Das Kanarische Spanisch. Eine Studie zur Intonation von Vokativen (Eigennamen)


Hausarbeit (Hauptseminar), 2018

22 Seiten, Note: 1,7

Anonym


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung und Grundlagen

2 Methode

3 Ergebnisse

4 Diskussion

5 Fazit

Literaturverzeichnis

1 Einleitung und Grundlagen

„Intonation… refers to the use of suprasegmental phonetic features to convey ‚postlexical‘ or sentence-level pragmatic meanings in a linguistically structured way“ (Ladd 2008: 4). Kurz gesagt, die Intonation gehört neben der suprasegmentalen Ebene zu den kommunikativ bedeutsamen Kodierungssystemen der Sprache. Der Begriff wird oft als die „Gesamtheit der prosodischen Eigenschaften lautsprachlicher Äußerungen (Silben, Wörter, Phrasen), die nicht an den Einzellaut gebunden sind […]“ definiert (Bußmann 1983: 219). Da intonatorische Merkmale die segmentierbaren Einzellaute überlagern, werden sie auch als suprasegmentale Merkmale genannt (Bußmann 1983: 219). Bei der Beschreibung signifikanter Phänomene der Sprache spielen drei Ebenen eine Rolle. Eine davon ist die Akzentstruktur bzw. Betonung, die in artikulatorisch-phonetischer Hinsicht durch Druckanstieg auf einer Silbe bewirkt wird (Bußmann 1983: 219). Dabei ist zwischen Wortakzent (vgl. z.B. Káffee vs. Café), Satzglied oder Phrasenakzent (im neuen Háus) und Satzakzent zu unterscheiden, der weitgehend von der kommunikativen Absicht des Sprechers, abhängt und als Normalakzent, emphatischer oder kontrastiver Akzent realisiert werden kann (Bußmann 1983: 219). Die zweite Ebene ist die Pausenstruktur, die jedoch unabhängig vom Akzent und dem Tonhöhenverlauf beschrieben werden kann (Bußmann 1983: 219). Als dritte Ebene wird die Tonhöhenstruktur bezeichnet, die vom Melodieverlauf bei der Silbe mit dem Satzakzent abhängt (Bußmann 1983: 219). Bleibt die Stimmführung auf einer Tonsilbe unverändert, so wird von weiterführendem Tonmuster gesprochen, das die Unfertigkeit des begonnenen Satzes kennzeichnet (Bußmann 1983: 220).

Je nach Tonhöhenverlauf am Ende des Satzes wird zwischen fallendem und steigendem Tonmuster unterschieden. Die Intonation kann einen Satzmodus (nein vs. Nein?) unterscheiden. Vor allem ist hier die fallende und steigende Melodie entscheidend. Sowohl die Einstellung des Sprechers, als auch wichtige Elemente einer Äußerung können anhand der Intonation ausgedrückt werden (Bußmann 1983: 220).

Während in der Schriftsprache die Satzart der Intonation mittels Satzzeichen wie Frage-, Ausrufezeichen genauer bestimmt wird, richtet sich in der mündlichen Kommunikation der Fokus auf die Stimmführung des jeweiligen Sprechers. Um eine Vielfalt der kontrastierenden Tonhöhenkonfigurationen in einem Dialekt mit dazugehörigen Bedeutungen zu analysieren, müssen die Intonationsmelodien von verschiedenen Satzarten untersucht werden. Dazu gehören Deklarativsätze, Ja-Nein-Fragen, Echo-Fragen, W-Fragen, Imperative und Vokative. Letzteres bildet den Schwerpunkt dieser Forschungsarbeit.

Vokative stellen direkte Adressformen dar und weisen zahlreiche Funktionen auf: Der Sprecher möchte durch die Verwendung des Vokativs zum einen die Aufmerksamkeit auf sich lenken und damit einen kommunikativen Akt eröffnen. Hierbei soll der Kontakt zwischen den Gesprächspartnern aufrechterhalten und somit die soziale Beziehung der beiden gestärkt werden. Zum anderen hat der Vokativ die Funktion, den Adressaten durch ausdrückliche Benennung (seines Namens) zu identifizieren. Man unterscheidet zwischen non-vocatives (indirekten Vokativen) und vocatives (direkten Vokativen), zu denen die Eigennamen gehören (Huttenlauch et al. 2018: 34). Letzteres soll an der Gegenüberstellung des sanften Vokativs (Beispiel A) und des verstärkten Vokativs (Beispiel B) anhand zwei konkreter Beispiele veranschaulicht werden:

Beispiel A

Entras la cocina y ves a tu hermana, Andrea. Llámala.

