Der Begriff Höflichkeit entwickelte sich aus dem mittelhochdeutschen hoflich oder hovelich (höfisch, ritterlich, vornehm, fein, gesittet, geschickt), das den Lebensstil am frühneuzeitlichen Hof bezeichnete. Höflichkeit spielt eine entscheidende Rolle in der menschlichen Gesellschaft, denn ohne sie ist ein soziales Miteinander ausgeschlossen. Mit ihr wird ein guter Umgangston und Zuvorkommenheit vorausgesetzt, die den Respekt vor dem Gegenüber zum Ausdruck bringen. Höflichkeit spielt in annähernd allen Lebensbereichen der heutigen Gesellschaft eine Rolle, sei es um einen guten Eindruck bei einem Bewerbungsgespräch zu hinterlassen oder um enge Freunde nicht zu verletzen. Höfliches Verhalten ist jedoch kein modernes Phänomen, sondern beschäftigt die Menschheit bereits seit hunderten von Jahren. Neben der soziologischen Betrachtungsweise kann man den Begriff der Höflichkeit auch auf linguistische Weise beleuchten. Die Frage, inwieweit sich diese gesellschaftlichen Normen im Laufe der Zeit veränderten, bildet den Ausgangspunkt dieser Arbeit.
Die folgende Hausarbeit konzentriert sich auf die angesprochene linguistische Sichtweise der Höflichkeit. Anredeformen gelten als die transparenteste Form der Respektmarkierung (SIMON 2003) und stellen damit einen der Themenschwerpunkte dieser Arbeit dar. Partikeln unterstützen die fundamentalen Eigenschaften des anteilnehmenden und partnerschaftlichen Dialogs und haben daher in den meisten Fällen eine höfliche Wirkung.
Als historische Grundlage der Sprache im 19. Jahrhundert wird auf das Werk Woyzeck von Georg BÜCHNER zurückgegriffen, anhand dessen grammatikalische Auffälligkeiten analysiert werden. Auszüge des Dramentextes entstammt der „EinFach Deutsch“-Ausgabe, die von Norbert SCHÄBLITZ durch Anmerkungen und Materialen ergänzt und 1999 von Johannes DIEKHANS im Schöningh-Verlag veröffentlicht wurde. In diesem Stück sind die Anredeformen besonders auffällig. Durch die Besonderheiten der Anredeformen wird folgende Forschungsfrage der präsentierten Arbeit zu Grunde gelegt: „Wie äußern sich Höflichkeitsnormen durch Modalpartikelngebrauch und Anredeformen am Beispiel von BÜCHNERS Woyzeck und stellen diese eine angemessene Repräsentation der Sprache im 19. Jahrhundert dar?“.
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Höflichkeitswandel durch die Jahrhunderte
3. Aktueller Stand der Höflichkeitsforschung
3.1. Das face-Modell nach BROWN/LEVINSON (1978)
3.2. Anredebestimmende Variablen
4. Was ist sprachliche Höflichkeit? Welche Höflichkeitsformen gibt es?
4.1. Partikeln als Höflichkeitform
4.2. Anredepronomina im 19. Jahrhundert
5. Georg BÜCHNERS „Woyzeck“
5.1. Inhalt des Dramas
5.2. Linguistische Analyse
5.2.1. Subjektpronomina
5.2.2. Partikeln
6. Fazit
Zielsetzung & Themen
Die vorliegende Arbeit untersucht die sprachliche Realisierung von Höflichkeitsnormen im 19. Jahrhundert anhand des Dramas „Woyzeck“ von Georg Büchner. Ziel ist es zu analysieren, inwiefern der Gebrauch von Modalpartikeln und spezifischen Anredeformen als Repräsentation der damaligen gesellschaftlichen Hierarchien und Sprechnormen fungiert.
- Historische Entwicklung des Höflichkeitswandels
- Theoretische Grundlagen der Höflichkeitsforschung (Face-Modell nach Brown/Levinson)
- Analyse der Anredepronomina als Mittel der Distanzmarkierung
- Funktion von Modalpartikeln in Dialogen zur Steuerung der Interaktion
- Sprachliche Spiegelung sozialer Asymmetrien am Beispiel der Figur Woyzeck
Auszug aus dem Buch
4.1. Partikeln als Höflichkeitsform
Bei den angesprochenen Partikeln handelt es sich um unflektierte Wörter, die eine eigene Wortklasse bilden, ohne eine lexikalische oder deiktische Bedeutung zu besitzen, das heißt sie sind optional und können problemlos weggelassen werden (THURMAIR 1989: 2). Diese Arbeit legt ihren Fokus im Speziellen auf die Funktion von Modalpartikeln, bzw. Abtönungspartikeln. Dazu gehören Worte wie denn, doch, eben, ja, mal, aber oder schon. In erster Linie treten diese in der Umgangssprache auf (NÜBLING et al. 2010: 167). Sie zeichnen sich durch einen hohen Grad an Spontanität aus und kommen meist in Situationen der Nähe und des Vertrauens zum Einsatz.
