Verschwörungsglaube und Health Literacy. Warum Menschen auf Verschwörungstheorien vertrauen

Ein integratives systematisches Review


Bachelorarbeit, 2019

52 Seiten, Note: 1,1


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Methodik
2.1 Suchstrategie
2.2 Ein- und Ausschlusskriterien

3. Ergebnisse der Literaturrecherche

4. Definition zentraler Begriffe und Konzepte
4.1 Gesundheit
4.2 Gesundheitsoutcomes

5. Verschwörungsglaube
5.1 Begriffsklärung und Definition
5.2 Verbreitungsgrad
5.3 Psychosoziale Betrachtung des Verschwörungsglaubens
5.4 Philosophische Betrachtung des Verschwörungsglaubens
5.5 „Yesterday’s tools“ und Nutzen des Verschwörungsglaubens
5.6 Verschwörungsglaube und Gesundheit(sverhalten)

6. Das Konzept der Health Literacy
6.1 Vorstellung und Definition des Health Literacy Konzeptes
6.2 Ausprägung der Health Literacy in Deutschland
6.3 Forschungsstand zur Konzeptualisierung von Health Literacy
6.4 Health Literacy und Gesundheit(sverhalten)

7. Diskussion der Ergebnisse und Methoden
7.1 Verschwörungsglaube und Gesundheit
7.2 Health Literacy und Gesundheit
7.3 Health Literacy als „Gegenmodell“ zum Verschwörungsglauben
7.4 Methodendiskussion und Limitation

8. Schlussfolgerung und Implikationen für die Praxis

Literaturverzeichnis

Tabellenverzeichnis

Abbildungverzeichnis

Abkürzungsverzeichnis

1. Einleitung

Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) hat Anfang des Jahres 2019 eine Liste der zehn größten Risiken für die globale Gesundheit vorgestellt. Neben Luftverschmutzung und Klimawandel zählt die WHO HIV/AIDS zu den Gesundheitsrisiken. Noch immer sterben jährlich ca. eine Millionen Menschen an HIV/AIDS, rund 37 Millionen sind schätzungsweise mit HIV infiziert. Die WHO würdigt einerseits die Erfolge bei der Bekämpfung von HIV. Sie stellt jedoch auch fest, dass die Zahl der Neuerkrankungen trotz der Möglichkeit einer Präexpositionsprophylaxe, immer noch hoch ist (WHO online, WHO 2019). Weiterhin zählt die WHO Impfverweigerung zu den größten Risiken. So ist im Jahr 2018 ein starker Anstieg der Zahl der Maserninfektionen in der EU zu verzeichnen gewesen. Dies wird auf die niedrige Impfrate zurückgeführt (WHO WHOonline 2018). Die Ursachen für die Impfverweigerung werden als komplex dargestellt und mangelndes Vertrauen als einer der Gründe angeführt (WHO online, WHO 2019). Im April 2019 hat die EU-Kommission eine bessere Aufklärung über Impfungen gefordert. Jyrki Katainen, EU-Vizepräsidenten für Beschäftigung, Wachstum, Investitionen und Wettbewerbsfähigkeit, hat in seiner Erklärung Falschinformationen hinsichtlich Impfens den Kampf angesagt (EU-Kommission 2019). Im Zusammenhang mit Falschinformationen wird der Glaube an Verschwörungstheorien als einer der Verweigerungsgründe diskutiert. Neben anderen Argumenten, drehen sich diese um die Überzeugung, dass die Impfung eher schadet als nützt. Die Pharmaunternehmen seien nicht an der Heilung interessiert sondern an Gewinnmaximierung durch Krankheitsverbreitung (Jolley und Douglas 2014, S.1). Ebenso werden in der Forschung zur Inanspruchnahme der HIV-Präexpositionsprophylaxe Verschwörungstheorien untersucht. So existieren Überzeugungen, die die Regierung zusammen mit der Pharmaindustrie verdächtigen, das HI-Virus künstlich in Laboren gezüchtet zu haben (Brooks et al. 2018, S.2). Die Verarbeitung von Gesundheitsinformationen spielt in diesem Kontext eine bedeutsame Rolle für die Menschen in der Gesundheitsversorgung. Insbesondere der Umgang mit Informationen aus dem Internet gewinnt in den letzten Jahren an Bedeutung bei der Informationsbeschaffung. Im Vergleich zum Jahr 2006 (34%) hat sich die Zahl derer, die ihre Informationen online beziehen nahezu (64%) verdoppelt (Statista 2019). Der Kontakt zum (Haus)Arzt ist jedoch weiterhin die erste Quelle (73%) um sich über Gesundheitsfragen zu informieren (Statista 2016). Die WHO hat im Rahmen der Gesundheitsbildung die Förderung der Health Literacy zu einer Schlüsseldimension von „Gesundheit 2020“ erklärt (Kickbusch et al. 2017, S.5).