(Du betrittst die Küche und siehst deine Schwester, Andrea. Rufe sie.)

Beispiel B

Andrea no te escuchó. Llámala más alto.

(Andrea hat dich nicht gehört. Rufe sie lauter.)

In der Studie von Mercedes Cabrera Abreu und Francisco Vizcaíno Ortega aus dem Jahre 2010 wurden die Tonhöhenakzente und Grenztöne des Kanarischen Spanisch in verschiedenen Äußerungsarten wie Aussage-, Frage-, Imperativ- und Vokativsatz aus der Region Las Palmas de Gran Canaria untersucht (Cabrera Abreu/Vizcaíno Ortega 2010: 87). In der Studie wurden drei Arten von Vokativen unterschieden: sanfte Vokative (gentle vocatives), verstärkte Vokative (vocatives showing a nuance of expectation) und Vokative über eine längere Distanz (vocatives calling over a long distance) (siehe hierzu Tabelle 1) (vgl. Cabrera Abreu/Vizcaíno Ortega 2010: 113) . Die Studie wurde mit sechs weiblichen Sprecherinnen zwischen 40 und 45 Jahren und einem männlichen Sprecher im Alter von 47 Jahren, die alle eine Mittlere Reife absolviert haben, durchgeführt (Cabrera Abreu/Vizcaíno Ortega 2010: 91).

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Tabelle 1: Die Ergebnisse der Nuklearkonfiguration von Vokativen in der Studie von Cabrera

Abreu und Vizcaino Ortega (2010: 119).

Der Studie 2010 zufolge ist die typische Nuklearkonfiguration eines sanften Vokativs im Kanarischen Spanisch L* H* M%. Diese liegt vor, wenn der Sprecher die Absicht hat, sachte Aufmerksamkeit zu erlangen. In Abbildung 1 aus der Studie 2010 wird veranschaulicht, wie der Sprecher den Namen Javi ausspricht. Obwohl die zweite Silbe lexikalisch unbetont ist, werden beide Silben von dem Sprecher betont realisiert. Die unbetonte Silbe wird folglich spürbar verlängert (vgl. Cabrera Abreu/Vizcaíno Ortega 2010: 113).

Abbildung 1:

Abbildung 1: Wellenform, Spektrogramm und F0 Kontur für den sanften Vokativ ¡Javi! gefolgt von der Nuklearkonfiguration L* H* M% (mit zweimaliger Betonung des Wortes) (Cabrera Abreu/Vizcaíno Ortega 2010: 114).

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In Abbildung 2 wird die Nuklearkonfiguration L+H* H% für den Vokativ über eine längere Distanz dargestellt. Nachdem die maximale Tonhöhe erreicht wurde, bleibt der Tonhöhenverlauf durch die erste betonte Silbe, d.h. die posttonische Silbe, konstant. An dieser Stelle gingen Cabrera Abreu und Vizcaíno Ortega davon aus, dass diese Kontur den Kontrast zwischen

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Abbildung 2: Wellenform, Spektrogramm und F0 Kontur für den Vokativ über eine längere Distanz ¡Gustavo! gefolgt von der Nuklearkonfiguration L+H* H% (Cabrera Abreu/Vizcaíno Ortega 2010: 115).

H* (von L+H*) und H% bildet und dass ein erwarteter Anstieg des Tonhöhenverlaufs nicht zu beobachten ist. Das liege daran, dass die Sprecher ihren höchsten Punkt des Tonhöhen-bereiches zu früh erreichten und folglich, wenn sie einen Punkt gegen Ende der Äußerung erreichten, ihr zugrundeliegender menschlicher Mechanismus die Tonhöhe daran hindere, weiter aufzusteigen (vgl. Cabrera Abreu/Vizcaíno Ortega 2010: 113).

Abbildung 3 demonstriert die typische Kontur, die von Sprechern produziert wird, um die Aufmerksamkeit einer Person in der Nähe auf sich zu lenken (vgl. Cabrera Abreu/Vizcaíno Ortega 2010: 113).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3: Wellenform, Spektrogramm und F0 Kontur für den verstärkten Vokativ ¡Javi! gefolgt von der Nuklearkonfiguration L+H* HL% (Cabrera Abreu/Vizcaíno Ortega 2010: 115).

