Traumapädagogik bei unbegleiteten minderjährigen Geflüchteten

Zur Anwendung spezifischer Methoden der Kinder- und Jugendhilfe


Bachelorarbeit, 2019

46 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1 Einleitung

2 Einführung in die Traumapädagogik
2.1 Trauma und Traumatisierung
2.2 Das Konzept der Traumapädagogik und ihre Ziele
2.3 Kernelemente der Traumapädagogik

3 Unbegleitete minderjährige Geflüchtete als besonders vulnerable Gruppe gegenüber njTraumatisierungen und Traumafolgebelastungen

4 Flucht als sequentielle Traumatisierung vor, während und nach der Flucht
4.1 Potentiell traumatisierende Erfahrungen im Heimatland
4.2 Potentiell traumatisierende Erfahrungen auf der Flucht
4.3 Potentiell traumatisierende Erfahrungen im Aufnahmeland

5 Häufige traumaassoziierte Symptome und psychische Auffälligkeiten

6 Traumapädagogische Methoden
6.1 Traumapädagogisches Trommeln auf Congas
6.2 Traumapädagogische Ausdrucksmalerei

7 Die traumapädagogischen Methoden in Bezug auf die besondere Situation unbegleiteter minderjähriger Geflüchteter und ihrer Bedürfnisse
7.1 Effekte auf Selbstbestimmung, Kontrollerleben und Handlungsfähigkeit
7.2 Trommeln und Malen als kriegsassoziierte Trigger
7.3 Die Rolle der Herkunft der unbegleiteten minderjährigen Geflüchteten
7.4 Anpassung der Methoden an die Voraussetzungen, Verhaltensweisen und Ressourcen der unbegleiteten minderjährigen Geflüchteten
7.5 Mögliche positive Auswirkungen auf unbegleitete minderjährige Geflüchtete

8 Fazit

Quellenverzeichnis

Literaturverzeichnis

Onlinequellen

1 Einleitung

Migration ist kein im 21. Jahrhundert neu entstandenes Phänomen. Doch spätestens seit dem Einwandern von GastarbeiterInnen1 nach dem Zweiten Weltkrieg ist es für viele in Deutschland ein Begriff (vgl. Seifert 2012a, o. S.). Im öffentlichen Kontext der letzten Jahre, v.a. ab 2013, wird Migration oft im Zusammenhang mit Flucht thematisiert. Dabei wird häufig von Flucht- oder Zwangsmigration2 gesprochen (vgl. Fischer/ Goebel/ Kießling/ Treiber 2018, S. 1). Dies liegt vor allem an der stark angestiegenen Anzahl asylantragsstellender Geflüchteter in der westlichen Welt und speziell in Deutschland. Im Jahr 2016 kam es für Deutschland mit 745.545 Asylanträgen zu den bislang höchsten Werten und im Vergleich zum Vorjahr zu einem Anstieg um 63,5 Prozent (vgl. Bundesamt für Migration und Flüchtlinge 2017, S. 5). Danach fiel die Zahl der Anträge im Jahr 2017 auf 222.683 (vgl. Bundesamt für Migration und Flüchtlinge 2018a, S. 5) und sank im Jahr 2018 erneut auf mindestens 10.000 Asylanträge pro Monat (vgl. Bundesamt für Migration und Flüchtlinge 2018b, S. 5).

Unter den Antragstellenden sind viele Minderjährige, sowohl begleitete als auch unbegleitete Geflüchtete3 (vgl. Bundesamt für Migration und Flüchtlinge 2018b, S. 7). 2016 haben fast 36.000 (vgl. Bundesamt für Migration und Flüchtlinge 2017, S. 23) und 2017 über 9.000 unbegleitete Minderjährige einen Asylantrag gestellt4 (vgl. Bundesamt für Migration und Flüchtlinge 2018a, S. 25). Diese Personengruppe wird vom zuständigen Jugendamt in Obhut genommen (vgl. Hargasser 2014, S. 10). Der Rückgang der Anträge spiegelt nicht die verbesserte Lage in den Herkunftsländern wider, sondern ist Beweis für das Ausmaß der Sperrung der Balkan-Route im Jahr 2016, über die zuvor viele nach Deutschland flohen (vgl. Wiesinger 2017, S. 33).

Von besonderer Bedeutung sind auch die Herkunftsländer der unbegleiteten minderjährigen Geflüchteten. Im Jahr 2017 kamen die meisten aus Afghanistan, Eritrea, Somalia, Guinea und Syrien (vgl. Bundesamt für Migration und Flüchtlinge 2018a, S. 25). Die Gründe für eine Flucht bzw. Zwangsmigration sind vielfältig und meist ineinander verstrickt. Sie reichen von Krieg, Zwangsrekrutierung, Gewalt, politischer, religiöser oder ethischer Verfolgung, Armut, Hunger, Diskriminierung, Menschenrechtsverletzungen über Umweltkatastrophen bis hin zu individuellen Gründen (vgl. Behrensen 2017, S. 23ff.). Auffällig ist, dass sowohl in Afghanistan (vgl. Musch-Borowska 2018, o. S.) als auch in Eritrea (vgl. Amnesty International Deutschland 2018a, o. S.), Somalia (vgl. Amnesty International Deutschland 2018b, o. S.) und Syrien (hier hat sich die Lage im letzten Jahr verbessert) (vgl. Deutsche Presse-Agentur 2018, o. S.) oft seit mehreren Jahren viele gewaltsame Konflikte, bewaffnete Auseinandersetzungen und Kriege Teil des täglichen Lebens geworden sind (vgl. Becker & Krause 2015, o. S.).

