Die Darstellung der Vergewaltigung römischer Jungfrauen und der Lucretia in de civitate dei


Hausarbeit, 2016

10 Seiten, Note: 1,3


Leseprobe

Inhalt

1) Einleitung

2) Die Darstellung der Vergewaltigungen römischer Jungfrauen und der Lucretia in de civitate dei

3) Analyse der Argumentation des Aurelius Augustinus
3.1) Klassische römische Geschichtsschreibung
3.2) Wie kann Gott eine solche Tragödie nur zulassen?
3.3) Wehret den Anfängen heidnischer Kritik!

4) Fazit

5) Quellenverzeichnis

6) Literaturverzeichnis

1) Einleitung

Im Herbst 410 eroberten die Westgoten unter der Führung des Feldherren Alarich die Stadt Rom. Alarichs Heer plünderte, folterte, mordete und vergewaltigte Frauen drei Tage lang in der Hauptstadt des römischen Imperiums, bevor es wieder abzog. Seit dem Keltensturm 387 v. Chr. war dies das erste Mal, dass Rom in feindliche Hand fiel. Die römische Bevölkerung wurde durch diesen Einfall der Westgoten und der damit einhergehenden Plünderung Roms in der Grundüberzeugung ihrer Unbesiegbarkeit und dem Glauben an den einen christlichen Gott erschüttert.1

Der lateinische Kirchenvater und Bischof Aurelius Augustinus von Hippo (354 - 430) gab bereits ab 413 in den ersten Büchern seines Werkes de civitate dei eine der ausführlichsten und detailliertesten Beschreibungen dieser Plünderungen, Folterungen, Morde und Vergewaltigungen. Um in seinen Ausführungen zu den Vergewaltigungen römischer Jungfrauen seine Argumentation noch weiter zu untermauern, griff Aurelius Augustinus die Vergewaltigung und den sich anschließenden Freitod der Lucretia, welche Titus Livius knapp 400 Jahre zuvor in ab urbe condita darstellte, als Beispiel auf.2 Wie noch zu zeigen sein wird, deutete dabei Aurelius Augustinus Lucretias Vergewaltigung und Freitod auf seine ganz eigene Art und Weise um.

Zuerst soll ein kurze Darstellung der Vergewaltigungen der römischen Frauen und insbesondere der Vergewaltigung und dem Freitod der Lucretia in de civitate dei gegeben werden. Im Zuge dessen wird näher darauf eingegangen werden, wie Aurelius Augustinus diesen Vorfall auslegt. In der sich anschließenden Analyse wird untersucht, wie seine Vorgehensweise und teilweise schwer nachvollziehbare Argumentation sowie seine Deutung des Falles der Lucretia erklärt bzw. verstanden werden kann.

2) Die Darstellung der Vergewaltigungen römischer Jungfrauen und der Lucretia in de civitate dei

Veranlasst durch die Geschehnisse in Rom im August 410 beginnt Aurelius Augustinus diese in den ersten Büchern von de civitate dei fast unmittelbar danach im Jahr 413 aufzuarbeiten. Auch wenn er während der Plünderung nicht selbst in Rom zugegen gewesen sein soll, gibt er damit eine der zeitnahesten und ausführlichsten zeitgenössischen Darstellungen der Ereignisse in Rom. Das Werk de civitate dei besteht aus insgesamt 22 Büchern. Aurelius Augustinus setzt sich vor allem in den ersten zehn Büchern mit dem Einfall der Westgoten 410 in Rom auseinander. Das Gesamtwerk de civitate dei stellte Aurelius Augustinus, wahrscheinlich nach 13 Jahren Arbeitszeit, um 426 fertig. De civitate dei gilt bis heute als ein Klassiker der Weltliteratur.3

