Machtkonfiguration in Franz Kafkas Novelle "Das Urteil"


Hausarbeit, 2020

19 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Figurenexposition: gegebene Machtverhältnisse
2.1 Georg Bendemann
2.2 Der Vater
2.3 Der Freund

3. Machtkonfiguration im Wandel
3.1 Der familiäre Machtkampf zwischen Vater und Sohn
3.2 Der Freund als Konfliktursprung (These von David Pan)
3.3 Die Hochzeit als Konfliktursprung (These von Oliver Jahraus)
3.4 Die Thesen im Vergleich

4. Fazit

5. Literaturverzeichnis

1. Einleitung

Keines von Franz Kafkas Werken lässt sich hinsichtlich des Entstehungszeitraums so genau datieren wie die Novelle Das Urteil, über die der Autor selbst in einem Brief schreibt „im Übrigen ist das Ganze in einer Nacht geschrieben von 11 Uhr bis 6 Uhr früh“.1 Um welche Nacht es sich handelt, ist ebenfalls genau bekannt: Kafka schrieb Das Urteil in der Nacht vom 22. auf den 23. September 1912 in einem Prozess, den Peter von Matt als eine „einzige, ununterbrochene Ekstase des Hervorbringens“2 beschreibt. Trotz dieser vermeintlichen Ekstase wurde der Autor nie recht schlau aus seiner eigenen Geschichte und schrieb in einem weiteren Brief, dass Das Urteil nicht zu erklären sei. Die Geschichte sei „ein wenig wild und sinnlos“, habe aber eine „innere Wahrheit“.3 Diese „innere Wahrheit“ haben zahlreiche Forscherinnen und Forscher auszumachen versucht. Nicht zuletzt die zahlreichen Brüche und Sprünge innerhalb der Geschichte sowie die Tatsache, dass „Kafka in diesem Schreiberguss einen besonders intensiven Zugang zu seinem Innersten behauptete“4 machen sie zu einem Gegenstand von zahlreichen Untersuchungen innerhalb der deutschen sowie der internationalen Kafka-Forschung.

Den Kern der Geschichte bildet „eine Darstellung und Kritik hierarchischer Familienverhältnisse mit einem Vater-Sohn Konflikt im Zentrum“.5 Dieser Konflikt kann durchaus als Machtkampf bezeichnet werden, da die sich im Wandel befindende Machtkonfiguration innerhalb der Familie Bendemann die Grundlage bildet. Allerdings existieren unterschiedliche Theorien darüber, was als Ursache für diesen Wandel definiert werden kann. Es scheint ein Konsens darüber zu bestehen, dass sich der Protagonist Georg Bendemann an einem Punkt in seinem Leben befindet, an dem er sich von seinem Vater abwendet. Die möglichen Gründe dafür sollen in dieser Arbeit untersucht und dargelegt werden.

Zunächst wird die Exposition der Geschichte beschrieben sowie eine einführende Beschreibung der drei hauptsächlichen Protagonisten - Georg Bendemann, des Vaters sowie des Freundes - dargelegt. Diese Beschreibung hält die zu Beginn der Erzählung gegebenen Machtverhältnisse fest. Im weiteren Verlauf der Arbeit wird der familiäre Machtkampf analysiert, der letztendlich nach dem Wendepunkt zur Verurteilung und Exekution Georgs führt. Letztlich sollen zwei Thesen miteinander verglichen werden, die unterschiedliche Ursprünge für die sich wandelnde Machtkonfiguration und den daraus resultierenden Machtkampf anführen: zum einen die These von David Pan („The story situates the protagonist in a conflict between the demands of a patriarchal family and a universalist culture outside the family based on friendship.“6 ) und zum anderen die These von Oliver Jahraus („[Es] wird mit dem Heiratsplan Georgs von Anfang an der zentrale Konflikt der Erzählung benannt.“7 ). Diese beiden Thesen sollen miteinander verglichen werden, woraufhin das endgültige Fazit die Untersuchungsergebnisse zusammenfassen wird.

2. Figurenexposition: gegebene Machtverhältnisse

2.1 Georg Bendemann

Der Einstieg in die Erzählung vermittelt den Eindruck einer idyllischen Szenerie.