Zum Konzept der Health Literacy und zum Glauben an Verschwörungstheorien bzw. Verschwö- rungsglauben liegen Studien unterschiedlicher wissenschaftlicher Disziplinen vor. Sowohl der Verschwörungsglaube als auch Health Literacy wurden im Zusammenhang mit Gesundheitsoutcomes untersucht. So wurde der Verschwörungsglaube im Zusammenhang mit Impfentscheidung (Jolley und Douglas 2014) oder Präventionsverhalten (Bogart et al. 2011) erforscht. Health Literacy war Gegenstand mehrerer Arbeiten im Zusammenhang mit Outcomes auf Ebene chronischer Erkrankungen wie Diabetes (Sayah et al. 2016) oder Asthma (Mancuso und Rincon 2006). Das Konzept der Health Literacy wurde jedoch noch nicht im Zusammenhang mit Verschwörungsglauben untersucht oder diesem gegenübergestellt. Es wird angenommen, dass der Glaube an Verschwörungstheorien mit negativen und Health Literacy mit positiven Gesundheitsoutcomes assoziiert sind. Die Erforschung dieser Beziehung ist relevant für Outcomes auf Ebene der Gesundheitsauswirkungen und des Gesundheitsverhaltens. Das Verständnis könnte dazu beitragen, geeignete Wege zu finden, um mit bspw. Impfverweigerung umzugehen. Diese Arbeit ordnet sich in die Forschung zum Konzept der Health Literacy ein. Es wird die Frage untersucht, ob das Konzept der Health Literacy als Gegenmodell zum Verschwörungsglauben fungieren kann. Die Beantwortung dieser Frage erfolgt auf Grundlage einer Übersicht des aktuellen Forschungsstandes. Beide Aspekte werden im ersten Schritt einzeln auf ihre Merkmale und Funktion analysiert, sowie im Zusammenhang mit Gesundheitsoutcomes untersucht. Das Verständnis der Funktion, Motive und Zusammenhänge bildet die Grundlage, um das Konzept der Health Literacy dem Verschwörungsglauben gegenüber stellen zu können. Die Beantwortung der Forschungsfrage soll zur Weiterentwicklung des Health Literacy Konzepts beitragen und weitere wissenschaftliche Arbeiten anregen.

Fragen des Vertrauens oder Misstrauens bilden einen Aspekt des Verschwörungsglaubens und werden implizit untersucht. Es werden nicht nur Verschwörungsglaube hinsichtlich des Impfens oder HIV, sondern alle gesundheitsbezogenen Formen behandelt. Der Verschwörungsglaube zeichnet sich durch hohe Komplexität aus und tangiert den Bereich der Philosophie. Die philosophische Betrachtung in dieser Arbeit dient dem breiteren Verständnis des Phänomens und behandelt dieses stark vereinfacht. Eine ausführliche philosophische Analyse würde den Rahmen deutlich sprengen. Diese Arbeit legt den Fokus auf eine gesundheitswissenschaftliche Untersuchung. Das Ziel ist nicht, existierende Verschwörungstheorien auf ihren Wahrheitsgehalt hin zu überprüfen. Weiterhin soll nicht die wissenschaftliche Diskussion erfolgen, ob z.B. das Impfen als sinnvoll einzustufen sei. Es wird vielmehr der Versuch unternommen, die Motive dahinter und Funktion des Verschwörungsglaubens zu verstehen.