Bevor Aurelius Augustinus exemplarisch auf die Vergewaltigung der Lucretia und deren darauf folgenden Freitod eingeht, kommt er allgemein auf die Vergewaltigungen zu sprechen, die römische Frauen während der Plünderung der Stadt erleiden mussten.4 Aurelius Augustinus zufolge seien während des Einfalls der Westgoten sogar Frauen vergewaltigt worden, die ihre Jungfräulichkeit Gott geweiht hätten und die danach in ihrer Verzweiflung Freitod begangen hätten. Da jedoch nur der Körper dieses Leid ertragen musste, die seelische Tugend und Keuschheit allerdings unangetastet geblieben sei, hätten diese Frauen ihre vermeintliche Sünde durch den Freitod nicht sühnen müssen. Ihre „innere Jungfräulichkeit“ sei bewahrt geblieben. Diese Freitode verurteilt Aurelius Augustinus daher auf das Schärfste und geht noch einen Schritt weiter, indem er argumentiert, „so ist auch ohne Frage, wer sich selbst umbringt, ein Mörder und lädt dadurch um so größere Schuld auf sich (...).“5

Um diese Aussagen zu bestärken, bespricht er in seiner Schrift die Vergewaltigung und den Freitod der Lucretia. Lucretia soll der Überlieferung nach eine vornehme, verheiratete Römerin gewesen sein, die von Sextus Tarquinus vergewaltigt wurde. Obwohl sie diese erlittene Schmach ihrem Mann Collatinus und ihrem Verwandten Brutus mitteilte, diese sich zur Rache an Lucretias Schänder verpflichteten und sie von jeglicher Schuld freisprachen, wählte sie dennoch den Freitod, um so ihre Unschuld zu beweisen; so konnte ihr niemand Ehebruch oder eine mögliche Einwilligung in die Vergewaltigung vorwerfen.

Im Gegensatz zu der damals vorherrschenden Meinung und zu den Ausführungen Livius‘ in ab urbe condita, dass Lucretia ein Beispiel traditioneller römischer Keuschheit gewesen sei, deutet Aurelius Augustinus im weiteren Verlauf seiner Ausführung diesen Vorfall entscheidend anders. Er führt aus, dass Lucretia nicht nur ihre Vergewaltigung erleiden musste, sondern auch einen Menschen getötet hätte; sich selbst. Denn wäre sie unschuldig gewesen und hätte ein reines Gewissen gehabt, hätte sie mit ihrem Freitod zu unrecht gehandelt und sich selbst, eine unschuldige Frau, getötet und folglich eine schwere Sünde begangen .

„Oder ist sie vielleicht darum aus dem Kreise der Lebenden ausgeschieden, weil sie sich nicht schuldlos, sondern einer Schuld bewußt ums Leben gebracht hat?“6 Damit möchte Aurelius Augustinus eine zweite Möglichkeit aufzeigen, dass Lucretia sich womöglich ihrer Schuld bewusst war, in Wahrheit mit der Vergewaltigung einverstanden war und sich der körperlichen Lust hingab. Folglich hätte sie Ehebruch begangen und ihre gerechte Strafe in Form ihres Freitodes erhalten. In beiden Fällen sei der Freitod gerechtfertigt gewesen, jedoch nicht der Vergewaltigung, sondern des schwächlichen Schamgefühls der Lucretia wegen. Nach Aurelius Augustinus‘ Verständnis hätten christliche Frauen der erleideten Vergewaltigung nicht noch eine zusätzliche Schmach hinzugefügt. Sie hätten sie erduldet und einen Weg gefunden, damit weiterzuleben. Dementsprechend können nach Aurelius Augustinus die römischen Frauen, die sich nach dem Einfall der Westgoten das Leben nahmen, keine guten christlichen Frauen gewesen sein.

Wenn man bedenkt, dass Aurelius Augustinus seine Ausführungen, dass die vergewaltigten römischen Frauen bzw. Lucretia mit ihrem Freitod die gerechte Strafe bekommen hätten und gute Christinnen anders gehandelt hätten vor dem Hintergrund formulierte, dass der Schrecken der Plünderung Roms in den Köpfen der römischen Bevölkerung noch sehr präsent war, wirken diese doch sehr zynisch und schwer nachvollziehbar. In der sich anschließenden Analyse soll nun untersucht werden, wie diese Aussagen unter verschiedenen Gesichtspunkten möglicherweise erklärt werden können.

