Clara und Robert Schumann. Eine romantische Liebe?

Eine Analyse nach Niklas Luhmann


Studienarbeit, 2019

32 Seiten, Note: 1,0

Anonym


Leseprobe

Inhalt

1. Einleitung

2. Theoretische Grundlagen
2.1 Romantische Liebeskonzeption nach Luhmann
2.2 (Liebes-)Briefe als Kommunikationsmittel

3. Analyse der Liebesbeziehung von Clara und Robert Schumann
3.1 Exklusivverhältnis und Selbstreferenz der Liebe
3.2 Passion
3.3 Paarbildungsprozess
3.4 Ehemotivation
3.5 Sexualität
3.6 Angenommene Geschlechtersymmetrie und Ehewirklichkeit

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Die soziologische Liebesforschung ist vielfältig. Innerhalb dieser ist die mikrosoziologische Paarforschung besonders vielversprechend, gerade auch in Bezug auf historische Veränderungen innerhalb der Paarbeziehung. Liebeskonzeptionen reichen bis weit in die Antike zurück und hängen in ihrer semantischen Dimension von Werten, Normen und Ereignissen jener Zeit ab. Besonders die romantische Liebeskonzeption aber ist diejenige, die um 1800 entscheidende Veränderungen in der Paarbeziehung hervorbrachte und sogar bis heute fortdauert (vgl. Kuchler/Beher 2014: 11f.).

Zu den bekanntesten Liebespaaren des 19. Jahrhunderts gehören zweifelsohne Clara und Robert Schumann. Das Komponisten- und Musikerpaar gilt als Inbild romantischer Liebe, nicht zuletzt durch die harmonisierende Wirkung der Musik (vgl. Simonis 2013: 276). Geschürt wird dies zusätzlich durch die zahlreichen Briefe der beiden, in denen sie sich vor allem ihre Liebe und Zuneigung gestehen (siehe z.B. Litzmann 1920). Auch in Literatur und Film hält sich die Legende des Vorzeigepaares romantischer Ideale hartnäckig. Dieser Annahme liegt die Emotionalität als Kernessenz der Romantik zugrunde. Einzig Emotionalität als Kriterium der Romantik zu begreifen, reicht jedoch nicht als Analysegrundlage aus. Romantische Liebe ist vielmehr ein Komplex aus vielen Einzelkriterien. Insofern ist eine Untersuchung der Paarbeziehung von Clara und Robert Schumann nach romantischem Gehalt sinnvoll. Diese Arbeit soll deshalb klären, was romantische Liebe ausmacht und inwiefern die beiden tatsächlich dem Prototyp eines romantischen Liebespaares anhand einzelner Kriterien entsprechen.

Als Basis fungiert der Briefwechsel der beiden, der überliefert und veröffentlicht wurde. Er dient als wichtigste Quelle zur wissenschaftlichen Auseinandersetzung mit den beiden und kann zum Verständnis der Paarbeziehung innerhalb des romantischen Ideals beitragen. Überliefert sind Briefe im Zeitraum von ungefähr 24 Jahren zwischen 1832 bis zu Robert Schumanns Tod 1856. Allerdings sind nach 1840, dem Jahr ihrer Heirat, nur noch wenige Zeugnisse ihres beiderseitigen Schriftverkehrs vorhanden, lediglich ein paar Korrespondenzen und Tagebucheinträge (vgl. Ortheil 1982: 5). Aus diesem Grund widmet sich die Arbeit vornehmlich dem Briefwechsel vor 1840 und ihrer Interpretation. Ergänzend wird versucht, Tagebucheinträge oder Korrespondenzen nach 1840 hinzuzufügen, um das Bild zu komplettieren und möglichst alle romantischen Ideale zu erfassen. Es geht nicht so sehr darum, ihre Beziehung von Anfang bis Ende darzustellen, als einzelne Fragmente herauszuziehen und sie auf den Gehalt romantischer Ideale zu überprüfen.

