Menschen werden tagtäglich damit konfrontiert, Entscheidungen treffen zu müssen. Dies reicht von simplen Alltagshandlungen bis zu komplexen Problemen wie einem persönlichen Umzug oder einer folgenreichen beruflichen Entscheidung. Einige dieser Entscheidungen werden bewusst und mit vorheriger Abwägung getroffen, der Großteil aber, nämlich 70–80 %, wird unbewusst ohne vorherige Auseinandersetzung mit dem Problem oder der Fragestellung getroffen. Es gibt eine Vielzahl an Forschungen darüber, wie und mit welcher Systematik diese unbewussten Entscheidungen getroffen werden, wie fehleranfällig diese sind und welche Konsequenzen sie nach sich ziehen können. Die dafür verantwortlichen mentalen Prozesse werden Heuristiken genannt. Sie sind zeitsparend und in der Regel effektiv und korrekt, manchmal führen sie jedoch zu Fehleinschätzungen, sog. kognitiven Verzerrungen.
Die vorliegende Arbeit befasst sich mit dem Zustandekommen unbewusster Entscheidungen und wie sich diese beeinflussen lassen. Der Fokus liegt dabei auf der Ankerheuristik, die im sog. Ankereffekt resultiert. Dieser beschreibt die unbewusste Beeinflussung einer Entscheidung durch vorherige Präsentation einer bestimmten Information, z. B. einer Zahl. Der Effekt ist mittlerweile gut erforscht und auch in den Mainstream-Medien präsent. Bspw. zeigen Online-Nachrichtenseiten wie das manager magazin Videos zum Ankereffekt und dazu, wie dieser sich in Gehaltsverhandlungen nutzen lässt. Im Laufe dieser Arbeit wird der Ankereffekt in den Kontext der Verhaltensökonomik eingebettet und es wird erläutert, wie dieser zustande kommt, ob und wie man ihn umgehen kann und welche Konsequenzen sich aus ihm ergeben.
Inhaltsverzeichnis
1 Einleitung
1.1 Problemstellung
1.2 Zielsetzung und Gang der Arbeit
2 Verhaltensökonomische Grundlagen zur Erklärung des Ankereffektes
2.1 Definition Verhaltensökonomik
2.2 Historie der Verhaltensökonomik
2.3 Unterschied zur Wirtschaftswissenschaft
2.4 System 1 und System 2
2.5 Heuristiken und Verzerrungen
2.5.1. Verfügbarkeitsheuristik
2.5.2. Repräsentativitätsheuristik
2.5.3. Rekognitionsheuristik
3 Ankereffekt
3.1 Definition
3.2 Beispiele und Stand der Forschung
3.3 Vermeidung des Ankereffektes
3.4 Ankerungsindex
3.5 Ursachen des Ankereffektes
3.6 Ableitung der Untersuchung und der Hypothese
3.6.1. Hypothese 1: Auswirkungen von Geschlecht, Alter und Bildungsstand auf die Schätzungen
3.6.2. Hypothese 2: Auftreten des Ankereffektes
3.6.3. Hypothese 3: Eliminierung des Ankereffektes
3.6.4. Hypothese 4: Reduktion des Ankereffektes
4 Methodisches Vorgehen zur Datenerhebung
4.1 Stichprobe und Design
4.2 Erstellung des Fragebogens
4.3 Pretest und Durchführung der Untersuchung
5 Auswertung und Diskussion der Befragung
5.1 Überprüfung der Hypothesen
5.1.1. Überprüfung der Hypothese 1: Auswirkungen von Geschlecht, Alter und Bildungsstand auf die Schätzungen
5.1.2. Überprüfung der Hypothese 2: Auftreten des Ankereffektes
5.1.3. Überprüfung der Hypothese 3: Eliminierung des Ankereffektes
5.1.4. Überprüfung der Hypothese 4: Reduktion des Ankereffektes
5.2 Ergebnisdiskussion
6 Fazit
6.1 Zielerreichung
6.2 Perspektiven
Zielsetzung & Themen
Diese Arbeit verfolgt das Ziel, das Zustandekommen unbewusster Entscheidungen im Kontext der Verhaltensökonomik zu analysieren, wobei der Fokus gezielt auf dem Ankereffekt liegt. Mithilfe einer empirischen Untersuchung wird geprüft, inwiefern individuelle Faktoren wie Geschlecht, Alter und Bildungsstand den Effekt beeinflussen und ob eine bewusste Auseinandersetzung mit dem Ankereffekt dessen Auswirkungen minimieren oder gar eliminieren kann.
