Autor), 2006, Die Magd Zerline als Schuldige in Hermann Brochs 'Die Schuldlosen', München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/53728

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