„Im Stil einer realistischen Erzählung des 19. Jahrhunderts führt ein Erzähler in eine Szene ein, die den Protagonisten […] im Rahmen eines bestimmten, in diesem Fall nur durch wenige Angaben skizzierten räumlichen Milieus zeigt.“8

schreiben Jahraus und Neuhaus zur Exposition der Erzählung. Diese wenigen Angaben, wie beispielsweise die Zeitangabe „im schönsten Frühjahr“ oder die Ortsbeschreibungen „entlang des Flusses“ und „die Anhöhen am anderen Ufer mit ihrem schwachen Grün“9, erzeugen jedoch ein Bild der harmonischen, naturnahen Idylle, was durch die einleitende „Märchenformel“10 eine passende Grundlage erhält und laut Pajević das „Geschichtenhafte“11 unterstreiche.

Neben des räumlichen und zeitlichen Rahmens werden in der Exposition außerdem „die zentralen Umstände von Georgs Existenz offengelegt“.12 Diese Umstände beschreiben ihn als eine erfolgreiche Person, die eine gewisse Macht innehat. So verdeutlichen es zum Beispiel das Genießen eines freien Sonntages und dass er es sich erlauben kann, diesen „in spielerischer Langsamkeit“13 zu verbringen. Außerdem wird er explizit als junger Kaufmann beschrieben, was „die aufstrebende Perspektive“ der Hauptfigur verdeutlicht, die „höher hinaus will“.14 Auch die Tatsache, dass Georg „der Fremde“ und der Auswanderung des Freundes so abgeneigt gegenüber steht zeigt, dass er sich durchaus in seinem eigenen Leben gefestigt fühlt oder zumindest diesen Eindruck vermitteln möchte. „Der gesamte Absatz strotzt nur so von Elementen, die Aufstrebendes und Lebensenergie ansprechen.“15 fasst Pajević deshalb in seiner Analyse die Exposition zusammen.

Ein wichtiger Faktor, der diese Zeichen der Macht und des Erfolgs besonders stark hervorstechen lässt, ist die Tatsache, dass Georg sich bewusst in Hinsicht auf diese Qualitäten mit anderen Menschen kontrastiert. So hat er beispielsweise selbst das Privileg der Jugend und somit der Lebenskraft inne und beschreibt seinen Vater im Kontrast dazu explizit als „alten Vater“. Im Kontrast zu ihm selbst als ein junger Kaufmann, dessen „Geschäft sich ganz unerwartet entwickelt“ hat, bezeichnet er seinen Freund, mit dem er das in der Geschichte entscheidende Korrespondenzverhältnis pflegt, lediglich als einen „kleinen Geschäftsmann“.16 Während zu Beginn der Geschichte oftmals die Rede davon ist, welche Güter oder Qualitäten Georg besitzt oder was er leistet, charakterisiert Georg den Freund vor allem dadurch, was dieser nicht besitzt oder nicht leistet. Außerdem bemitleidet („Was wollte man einem solchen Manne schreiben, den man bedauern, dem man aber nicht helfen konnte.“17 ) und bevormundet („[…] war es da nicht viel besser für ihn, er blieb in der Fremde, so wie er war?“18 ) er den Freund mehrfach und macht unfundierte Annahmen darüber, was wohl das Beste für den Freund wäre. Dies soll seine Überlegenheit gegenüber dem Freund unterstreichen und stellt Georg somit erneut als den mächtigen Protagonisten dar. Dieser Eindruck bleibt für den Rest der Exposition bestehen bis zu dem Punkt, an dem er seinen Vater aufsucht. Dieser anfängliche Eindruck der Idylle sei jedoch trügerisch, so Jahraus19.