In der vorliegenden Arbeit soll zunächst, um Liebe als theoretisch soziologisches Konstrukt zu begreifen und der Forschungsfrage nachgehen zu können, die romantische Liebeskonzeption dargestellt und näher bestimmt und strukturiert werden. Dabei wird auf den Soziologen Niklas Luhmann und seine Konstruktion der romantischen Liebe zurückgegriffen. Wichtig ist hierbei die Herausstellung einzelner Kriterien zur Charakterisierung von romantischer Liebe (Kap. 2.1). Dies wird von einem weiteren Unterkapitel zur näheren theoretischen Bestimmung des Kommunikationsmittels der Liebe der beiden, des Briefes, abgerundet, da die Analyse auf den Briefen fußt (Kap. 2.2). Anschließend wird in Kapitel 3 auf Grundlage der veröffentlichten Briefe die Beziehung von Clara und Robert Schumann eingehend auf die Kriterien romantischer Liebe hin untersucht. Zuletzt werden zentrale Befunde zusammengefasst.

2. Theoretische Grundlagen

Die Liebe kann von verschiedenen Seiten betrachtet und interpretiert werden. Konträr zur Biologie oder Psychologie scheint in der Soziologie weitestgehend Einigkeit darüber zu herrschen, dass die Liebe als ein sozial konstruiertes kulturelles Phänomen konzipiert und somit von gesellschaftlichen und historischen Gegebenheiten beeinflusst wird. Hierzu existieren verschiedenste Theoriestränge, die jeweils andere Fokusse legen. Der Soziologe Niklas Luhmann hat mit Hilfe der Systemtheorie bzw. Differenzierungstheorie in seinem Werk Liebe als Passion semantische Veränderungen im Liebescode anhand schriftlich überlieferten Materials herausgearbeitet, die parallel zu den soziostrukturellen Veränderungen der Gesellschaft verlaufen (vgl. Luhmann 1983: 50). Damit hat er einen entscheidenden Beitrag zum Verständnis und der Klassifikation der Liebe geleistet. Deshalb bildet sein Liebeskonzept den theoretischen Rahmen dieser Arbeit.

Da sich die vorliegende Arbeit jedoch der Analyse eines Liebespaares aus der Romantik, genauer der Hochromantik, annimmt, bemüht sich das nachfolgende Kapitel somit um eine Theoretisierung romantischer Liebe, ohne aber eine allgemeine Theorie der Liebe nach Luhmann auszublenden.

2.1 Romantische Liebeskonzeption nach Luhmann

Liebe ist anhand Luhmanns (1983: 23) ein „symbolisch generalisiertes Kommunikationsmedium“ oder „-code“, „nach dessen Regeln man Gefühle ausdrücken, bilden, simulieren, anderen unterstellen, leugnen und sich mit all dem auf die Konsequenzen einstellen kann, die es hat, wenn entsprechende Kommunikation realisiert wird“. Liebe selbst ist per definitionem soziologisch daher kein Gefühl, das ein Individuum unter bestimmten Voraussetzungen für ein anderes empfindet, sondern ein soziales System, an das sich zwei „psychische Systeme“ ankoppeln können, um zu interagieren (vgl. ebd.). Der Code der Liebe ist als ein Exklusivverhältnis konzipiert, das sich von der Umwelt und anderen sozialen Systemen abgrenzt und dadurch andere kategorisch ausschließt (vgl. ebd.: 206; Lenz 2009: 279; Junge 2008: 138).

Im Vergleich zu den anderen Funktionssystemen ist das System Liebe kein großes System, sondern besteht aus kleinen Einzelsystemen (vgl. Kuchler/Beher 2014: 16). Diese, wie alle anderen sozialen Systeme, greifen bei ihrer Entstehung auf generalisierte Kommunikationsmedien zurück und funktionieren in der Systemtheorie primär durch Kommunikation (vgl. Luhmann 1983: 21; Junge 2008: 141). Aus diesem Grund sind solche Kommunikationscodes für die Entstehung von sozialen Systemen entscheidend, denn sie sind semantische Einrichtungen, die sich im Verlauf der soziokulturellen Entwicklung herausgebildet haben, „welche die Unwahrscheinlichkeit von Kommunikation in Wahrscheinlichkeit überführen“ (Sommerfeld-Lethen 2008: 53). Zu diesen Kommunikationscodes gehören die Liebe, ebenso wie Macht, Geld oder Wahrheit in anderen sozialen Systemen.