Im zweiten Kapitel wird die Methodik und Suchstrategie beschrieben, Suchbegriffe sowie Ein- und Ausschlusskriterien formuliert. Anschließend werden in Kapitel 3 die Ergebnisse der Recherche präsentiert und der Prozess graphisch dargestellt. In Kapitel 4 werden zentrale Begriffe definiert. In Kapitel 5 wird der Begriff des „Verschwörungsglaubens“ definiert und die Ergebnisse zur Verbreitung präsentiert. Der Verschwörungsglaube wird weiterhin aus psychosozialer und philosophischer Sicht analysiert. Im letzten Teil des Kapitels wird der Zusammenhang zwischen Verschwörungsglaube und Gesundheit(sverhalten) untersucht. In Kapitel 6 wird zuerst der Begriff der „Health Literacy“ definiert und die Konzeptualisierung, sowie Ausprägung durch die Forschungsliteratur dargestellt. Im Anschluss wird Health Literacy im Zusammenhang mit Gesundheit(sverhalten) untersucht. In Kapitel 7 werden die Ergebnisse hinsichtlich Fragestellung und Zielsetzung diskutiert und bewertet, sowie Health Literacy dem Verschwörungsglauben gegenübergestellt. Im letzten Unterkapitel wird die Methodik dieser Arbeit bewertet. In Kapitel 8 wird abschließend die Forschungsfrage beantwortet und Schlussfolgerungen für Wissenschaft und Praxis gezogen.

2. Methodik

2.1 Suchstrategie

Bei dieser Arbeit handelt es sich um eine integrative, systematische Literaturübersicht. Diese Form des Reviews wurde gewählt, da sie erlaubt verschiedene Arten von Studien und Methodiken zu kombinieren. Dies ermöglicht eine Betrachtung aus unterschiedlichen Perspektiven des zu erforschenden Gegenstandes (Whittemore und Knafl 2005, S.546ff). Eine multiperspektivische Betrachtung des Verschwörungsglaubens und der Health Literacy wird zur Beantwortung des komplexen Sachverhaltes als notwendig erachtet. Diese Arbeit wurde in Anlehnung an die bevorzugten Report-Items für systematische Übersichten des PRISMA Statements erstellt (Moher et al. 2009, S.2ff). Die Vorbereitung, Durchführung und Nachbereitung der Literaturrecherche orientierte sich an den folgenden neun Schritten (Nordhausen et al. 2018, S.6) (siehe Abbildung 1):

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 1 Schritte der Literaturrecherche

Die Übersichtsarbeit ist explorativer Natur. Es werden keine bestimmten zu untersuchenden Gesundheitsaspekte festgelegt, sondern alle relevanten Studienergebnisse einbezogen und der Forschungsstand erkundet. Die zu untersuchende Fragestellung wurde durch die Forschungsliteratur bisher nicht beantwortet und erforderte zwei separate Suchstränge (A und B). Es wurde angenommen, dass zum Konzept der Health Literacy eine Vielzahl an Studien und Forschungsliteratur verschiedener, wissenschaftlicher Disziplinen vorliegen. Die Menge an Forschungsliteratur zum Verschwörungsglauben wurde limitierter eingeschätzt. Aus Gründen der Zeit und der thematischen Eingrenzung wurde ein „spezifisches Rechercheprinzip“ (Nordhausen et al. 2018, S.7) gewählt. Es wurden wenige Schlagwörter verwendet und einzelne themenspezifische Datenbanken durchsucht. Für „Verschwörungsglaube“ wurde der Suchbegriff <conspir*> verwendet und mit einem Trunkierungszeichen versehen, damit alle anderen Wortkombination eingeschlossen. Für Outcomes auf Ebene der/des Gesundheit(sverhaltens) wurden entweder die Suchbegriffe allgemein <health> oder <attitude to health> und <outcome> verwendet. Die Beantwortung der Fragestellung sollte aus psychologischer, sozialer, medizinischer und philosophischer Perspektive erfolgen. Deshalb wurden die Datenbanken PubMed, PsycInfo, SocINDEX und Cochrane Library für die Recherche ausgewählt. Bei einer Vorrecherche wurde festgestellt, dass die Datenbanken PsycInfo und SocINDEX den philosophischen Aspekt abdeckten. Es wurden folgende Suchstränge formuliert (siehe Abbildung 2):

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 2 Suchstränge

Im Suchstrang A musste dabei <conspir*> und im Suchstrang B <health literacy> im Titel des Artikels vorkommen. Zusätzlich zur systematischen Datenbanksuche wurde eine Handsuche durchgeführt. Die Literaturverzeichnisse der gefundenen Literatur wurden gesichtet. Die Bibliothek der Hochschule für Gesundheit wurde, sowohl offals auch online, durchsucht. Bei der Handsuche wurde ergänzende philosophische Literatur gesichtet.

