Davidsons Konzept der Willensschwäche als Möglichkeit im Kontext rationaler Handlungstheorie


Hausarbeit, 2019
19 Seiten, Note: 1,0
Anonym

Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Eine Diskussion über die Möglichkeit von Willensschwäche

2. Willensschwäche zwischen Rationalität und Irrationalität
2.1. Die Antike – Eine Versuchung zwischen Urteil und Handlung
2.2. Die Moderne – Eine Überlegung zwischen Urteil und Handlung

3. Die willensschwache Handlung im Kontext philosophischer

Handlungstheorien

1. Eine Diskussion über die Möglichkeit von Willensschwäche

Willensschwäche, ein Problem menschlicher Handlung, dessen Existenz oder auch Nicht-Existenz großen Diskussionsbedarf unter den Philosophen auslöst. Doch ist Wil- lensschwäche nicht allgegenwärtig? Das Leben als Student scheint mit unendlichen Versuchungen durchsetzt. Wieder besseren Wissen werden wichtige Arbeiten nicht fer- tiggestellt oder Klausuren geschoben, um gemütlich die neue Lieblingsserie fertig zu schauen. Trotz dem Vorsatz mehr Sport zu treiben und gesünder zu essen, um in den anhaltenden Fitnesstrend einzusteigen, siegt die Gemütlichkeit. Rationalität vs. Irratio- nalität. Diese Problematik scheint es schon seit der Antike zu geben. Der Terminus "Willensschwäche" wird zwar in der antiken Diskussion nicht konkret benannt. Platon spricht in dieser Thematik jedoch von einem Nachgeben der Lust/Unlust, während Aris- toteles von "akrasia" spricht. In der Übersetzung von Ursula Wolf wird „akrasia“ als "Unbeherrschtheit" definiert. „Willensschwäche“ und „Akrasia“ sind somit je nach Au- tor in ihrer Bedeutung unterschiedlich (vgl. Wolf 1985). An dieser Stelle gilt es zu er- wähnen, dass einige Philosophen das Phänomen der Willensschwäche als Scheinprob- lem ansehen beziehungsweise gar nicht existiert (vgl. Lemmon, zitiert in Davidson 1980). Das liegt daran, dass häufig philosophische Handlungstheorien das Phänomen, eine absichtliche Handlung gegen besseren Wissen durchzuführen, nicht erklären kön- nen. Donald Davidson sieht durchaus eine Möglichkeit „Willensschwäche“ erfolgreich mit seinem Konzept der Handlungstheorie zu vereinbaren. Zum besseren Verständnis des Diskussionsrahmens über Willensschwäche werden in der ersten Hälfte dieser Ar- beit die Standpunkte wichtiger antiker Philosophen, wie Platon und Aristoteles, aufge- zeigt. Der zweite Teil der Ausarbeitung beschäftigt sich mit modernen Ansätzen zur Thematik. Mit Hilfe der Gedanken von Richard M. Hare wird das Kapitel eingeleitet. Der Schwerpunkt dieses Abschnitts ruht auf einer detaillierten Ausführung von David- sons Konzept der Willensschwäche als Möglichkeit im Kontext rationaler Handlungs- theorie. Das Kapitel wird mit einer Kritik anderer Philosophen an Davidsons Erklärun- gen und alternativen Gedanken über die Möglichkeit von Willensschwäche abgeschlos- sen. Im letzten Teil der Arbeit wird die Forschungsfrage beantwortet, inwiefern Donald Davidson die Existenz von Willensschwäche erklären kann.

2. Willensschwäche zwischen Rationalität und Irrationalität

2.1. Die Antike – Eine Versuchung zwischen Urteil und Handlung

Im platonischen Werk "Protagoras" wird ein fiktives Gespräch zwischen Sokrates und dem Sophisten Protagoras dargestellt. Der Dialog handelt davon, wie Wissen das Han- deln des Einzelnen beeinflusst und inwiefern Willensschwäche existiert oder nicht.

Nach Sokrates versucht der Mensch immer das umzusetzen, was er für "gut" befindet.

„Gut“ stellt in diesem Sinne nicht die Übereinstimmung mit gesellschaftlichen Erwar- tungen oder Moralvorstellungen sondern ein subjektives Werturteil dar. "Schlecht" wie- derum ist etwas, das auch langfristig gesehen negative Auswirkungen haben kann, selbst wenn es im Augenblick der Ausführung gut erscheinen mag, wie zum Beispiel übermäßiger Alkoholkonsum, der später in einer Lebererkrankung enden kann. Umge- kehrt kann eine Handlung, die im Augenblick als schlecht empfunden wird, gute Aus- wirkungen auf die Zukunft haben und deswegen insgesamt als gut eingestuft werden, wie beispielsweise eine Prostatauntersuchung beim Arzt, die Krebs rechtzeitig erkennen lässt (vgl. Platon & Schleiermacher 1855). Sokrates und Protagoras sind sich einig, dass dadurch die begrifflichen Grenzen von "Lust", "Gut" und "Angenehm" sowie "Unlust", "Schlecht und "Unangenehm" verschwimmen und diese als Synonyme zueinander ver- standen werden können (vgl. Platon & Schleiermacher 1855). Versucht jemand, der etwas persönlich für gut hält, nicht auch dieses zu realisieren, wenn es realisierbar ist? "Ist es nicht auch so, dass niemand aus freier Wahl dem Schlechten nachgeht, oder dem was er für schlecht hält?" (Platon & Schleiermacher 1855, 358 St.1 C)