Der Gebrauch von Modalpartikeln ist vielmehr typisch für ungezwungene, umgangssprachliche Gespräche. Nur in vertrauter Umgebung „fühlen Modalpartikeln sich wohl“ (ANKENBRAND 2006: 1; THURMAIR 1989: 3). Der Gebrauch und die Rezeption dieser Partikeln liegen Forschungen zufolge unterhalb der Bewusstseinsschwelle des Sprechers (ANKENBRAND 2006: 1). Die Funktion dieser Wortart liegt darin, „eine Äußerung in den Interaktionszusammenhang einzubinden“ (THURMAIR 1989: 2) und die eigene und gemeinsame Haltung der Gesprächspartner zum Aussageinhalt deutlich zu machen (abhängig vom Vorwissen).
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Die Einleitung führt in den Begriff der Höflichkeit ein und formuliert die Forschungsfrage bezüglich der Repräsentation gesellschaftlicher Normen durch Sprache im 19. Jahrhundert.
2. Höflichkeitswandel durch die Jahrhunderte: Dieses Kapitel skizziert die historische Entwicklung der Höflichkeit in Deutschland anhand verschiedener gesellschaftlicher Phasen vom Mittelalter bis zur Moderne.
3. Aktueller Stand der Höflichkeitsforschung: Es wird ein Überblick über die moderne Forschung gegeben, mit Fokus auf das Face-Modell von Brown/Levinson sowie die anredebestimmenden Variablen nach Besch.
4. Was ist sprachliche Höflichkeit? Welche Höflichkeitsformen gibt es?: Das Kapitel definiert sprachliche Höflichkeit und analysiert die Funktion von Modalpartikeln sowie Anredepronomina als Mittel zur Markierung zwischenmenschlicher Beziehungen.
5. Georg BÜCHNERS „Woyzeck“: Dieser Hauptteil verknüpft die theoretischen Erkenntnisse mit einer linguistischen Analyse der Pronominal- und Partikelverwendung in Dialogen des Dramas.
6. Fazit: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen und reflektiert die Eignung von „Woyzeck“ als Analysegrundlage für sprachliche Normen des 19. Jahrhunderts.
Schlüsselwörter
Höflichkeit, Sprachwandel, Woyzeck, Modalpartikeln, Anredepronomina, Face-Modell, Brown/Levinson, soziale Hierarchie, Sprachgeschichte, Respektmarkierung, 19. Jahrhundert, Linguistik, Interaktion, Dramenanalyse, Kommunikation.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht, wie sich gesellschaftliche Höflichkeitsnormen des 19. Jahrhunderts in der Sprache widerspiegeln, konkret am Beispiel des Dramas „Woyzeck“ von Georg Büchner.
Was sind die zentralen Themenfelder der Untersuchung?
Die zentralen Themen sind der historische Höflichkeitswandel, die Verwendung von Anredepronomina (wie Er/Sie/Du) und der Einsatz von Modalpartikeln als Steuerungsmittel in der Kommunikation.
Was ist das primäre Ziel der Arbeit?
Das Ziel ist die Beantwortung der Forschungsfrage, wie Höflichkeitsnormen durch Modalpartikeln und Anredeformen im Drama „Woyzeck“ ausgedrückt werden und ob diese eine adäquate Repräsentation der Sprache des 19. Jahrhunderts darstellen.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden verwendet?
Die Autorin nutzt eine qualitative linguistische Analyse von Dialogauszügen aus dem Primärtext, unterfüttert durch die theoretische Rahmung von Höflichkeitsmodellen, insbesondere durch Brown/Levinson und Besch.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil befasst sich detailliert mit der linguistischen Analyse der Pronominalwahl und Partikelverwendung zwischen den Charakteren Woyzeck, Hauptmann, Doktor und Marie.
Welche Schlüsselbegriffe charakterisieren die Arbeit?
Zu den wichtigsten Begriffen zählen Höflichkeitswandel, Face-Modell, Modalpartikeln, soziale Hierarchie, Anredepronomina und Respektmarkierung.
Inwiefern zeigt das Drama „Woyzeck“ soziale Unterschiede?
Die Arbeit zeigt auf, dass die soziale Überlegenheit von Vorgesetzten wie dem Hauptmann oder dem Doktor durch eine asymmetrische, teils demütigende Anrede (Er-Anrede) gegenüber Woyzeck sprachlich manifestiert wird.
Welche Rolle spielen Modalpartikeln bei der Höflichkeit im Drama?
Die Analyse verdeutlicht, dass Modalpartikeln in „Woyzeck“ eher selten als Höflichkeitsmarker auftreten, sondern vielmehr dazu dienen, Einstellungspositionen oder Vorwürfe zu verstärken.
- Citation du texte
- Sophie Hohmann (Auteur), 2015, Höflichkeitsformen im 19. Jahrhundert anhand von Georg Büchners "Woyzeck", Munich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/538147