Shakespeares Richard III ist in die Literaturgeschichte eingegangen als ein Bösewicht par excellence. Ohne Rücksicht auf Familienbande, skrupellos und unmoralisch erschleicht er sich seinen Weg auf den englischen Thron. Dass er missgestaltet ist, scheint dabei kein Problem für ihn darzustellen. Im Gegenteil kann man bei einer genaueren Lektüre sogar feststellen, wie
Richard seine Körperlichkeit gezielt dafür nutzt, seine Ziele durchzusetzen. Diese Arbeit soll daher der Frage nachgehen, inwiefern Richards Behinderung als Machtpotenzierung gelesen werden kann.
Dazu wird zunächst der aktuelle Forschungsstand zur Symbolik Richards Körper erläutert. Im Folgenden wird auf die unterschiedlichen Beschreibungen dieses Körpers im Stück eingegangen, damit im vierten Kapitel geklärt werden kann, ob wir
im Falle Richards von einer Behinderung oder einer Deformation sprechen. Das fünfte Kapitel beschäftigt sich schließlich mit der Wissenschaft der Physiognomie, welche in der Renaissance äußerst beliebt war, und deren Annahme, dass man von der Äußerlichkeit eines Menschen auf seine Innerlichkeit schließen kann. In diesem Kapitel wird dann auch explizit die veränderliche
Semiotik von Richards Köper erläutert und als Beispiel die Verführung Annes angeführt. All diese Vorschritte sollen dazu dienen, im sechsten Kapitel die Forschungsfrage abschließend beantworten zu können.
Als Textgrundlage dient dieser Arbeit die deutsche Übersetzung von Marius Mayenburg, welche um einige Szenen im Vergleich zum Original gekürzt wurde.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Forschungsstand: Was wird durch Richards Behinderung symbolisiert?
3. Beschreibungen Richards Körper
4. Behinderung, Deformation, Stigma
5. Physiognomie als Spiegel der Moral
4.2 Veränderbarkeit der Körpersemiotik
4.3 Verführung Annes
6. Behinderung als Machtpotenzierung?
7. Literatur
Zielsetzung und thematische Schwerpunkte
Diese wissenschaftliche Arbeit untersucht Shakespeares "Richard III" mit dem Ziel zu analysieren, inwiefern die Behinderung der Hauptfigur nicht nur als bloßes Merkmal, sondern als gezieltes Instrument zur Machtpotenzierung und Manipulation eingesetzt wird.
- Die Symbolik des missgestalteten Körpers in der Literaturgeschichte
- Der Einfluss der Physiognomie als Renaissance-Wissenschaft auf die Charakterdeutung
- Die Manipulation der Körpersemiotik durch Richard III zur Täuschung anderer Figuren
- Das Spannungsfeld zwischen Stigmatisierung und der unterschätzten performativen Macht
Auszug aus dem Buch
Beschreibungen Richards Körper im Drama
Richards Körper findet nicht so oft Erwähnung im Stück, wie man es erwarten würde. Vor allem zu Anfang sind die Referenzen noch etwas häufiger, mit seinem fortschreitendem Verlauf finden sich allerdings bald gar keine Äußerungen mehr, die auf das Aussehen Richards Bezug nehmen. Dabei wird er nicht nur von anderen Figuren beschrieben, sondern auch – und das eigentlich am ausführlichsten – von Richard selbst. In seinem berühmten Eingangsmonolog sagt er:
[...] ich, zu grob ausgestanzt, und ohne die Majestät der Liebe, um mich vor einer lüstern stöckelnden Nymphe zu spreizen – ich, dem solche schönen Proportionen weggekürzt sind, von der heuchlerischen Natur ums Aussehen betrogen, behindert, unfertig, vor meiner Zeit in diese atmende Welt geschickt, gerade mal halb zusammengeklatscht, und das so lahm und verwachsen, dass die Hunde mich ankläffen, wenn ich vorbeihinke [...] (I.1)
Er verfügt über ein beträchtliches Vokabular, um seine Erscheinung zu beschreiben und tut dies durchaus auch mit Genuss. Trotz aller blumigen Umschreibungen, sagt er aber nicht explizit, wie dieser Körper nun aussieht. Deutlich wird er dagegen wenn er erklärt, dass er in seiner Gestalt die Begründung sieht, „ein Scheusal zu sein und die eitlen Vergnügungen dieser Welt zu hassen.“ Seiner Meinung nach passt er nicht in die Zeit des Friedens, die nun angebrochen ist, weil er nicht über die körperlichen Fähigkeiten verfügt, ein Liebhaber zu sein. Dies sei nämlich wohl die einzig sinnvolle Beschäftigung im Frieden. Also sieht er sich selbst als ausgegrenzt an und zieht daraus die – für ihn – logische Schlussfolgerung, ein Schurke sein zu müssen.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Arbeit stellt die zentrale Forschungsfrage auf, inwiefern die körperliche Behinderung Richard III. als strategisches Mittel zur Machtausübung fungieren kann.