Sokrates sagt, die Menschen begründen ihr Tun, welches entgegen besseren Wissen ist, mit dem "von der Lust überwunden werden" (vgl. Platon & Schleiermacher 1855). Un- ter dem Überwunden werden, versteht Platon ein Abwägen der Vor- und Nachteile. Der Mensch gewichtet für sich persönlich das "gute" und das "Schlechte". Er wägt ab (vgl. Platon & Schleiermacher 1855). "(...), da sich nun aber gezeigt hat, dass das Heil unse- res Lebens auf der richtigen Auswahl von Lust und Unlust beruht, der mehreren oder wenigeren, größeren oder kleineren sowohl nahen als auch fernen: Zeigt Sich zuerst nicht auch diese als Messen (...)." (Platon & Schleiermacher 1855, 357 St. 1 A-B) Prak- tische Überlegungen des Subjekts führen zur Erkenntnis, die zu der alles in allem besten Handlung führt. Wenn das Subjekt nicht der besten Handlung nachgeht, liegt das somit an Unwissen. Handelt der Mensch entgegen dem Besseren und "gibt" er der Lust oder Unlust nach, dann kann das nur durch "Unverstand" erklärt werden: "Wenn nun, sprach ich, das Angenehme gut ist, so wird niemand, er wisse nun oder glaube nur, dass es et- was Besseres als er tut, und auch ihm mögliche gibt, noch jenes tun, da das Bessere in seiner Macht steht, und dieses zu schwach sein gegen sich selbst ist also nichts anderes als Unverstand, und das sich selbst beherrschen nichts anderes als Weisheit." (Platon & Schleiermacher 1855, S. 358 St.1 B). Das bedeutet also, dass das Subjekt niemals wis- sentlich das Falsche tut, also in dem Sinn aus Platons Sicht keine Willensschwäche existiert bzw. unmöglich ist. Doch was, wenn die Bedingungen des "Wissens" und der "Ausführungsfähigkeit" gegeben sind und das Subjekt dennoch nicht das für es "Beste" im Aristotelischen Sinne ausführt? Im Dialog zwischen Protagoras und Sokrates gibt Sokrates zu, dass es durchaus sein kann, dass die Aussicht auf positives Geschehen das Subjekt dazu verleiten etwas weniger Gutes zu tun. Er sieht dies jedoch nicht als "Wil- lensschwäche" an, der Akteur wisse nichts von seiner weniger guten Handlungsent- scheidung. Platon nutzt ein Beispiel der optischen Darstellung, um das Problem zu er- läutern. Je nach Entfernung zum Betrachter wirken Gegenstände ungeachtet ihrer tat- sächlichen Größe von Nahem größer als in der Ferne. Übertragen auf die Handlung ei- ner Person bedeutet das, dass dem Subjekt einfach ein Fehler in der Beurteilung der Handlungsalternativen unterlaufen ist. Häufig werden zeitlich näherliegende Ereignisse als das Beste eingestuft und zeitlich weiter entfernte Ergebnisse falsch in die Überle- gungen mit einbezogen (vgl. Platon & Schleiermacher 1855).

Aristoteles Argumente und Gedanken zum Thema "Willensschwäche" finden sich im 7. Buch der Nikomachischen Ethik. In der Ansicht, dass einer Handlung ein durch Überle- gungen hergeleitetes Werturteil vorausgeht, stimmt Aristoteles mit Platon überein. Er lehnt jedoch die platonische Darstellung ab, dass ein Subjekt nur aus Unwissenheit her- aus nicht "das Beste" tut. Das widerspricht "(...) offensichtlich den Tatsachen (phaino- mena) (...)." (Aristoteles & Wolf, 2006, S. 220) Wie erklärt sich Aristoteles nun diese "Unbeherrschtheit?“ Er fokussiert sich bei der Analyse des Problems auf differenzierte Arten von "Wissen" und wie psychische Ursachen diese beeinflussen können.

Bei Platon ist Wissen immer handlungsentscheidend.

Aristoteles hingegen unterscheidet Wissen in zwei Typen. Personen die Wissen besitzen und es nutzen, gelten als genauso wissend, wie Subjekte, die Wissen besitzen und es nicht nutzen (vgl. Aristoteles & Wolf, 2006). Robert Robinson verdeutlicht diesen am- bivalenten Wissenszustand anhand eines Beispiels: "As I begin this sentence, you pos- sess but are not using the knowledge that Greece is an arid land; as I end it, you are u- sing as well as possessing it, because I have recalled it to your minds." (Robinson, 2010, S. 189) Eine Person kann somit auch etwas wissen ohne es gerade in dem Moment zu nutzen. Weiterhin unterscheidet Aristoteles zwischen Wissen über das Allgemeine und Wissen über das Partikuläre (dem Einzelnen) (vgl. Aristoteles & Wolf, 2006).