Der Kommunikationscode ist von der jeweiligen Gesellschaft und ihren kulturellen Bedürfnissen und Leitideen geprägt und gewährt so auch Einblick in das Verhältnis zwischen Kommunikationscode und Gesellschaft. So spiegeln sich soziostrukturelle Gegebenheiten stets im Liebescode wider, weshalb Liebe zeitlich und räumlich verstanden werden muss (vgl. Luhmann 1983: 24; Hahn 2008: 40; Sommerfeld-Lethen 2008: 54ff.). Im Laufe der gesellschaftlichen Entwicklung hat die Komplexität der Gesellschaft zugenommen und die Anforderungen an die Kommunikationsmedien sind gestiegen (vgl. Luhmann 2008: 25f.). Die Trennung der einzelnen Kommunikationsmedien ermöglichte eine Ausdifferenzierung und funktionale Spezifikation der Medien, so auch des Mediums Liebe (vgl. ebd.: 27).

Angesichts der fortschreitenden funktionalen Ausdifferenzierung der Gesellschaft steigt die Zahl von unpersönlichen Kommunikationen, woraufhin sich unweigerlich auch persönliche Kommunikationen intensivieren, in denen man als Individuum Beachtung und Wertschätzung erfährt1 (vgl. ebd. 1984: 17f.). Dadurch wurden das Medium der Liebe bzw. Intimbeziehungen auch immer mehr auf diese Funktion der höchstpersönlichen Kommunikation spezialisiert und von anderen Funktionen enthoben (vgl. Kuchler/Beher 2014: 17). Somit ist das Liebesmedium auch ein Produkt der tiefgreifenden sozialstrukturellen und kulturellen Veränderungen der Neuzeit, indem vor allem die Trennung von Arbeit und Freizeit im 18. Jahrhundert das soziale Leben vor Veränderungen stellte und Intimität generierte (vgl. Hahn 2008: 40f.).

Genauer kam es seit Beginn des 17. Jahrhunderts zu einer veränderten Liebessemantik durch den Übergang von stratifikatorischer zu funktionaler Differenzierung in den Gesellschaften Europas (Luhmann 1983: 23; 50). Gerade im 18. Jahrhunderts konnte durch vorangegangene Entwicklungen im Kommunikationsmedium Liebe eine grundsätzliche Umkehr und Weiterentwicklung beobachtet werden, die besonders ab dem zweiten Drittel des Jahrhunderts zum Leitmotiv2 wurden (vgl. ebd.: 170; Sommerfeld-Lethen 2008: 59). Der Mensch wurde nicht mehr durch die Unterscheidung zum Tier definiert, des Menschen Fähigkeit basierte nun nach humanistischem Dogma in der Ansicht zur selbstreferentiellen Konstitution eines Weltverhältnisses. Dies „individualisiert ihn als Subjekt in Differenz zur Welt und nicht mehr als Sondergattungswesen Mensch in Differenz zum Gattungswesen Tier“ (Luhmann 1983: 173). Die Beziehung begriff man nun nicht mehr in sozialer Reflexivität, „die Liebessemantik [bezog] sich auf eine Beziehung von individuellem Subjekt und Welt“ (ebd.: 168). Diese Sichtweise war die Voraussetzung für weitergehende Charakteristiken des neueren Liebescodes.