- Grundlagen der Verhaltensökonomik und Abgrenzung zur klassischen Wirtschaftswissenschaft
- Mechanismen von Heuristiken und kognitiven Verzerrungen
- Theorie und Wirkungsweise des Ankereffektes
- Empirische Analyse zur Robustheit des Ankereffektes unter verschiedenen Bedingungen
- Möglichkeiten der Reduktion oder Vermeidung kognitiver Verzerrungen bei Entscheidungen
Auszug aus dem Buch
3.1 Definition
„In vielen Situationen nehmen wir Schätzungen vor, indem wir bei einem Anfangswert beginnen, der so lange korrigiert wird, bis man die endgültige Lösung erhält. … die Korrekturen [sind] in der Regel unzureichend.” – so definieren Kahneman und Tverksy 1974 erstmals den Ankereffekt und ergänzen diese Definition mit folgender Erläuterung: „Verschiedene Ausgangspunkte ergeben unterschiedliche Schätzungen, die in Richtung der Anfangswerte verzerrt sind.“
Diese beiden Zitate erklären bereits sehr verständlich die Wirkungsweise des Ankereffektes. Demnach basieren Schätzungen häufig auf einem vorgesetzten Anfangswert, dem sog. Anker. Wenn einer Person eine Frage gestellt wird, die einen Anker enthält, wird sie bei ihrer Entscheidungsfindung davon beeinflusst. Die abgegebene Schätzung bewegt sich tendenziell eher in der Nähe des Ankers. Konkret wird dieser Anker, der den Ausgangswert bildet, solange angepasst, bis sich die Person auf ihre Entscheidung oder Schätzung festlegt. Dieser Vorgang wird Anpassung genannt und in Kapitel 3.5 genauer erläutert. Der Anker kann in vielen Formen präsentiert werden. Wie er zustande kommt, ist irrelevant. So kann er bspw. in einer Fragestellung explizit oder implizit enthalten sein und muss prinzipiell keine tatsächliche Verbindung zur Lösung besitzen.
Es zeigt sich ebenfalls, dass der Ankereffekt nicht nur bei der Präsentation eines Ausgangswertes auftritt, sondern auch, wenn die Schätzung auf einer Teilrechnung beruht. Dies wurde durch einen von Kahneman und Tversky durchgeführten Versuch bewiesen, bei dem Probanden eine Reihe von aufeinanderfolgenden Zahlen multiplizieren bzw. das Ergebnis schätzen sollten. Die Ergebnisse wurden dabei, wenn die Zahlen von klein nach groß geordnet waren, tendenziell größer eingeschätzt als umgekehrt. Den Zahlen, die an erster Stelle standen, wurde mehr Bedeutung beigemessen.
Zusammenfassung der Kapitel
1 Einleitung: Dieses Kapitel führt in die Thematik der menschlichen Entscheidungsfindung ein, definiert Heuristiken sowie kognitive Verzerrungen und stellt den Ankereffekt als zentrales Untersuchungsobjekt der Arbeit vor.
2 Verhaltensökonomische Grundlagen zur Erklärung des Ankereffektes: Hier wird die Verhaltensökonomik als Forschungsdisziplin definiert, historisch eingeordnet und von der klassischen Wirtschaftswissenschaft abgegrenzt, wobei insbesondere die duale Systemtheorie sowie zentrale Heuristiken erläutert werden.