2.2 Ein- und Ausschlusskriterien

Es wurden Publikationen seit dem 01.01.2000 einbezogen, weil in diesem Jahr von Don Nutbeam eine grundgelegende Publikation zum Konzept der Health Literacy veröffentlicht wurde. Es wurden Artikel in englischer oder deutscher Sprache eingeschlossen, die mit Volltext verfügbar waren. Dabei musste es sich um wissenschaftliche Artikel, in Form von Studien und Übersichtsarbeiten mit verschiedenen Methodiken handeln. Ergänzende Sekundärliteratur wurde eingeschlossen, wenn die Primärliteratur nicht zugänglich war. Das Alter der Probanden sollte 18 Jahre nicht unterschreiten, um Entscheidungsprozesse Erwachsener Personen zu untersuchen.

3. Ergebnisse der Literaturrecherche

Die systematische Literaturrecherche wurde zwischen Mai und Juli 2019 durchgeführt. Beim Suchstrang A, zum Zusammenhang zwischen Verschwörungsglaube und Gesundheit, wurden 163 Publikationen identifiziert. Suchstrang B, zum Zusammenhang zwischen Health Literacy und Gesundheit, ergab 184 Treffer. Insgesamt wurden 347 Publikationen nach Duplikaten gescreent. Nach Ausschluss von Duplikaten und der Überprüfung von Volltexten, wurden 51 Publikationen in die Arbeit eingeschlossen (siehe Abbildung 3). Darunter 26 Publikationen zum Konzept der Health Literacy, sowie 25 Publikationen zum Verschwörungsglauben. Die eingeschlossene Literatur wurde zwischen 2000 und 2019 veröffentlicht. Bei 39,22% (20/51) der eingeschlossenen Publikationen handelte es sich um Querschnittsstudien. 37,25% (19/51) waren Übersichtsarbeiten. 15,69% (8/51) hatten ein Längsschnittdesign und 3,92% (2/51) der Studien waren kontrolliertrandomisiert. Weitere 3,92% (2/51) hatten eine qualitative Methodik (siehe Abbildung 4).

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Abbildung 3 PRISMA Flussdiagramm

4. Definition zentraler Begriffe und Konzepte

Nachfolgend werden zentrale, kapitelübergreifende Begriffe und Konzepte definiert, die die Grundlage für weitere Untersuchungen bilden sollen. Das Konzept der Health Literacy und der Verschwörungsglaube werden zur besseren Übersicht in den jeweiligen Kapiteln 5 und 6 definiert.

4.1 Gesundheit

Der Gesundheitsbegriff wird unterschiedlich definiert (Bengel und Jerusalem 2009, S.49). Diese Arbeit orientiert sich an der Definition der WHO, die Gesundheit als „den Zustand eines vollkommenen körperlichen, seelischen und sozialen Wohlbefindens und nicht nur als die Abwesenheit von Krankheit und Gebrechen“ beschreibt (WHO 1948, S.1). Das mehrdimensionale Verständnis von Gesundheit deckt sich mit der Zielsetzung dieser Arbeit, den Verschwörungsglauben und die Health Literacy auf unterschiedlichen Ebenen untersuchen zu wollen.

4.2 Gesundheitsoutcomes

In dieser Arbeit wird der Begriff der Gesundheitsoutcomes differenziert betrachtet. Es wird zwischen Outcomes auf Ebene der Gesundheitsauswirkungen und des Gesundheitsverhaltens unterschieden. Outcomes auf Ebene der Gesundheitsauswirkungen werden mit GH und auf Ebene des Gesundheitsverhaltens mit GHV abgekürzt. Werden beide Aspekte behandelt so wird die Abkürzung GH/GHV gewählt.

Gesundheit und Gesundheitsverhalten

Unter Outcomes auf Ebene der Gesundheit werden Gesundheitsauswirkungen im Sinne von Mortalität, Morbidität, Behinderung, Funktionsstörung und Lebensqualität verstanden (Nutbeam 2000, S.261). Dabei geht es um gemessene Effekte auf die Gesundheit des Probanden.

Gesundheitsverhalten umfasst „Handlungen um den Gesundheitszustand aufrechtzuerhalten, um ihn zu verbessern oder um einer Verschlechterung des Gesundheitszustandes entgegenzuwirken“ und „die Unterlassung eines Risikoverhaltens“ (Schwarzer in Bengel und Jerusalem 2009, S.34). Bei der Betrachtung des GHV wird besonderer Fokus auf Adhärenz bzw. Compliance, Risikoverhalten und Inanspruchnahme medizinischer Leistungen gelegt. Compliance wird definiert als „die Einhaltung der Behandlungsempfehlungen durch den Patienten“ (Baumeister in Bengel und Jerusalem 2009, S.378). Bei Adhärenz tragen „sowohl Patient als auch Arzt bzw. Therapeut die Verantwortung bezüglich der Zielerreichung“ (Baumeister in Bengel und Jerusalem 2009, S.379). In dieser Arbeit werden die Begriffe synonym verwendet und mit A/C abgekürzt. Die Nicht-Einhaltung/Befolgung wird entsprechend mit Nicht-A/C abgekürzt.