2. Forschungsstand: Was wird durch Richards Behinderung symbolisiert?: Dieser Abschnitt beleuchtet verschiedene literaturwissenschaftliche Ansätze, die den missgestalteten Körper als Metapher für politisches Chaos oder gesellschaftliche Traumata deuten.
3. Beschreibungen Richards Körper: Hier wird analysiert, wie Richard sein eigenes äußeres Erscheinungsbild diskursiv nutzt, um seine Identität als Schurke zu begründen und seine Umwelt zu manipulieren.
4. Behinderung, Deformation, Stigma: Es wird erörtert, dass der Begriff der Behinderung in der Renaissance weniger als Identitätskategorie existierte, sondern Richard vor allem durch ein soziales Stigma der Deformation gezeichnet war.
5. Physiognomie als Spiegel der Moral: Das Kapitel untersucht den Renaissance-Glauben, wonach die äußere Erscheinung zwingend auf den inneren moralischen Charakter schließen lässt und wie Richard diese Erwartungshaltung gezielt unterwandert.
4.2 Veränderbarkeit der Körpersemiotik: Es wird dargelegt, dass Richard die Deutungshoheit über seinen Körper besitzt und durch geschickte Inszenierungen (z.B. den "verkümmerten Arm") politische Gegner ausschaltet.
4.3 Verführung Annes: Am Beispiel der Verführungsszene wird analysiert, wie Richard durch die Thematisierung seiner Behinderung Mitleid heuchelt und dadurch eine psychologische Überlegenheit gegenüber seinen Opfern erlangt.
6. Behinderung als Machtpotenzierung?: Im Fazit wird festgehalten, dass Richards Körperlichkeit zwar ein Stigma darstellt, er diese Schwäche jedoch paradoxerweise zur Steigerung seines politischen Einflusses ummünzt.
7. Literatur: Verzeichnis der verwendeten Primär- und Sekundärliteratur.
Schlüsselwörter
Richard III, Shakespeare, Behinderung, Deformation, Physiognomie, Stigma, Machtpotenzierung, Körpersemiotik, Renaissance, Charakteranalyse, Manipulation, Schurke, Identität, Körperlichkeit, Literaturbetrachtung
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht die Figur Richard III. aus dem gleichnamigen Shakespeare-Drama und analysiert die Funktion seiner physischen Deformation in Bezug auf seine Machtambitionen.
Welches sind die zentralen Themenfelder der Analyse?
Die zentralen Schwerpunkte liegen auf der physiognomischen Deutung von Körpern in der Renaissance, der Funktion von Stigmatisierung und der rhetorischen Selbstinszenierung der Hauptfigur.
Was ist die primäre Forschungsfrage des Textes?
Die Autorin geht der Frage nach, inwiefern Richards Behinderung nicht nur eine Bürde darstellt, sondern als aktives Werkzeug zur Machtpotenzierung und Manipulation seiner Mitmenschen gelesen werden kann.
Welche wissenschaftliche Methode wird in der Arbeit verwendet?
Es handelt sich um eine literaturwissenschaftliche Analyse, die den Primärtext mit aktuellen Theorien der "Disability Studies" und historischen Konzepten der Physiognomie verknüpft.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil analysiert die unterschiedlichen Fremd- und Selbstbeschreibungen von Richards Körper, das Stigma-Konzept nach Goffman sowie die gezielte Beeinflussung der Körpersemiotik durch Richard selbst.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung am besten?
Die Arbeit lässt sich am besten mit Begriffen wie Behinderung, Machtpotenzierung, physiognomische Deutung, Manipulation und Richard III. beschreiben.
Wie nutzt Richard seine Behinderung in der Verführungsszene mit Prinzessin Anne?
Richard instrumentalisiert seine körperliche "Unzulänglichkeit", um Mitleid zu provozieren und sich als verletzlich darzustellen, was ihm erlaubt, seine moralische Abgründigkeit hinter einer performativen Schwäche zu verbergen.
Welche Rolle spielt die Physiognomie für das Verständnis des Stücks?
In der Renaissance wurde das Äußere als Spiegel der Seele betrachtet; Richard nutzt dieses Wissen, indem er seinen Körper als "Beweis" für seine Bosheit nutzt, jedoch gleichzeitig durch sein Handeln die Verlässlichkeit solcher physiognomischen Urteile als unsicher entlarvt.
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- Anika Maßmann (Autor), 2018, Behinderung als Machtpotenzierung? Die Rolle der Behinderung in Shakespeares Richard III, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/537358