Viele der Geflüchteten erleben im Heimatland, auf der Flucht und im Ankunftsland traumatische Erlebnisse5 und zeigen bei keiner Verarbeitung dieser Geschehnisse bestimmte Verhaltensweisen und Symptome, die als Traumafolgen angesehen werden können. Darunter fallen insbesondere Symptome der Posttraumatischen Belastungsstörung. Vor allem unbegleitete minderjährige Geflüchtete gelten als besonders vulnerabel gegenüber traumatischen Erlebnissen (vgl. Hargasser 2014, S. 85). „Es ist bekannt, dass Menschen, die aufgrund kriegsassoziierter traumatischer Erfahrungen (z. B. Kriegshandlungen, Folter und Vertreibung) ihr Heimatland verlassen müssen, häufiger unter psychischen Störungen […] leiden“ (Glaesmer/ Kaiser/ Nesterko1  Medizinische Psychologie und Medizinische Soziologie, Universitätsklinikum Leipzig 2016, o. S.). Ein besonderer Fokus dieser Bachelorarbeit liegt aufgrund der genannten Herkunftsländer auf unbegleiteten minderjährigen Geflüchteten aus Kriegs- und Konfliktgebieten. Die traumabedingten psychischen Belastungen6 Geflüchteter sollen durch eine psychosoziale Versorgung, wie z.B. Angebote der psychotherapeutischen Beratung oder der Psychotherapie, aufgefangen werden. Durch einen strukturellen Mangel an ambulanten und stationären psychosozialen Versorgungsmöglichkeiten sowie sprachlichen und soziokulturellen Barrieren, erlangen jedoch viel zu wenig traumatisierte Geflüchtete die Chance auf eine systematische ‚Traumabearbeitung‘. Auch wenn eine psychosoziale Versorgungsmöglichkeit nach einer langen Wartezeit, die meist mindestens sieben und nicht selten bis zu zwölf Monaten beträgt, besteht, kommen geographische Barrieren hinzu (vgl. Deutscher Bundestag. Ausschuss für Gesundheit 2016, S. 4 u. S. 11f.). „[D]ie Erreichbarkeit bedarfsgerechter Versorgungsangebote für Geflüchtete ist in vielen Regionen unzureichend“ (ebd., S. 12, Hervorheb. im Orig.).

Aufgrund der besonderen Vulnerabilität und Schutzbedürftigkeit unbegleiteter minderjähriger Geflüchteter, sowie deren Inobhutnahme durch Einrichtungen der stationären Kinder- und Jugendhilfe und der zu geringen Versorgungsmöglichkeit psychosozialer Anlaufstellen, scheint eine traumabearbeitende Versorgung im pädagogischen Setting der stationären Kinder- und Jugendhilfe sinnvoll und dringend von Nöten. Nicht nur, um unbegleiteten geflüchteten Minderjährigen eine ‚Traumabearbeitung‘ zu ermöglichen, sondern auch, um die Notwendigkeit einer traumasensiblen Haltung der PädagogInnen aufzeigen zu können.

1990 wurde das Institut für Traumapädagogik eröffnet. Seitdem wurde Traumapädagogik als neuer Fachbegriff geprägt und ist seitdem fester Bestandteil der pädagogischen Arbeit (vgl. Schelling 2010, o. S.). Spezifizierungen der Traumapädagogik auf den stationären Kinder- und Jugendhilfebereich mit expliziten traumapädagogischen Methoden wurden z.B. von Andreae de Hair et al. im Jahr 2013 in ihrem Buch „Traumapädagogische Standards in der stationären Kinder- und Jugendhilfe“ vorgenommen. Zudem gibt es bereits erste Schnittstellenveröffentlichungen bezüglich der Anwendung der Kernelemente der Traumapädagogik auf unbegleitete minderjährige Geflüchtete. Darunter z.B. Rauwald und Quindeau (2017) mit ihrem Buch „Soziale Arbeit mit unbegleiteten, minderjährigen Flüchtlingen - Traumapädagogische Konzepte für die Praxis“ oder auch Bialek und Kühn (2017) mit ihrem Buch „Fremd und kein Zuhause - Traumapädagogische Arbeit mit Flüchtlingskindern“. Jedoch weist die bisherige Fachliteratur meist lediglich auf die Bedeutung des traumapädagogischen Konzepts der ‚sicheren Orte‘ sowie einer bindungsorientierten Grundhaltung hin. Eine spezifische Ausrichtung der Traumapädagogik auf unbegleitete minderjährige Geflüchtete ist nötig, da sich die traumatischen Erlebnisse von deutschen fremduntergebrachten Kindern und Jugendlichen im Gegensatz zu besagter Personengruppe voneinander unterscheiden. Erstere erleben in ihrer Kindheit und Jugend oft schwere Vernachlässigung und innerfamiliäre (sexualisierte) Gewalt (vgl. Fegert & Schmid 2015, S. 492), während letztere oftmals aufgrund von Krieg im Heimatland, der Flucht und der Situation im Ankunftsland traumatisiert sind (vgl. Hargasser 2014, S. 85). Dementsprechend ist es notwendig sich zu fragen, ob eine simple Adaption spezifischer traumapädagogischer Methoden der Kinder- und Jugendhilfe auf unbegleitete minderjährige Geflüchtete effektiv und sinnvoll ist bzw. welche Besonderheiten beachtet und welche Anpassungen an die genannte Personengruppe vorgenommen werden müssen. Jener Frage wird in dieser Arbeit auf den Grund gegangen. Dazu sollen zwei explizite praktische Methoden der Traumapädagogik auf ihre Anwendbarkeit bei unbegleiteten minderjährigen Geflüchteten, die in stationären Kinder- und Jugendhilfeeinrichtungen untergebracht sind, im Hinblick auf ihre besonderen Bedürfnisse, potentiell traumatisierenden Erfahrungen und traumaassoziierten psychischen Auffälligkeiten und Belastungen hin analysiert werden. Dadurch soll eine umfassende, nicht nur die traumatischen Erlebnisse während der Flucht, sondern auch die Migrationsursachen, die Stressoren7 und Kontextfaktoren im Aufnahmeland einbeziehende Analyse stattfinden. Dies ist wichtig, da all diese Faktoren Einfluss auf die Ausbildung psychischer Belastungen haben können (vgl. ebd., S. 84ff.).