5. Verschwörungsglaube

Dieses Kapitel untersucht den Verschwörungsglauben (VG) und bildet damit die erste Grundlage für die Gegenüberstellung zum Konzept der Health Literacy. Nachfolgend wird im ersten Schritt der Begriff „Verschwörungsglaube“ definiert. Im zweiten Schritt werden Zahlen zur Verbreitung des VG präsentiert. Im dritten Schritt werden bestimmte Merkmale und Funktionen des VG, sowie Motive wieso Menschen an Verschwörungstheorien, glauben aus psychosozialer und philosophischer Sicht dargelegt. Im vierten Schritt wird die Effektivität und der tatsächliche Nutzen des VG durch die eingeschlossene Literatur bewertet. Im fünften Schritt wird VG im Zusammenhang mit GH/GHV untersucht. Die Grundlage für die Untersuchung und Darstellung des Forschungsstands bilden die eingeschlossenen Publikationen (siehe Tabelle 1).

5.1 Begriffsklärung und Definition

Der Begriff „Verschwörungsglaube“ wird auf unterschiedliche Weise definiert und eine wissenschaftlich tragfähige Definition gestaltet sich als schwierig (Rees in Zick et al. 2019, S.205). Einer gängigen Definition nach handelt es sich beim VG, bzw. dem Glauben an Verschwörungstheorien (VT), um eine „Überzeugung, dass es einen geheimen Plan vonseiten einer bösartigen Gruppe gibt, um wichtige Ereignisse mit teilweise geheimen Mitteln zu beeinflussen und böse Ziele zu erreichen“ (Prooijen et al. 2017, S.320). Der VG kann sich auf bestimmte politische Ereignisse, Phänomene oder andere Bereiche des Lebens beziehen (Aupers 2012, S.23). Die Autoren untersuchten VG hinsichtlich bestimmter Erkrankungen, Behandlungsformen, Krankheitsentstehung oder der Medizin im Allgemeinen (Prooijen et al. 2017, S.320, Brooks et al. 2018, S.4). Die unterschiedlichen Formen und Ausprägungen werden nachfolgend in den jeweiligen Unterkapiteln vorgestellt. Es wird keine Unterscheidung zwischen den Begriffen der Verschwörungsmentalität und des Verschwörungsglaubens vorgenommen. Eingeschlossen werden alle Publikationen, die den Glauben an Verschwörungstheorien im Zusammenhang mit Gesundheit behandeln.

5.2 Verbreitungsgrad

Bevor der VG auf seine Funktion und Motivation, sowie Auswirkungen auf GH/GHV untersucht wird, soll nachfolgend die gesellschaftliche Relevanz aufgezeigt werden. Der VG wird, bedingt durch das Internet und die sozialen Netzwerke, als stark verbreitet angesehen (van Prooijen und Douglas 2018, S.897). So glauben ca. 70% der US-Amerikaner an eine Verschwörung hinter dem Tod des Präsidenten John F. Kennedy (Jolley und Douglas 2014, S.1). Ausführungen im folgenden Abschnitt beruhen auf den Daten der Mitte-Studie 2018/19 (Zick et al. 2019). VG ist demnach auch in Deutschland stark verbreitet. Nach einer Befragung von 925 Personen glauben 45,7% an geheime, politisch einflussreiche Organisationen. Knapp mehr als die Hälfte der Befragten (50,4%) teilt eine wissenschaftsfeindliche Haltung. Die Befragten sind skeptisch gegenüber Expert*innen eingestellt und vertrauen eigenen Gefühlen mehr. Aufgeteilt nach Geschlecht glauben Männer (43,9%) tendenziell eher an Verschwörungstheorien als Frauen (33,9%). Über die Altersgruppen hinweg war der VG konstant. Die Studie stellte einen Zusammenhang zwischen formalem Bildungsniveau und Verschwörungsglaube fest. Menschen mit niedrigem Bildungsniveau (max. Hauptschulabschluss) mit einer 48,6% Zustimmung, Menschen mit mittlerem (max. mittlere Reife) 42,2% und mit hohem Bildungsniveau (Fach-Abitur) 25,3% Zustimmung. Weiterhin bewerten Befragte, die an Verschwörungen glauben ihre wirtschaftliche Lage eher negativer (Zick et al. 2019, S.212ff).