Denn diese anfängliche Version Georgs erlebt im Laufe der Erzählung einen drastischen Wandel und er wird so zu der Person, die sich letztendlich verzweifelt von der Brücke stürzt. Jahraus und Neuhaus nennen dies einen „radikalen Wandel in der Situation Georgs, der sich als ein Wechsel von der Selbstfindung zum totalen Selbstverlust charakterisieren lässt.“20. Dabei sprechen sie zweierlei Aspekte an. Zum einen den sogenannten Wandel in Georgs Situation, womit der Machtkampf mit seinem Vater gemeint ist und der Georgs bisherige Position der Macht begräbt. Diesem Machtkampf wird sich Abschnitt 3.1 genauer widmen. Zum anderen erwähnen Jahraus und Neuhaus die „Selbstfindung“ Georgs. Die Beschreibung, was damit genau gemeint ist, ist hingegen für die Darlegung der zugrunde liegenden Machtverhältnisse in der Exposition essentiell. Dem Aspekt der Identitätsfindung, die auch durchaus eine Identitätskrise genannt werden könnte, widmet sich Gerhard Neumann in seiner Analyse des Urteils ausgiebig. Er charakterisiert Georg als sich im Umbruch befindend zwischen Jugend und Erwachsensein: „der für Georg so entscheidende, unmittelbar bevorstehende Schritt ist der Übertritt aus dem Stadium der Adoleszenz […] in das Stadium der Gründung einer Familie“.21 Georg ist einerseits sowohl räumlich als auch emotional noch ein Teil seiner Familie und somit dem Vater untergeordnet, wie der Verlauf der Geschichte zeigt. Andererseits steht jedoch seine Hochzeit und somit ein Austritt aus dieser Familie bevor, wodurch Raum für Unsicherheit bezüglich seiner eigenen Identität entsteht. Georg bemüht sich, die verschiedenen Komponenten seines Lebens - den Vater, den Freund und schließlich seine Verlobte - voneinander zu trennen und nicht miteinander in Kontakt treten zu lassen. Dazu passt die anfängliche Beschreibung von Georgs Zimmer als „Privatzimmer“22, welches mit Abgrenzung und bewusster Isolierung assoziiert werden kann. Pan deutet diese Abgrenzung und strikte Trennung der verschiedenen Lebensbereiche ebenfalls als ein Anzeichen für die gespaltene Identität Georgs. Er sieht Georg jedoch im Gegensatz zu Neumann nicht zerrissen zwischen Jugend und Erwachsensein, sondern zwischen dem Vater als Verkörperung des traditionellen Familienmodells und dem Freund als utopischem Gegenmodell:

„Georg’s denials – on the one hand of the friend to the father and on the other hand of the engagement to the friend – illustrate the split in his own identity between kinship and affinity relations, each adhering to a logic which excludes the legitimacy of the other.“23

Die Bedeutung der Figur des Freundes wird in Abschnitt 2.3 genauer untersucht und die These von Pan wird Gegenstand der Untersuchung in Abschnitt 3.2 sein. Allerdings lässt sich sagen, dass Georgs Unsicherheit bezüglich seiner Identität die Basis für den späteren Machtkampf mit dem Vater bildet sowie als Ursprung für seine Unterwürfigkeit gelten kann, die ihn letztendlich zum Sprung von der Brücke verleitet. Neumann bestätigt dies mit seiner Feststellung, dass der „Redekampf der beiden Protagonisten durch eben diese Situation erzwungen wird“ und dass der Kampf zwischen Vater und Sohn „inexplizit die Bestimmung der Identität Georgs und ihrer Wandlungen im Verhältnis zur Familie“24 thematisiert.

Essentiell in Hinsicht auf den Protagonisten Georg sowie die ganze Erzählung ist die Erzähltechnik. Jahraus und Neuhaus schreiben, dass die vom Autor verwendete Erzähltechnik als „Standardtyp der Erzählliteratur“25 bezeichnet werden kann. Sie basieren dies auf der Definition von Dietrich Weber dieses Standardtypus als „die fiktionale, illusionistische, autor- und erzählerverleugnende, aliozentrische Autorerzählung in dritter Person“26. Jahraus und Neuhaus hinterfragen, ob man die verwendete Erzähltechnik als „objektiv“27 bezeichnen kann, da die Leserinnen und Leser die Erzählung vorrangig aus der subjektiven Perspektive des Protagonisten Georgs erfahren. So zum Beispiel subjektive, objektiv eindeutig übertriebene Wahrnehmungen wie „mein Vater ist immer noch ein Riese“.28 Dies erkennt auch Stern, indem er schreibt: „The father appears as a giant, but only to the extent that we see him through the eyes of the son.“29.