Die Thematik ist trotz des Rückgangs der Asylantragszahlen aktuell, da nicht nur weiterhin unbegleitete Minderjährige nach Deutschland flüchten, sondern auch diejenigen ‚versorgt‘ werden müssen, die sich in der Obhut der Jugendhilfe befinden. Des Weiteren kann ein erneuter Anstieg der Asylanträge nicht ausgeschlossen werden und die Problematik, dass unbegleitete minderjährige Geflüchtete nicht ausreichend psychosozial versorgt werden, wird in Zukunft durch weitere Migration nicht abnehmen, was eine thematische Auseinandersetzung grundlegend macht.

Der Themeneinstieg erfolgt im zweiten Kapitel über einen intensiven Blick auf die Traumapädagogik im Allgemeinen und in Abgrenzung zur Psychotraumatologie. Zudem werden Aufgaben und Ziele benannt und es wird auf das grundlegende Konzept und die Methoden der Traumapädagogik in der Kinder- und Jugendhilfe eingegangen. Im Anschluss daran wird im dritten Kapitel die besondere Vulnerabilität unbegleiteter minderjähriger Geflüchteter thematisiert. Im vierten Kapitel wird Trauma als sequentielle Traumatisierung dargestellt, die den Kontext der Geflüchteten in den Vordergrund für psychische Belastungen stellt. Im fünften Kapitel werden häufige traumaassoziierte Symptome und psychische Belastungsbilder unbegleiteter minderjähriger Geflüchteter dargelegt, die das Verhalten prägen. Anschließend werden im sechsten Kapitel die traumapädagogischen Methoden des Trommelns und des Ausdrucksmalens vorgestellt, sodass darauf aufbauend eine umfassende Analyse der Methoden im Hinblick auf die Anwendbarkeit bei unbegleiteten minderjährigen Geflüchteten sowie deren besonderen Bedürfnissen im siebten Kapitel stattfinden kann. Den Abschluss der Bachelorarbeit bildet ein Fazit, in dem durch eine systematische Auswertung sowie einer kritischen Reflexion die Fragestellung beantwortet wird.

2 Einführung in die Traumapädagogik

Grundlegend für diese Arbeit ist der Begriff des Traumas. Seine Bedeutungsvielfalt macht eine Definition für ein einheitliches Verständnis unabdingbar. Im Anschluss daran wird das Konzept der Traumapädagogik vorgestellt, welches Entwicklung, Grundhaltung sowie Ziele beinhaltet. Anschließend werden zwei traumapädagogische Basiselemente vorgestellt.

2.1 Trauma und Traumatisierung

Der Begriff ‚Trauma‘ entstammt dem griechischen Wort für ‚Wunde‘ und ‚Verletzung‘. Bis ins 19. Jahrhundert wurde er im medizinischen Kontext für körperliche Verletzungen angewandt, ehe er durch die Entwicklung der Fachdisziplin der Psychologie verstärkt auch für seelische Verletzungen genutzt wurde (vgl. Bialek & Kühn 2017, S. 31).

Orientiert wird sich an Fischer und Riedesser (2009), die Trauma als „vitales Diskrepanzerlebnis zwischen bedrohlichen Situationsfaktoren und den individuellen Bewältigungsmöglichkeiten, das mit Gefühlen von Hilflosigkeit und schutzloser Preisgabe einhergeht und so eine dauerhafte Erschütterung von Selbst- und Weltverständnis bewirkt“ (ebd., S. 84) definieren. Dies bedeutet, dass die individuellen Ressourcen und Kompetenzen zur Verteidigung und Bewältigung einer extremen, potentiell traumatisierenden Stresssituation nicht ausreichen und meist Gefühle der Ohnmacht, der Hilflosigkeit und des Kontrollverlustes auftreten. Jedoch führt nicht jedes traumatische Erlebnis zwangsläufig zu einem Trauma. Dies ist abhängig vom individuellen Erleben der Situation, den verfügbaren Ressourcen und Schutz- und Risikofaktoren. Es wird zwischen der traumatischen Situation, der Reaktion auf dieses Ereignis und dem anschließenden Verarbeitungsprozess unterschieden. Das traumatische Ereignis führt zu Gefühlen existenzieller Bedrohung und extremer Hilflosigkeit, welche mithilfe von Copingstrategien8 verringert werden können. Anschließend folgt entweder eine Verarbeitung der traumatischen Situation oder eine Traumatisierung bzw. ein Trauma (vgl. Bialek & Kühn 2017, S. 31f.). Ein solches Trauma kann sich dann in Form von symptomatischen und dysfunktionalen Reaktionen, wie z.B. Flashbacks, zeigen (vgl. ebd., S. 34ff.).