Dieses Kapitel zeigt Daten zur Verbreitung des VG. Doch dies beantwortet noch nicht die Frage, was die Menschen dazu bewegt an VT zu glauben. Dieser Frage wird sich in den nachfolgenden Kapiteln gewidmet.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Tabelle 1 Studiencharakteristika VG/GH

5.3 Psychosoziale Betrachtung des Verschwörungsglaubens

Da der Mensch ein psychosoziales Wesen ist, erscheint es sinnvoll die Motive und Funktionen auf dieser Ebene zu suchen. Dieses Kapitel widmet sich der Frage, was Menschen antreibt an VT zu glauben, welche Funktion und Bedürfnisse dahinterstehen und welchen Nutzen der VG stiftet. Dieses Verständnis bildet eine weitere Grundlage zur Beantwortung der Forschungsfrage. 16 von 25 eingeschlossenen Publikationen behandelten implizit oder explizit psychosoziale Beweggründe hinter dem VG. Darunter sind 9 Reviews, 5 Querschnittsstudien, 1 Trendstudie und 1 randomisiertes Experiment.

Bedürfnis nach Kontrolle

2 Querschnittsstudien untersuchten den Zusammenhang zwischen VG und dem Bedürfnis nach wahrgenommener Kontrolle (Prooijen und Acker 2015, van Prooijen und Douglas 2017). Wahrgenommene Kontrolle wird definiert als ein Gefühl und ein Glaube, sein Umfeld beeinflussen zu können und zu wissen was von diesem zu erwarten ist. Kontroll- und Sicherheitsgefühle ermöglichen es den Menschen effektiv durch die Welt zu navigieren, indem sie Gelegenheiten erfolgreich nutzen, Bedrohungen vermeiden und gute Entscheidungen treffen, die zum Wohlbefinden beitragen (van Prooijen und Douglas 2017, S.327). Geringe wahrgenommene Kontrolle wird als ein Gefühl der Angst, Unsicherheit und Ohnmacht beschrieben (van Prooijen und Douglas 2017, S.323). Die Bedrohung der wahrgenommenen Kontrolle in Krisensituationen ist mit einer erhöhten Tendenz zum VG assoziiert. Die Erhöhung des Kontrollgefühls ist mit einer Reduktion des VG assoziiert. Das menschliche Bedürfnis nach Kontrolle ist demnach eng mit dem Glauben an Verschwörungstheorien in beide Richtungen eines Kontrollkontinuums verbunden (Prooijen und Acker 2015, S.759).

Mustererkennung und Kognitive Heuristik

4 narrative Reviews und 1 Querschnittsstudie beschäftigen sich mit der Erkennung von Mustern im Zusammenhang mit VG (Hepfer 2015, Douglas et al. 2017, Prooijen et al. 2017, van Prooijen und Douglas 2018, van Prooijen und van Vugt 2018). Die Mustererkennung ist ein grundlegendes Merkmal einer adaptiven Fähigkeit des menschlichen Gehirns zum assoziativen Lernen. Sie dient dazu die Welt durch die Identifizierung von Ursache und Wirkung zu verstehen. Sie hat unseren Vorfahren geholfen, Bedrohungen und Chancen zu erkennen, die Folgen ihres Handelns vorauszusehen und ihr Verhalten strategisch an die Erfordernisse der Situation anzupassen (van Prooijen und van Vugt 2018, S.772). VG ist mit illusorischer Musterwahrnehmung assoziiert. Dabei handelt es sich um Verzerrungen des ansonsten funktionierenden Prozesses.

Ende der Leseprobe aus 52 Seiten

Details

Titel
Verschwörungsglaube und Health Literacy. Warum Menschen auf Verschwörungstheorien vertrauen
Untertitel
Ein integratives systematisches Review
Hochschule
Hochschule für Gesundheit
Note
1,1
Autor
Jahr
2019
Seiten
52
Katalognummer
V538412
ISBN (eBook)
9783346147134
ISBN (Buch)
9783346147141
Sprache
Deutsch
Schlagworte
verschwörungsglaube, health, literacy, warum, menschen, verschwörungstheorien, review
Arbeit zitieren
Vladislav Seifert (Autor), 2019, Verschwörungsglaube und Health Literacy. Warum Menschen auf Verschwörungstheorien vertrauen, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/538412

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