Ein praktischer Syllogismus für diese Unterscheidung könnte wie folgt lauten:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Dem Unbeherrschten, auch Akratiker genannt, fehlt das Wissen über das Einzelne. Je- doch ist "Gegenstand des Handelns (..) das Einzelne." (Aristoteles & Wolf, 2006, S. 224) In Folge dessen kann eine Form der Unbeherrschtheit erklärt werden. Ohne das Wissen über die Prämisse, die das Handeln prägt, kann keine logische Schlussfolgerung gezogen werden und unbeherrschte Handlungen entstehen.

Was ist jedoch, wenn der Unbeherrschte Kenntnis über das Allgemeine und das Einzel- ne besitzt und es dennoch nicht umsetzt? Aristoteles nennt hier als Beispiel betrunkene, verrückte oder schlafende Menschen und setzt mit ihnen unbeherrschte Personen gleich, deren Handeln von Gefühlsausbrüchen oder Begierden beeinflusst ist: "Dass sie Sätze sagen, die aus Wissen hervorgehen, beweist gar nichts. (...) Denn das Wissen muss mit dem Menschen verwachsen; das aber braucht Zeit. Man muss also annehmen, dass die Unbeherrschten in der Weise sprechen, wie es Schauspieler tun." (Aristoteles & Wolf, 2006, S. 225)

Die Ursache einer unbeherrschten Handlung kann Aristoteles auch auf eine naturwis- senschaftliche Art und Weise erklären. In diesem Fall konkurrieren zwei unterschiedli- che Meinungen, die jeweils eine allgemeine Prämisse darstellen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Der Beherrschte wird der Begierde widerstehen und anhand praktischer Überlegungen sein Urteil fällen, während der Unbeherrschte von der Begierde getrieben dem Süßen verfällt. Es handelt sich also nicht um einen Fehler im Wissen, wie es Platon erklären würde, sondern um einen Konflikt der durch Affekte oder Begierden ausgelöst wird, wenn diese nicht mit dem Wissen über das Allgemeine übereinstimmen. Dadurch, dass die zweite Meinung ("Alles Süße ist angenehm") eine durch Begierde beeinflusste Wahrnehmungsvariante ist und keine allgemeine Prämisse, wird nicht von Wissen "im eigentlichen Sinne" gesprochen. Nur das "wahrnehmende Wissen" kann, da es kein "richtiges" Wissen ist, von Affekten beeinflusst werden. Das allgemeine Wissen bleibt von diesen unberührt. Somit stimmt Aristoteles mit Hilfe der Differenzierung von Wis- senstypen, Platon zu, dass im aristotelischen Sinne allgemeines "wahres" Wissen immer handlungsentscheidend ist (vgl. Aristoteles & Wolf, 2006). Falls also eine Art der Un- beherrschtheit auftritt, lassen sich beim näheren Betrachten des Phänomens, Verände- rungen in der Struktur des Entscheidungsprozesses erkennen. Diese treten in Form von nicht abgerufenem Wissen, von Unwissen über die zweite Prämisse oder durch den Ein- fluss von Begierden und Affekten, auf.

Platon und Aristoteles stimmen somit darin überein ,dass niemand wissentlich entgegen des Guten handelt.

Kann die Erklärung Aristoteles für die Frage nach „Willensschwäche“ ausreichen? Sei- ne Differenzierungen in der Betrachtung des Zusammenhangs von Urteil und Handlung besitzen ein größeres Erklärungspotenzial als Platon. Jedoch sind bei Aristoteles wil- lensschwache Personen völlig von Affekten übermannt und nicht in der Lage konkrete Überlegungen durchzuführen. Die Subjekte handeln somit nicht gegen ihr besseres Ur- teil, sondern sie fällen aufgrund der situativen Gegebenheiten ein anderes (vgl. Schälike, 2004). Kann bei dieser Argumentation noch von „Willensschwäche“ im ursprünglichen Sinn gesprochen werden?

[...]

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Davidsons Konzept der Willensschwäche als Möglichkeit im Kontext rationaler Handlungstheorie
Hochschule
Technische Universität Kaiserslautern
Note
1,0
Jahr
2019
Seiten
19
Katalognummer
V537665
ISBN (eBook)
9783346134219
ISBN (Buch)
9783346134226
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Willensschwäche, Davidson, Donald Davidson, rationale Handlungstheorie, Plation, Aristoteles, Akrasia
Arbeit zitieren
Anonym, 2019, Davidsons Konzept der Willensschwäche als Möglichkeit im Kontext rationaler Handlungstheorie, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/537665

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