Es wird zwischen Monotraumata (Typ 1) und Mehrfachtraumata (Typ 2) unterschieden. „Demnach stellen einmalige traumatische Ereignisse eine Unterbrechung der bisherigen Normalität im Leben […] dar“ (Purtscher-Penz 2015, S. 96). Dazu zählen traumatische Ereignisse wie z.B. Naturkatastrophen und Unfälle (vgl. Bialek & Kühn 2017, S. 33). „Bei chronischen, sich wiederholenden traumatischen Erlebnissen sind diese Teile der alltäglichen Erfahrungen […]“ (Purtscher-Penz 2015, S. 96). Vernachlässigung, Misshandlung, Krieg, Flucht, Folter und Hungersnot sind traumatische Ereignisse, die häufig zu einer Mehrfachtraumatisierung führen (vgl. ebd.). Es kann also zu einem Aufeinanderfolgen von verschiedenen traumatischen Sequenzen und damit zu einer Kumulation verschiedener traumatischer Erfahrungen kommen (vgl. Hargasser 2014, S. 27). Die sequentielle Traumatisierung durch die Kumulation traumatischer Situationen im Kontext von Flucht und Zwangsmigration wird in Kapitel vier vertieft. Zuvor wird im nächsten Abschnitt auf das Konzept der Traumapädagogik und ihre Ziele eingegangen.

2.2 Das Konzept der Traumapädagogik und ihre Ziele

Die noch junge Fachdisziplin der Traumapädagogik zeichnet sich durch die Anwendung psychotraumatologischer Erkenntnisse in der (sozial-) pädagogischen Arbeit mit und in der Begleitung und Unterstützung von traumatisierten Kindern und Jugendlichen aus (vgl. Fegert & Schmid 2015, S. 489). Das Ziel war ein „spezifisch pädagogisches Unterstützungsangebot zur Bearbeitung traumatischer Lebenserfahrungen […]“ (Kühn 2014, S. 19). Es geht also darum, dass Kinder- und Jugendhilfeeinrichtungen ihr Wissen, ihre Methoden und ihr Angebot durch Kenntnisse der Psychotraumatologie mithilfe der Traumapädagogik ergänzen und erweitern. Traumapädagogik ist somit kein Substitut für therapeutische oder klinische Interventionsformen, sondern bildet eine eigenständige Quelle traumabearbeitender Methoden für das pädagogische Arbeitsfeld (vgl. ebd.). Das Wissen der Psychotraumatologie wird im pädagogischen Feld in Form von spezifischen Methoden und Konzepten anders genutzt als im therapeutischen und klinischen. Während im klinischen Rahmen oftmals eine aufdeckende Arbeit im Sinne einer Traumaexposition angestrebt wird, arbeitet die Traumapädagogik hauptsächlich dem Ziel der Selbstbemächtigung, sozialen Partizipation und Bearbeitung dysfunktionaler Reaktionen entgegen (vgl. Weiß 2013, S. 39).

Erkenntnisse der Psychotraumatologie gewannen in Deutschland aufgrund von traumatischen Ereignissen (z.B. der Amoklauf am Erfurter Gutenberg-Gymnasium 2002) vermehrt an Bedeutung, die Pädagogik beschäftigte sich jedoch bereits zu Beginn des 20. Jahrhunderts mit pädagogischen Möglichkeiten zur Traumabearbeitung (z.B. die psychoanalytische Pädagogik und die Kinderschutzbewegung). Seit dem Nationalsozialismus und bis in die 1980er Jahre herrschte eine selbstverständlich menschenverachtende und autoritäre Handhabung psychisch belasteter Kinder und Jugendlicher. Erst ab den 1980er Jahren entwickelten Angestellte von Beratungseinrichtungen für Opfer sexualisierter Gewalt, neue antidiskriminierende Konzepte für den Umgang mit psychisch Belasteten im pädagogischen Setting. Auf dieser Basis und mittels des Wissens um die pädagogische Interventions- und Versorgungsmöglichkeit traumatisierter Heranwachsender, kristallisierte sich in Deutschland ab 1990 die eigenständige Fachdisziplin der Traumapädagogik heraus (vgl. Kühn 2014, S. 19f.).

Neben der Psychotraumatologie wurzelt die Traumapädagogik z.B. auch in der Reformpädagogik, der Heilpädagogik und der Pädagogik der Befreiung. Weitere Bezugswissenschaften sind beispielsweise die Psychoanalyse, die Neurobiologie und die Erziehungswissenschaften (vgl. Weiß 2013, S. 35ff.).