Individualität zur Begründung einer Intimbeziehung ist im 18. Jahrhundert noch kein entscheidender Faktor gewesen. Erst gegen Ende dieses Jahrhunderts wurde die Individualität und Einzigartigkeit des Individuums als universalistischem Prinzip deklariert, wobei sich Liebe auf ein anderes Individuum rekurrierte (vgl. ebd.: 166f.; Lenz 2009: 278; Mahlmann 2003: 63). Luhmann (1983: 24f.) erkennt, dass Kommunikation im Liebescode universell ist, in der Denkungsart, dass der Weltbezug des Anderen3 „im Sinne einer laufenden Mitbeachtung des Partners in allen Lebenslagen“ Berücksichtigung in der eigenen findet. Die Liebe als Medium überbrückt dabei die Idiosynkrasien der Individualität, indem ein Weltbezug des personalen Individuums etabliert wird, sodass Informationen dupliziert werden, um in beiden Welten Geltung zu erhalten (vgl. ebd.: 25; Sommerfeld-Lethen 2008: 56). Das ermöglicht die Nähe der Liebenden. Das Entscheidende ist hierbei, dass jeder Partner die höchstpersönliche Weltsicht des Anderen, ohne dass er sie selbst teilt, im eigenen Handeln spiegelt.

Die starke Fokussierung auf das Individuum beförderte das Hinzutreten der Selbstreferenz, da man die Idee der Liebe nun auf die Liebe selbst richtete, auf die eigene Faktizität und Einzigartigkeit, und nicht mehr auf einzelne Attribute wie schön, reich oder klug (vgl. Luhmann 1983: 168; 174f.; 2008: 40; Lenz 2009: 278f.; Sommerfeld-Lethen 2008: 57). Selbstreferenz soll bedeuten eine „Einheit, die ein Element, ein Prozess, ein System für sich selbst ist. […] das heißt: unabhängig vom Zuschnitt der Beobachtung durch andere“ (Luhmann 1984: 58). Die Liebe bezieht sich deshalb bei der Orientierung auf den anderen, auf die Individualität und die Einzigartigkeit des Partners, immer auch auf sich selbst, sie will im Glück des anderen auch sein eigenes Glück finden (vgl. ebd. 1983: 174). „Als selbstreferentieller Kommunikationszusammenhang rechtfertigt die Liebe sich [nun] selbst“, weshalb es in der Intimbeziehung schließlich darum geht, Probleme zu erkennen und zu lösen (ebd.: 52). Problemorientierung bzw. Reflexivität der Selbstreferenz wird zur entscheidenden Funktion des dieser Epoche entsprechenden (romantischen) Liebescodes (ebd.: 51). Liebe befreit sich so aus dem Korsett gesellschaftlicher Vorgaben und objektiven Kriterien, weil sie nur noch aus dem Bezug auf sich selbst lebt, von ihrem eigenen Erfahrungsraum. Lediglich die anfängliche und unvermeidliche Orientierung an Modellen und Attributen hilft ihr dabei, ihr eigenes Liebesleben zu generieren, quasi Orientierung zur Selbstfindung (vgl. ebd.: 54; 168; 179).

Abgesehen von den bereits genannten Kriterien des neueren Liebescodes förderte die Entwicklung der Intimbeziehungen zu einem eigenen autonomen Funktionsbereich in der Neuzeit den Aufstieg des Prinzips der (romantischen) Liebe als Passion (vgl. Kuchler/Beher 2014: 16; Luhmann 1983: 166). Passion ist seitdem das maßgebende Charakteristikum der Liebe, das vielerlei Ausprägungen hat und oftmals als unberechenbares, „willenloses Ergriffensein und krankheitsähnliche Besessenheit“ klassifiziert wird (Luhmann 2008: 31). Ebenso werden in der Passion die Zufälligkeit der Begegnung und die schicksalhafte Bestimmung füreinander zum Ausdruck gebracht (vgl. ebd.). Letztlich kann dadurch der Passionsbegriff in der Semantik des Mittelalters aus seiner Passivität befreit werden, der Passion und dessen Erfüllung sind keine Grenzen mehr gesetzt. Liebe wird so zu einem Zustand fernab sozialer Kontrolle (vgl. ebd. 1983: 31; Mahlmann 2003: 90).