Trotz der „Distanz einer durch die Verwendung der dritten Person des epischen Präteritums markierten narrativen Instanz“30 ist so eine Ausrichtung gegeben, die durch die „fest fixierte interne Fokalisierung“31 mehr über die Gedanken und vermutlichen Motive Georgs verrät als beispielsweise über die des Vaters. Schlussendlich ist auch diese erzählerische Dominanz Georgs als ein Element zu bewerten, was dem Protagonist einen Eindruck der Macht verleihen soll.

2.2 Der Vater

In der Exposition der Machtkonfiguration unterliegt der Vater Georg deutlich. Bevor er selbst physisch auftritt, wird er ausschließlich durch die Perspektive Georgs zugänglich, welcher ihn bewusst als alt und schwach und ihn so als unterlegen darstellt („der alte Vater“, „Augenschwäche“32 ). Darauf abgestimmt lernen wir ihn nur als „Vater“ kennen; sein Vorname wird nicht genannt. Das bestehende Machtverhältnis auf der Basis von den Informationen, die wir durch Georg erhalten, ist folglich ein asymmetrisches.

Unterstützt wird dieser Eindruck der asymmetrischen Machtverteilung durch die räumlichen Verhältnisse im Hause Bendemann. Während Georg in einem Zimmer mit Blick auf den Fluss und die grüne Umgebung wohnt, ist das Zimmer des Vaters dunkel mit Blick auf eine hohe Mauer.33 Paradox scheint hier, dass Georg sich verwundert über diesen Zustand des Zimmers zeigt. Denn obwohl er den Vater „schon seit Monaten“ nicht mehr besucht hat, weil er lieber „mit Freunden beisammen war oder […] seine Braut besuchte“34, müsste ihm doch die Lebensumstände des Vaters bekannt sein, da sie immerhin unter einem Dach wohnen. Georgs Verwunderung kann als ein Indiz für seinen Narzissmus gesehen werden; dass er so sehr mit seinen eigenen Sorgen beschäftigt ist, dass ihm der verwahrloste Zustand seines Vaters nicht auffällt. Mehr noch: man könnte sogar feststellen, dass er den Vater und dessen Zustand bewusst zu verdrängen versucht.35

Im Laufe der Erzählung und zweifellos nach dem plötzlichen Ausbruch des Vaters, welcher den essentiellen Wendepunkt der Erzählung darstellt. Nach diesem Wendepunkt wandelt sich der Auftritt des Vaters und er erscheint weniger schwach und zunehmend autoritär. In dieser Rolle des patriarchalen Familienoberhaupts, welches uneingeschränkt Macht über den erwachsenen Georg ausüben kann, kommen zunehmend die negativen Charaktereigenschaften des Vaters zum Vorschein. Dies betonen auch einige Wissenschaftlerinnen. Beispielsweise beschreibt Kate Flores ihn als „a brooding, embittered, self-involved old male: self-important, self-righteous, self-pitying“36 und Elizabeth Boa nennt ihn ein: „undecidable amalgam between a dirty old man and a maniac baby“.37

2.3 Der Freund

Das Ergründen der Figur des Freundes und besonders die Rolle, die er einnimmt, erweist sich aus mehreren Gründen als schwierig. Erstens ist die physische Abwesenheit des Freundes ein Problem. Er handelt in der gesamten Erzählung nicht selber, sondern lebt nur durch die Erinnerungen und Erzählungen von Georg und dem Vater. Zweitens ist die Größe seines Einflusses auf das Leben der beiden Protagonisten unklar, da von Georg und dem Vater konträre Aussagen gemacht werden.