Das Fundament bildet eine spezifisch traumapädagogische Grundhaltung der pädagogischen Fachkräfte. Dabei bildet die Basis eine den Anderen wertschätzende Haltung, welche sich in Form von Freundlichkeit, Respekt und Fairness zeigt. Wertschätzung ist ein Türöffner für einen offenen Umgang und einen vertrauensvollen Austausch, der für eine Traumabearbeitung grundlegend ist (vgl. Schirmer & Weiß 2013, S. 112f.). Die traumapädagogische Grundhaltung umfasst des Weiteren die Gestaltung von Partizipationsmöglichkeiten. Traumatisierte Kinder und Jugendliche brauchen erneut das Gefühl von Selbstbestimmung, Eigenständigkeit und sicherer Handlungskompetenz, nachdem sie zuvor umfangreiche Erfahrungen von Kontrollverlust, Handlungsunfähigkeit und Fremdbestimmung erlebten (vgl. Andreae de Hair & Bausum 2013, S. 115). Die kindlichen Interessen sollen Beachtung finden, um so Teilhabe und Mitspracherecht zu verwirklichen (vgl. ebd., S. 117). Transparenz ist ebenfalls Teil der Grundhaltung. Traumatische Ereignisse geschehen oftmals plötzlich. Die während der Traumatisierung(en) erlebte Unberechenbarkeit und Willkür führt zu einer intensiven Ohnmacht und zu Kontrollverlust. Ziel der transparenten Gestaltung ist Selbstbemächtigung durch Klarheit und Strukturiertheit zu ermöglichen und durch Unberechenbarkeit und Willkür hervorgerufenen Stress und traumaassoziierte Reaktionen zu vermeiden. In der stationären Kinder- und Jugendhilfe geht es vor allem um transparente Alltagsstrukturen und -abläufe und transparente Kommunikation, die aufgrund ihrer Berechenbarkeit Sicherheit und Halt geben (vgl. Lang & Wahle 2013, S. 118ff.). Spaß zählt ebenso zur Grundhaltung, da im Alltag von traumatisierten Heranwachsenden oft nur wenige und wenn misstrauisch beäugte Erfahrungen von Freude und Spaß gemacht wurden. Zudem verhilft ein freudvoller Alltag beim Wohl- und Sicherfühlen, was wiederum den Aufbau neuer Verhaltensweisen begünstigt (vgl. Lang, B. 2013, S. 121f.). Zu guter Letzt reiht sich ‚die Annahme des guten Grundes‘ in die Grundhaltung ein. Das Gehirn speichert Verhaltensmuster, die während der traumatischen Situation lösungsorientiert sind und zu einer Verbesserung des Gefühlzustandes führen. Bei chronischen Traumatisierungen entwickelt sich ein „Trauma-logisches Verhalten“ (Lang & Lang 2013, S. 108), welches oftmals auch nach den erlebten traumatischen Ereignissen zur Anwendung kommt. Chronisch Traumatisierte begegnen demnach „neuen Situationen und Interaktionspartnern mit ihren Überlebensstrategien aus früheren Situationen“ (ebd.). Das heißt, es gibt gute Gründe für ihre Verhaltensweisen, auch wenn sie in der neuen Situation nicht nachvollziehbar und destruktiv erscheinen. Durch die Annahme des guten Grundes kann das Verhalten verstanden und als Überlebensstrategie wertgeschätzt werden, ohne dass die pädagogische Fachkraft mit diesem Verhalten einverstanden sein muss. Sinn ist es, die Verhaltensweisen verstehen und zielorientiert intervenieren zu können (vgl. ebd., S. 110f.). Dabei ist die Selbstreflexivität der pädagogischen Fachkräfte von besonderer Bedeutung, um festgefahrenes, nicht traumasensibles Agieren ausfindig zu machen und durch traumasensibles Handeln zu ersetzen. Es bedarf Fortbildungen, um psychotraumatologische Kenntnisse über Trauma und deren Symptome zu gewinnen, sodass Verhaltensweisen besser eingeschätzt werden können und eine Traumabearbeitung unterstützendes Handeln der pädagogischen Fachkräfte ermöglicht werden kann (vgl. Schmid 2013, S. 57f. u. S. 64). Grundlegend sind zudem Wertschätzung, Anerkennung und Empathie gegenüber den spezifischen Geschichten, Bedarfen und Ressourcen (vgl. Gahleitner 2013, S. 47f.).

Kernziele der Traumapädagogik sind in erster Linie die körperliche und emotionale Stabilisierung traumatisierter Kinder und Jugendlicher (vgl. Baierl 2014a, S.85ff.) und die Vermeidung einer Retraumatisierung durch fehlende psychotraumatologische Handlungskompetenz des Personals (vgl. Kühn 2014, S. 20f.). Nicht nur traumatisierte Heranwachsende sollen erneut sicher in ihrem Selbstwesen werden, sondern auch das Auftreten der pädagogischen Fachkräfte soll wieder kompetent, fallorientiert und handlungswirksam durch das Wissen um psychotraumatologische Kenntnisse sowie deren Anwendung werden (vgl. Weiß 2013, S. 34f.). Des Weiteren sollen emotionale Sicherheit, Vertrauen und Bindung sowie Selbstwirksamkeit in ihrem Umfeld aufgebaut und gefestigt werden (vgl. ebd., S. 34).

Langfristig sollen so vorzeitige Hilfeplanabbrüche und Wechsel der Einrichtungen vermieden und sichere Bindungen zu Bezugspersonen aufrechterhalten werden. Außerdem soll durch die erhöhte Traumasensibilität das Risiko für Retraumatisierungen minimiert und Rahmenbedingungen geschaffen werden, in denen eine Traumabearbeitung für die Kinder und Jugendlichen ermöglicht wird. Auch die pädagogischen Fachkräfte sollen sich selbstwirksam und sicher im Umgang mit Traumatisierten erfahren (vgl. Schmid 2013, S. 64ff.).

Es wird davon ausgegangen, dass Trauma auch das Vertrauen in seine Mitmenschen und nicht nur in die eigene Person zerstört. Dieses Misstrauen soll durch intakte, stabile und haltgebende soziale Beziehungen wiederaufgebaut und dadurch eine soziale und gesellschaftliche Teilhabe ermöglicht werden. Verlässliche Beziehungen sind ein Kernelement der Bewältigung traumatischer Ereignisse (vgl. Kühn 2014, S. 22ff.), auf die im folgenden Kapitel näher eingegangen wird.