3) Analyse der Argumentation des Aurelius Augustinus

3.1) Klassische römische Geschichtsschreibung

Einen ersten Ansatzpunkt zur Deutung Aurelius Augustinus‘ Gedanken bietet Karla Pollmann (Augustins Transformation, 1997), indem sie die Auffasung von klassischer römischer Geschichtsschreibung zu Rate zieht. Nach dieser wurde in klassischer römischer Geschichtsschreibung in aller Regel exemplarisch auf herausragende römische Persönlichkeiten eingegangen und versucht, deren Tugenden und Laster herauszuarbeiten, um daraus Lehren und Verhaltensrichtlinien für das Leben der Menschen zu formulieren.7 Dieser Ansatz bietet dahingehend eine mögliche Erklärung, dass sich Aurelius Augustinus dieser „Exempla-Technik“ bediente und das Fallbeispiel der Lucretia als eigentlich klassisches Beispiel römischer Tugend und Keuschheit benutzte, um vor allem ihre möglichen Laster und ihr widersprüchliches Verhalten herauszuarbeiten und daraus den Christen bzw. christlichen Frauen Verhaltensrichtlinien zu vermitteln. Nämlich, wie zuvor in Kapitel 2 erwähnt, dass sie lernen müssen, mit der Schmach einer Vergewaltigung zu leben und der Freitod eine noch viel größere Sünde ist. Pollmann (Augustins Transformation, 1997) zufolge möchte Aurelius Augustinus darüber hinaus mit diesen exemplarischen Ausführungen eine christliche Moralvorstellung vermitteln, derzufolge der Ruhm eines christlichen Menschen aus dem Inneren seiner selbst kommt und nicht aus dem Urteil der Menschen übereinander entsteht (heidnische Vorstellung des Ruhms). Hätten Lucretia und die römischen Jungfrauen diese christliche Moralvorstellung gehabt, hätten sie keinen Freitod begangen. Dies führt zu der Vermutung, dass eine falsche und heidnische Moralvorstellung vorgelegen haben muss.

3.2) Wie kann Gott eine solche Tragödie nur zulassen?

Aurelius Augustinus befand sich im Herbst 410 wahrscheinlich in Karthago. Nach der Plünderung Roms kamen viele Flüchtlinge, vor allem Christen, nach Nordafrika, die nach Antworten auf die Geschehnisse in Rom und Trost suchten. In seiner Funktion als Bischof und Seelsorger war er somit direkt mit Christen konfrontiert, deren christliches Selbstverständnis und Weltbild, die Einheit aus römischen Reich und Himmelreich, durch den Fall Roms zerbrochen war. Nicht wenige Christen sollen aufgrund dessen an ihrem christlichen Glauben Zweifel bekommen und sich gefragt haben, wie eine solche Stadt, die so viel für das Christentum getan hatte, eine derartige Tragödie ereilen konnte.8

[...]


1 Vgl. Demandt, Alexander: Die Spätantike. Römische Geschichte von Diocletian bis Justinian 284 – 565 n.Chr.. München2 2007, S. 178-179; Herwig, Wolfram: Geschichte der Goten. Von den Anfängen bis zur Mitte des sechsten Jahrhunderts. Entwurf einer historischen Ethnographie. München 1979, S. 187-189; Martin, Jochen: Spätantike und Völkerwanderung. München3 1995 (Oldenbourg Grundriss Geschichte, Band 4), S. 39; Meier, Mischa/Pätzold, Steffen: August 410. Ein Kampf um Rom. Stuttgart2­­ 2010, S. 9. Einen ersten Überblick über die Geschehnisse in Rom 410 geben, vgl. Schwarcz, Andreas: Alaricus 2. In: DNP 1. Stuttgart 1996, Sp. 432-433; Hartmann, Ludo Moritz: Alaricus 2. In: RE 1,I. Stuttgart 1894, Sp. 1286-1291; Lippold, Adolf: Alaricus 1. In: KIP 1. Stuttgart 1964, Sp. 229-230; Stroheker, Karl Friedrich: Alarich I. In: LAW. Zürich/Stuttgart 1965, Sp. 100. Auffällig ist dabei jedoch, dass sich Hartmann und Lippold (14.8.410) und Eder und Stroheker (24.8.410) in der Datierung der Ereignisse um zehn Tage unterscheiden.