Das hatte auch Auswirkungen auf den Ehebund. Liebe und Ehe waren in vormodernen Zeiten nicht oder kaum miteinander verbunden. Eine Heirat wurde vornehmlich durch ökonomische, politische, sachliche oder strategische Motive begründet (vgl. Kuchler/Beher 2014: 12). Erst mit Veränderungen der Sozialstruktur in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts wurde die Liebesbeziehung, so diagnostiziert Luhmann (1983) anhand der Liebes-Literatur, allmählich gesellschaftlich funktional ausdifferenziert. Die Liebe wurde im 18. Jahrhundert deshalb schleichend zur Voraussetzung einer Ehe, die auch innerhalb der Ehe Bestand haben sollte und auf Dauerhaftigkeit angelegt war (vgl. Lenz 2009: 277f.). Spätestens aber im 19. Jahrhundert wurde Liebe zur einzig legitimen Begründung für die Eheschließung, die auf Passion beruhte und nicht wie zuvor auf Reproduktion oder Vermögensmaximierung (vgl. Luhmann 1983: 165; Kuchler/Beher 2014: 13; Mahlmann 2003: 90). „Passion wird dann zur institutionalisierten Freiheit, die nicht als solche zu gerechtfertigt werden braucht. Freiheit wird als Zwang getarnt“ (Luhmann 2008: 32). Denn Ehe heißt nicht mehr Konsens in der Erfüllung der Rollenpflichten, sondern „Ehe ist Liebe und Liebe ist Ehe“ (ebd. 1983: 173). Am ehesten wurde die Liebesehe in unteren Schichten kultiviert, ungeachtet dessen, dass das Bürgertum das Ideal der Liebesehe4 für sich proklamierte (vgl. Mahlmann 2003: 91).

So wurde im romantischen Liebesideal der Anfang einer Intimbeziehung bzw. die Wahl des Ehepartners nicht mehr an „vernünftige“ Überlegungen geknüpft, sondern vielmehr an den Zufall gebunden. Bedingungen oder Vorinformationen, die eine Liebesbeziehung in Gang setzten, waren nicht mehr nötig (Luhmann 1983: 180f.). Das hatte zur Folge, dass Intimbeziehungen nicht mehr wie in Vorzeiten in hohem Maße in äußere Strukturen und Außenbeziehungen eingebunden waren, sondern dass weniger Einfluss auf Liebesbeziehungen genommen werden konnte und diese autonom wurden (vgl. ebd.: 181; Hahn 2008: 45). Idealerweise bedeutete dies freie Partnerwahl sowie zugleich Auflösung der Schichtgebundenheit. Ungeachtet dessen muss man bei der freien Partnerwahl und Paarbildung von einem langsamen Prozess ausgehen, der sich erst in hochmodernen Gesellschaften vollständig vollzogen hat. Vielfach waren im 19. Jahrhundert noch arrangierte Ehen Alltag, die faktisch noch, wenn auch durchlässiger, institutionalisiert waren (vgl. Luhmann 2008: 35f.).

Durch den Wegfall dieses äußeren Schutzes, genauer den objektiven Normen und Konventionen aber, die den Menschen Halt gaben, muss konstatiert werden, dass damit bei der Partnerwahl im Vergleich zu vormodernen Gesellschaften unweigerlich Unsicherheiten und Risikobehaftungen innerhalb der Beziehung entstanden (vgl. Mahlmann 2003: 65). Die romantische Liebessemantik versucht diese Lücke zu schließen, indem sie einen unverzichtbaren Orientierungsrahmen bietet, der „diese Unsicherheit in subjektive Gewissheit zu verwandeln“ versucht (Luhmann 1983: 186). Sie generiert im Innern durch beide Subjekte Sicherheit, Gewissheit und Kontinuität und stabilisiert sich dadurch selbst (vgl. Mahlmann 2003: 65). Der Orientierungsrahmen wird insbesondere durch die Konzentration auf Individualität und auf die Vorstellung von Selbstreferenz des Liebens um der Lieben willen gegeben.