2.3 Kernelemente der Traumapädagogik

Neben der angesprochenen Grundhaltung bildeten sich im Laufe der (Weiter-) Entwicklung der Traumapädagogik eine Vielfalt an Methoden heraus, die sich an den spezifischen Bedürfnissen (chronisch) traumatisierter Kinder und Jugendlicher in der (stationären) Kinder- und Jugend-hilfe orientieren, die oft Vernachlässigung, (sexualisierte) Gewalt und (emotionalen) Missbrauch erlebten (vgl. Baierl/ Gahleitner/ Hensel/ Kühn/ Schmid 2014, S. 9ff.).

Das Kreieren sicherer Orte, die Bindungspädagogik, die Förderung von Selbstwirksamkeit und -bemächtigung und das traumapädagogische Fall- und Verhaltensverstehen sind Kernelemente, ebenso wie die interdisziplinäre Vernetzung von verschiedenen Institutionen, wie z.B. dem Jugendamt und der Kinder- und Jugendpsychiatrie. Zudem tragen die pädagogischen Fachkräfte einen nicht zu unterschätzenden Teil für eine gelingende Traumaarbeit bei (vgl. Gahleitner/ Rothdeutsch-Granzer/ Weiß 2015, S. 178ff.).

Im Folgenden sollen der Aufbau der sicheren Orte und die Bindungspädagogik genauer betrachtet werden, da sie nicht nur für deutsche Fremduntergebrachte sondern auch für unbegleitete minderjährige Geflüchtete förderlich und heilsam sind (vgl. Keller & Rettenbach 2017, S. 127ff.; vgl. Becke 2017, S. 77ff.).

Sowohl die Heranwachsenden als auch die Fachkräfte brauchen einen Ort, der größtmögliche Sicherheit bietet, sodass sie die Traumabewältigung in Angriff nehmen können. Kinder und Jugendliche müssen vor Retraumatisierungen und neuen Traumatisierungen geschützt und es muss ihnen ein Lebensraum zur Verfügung gestellt werden, den sie nicht nur einschätzen, sondern auch bewältigen können (vgl. Gahleitner/ Rothdeutsch-Granzer/ Weiß 2015, S. 178). Insgesamt nennt Baierl (2014b, S. 56ff.) fünf sichere Orte. Zum einen beschreibt er den ‚äußeren sicheren Ort‘, der gegeben sein muss, da die Welt von Traumatisierten oftmals als gefährlich eingestuft wird. Hier erfahren sie Geborgenheit, Schutz und Sicherheit. Routinen und Alltagsrituale helfen dabei, einen sicheren äußeren Ort durch Vorhersehbarkeit zu schaffen. Um Sicherheit am äußeren Ort zu spüren, hilft auch ein ‚personaler sicherer Ort‘. Dieser ‚Ort‘ ist eine Person, bei der man sich sicher und geborgen fühlt, vor allem, wenn (neue) Herausforderungen oder Gefahren erlebt werden, die noch nicht allein gemeistert werden können. Ein weiterer ‚Ort‘ wurzelt in den traumatisierten Personen und wird als ‚das Selbst als sicherer Ort‘ bezeichnet. Dafür müssen sie lernen, auf sich selbst zu vertrauen, erneut Selbstwirksamkeit und Handlungssicherheit gegenüber Problemen zu erlangen und ihr Selbstwertgefühl zu steigern. Zu wissen, dass jemand vor Ort ist, der einem hilft, wenn die eigenen Ressourcen nicht ausreichen, verhilft zu einem sicheren Selbst. Religiosität stellt ebenso einen sicheren ‚Ort‘ da. Der Glaube daran, dass spirituelle Mächte einen beschützen, gilt als einer der günstigsten Resilienzfaktoren. Als letztes wird der ‚innere sichere Ort‘ aufgegriffen, womit ein fiktiver innerer Ort gemeint ist, der bei sich aufdrängenden Gefühlen aufgesucht werden kann und Schutz bietet. Durch ihn können z.B. eigenständig hervorgerufene Dissoziationszustände veranlasst werden, die auch selbst beendet werden können, um nicht willkürlichen, potentiell retraumatisierenden Dissoziationen ausgeliefert sein zu müssen (vgl. ebd., S. 56ff.).

Für die Realisierung eines äußeren und eines personalen sicheren Ortes sind „Menschen, bei denen sie sich wohl, geliebt und geborgen fühlen“ (ebd., S. 56) nötig. Um sich beschützt zu fühlen, braucht es sichere, verlässliche Bindungen zu Bezugspersonen. Die meisten traumatisierten Kinder und Jugendlichen in stationären Einrichtungen zeigen Symptome einer Bindungsstörung, oft aufgrund von Vernachlässigung und Gewalterfahrungen. Das heißt, dass sie in der Kindheit durch ihre Bezugsperson nicht ausreichend beschützt und ihre Bedürfnisse nicht prompt und feinfühlig beantwortet wurden (vgl. Brisch 2013, S. 159). Die bisherigen oft instabilen und keine Sicherheit gebenden Beziehungserfahrungen müssen in der pädagogischen Arbeit und Bindungsgestaltung berücksichtigt werden, da die negativen Erfahrungen Einfluss auf die aktuellen Beziehungen haben (vgl. Lang, T. 2013, S. 187). Um einen sicheren personalen Ort in einer pädagogischen Fachkraft und letztendlich auch Vertrauen in andere aufbauen zu können, braucht es korrigierende positive Bindungserfahrungen, die dem Kind Sicherheit und Schutz sowie Bedürfnisorientierung, Wertschätzung, Verlässlichkeit und Freude bieten (vgl. Schmid 2013, S. 57).