Selbst Kafka schreibt in einem Brief an Felice Bauer, dass der Freund keine wirkliche Person sei, sondern lediglich ein verbindendes Element zwischen Vater und Sohn.38 Er bezeichnet den Freund als eine „wechselhafte Gestalt“39, was auf die unterschiedliche Rolle anspielt, die er bei für Georg beziehungsweise den Vater einnimmt. Diese These teilt auch Pan: „[…] because the story does not directly depict the situation of the friend, only making him visible through the eyes of Georg or of his father, the friend is not an independent character, but acts as the mediator of the conflict between father and son.“40

Der Freund weist Gemeinsamkeiten mit Georg als auch gewisse Gemeinsamkeiten mit dem Vater auf. So haben der Freund und Georg ähnliche Berufe, ein vermutlich ähnliches Alter und sind zusammen aufgewachsen. Georg und der Freund „have made very similar choices in their lives by generally choosing to pursue personal and career growth rather than submit to family obligations“41, merkt Gray außerdem an.

Die Gemeinsamkeiten zwischen dem Freund und dem Vater hingegen können Georg nicht ausklammern, da diese aus der jeweiligen Beziehung zu Georg bestehen. Sowohl der Vater als auch der Freund werden von Georg auf Distanz gehalten und bevormundet, wie Pan bestätigt: „In maintaining an attitude of superiority and independence toward both friend and father, Georg assumes a paternal role and treats them like children.“42

Außerdem werden beide zu Beginn Georg als unterlegen dargestellt, weil Georg sie beide durch ihre Defizite in Vergleich mit ihm definiert. Zwar erfährt man einiges über den Freund und sein Leben, jedoch sind diese Informationen immerfort mit der Wertung Georgs verknüpft, wie bereits in Abschnitt 2.1 erläutert wurde. Pan zeigt eine andere Deutung der Rolle des Freundes. Er beschreibt den Freund als ein Symbol der „utopian resistance“43, indem er das Gegenmodell zu Georgs gewähltem Lebensweg der traditionellen Familiengründung verkörpert. So stehen der Freund und Georgs bürgerliches Leben in einer Art Spannungsverhältnis zueinander. Jahraus beobachtet daraus resultierend eine „Bewegung der Entfremdung“, hervorgerufen dadurch, dass Georg und der Freund „sich nicht nur räumlich […], sondern auch ökonomisch und sozial bzw. familiär und schließlich erotisch“44 voneinander entfernt haben.

Dadurch, dass Georg sowohl zu seinem Vater als auch zu seinem langjährigen Freund eine gewollte Distanz aufgebaut hat, ist „der Freund […] die Verbindung zwischen Vater und Sohn, er ist ihre größte Gemeinsamkeit“.45 Dass der Vater seinen Sohn nur über den weit entfernten Freund in Russland erreichen kann, zeigt den tiefen Graben, der sich zwischen ihnen aufgetan hat.

3. Machtkonfiguration im Wandel

3.1 Der familiäre Machtkampf zwischen Vater und Sohn

Wie bereits erörtert befindet sich Georg in einem Umbruch, der auch als eine familiären Übergangssituation beschrieben werden könnte. Er bewegt sich aus der Abhängigkeit seines Vaters heraus und in einen neuen Lebensabschnitt hinein. Die Spannung, die durch die Umverteilung der Rollen entsteht, entlädt sich in einem Konflikt zwischen Vater und Sohn, welcher in der Kafka-Forschung allgemein als Machtkampf bekannt ist. Jahraus bezeichnet diesen als eine „modellhafte Szene eines innerfamiliären Machtkampfes auf Leben und Tod“.46 Der Anstoß für diesen Machtkampf ist durch das Aufsuchen des Vaters durch Georg gegeben, wodurch er gewillt ist, seine dominante Position aufzugeben, um den Zuspruch des Vaters zu erhalten. Er versucht sich und seine Lebensentscheidungen zu rechtfertigen, weil er das Urteil des Vaters fürchtet, gleichermaßen jedoch emotional von diesem Urteil abhängig ist.