3 Ankereffekt: Dieses Kapitel widmet sich der theoretischen Fundierung des Ankereffektes, analysiert dessen Ursachen, beleuchtet aktuelle Forschungsergebnisse und führt den Ankerungsindex zur Messbarkeit des Effektes ein.
4 Methodisches Vorgehen zur Datenerhebung: Der methodische Teil beschreibt das Design der empirischen Untersuchung, die Erstellung und Pretest-Phase des Fragebogens sowie die Durchführung der Online-Datenerhebung.
5 Auswertung und Diskussion der Befragung: Dieses Kapitel präsentiert die statistische Auswertung der gesammelten Daten zur Überprüfung der vier aufgestellten Hypothesen und diskutiert die Ergebnisse hinsichtlich ihrer Validität und Reliabilität.
6 Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen, reflektiert die Zielerreichung der Arbeit und gibt einen Ausblick auf zukünftige Forschungsperspektiven sowie potenzielle Anwendungen im praktischen Umfeld.
Schlüsselwörter
Ankereffekt, Verhaltensökonomik, Heuristiken, Kognitive Verzerrung, Entscheidungstheorie, Ankerungsindex, System 1, System 2, Empirische Untersuchung, Begrenzte Rationalität, Urteilsheuristik, Datenerhebung, Statistik, Entscheidungsfindung, Verzerrungseffekte
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in der Arbeit grundsätzlich?
Die Arbeit befasst sich mit dem Ankereffekt, einer spezifischen kognitiven Verzerrung, die Entscheidungen und Schätzungen von Menschen unbewusst beeinflusst, und untersucht Möglichkeiten zur Vermeidung dieses Effekts.
Was sind die zentralen Themenfelder?
Zu den zentralen Themen gehören die Verhaltensökonomik, die Unterscheidung zwischen intuitivem System 1 und reflektiertem System 2, verschiedene Heuristiken sowie die Mechanismen der Ankerheuristik.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Hauptziel ist es, den Ankereffekt zu beschreiben, zu erklären und mittels einer empirischen Untersuchung messbar zu machen, um die Wirksamkeit von Bewusstmachung als Gegenstrategie zu testen.
Welche wissenschaftliche Methode wird verwendet?
Es wird ein quantitativer Forschungsansatz gewählt, der eine Online-Befragung umfasst, deren Ergebnisse statistisch durch Regressionsanalysen und t-Tests in SPSS ausgewertet werden.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine theoretische Einführung in die Verhaltensökonomik und Heuristiken, eine detaillierte Auseinandersetzung mit der Theorie des Ankereffektes sowie das methodische Vorgehen und die Auswertung der empirischen Daten.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Arbeit?
Die wichtigsten Schlagworte sind Ankereffekt, Verhaltensökonomik, Heuristiken, kognitive Verzerrungen, Ankerungsindex und Entscheidungsfindung unter Unsicherheit.
Ist der Ankereffekt durch das Wissen darüber einfach zu vermeiden?
Nein, die Forschung zeigt, dass der Effekt sehr robust ist und selbst eine Vorwarnung oder das Wissen über die Funktionsweise des Ankereffektes ihn nicht vollständig eliminieren können, auch wenn eine gewisse Reduktion möglich ist.
Welche Rolle spielt die "consider-the-opposite"-Strategie?
Diese Strategie, bei der man aktiv nach Gründen sucht, die gegen den Ankerwert sprechen, hilft dabei, den Einfluss des Ankers abzumildern, eliminiert den Fehler jedoch nicht vollständig.
- Quote paper
- Patrick Lamanna (Author), 2019, Analyse von Heuristiken zur Vermeidung kognitiver Verzerrung anhand des Ankereffektes, Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/537710