Den Autoren zufolge gelte die Nuklearkonfiguration L+H* HL% als die repräsentativste für das Kanarische Spanisch in Vokativsätzen (Cabrera Abreu/Vizcaíno Ortega 2010: 117).

In dieser Arbeit richtet sich, anders als in der Studie 2010, der Fokus auf die Gegenüberstellung des sanften Vokativs (siehe Beispiel A) und des verstärkten Vokativs (siehe Beispiel B) im Kanarischen Spanisch aus der Region Las Palmas de Gran Canaria. Aus diesem Grund beschäftigen wir uns lediglich mit dem sanften Vokativ, der in der Studie von Cabrera Abreu und Vizcaino Ortega einen gentle Vokativ bildet, und dem verstärkten Vokativ, der in der Studie als sogenannter „vocative showing a nuance of expectation“ dargestellt wird (vgl. Cabrera Abreu & Vizcaíno Ortega 2010: 113). Hierbei soll untersucht werden, ob sich anhand der beiden Vokativarten die Nuklearkonfiguration ändert oder gleichbleibt. Auf dieser Gegenüberstellung basiert unsere Arbeit. Darauf aufbauend lautet unsere Forschungsfrage: Lässt sich die Studie von Cabrera Abreu & Vizcaíno Ortega (2010) mit unseren Ergebnissen zum Vokativ im Kanarischen Spanisch verifizieren?

2 Methode

Bevor wir uns näher mit den kanarisch-spanischen Vokativen beschäftigen, wird zunächst das Transkriptionssystem Sp_ToBI und sein theoretischer Hintergrund dargestellt. Dies ist notwendig, da die bisherige Forschung zum kanarischen Spanisch in diesem System verankert ist. Im Nachfolgenden wird die Methode des Discourse Completion Task beschrieben, welche in der Studie 2010 durchgeführt wurde. Diese Methode gilt folglich in unserer Untersuchung als wesentlicher Bestandteil. Abschließend gehen wir auf unsere Probanden und deren Herkunft ein.

Sp_ToBI („Spanish Tones and Break Indices“) ist ein Transkriptionssystem für die Intonation des Spanischen (Face/Prieto 2007: 117). Die spanische Version von ToBI (Sp_ToBI) entstand erstmals bei einem Workshop zum Thema, der im Oktober 1999 an der Ohio State University stattfand (Face/Prieto 2007: 117). Die neueste Version des Sp_ToBI-Systems wird in Hualde & Prieto (2015: 352) zur Verfügung gestellt und spiegelt die Berücksichtigung der Dialektvielfalt im Spanischen wider. Sie basiert auf dem ToBI-Framework, das zunächst für das amerikanische Englisch entwickelt und dann auf viele verschiedene Sprachen angewandt wurde (Face 2014: 185).

Ziel des Modells ist, die Intonationsmuster des Spanischen möglichst genau zu beschreiben. Die Wurzeln des Systems liegen in der Autosegmental-Metrischen Phonologie, in der Elemente auf verschiedenen Schichten als unabhängige (autonome) Segmente verstanden und als „Autosegmente“ bezeichnet werden (vgl. Ladd 1996: 116). Töne werden entweder Tonakzenten oder Grenztönen zugeordnet (vgl. Beckman et al. 2002: 11). Tonakzente sind mit betonten, metrisch starken Silben assoziiert, um relevante Konstituenten in einer Äußerung hervorzuheben (vgl. Beckman et al. 2002: 11). Grenztöne treten am Ende (und zu Beginn) von prosodischen Phrasen auf (vgl. Beckman et al. 2002: 11).