2 Vgl. Aug. Civ. 1, 16-19; Liv. 1, 57-60; Fuhrmann, Manfred: Titus Livius 2. In: KIP 3 Stuttgart 1969, Sp. 695-698; Helck, Wolfgang: Livius Titus. In: LAW. Zürich/Stuttgart 1965, Sp. 1753-1756.

3 Vgl. Fischer, Joseph: Die Völkerwanderung im Urteil der zeitgenössischen kirchlichen Schriftsteller Galliens unter der Einbeziehung des heiligen Augustinus. Heidelberg/ Waibstadt o.J., S. 40; Fuhrmann, Manfred: Rom in der Spätantike. Porträt einer Epoche. Düsseldorf/Zürich3 1998, S. 200; Meier/Patzold, August 410, S. 42. Bei der Angabe der Jahreszahlen des Enstehungszeitraums von de civitate dei unterscheiden sich die Angaben in der Literatur. Fuhrmann und Fischer nennen hier die Jahre 413 – 426, wohingegen Meier/ Patzold die Jahre 412 – 427 angeben.

4 Im folgenden Abschnitt stütze ich mich vor allem auf, vgl. Aug. civ. 1, 16-19; Liv. 1, 57-60; Fischer, Die Völkerwanderung, S. 43; Pollmann, Karla: Augustins Transformation der traditionellen römischen Staats- und Geschichtsauffassung (Buch I-V). In: De civitate dei. Hrsg. von Christoph Horn. Berlin 1997 (Klassiker Auslegen, Band 11), S. 25-41, hier S. 27-28; Scholz, Heinrich: Glaube und Unglaube in der Weltgeschichte. Ein Kommentar zu Augustinus de civitate dei. Leipzig 1911, S. 180; Werner, Robert: Lucretia. In: LAW. Zürich/7Stuttgart 1965, Sp. 1770.

5 Aug. civ. 1, 17, übertragen von Thimme 1985, S. 31.

6 Aug. civ. 1, 19, übertragen von Thimme 1985, S. 34-37.

7 Im Folgenden beziehe ich mich konkret auf, vgl. Pollmann, Augustins Transformation, S. 26-28.

8 Vgl. Fischer, Die Völkerwanderung, S. 41; Flasch, Kurt: Augustin. Einführung in sein Denken. Stuttgart 1980, S. 401; Fuhrmann, Spätantike, S. 205; Meier/Patzold, August 410, S. 47; Schlange-Schöningen, Heinrich: Augustinus und der Fall Roms. Theodizee und Geschichtsschreibung. In: Jenseits der Grenzen. Beiträge zur spätantiken und frühmittelalterlichen Geschichtsschreibung. Hrsg. von Andreas Goltz, Hartmut Leppin, Heinrich Schlange-Schöningen. Berlin 2009 (Millenium-Studien, Band 25), S. 135-152, hier S. 144; Zwierlein, Otto: Der Fall Roms im Spiegel der Kirchenväter. In: ZPE 32 (1978), S. 45-80, hier S. 57.

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Details

Titel
Die Darstellung der Vergewaltigung römischer Jungfrauen und der Lucretia in de civitate dei
Hochschule
Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Note
1,3
Autor
Jahr
2016
Seiten
10
Katalognummer
V538090
ISBN (eBook)
9783346144607
ISBN (Buch)
9783346144614
Sprache
Deutsch
Schlagworte
darstellung, vergewaltigung, jungfrauen, lucretia
Arbeit zitieren
Maximilian Posch (Autor), 2016, Die Darstellung der Vergewaltigung römischer Jungfrauen und der Lucretia in de civitate dei, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/538090

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