Die Methoden der Traumapädagogik bilden heute einen Hauptbestandteil der Traumaarbeit in der Kinder- und Jugendhilfe (vgl. Weiß 2013, S. 33). Ihre Grundelemente wurden auch bereits auf andere Zielgruppen, wie z.B. Geflüchtete, hin analysiert (vgl. Rauwald & Quindeau 2017), die wie bereits erwähnt besonders vulnerabel gegenüber einer Traumatisierung sind. Ihre Vulnerabilität wird im nächsten Kapitel eingehend beleuchtet, um daraus Rückschlüsse für die im siebten Kapitel anstehende Analyse der traumapädagogischen Methoden ziehen zu können.

3 Unbegleitete minderjährige Geflüchtete als besonders vulnerable Gruppe gegenüber Traumatisierungen und Traumafolgebelastungen

In der Einleitung wurden unbegleitete minderjährige Geflüchtete als besonders vulnerabel Gruppe definiert. Dies wird in diesem Kapitel vertiefender aufgegriffen und es werden Gründe dargelegt, die zeigen, wieso sie besonders sensibel gegenüber traumatischen Erfahrungen sowie posttraumatischen Belastungsbeschwerden sind.

Geflüchtete Kinder und Jugendliche, begleitet und unbegleitet, sind grundsätzlich besonders vulnerabel gegenüber einer (Mehrfach-) Traumatisierung durch traumatische Ereignisse vor und während der Flucht sowie im Aufnahmeland. Die besondere Vulnerabilität9 liegt in ihrem Alter begründet, da die psychische Struktur und die eigene Identität in diesem Alter noch nicht hinreichend ausgebildet sind. Traumatische Erfahrungen überschreiten nicht ‚lediglich‘ die Verarbeitungskapazität und setzen deswegen den psychischen Apparat ‚außer Gefecht‘, so wie dies bei Erwachsenen der Fall ist, vielmehr wird das erlebte traumatische Ereignis Bestandteil der psychischen Struktur und formiert die Identität. Es wird so letztendlich zum eigenen Selbst- und Weltbild und erhält eine identitätsbildende Eigenschaft. Im Gegensatz dazu bleibt ein Trauma bei der ausgebildeten psychischen Struktur eines Erwachsenen ein Fremdkörper (vgl. Rauwald & Quindeau 2017, S. 18). Traumatisierende Ereignisse im Kindes- und Jugendalter sind demnach schwerer zu verarbeiten, „da sie […] zu einem konstitutiven Bestandteil der psychischen Struktur [werden], der sowohl das Selbst- und Fremdbild als auch das Weltverständnis grundlegend bestimmt.“ (ebd.).

Bei begleiteten Kindern und Jugendlichen bieten die Eltern oder andere Bezugs- und Bindungspersonen Schutz und können helfen, traumatische Erlebnisse besser integrieren und verarbeiten zu können, ohne dass anschließend Symptome ausgebildet werden. Die Unterstützung der Familie wird generell als ein besonders effektiver Schutzfaktor beschrieben, v.a., wenn sie während der traumatischen Situation anwesend ist. So können sie die Heranwachsenden direkt ‚beschützen‘ oder Belastungsreaktionen unmittelbar nach der traumatischen Situation angemessen auffangen und dadurch direkt nach dem traumatischen Erlebnis ein Gefühl von Sicherheit geben (vgl. Frater-Mathieson 2004, S. 18f. u. S. 21; vgl. Rauwald & Quindeau 2017, S. 21). Unbegleiteten minderjährigen Geflüchteten fehlt dieser wichtige Schutzfaktor. Da sie traumatischen Situationen allein ausgesetzt sind, empfinden sie diese oft extremer und können sie schlechter in ihr nicht ausreichend entwickeltes Selbst- und Weltbild integrieren. Oftmals schlägt eine Verarbeitung der traumatischen Situation fehl und die traumatische Belastung drückt sich durch posttraumatische Symptome und psychische Belastungen aus (vgl. Hargasser 2014, S. 85). Insbesondere in der Migrationsphase sind unbegleitete minderjährige Geflüchtete ohne beschützende Bezugspersonen vermehrt Gefahren, wie z.B. Gewalt und Missbrauch durch MenschenschmugglerInnen10, ausgesetzt (vgl. Hill & Hopkins 2008, S. 264f.; vgl. Hargasser 2014, S. 91). Generell unterliegen unbegleitete minderjährige Geflüchtete häufiger traumatischen Situationen (vgl. Hargasser 2014, S. 95), denn laut Burhorst und Wiese (2007, S. 606) erfuhren ohne Begleitung der Familie geflohene minderjähre Jugendliche etwa viermal so viele extreme traumatische Erlebnisse wie begleitete. Daran wird erkennbar, dass Familie und deren soziale Unterstützung ein wichtiger Schutzfaktor für das Erleben von traumatischen Ereignissen ist, der den unbegleiteten minderjährigen Geflüchteten fehlt. Unbegleitete minderjährige Geflüchtete sind, wie bereits erklärt, sowohl im Heimatland als auch auf der Flucht und im Aufnahmeland immer wieder potentiell traumatisierenden Situationen ausgesetzt. Es wird angenommen, dass mit der erhöhten Anzahl traumatischer Erfahrungen auch die Wahrscheinlichkeit steigt, dass die Ereignisse nicht mehr gut in das Selbst- und Weltbild integriert werden können, unabhängig von der eigenen Resilienz11 und den eigenen Schutzfaktoren eines Menschen. Demnach steigt die Wahrscheinlichkeit einer Nicht-Verarbeitung des Traumas und das Risiko für posttraumatische Beschwerden. Dies wird Dosiseffekt genannt (vgl. Hensel 2014, S. 27).