Eine Sp_ToBI-Transkription für eine Äußerung besteht aus einer Audioaufzeichnung der Äußerung und drei Fenstern, der Wellenform der Äußerung, der Grundfrequenz (f0), der Kontur der Äußerung und den Sp_ToBI-Annotationsebenen. Diese Ebenen enthalten Markierungen für Text, Ton und Grenzstärke. Die Textebene umfasst eine orthographische, phonetische und diakritische Transkription der gesprochenen Wörter, während auf der Tonebene die wahrgenommene Tonhöhenkontur mit Hilfe von Tonakzenten und Grenztönen transkribiert wird. Das Toninventar von Sp_ToBI nimmt zwei grundlegende Tonhöhenebenen an. Dabei steht H für high und L für low, wobei die Tonwerte in Relation zum Stimmumfang eines Sprechers bestimmt werden müssen. Als Faustregel gilt, dass Töne, die als hoch wahrgenommen werden, in den oberen drei Vierteln des Sprechstimmumfangs liegen. Töne, die als tief wahrgenommen werden, befinden sich dagegen im unteren Viertel. Weiterhin können Modifikationen des Tonumfangs, wie downstep und upstep, mithilfe von Diakritika markiert werden (downstep: !; upstep: ^). Diese stehen direkt vor dem betreffenden Ton (nur H Töne werden mit downstep- bzw. upstep-Diakritika modifiziert). Tonakzente werden mit einem Stern markiert (z.B. H*, L*). Das Tonakzentlabel wird in der Regel innerhalb des akzentuierten Wortes auf ein lokales f0-Maximum oder -Mininum gesetzt (vgl. Face/Prieto 2007: 118).

Das Sp_ToBI-Inventar enthält zwei monotonale (H*, L*) und vier bitonale Tonakzente (L+H*, L*+H, L+H*, L+>H*, L+ H+¡H*) (Aguilar et al. 2009). Grenztöne werden mit - (Intermediärphrase, ip) bzw. % (Intonationsphrase, IP) markiert (Aguilar et al. 2009). Es gibt sieben ip-Grenztöne (H-, L-, M-, HH-, LH-, HL-, LHL-) und sieben Grenztonkombinationen an Intonationsphrasengrenzen (L-%, M-%, HH%, LH%; LM-%, HL-%, LHL%) (Aguilar et al. 2009). Man unterscheidet im Sp_ToBI-Inventar zwischen Grenztönen am Ende von Intermediärphrasen (ip) sowie Intonationsphrasen (IP) (Aguilar et al. 2009). Zusätzlich gibt es einen Grenzton für die Markierung einer hohen Grenze am Anfang der Intonationsphrase. Eine Intonationsphrase besteht aus mindestens einer Intermediärphrase und enthält daher immer eine Grenztonkombination (vgl. Prieto/Roseano 2010: 2). Die Grenztöne bestimmen den Verlauf der Intonation des letzten Akzents (= des Nuklearakzents) bis zum Ende einer Phrase (vgl. Prieto/Roseano 2010: 2). Die Anzahl der Silben, auf denen die Grenztöne realisiert werden, kann variieren. Wenn die nuklear akzentuierte Silbe die letzte der Phrase ist, dann fallen sowohl der Akzentton als auch die Grenztöne auf diese eine Silbe; der f0-Verlauf ist dann gestaucht oder verkürzt (vgl. Prieto/Roseano 2010: 2). Im anderen Extrem können mehrere betonte (aber nicht akzentuierte) Silben folgen (vgl. Prieto/Roseano 2010: 2). Der Grenzton der Intermediärphrase wird in der Regel auf einer postnuklear betonten (nicht akzentuierten!) Silbe erreicht oder, bei kurzem Nachlauf, am Ende der Phrase (vgl. Prieto/Roseano 2010: 2). Der Grenzton der Intonationsphrase wird auf der letzten Silbe der Phrase realisiert. Bemerkenswert ist die finale Tonbewegung am Satzende, die Einfluss auf die Interpretation des Satzes nimmt (vgl. Prieto/Roseano 2010: 2). All diese Details lassen sich mit Hilfe des phonetisch-analytischen Programms Praat deutlich aufzeigen.

Für die Annotation gesprochener Sprache in einem Analysetool, wie z.B. Praat, werden mindestens zwei Ebenen (auch levels oder tiers genannt) benötigt: eine Text- oder Segmentebene, in die zumeist Wörter oder Silben eingetragen werden, und eine suprasegmentale Ebene, auf der man die relevanten intonatorischen Merkmale einer Äußerung festhält, z.B. mit den Sp-ToBI-Kategorien.

[...]

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Das Kanarische Spanisch. Eine Studie zur Intonation von Vokativen (Eigennamen)
Hochschule
Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main
Veranstaltung
Die Intonation des Spanischen
Note
1,7
Jahr
2018
Seiten
22
Katalognummer
V537381
ISBN (eBook)
9783346137234
ISBN (Buch)
9783346137241
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Spanisch, Intonation, Vokative, Eigennamen
Arbeit zitieren
Anonym, 2018, Das Kanarische Spanisch. Eine Studie zur Intonation von Vokativen (Eigennamen), München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/537381

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