Luhmann (1983: 172) geht anders als andere Autoren im romantischen Liebescode davon aus, dass „die Asymmetrie der Geschlechter erhalten [bleibt] als Asymmetrie der Stellung zu diesem Problem“. Damit schreibt er den Geschlechtern keine Rollengleichheit zu, sondern trennt diese nach wie vor scharf. Der Mann liebt das Lieben und die Frau den Mann, weshalb das Lieben die Erfahrung des Mannes bleibt, weil und obwohl es ihm die Frau als primär Liebende ermöglicht. Wie Lenz (2009: 279f.) aufzeigt, verarbeitet Luhmann die zu gleicher Zeit vorhandene geistige Strömung des romantischen Liebescodes der „Polarisierung der Geschlechtscharaktere“. Dabei handelt es sich um eine Sicht, die lediglich das Anfangsstadium des romantischen Liebescodes repräsentiert, spätere Entwicklungen gehen aber nicht von einem Fortbestand der „Asymmetrie der Geschlechter“ im romantischen Liebesideal aus. Diese zeigen vielmehr in der Reflexivität der Liebe eine Abkehr von der hierarchischen Vorstellung der Geschlechter5. Dadurch wird die Frau im Liebescode emanzipiert. Das Lieben wird ebenso Erfahrung der Frau und die Frau wird zum „autonomen Gefühlssubjekt“, bei dem ihre Gefühle genauso wichtig werden wie die des Mannes.

Seit der Aufklärung begann sich auch in Bezug auf die Liebe als Passion eine positive Sexuallehre durchzusetzen und erst im romantischen Liebesideal vollends aufzugehen. Die Romantik befreit sich von dem Gedanken der Sexualität als Frivolität und erhebt sie auf eine andere Ebene. Sie gibt der Sexualität innerhalb der Liebe ihren Raum, indem echte Gefühle zur Mindestvoraussetzung von sexueller Realisation werden (vgl. Luhmann 1983: 54; 170ff.). Damit werden Sexualität und Liebe zu einer Einheit. Dennoch, dieses Ideal schien sich erst im Laufe des 19. Jahrhunderts allmählich auch in der Praxis niederzuschlagen, so wird Sexualität doch im frühen 19. Jahrhundert oft nach wie vor abgelehnt und heimlich gewünscht (Luhmann 1983: 34). Die Praxis ist dem Ideal daher immer nachgestellt.

[...]


1 Persönliche Beziehungen sind dadurch quasi „lebensnotwendig in einer Welt fehlender oder unübersichtlich gewordener Sinnangebote“ geworden (Hahn 2008: 42).

2 Wobei es keine allgemeinen Leitvorstellungen gab, sondern einzelne Vorstellungen, die sich überschnitten.

3 Ein wichtiger Aspekt an dieser Berücksichtigung besteht darin, dass dessen Welt auch die Person selbst enthält und zwar an zentraler Stelle als diejenige Person, die geliebt wird (vgl. Kuchler/Beher 2014: 28).

4 Ihre Vollendung erfährt die Ehe nach romantischem Ideal schließlich durch die Elternschaft der Liebenden. Durch das Kind wird die Intimbeziehung auf die höchste erreichbare Stufe gestellt (vgl. Lenz 2009: 277).

5 Dieses Kriterium wird in der Analyse deshalb nicht anhand von Luhmanns Charakterisierung untersucht.

Ende der Leseprobe aus 32 Seiten

Details

Titel
Clara und Robert Schumann. Eine romantische Liebe?
Untertitel
Eine Analyse nach Niklas Luhmann
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Note
1,0
Jahr
2019
Seiten
32
Katalognummer
V537300
ISBN (eBook)
9783346136923
ISBN (Buch)
9783346136930
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Luhmann, Schumann, Romantik, Liebe, Soziologie, Musik, Ehe
Arbeit zitieren
Anonym, 2019, Clara und Robert Schumann. Eine romantische Liebe?, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/537300

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