Der Machtkampf folgt keiner linearen Struktur, in der die Macht von der einen auf die andere Person übergeht. Dies kann nicht ohne weiteres erfolgen, da nicht eindeutig klar ist, welcher Akteur denn nun die primäre Macht innehat. Stern definiert „any authoritative situation“ als eine Situation, in der eine Seite die Macht der anderen Seite anerkennt und sich dieser Macht unterordnet.47 Diese Voraussetzung ist zu Beginn der Auseinandersetzung nicht gegeben, da die Machtkonfiguration unklar ist. Nur so kann überhaupt ein Machtkampf zustande kommen. Zwar wird Georg in der Exposition eindeutig als mächtigere Person dargestellt, allerdings wird diese Darstellung der Geschehnisse durch die innere und somit subjektive Fokalisierung entkräftet. Der Figur des Vaters wird wenig Raum gegeben und es wird nur die Perspektive Georgs dargestellt. Dieser weist wohlgemerkt Tendenzen auf, die durchaus als narzisstisch bewertet werden können.. Des Weiteren zeigt sich in der Tatsache, dass Georg den Vater aufsucht und Anerkennung für den Brief an den Freund sucht, dass Georg noch immer abhängig von dem wortwörtlichen Urteil des Vaters ist und sich noch nicht völlig emanzipiert zu haben scheint.

Auf sein Eintreffen im Zimmer des Vaters folgt sogleich die erste Darstellung der verbliebenen Macht des Vaters. Der Gedanke „mein Vater ist immer noch ein Riese“48 scheint charakteristisch für die unklare Machtkonfiguration und gibt einen Ausblick auf den unerwarteten Verlauf dem Kampfes. Georg sieht seiner dominanten Stellung innerhalb der Familie die Kraft des Vaters entgegengestellt. Ein weiteres Beispiel für diese unerwartete Kraft und Autorität ist die Passage „ ‚Im Geschäft ist er doch ganz anders’, dachte er, „wie er hier breit sitzt und die Arme über der Brust kreuzt.“49 Hier zieht Georg sogar einen direkten Vergleich zu der Domäne, in der er normalerweise mit seinem Vater verkehrt: nämlich dem gemeinsamen Geschäft, welches er als „junger Kaufmann“ so erfolgreich führt und folglich eine Domäne, in der Georg die mächtige Position unter den beiden innehat. Dementsprechend überrascht Georg die unerwartete Stärke des Vaters und trifft ihn unerwartet.

Neumann bricht die Essenz des Machtkampfes darauf herunter, dass „Georg nun versucht, innerhalb dieses Machtbereichs der ‚alten‘ Familie die Rolle des Vaters selbst zu übernehmen“.50 Georgs Befreiungswunsch äußere sich darin, dass er versuche die Macht an sich zu reißen und innerhalb der Familie „einen Rollentausch zu erzwingen, der ihn selbst zum Regler der Kommunikation macht“.51 Georg versucht also, die Macht des Vaters, die er trotz seines gebrechlichen Gesundheitszustandes noch innezuhaben scheint, an sich zu reißen. Dies tut er, indem er den Vater wie ein Kind behandelt und ihn bevormundet, ihn ins Bett trägt und ihm beim Ausziehen hilft. Dabei wird der verwahrloste äußere Zustand des Vaters hervorgehoben, was den bisherigen Eindruck der Macht abschwächt. Er erscheint als „weak, senile, […] not quite right in the head“, wie Stern schreibt.52

„The images of neglect - the toothless mouth, the slightly soiled underwear, the unread old newspaper, the dark room […] they show the first and lowest step from which the father begins his climb to power.“53 schreibt Stern weiter und beschreibt damit die Einleitung des folgenden Wendepunktes, in dem die Machtkonfiguration zum Nachteil Georgs endgültig kippt.

Der wichtigste Moment während des Machtkampfes und durchaus innerhalb der gesamten Erzählung ist jener besagte Wendepunkt, in dem sich die Machtkonfiguration nachhaltig verändert. Regelrecht infantil fragt der Vater im einen Moment noch „Bin ich gut zugedeckt?“, so schreit er im nächsten Moment „Nein!“54 und bringt somit den Machtkampf zum Kippen. Gleichzeitig demonstriert er nach dem Ausruf seine Kraft („Und ist es auch die letzte Kraft, genug für dich, zuviel für dich!“55 ) und verdeutlicht, dass er sich dem versuchten Rollentausch des Sohnes bewusst ist („Du wolltest mich zudecken, das weiß ich, mein Früchtchen. Aber zugedeckt bin ich noch nicht.“56 ). Neumann äußert ebenfalls, dass der Vater seinen Ausbruch bereits antizipiert hatte:

[...]