Zudem wird bei unbegleiteten minderjährigen Geflüchteten ein vorzeitiges psychisches Erwachsenwerden erzwungen, das aufgrund des adoleszenten Entwicklungsstands und damit einhergehend der nicht hinreichend entwickelten Ich-Identität kritisch zu betrachten ist. Die oft abrupte und erzwungene Trennung der Kinder und Jugendlichen von ihren Eltern, weiteren Bezugspersonen und ihrem sozialen sowie kulturellen Umfeld macht eine „pseudo-progressive Entwicklung“ (Rauwald & Quindeau 2017, S. 23) erforderlich, um die Flucht, die Ankunft im Zielland und die damit einhergehenden belastenden Ereignisse im Ansatz bewältigen zu können. Die Heranwachsenden müssen schlagartig erwachsen werden und „die psychische Funktionalität eines Erwachsenen aufweisen“ (ebd.). Sie können ihre Identitätsumwandlung von einem Kind oder Jugendlichen zu einem jungen Erwachsenen nicht in einem geeigneten und schützenden Übergangsraum erproben und festigen, somit bleibt die Identitätsbildung, die in dieser Lebensphase ansteht, unsicher und prekär (vgl. ebd.).

[...]


1 Zur Kenntlichmachung der männlichen und weiblichen Form von personenbezogenen Bezeichnungen wird in dieser Bachelorarbeit das Binnen-I verwendet.

2 Flucht- oder Zwangsmigration bezeichnet „ein unfreiwilliges Verlassen des Herkunftslandes, z.B. aufgrund von kriegerischen Auseinandersetzungen, […], einer fast immer gefährlichen und illegalisierten Migration, die mit einer extremen Abhängigkeit von Fluchthelfern, Grenzsoldaten etc. einhergeht, und einem ungesicherten Aufenthalt im Aufnahmeland […]“ (Hargasser 2014, S. 9).

3 Unbegleitete minderjährige Geflüchtete bezeichnet Personen, die unter 18 Jahre alt sind und „ohne Begleitung eines für sie verantwortlichen Erwachsenen in einen Mitgliedsstaat der EU ein[reisen] oder […] dort ohne Begleitung zurückgelassen [werden] […]“ (Bundesamt für Migration und Flüchtlinge 2016, o. S.)

4 Eine Broschüre für das Jahr 2018, die die AsylantragstellerInnen in verschiedene Gruppierungen unterteilt, liegt zum Zeitpunkt des Verfassens dieser Arbeit (noch) nicht vor. Daher wird für Zahlen zu unbegleiteten minderjährigen Geflüchteten auf die Zahlen von 2016 und 2017 zurückgegriffen.

5 „Traumatische Situationen sind solche, auf die keine subjektiv angemessene Reaktion möglich ist. Sie erfordern dringend, z. T. aus Überlebensgründen eine angemessene und „notwendige“ Handlung und lassen sie doch nicht zu.“ (Fischer & Riedesser 2009, S. 65).

6 Um nicht von psychischen Störungen und Störungsbildern zu schreiben, werden in dieser Arbeit die Worte Belastung(en) und Auffälligkeiten verwendet, da diese weniger negativ konnotiert sind.

7 Stressoren sind belastende Faktoren, die Stressreaktionen/ -zustände auslösen (vgl. Struhs-Wehr 2017, S. 39).

8 […] Coping Verhalten ziel[t] darauf ab, die äußere Problemsituation zu bewältigen.“ (Fischer & Riedesser 2009, S. 84). Copingstrategien bezeichnen also Anpassungsleistungen bzw. Bewältigungsstrategien Traumatisierter.

9 Vulnerabilität bedeutet die Verwundbarkeit der unbegleiteten minderjährigen Geflüchteten, die durch Risikofaktoren ungünstig beeinflusst wird (vgl. Hargasser 2014, S. 94).

10 MenschenschmuggelerInnen assistieren bei der illegalen Einreise gegen Geld (vgl. Neske 2007, S. 17ff.).

11 „In der psychologischen Fachliteratur wird mit Resilienz […] die Widerstandskraft von Individuen angesichts belastender Lebensereignisse bezeichnet.“ (Bengel & Lyssenko 2012, S. 24).

Ende der Leseprobe aus 46 Seiten

Details

Titel
Traumapädagogik bei unbegleiteten minderjährigen Geflüchteten
Untertitel
Zur Anwendung spezifischer Methoden der Kinder- und Jugendhilfe
Hochschule
Universität zu Köln  (Humanwissenschaftliche Fakultät)
Note
1,0
Autor
Jahr
2019
Seiten
46
Katalognummer
V538048
ISBN (eBook)
9783346152954
ISBN (Buch)
9783346152961
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Traumapädagogik, unbegleitete minderjährige Geflüchtete, UMF, Kinder- und Jugendhilfe, Trauma, Traumatisierung, Flucht
Arbeit zitieren
Lisa Madeleine Halter (Autor), 2019, Traumapädagogik bei unbegleiteten minderjährigen Geflüchteten, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/538048

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