1 Kafka, Heller, Born: Briefe an Felice und andere Korrespondenz aus der Verlobungszeit, S. 394.

2 von Matt: Eine Nacht verändert die Weltliteratur, S. 102

3 Kafka, Heller, Born: Briefe an Felice und andere Korrespondenz aus der Verlobungszeit, S. 156.

4 Pajević: Kafka lesen. Acht Textanalysen, S. 101.

5 Jahraus & Neuhaus: Das Urteil. Eine Modellanalyse, S. 30

6 Pan: The Persistance of Patriarchy in ‚The Judgement‘, S. 135.

7 Jahraus: Leben, Schreiben, Machtapparate, S. 203.

8 Jahraus & Neuhaus: Kafkas ‚Urteil‘ und die Literaturtheorie, S. 61f.

9 Kafka: Das Urteil, S. 43.

10 Pajević: Kafka lesen. Acht Textanalysen, S. 102.

11 Ebd.

12 Jahraus: Leben, Schreiben, Machtapparate. S. 192.

13 Kafka: Das Urteil, S. 43.

14 Pajević: Kafka lesen. Acht Textanalyse, S.102.

15 Ebd.

16 Kafka: Das Urteil, S. 45.

17 Kafka: Das Urteil, S. 44.

18 Ebd., S. 45.

19 Jahraus: Leben, Schreiben, Machtapparate, S.190.

20 Jahraus & Neuhaus: Das Urteil. Eine Modellanalyse, S. 72.

21 Neumann: Das Urteil. Text. Materialien. Kommentar, S. 121.

22 Kafka: Das Urteil, S. 43.

23 Pan: The Persistance of Patriarchy in Franz Kafkas ‚Judgement‘, S. 145.

24 Neumann: Das Urteil. Text. Materialien. Kommentar, S. 121.

25 Jahraus & Neuhaus: Das Urteil. Eine Modellanalyse, S. 61

26 Weber: Erzählliteratur: Schriftwerk, Kunstwerk, Erzählwerk, S. 95.

27 Jahraus & Neuhaus: Das Urteil. Eine Modellanalyse, S.61

28 Kafka: Das Urteil, S. 50.

29 Stern: Franz Kafka's "Das Urteil": An Interpretation, S. 118.

30 Jahraus & Neuhaus, S.67.

31 Ebd., S. 76.

32 Kafka: Das Urteil, S. 45, S. 50.

33 Vgl. Kafka: Das Urteil, S. 50.

34 Ebd., S. 49.

35 Vgl. Jahraus: Leben, Schreiben, Machtapparate, S.192.

36 Flores: The Pathos, S.268.

37 Boa, S. 119

38 Kafka, Heller, Born: Briefe an Felice und andere Korrespondenz aus der Verlobungszeit, S. 396.

39 Ebd.

40 Pan: The Persistance of Patriarchy in Franz Kafkas ‚Judgement‘, S. 146.

41 Gray: Contestation and Ideological Legitimation in German Bourgeois Literature, S.310.

42 Pan: The Persistance of Patriarchy in Franz Kafkas ‚Judgement‘, S.150

43 Ebd., S. 307.

44 Jahraus: Leben, Schreiben, Machtapparate, S.193.

45 Jahraus: Leben, Schreiben, Machtapparate, S.206.

46 Ebd., S. 200.

47 Vgl. Stern: Franz Kafka's "Das Urteil": An Interpretation, S. 119.

48 Kafka: Das Urteil, S. 50.

49 Ebd., S. 51.

50 Neumann: Das Urteil. Text. Materialien. Kommentar, S. 123.

51 Ebd., S. 124.

52 Stern: Franz Kafkas Urteil. An interpretation, S. 124.

53 Ebd.

54 Kafka: Das Urteil, S. 55f.

55 Ebd., S. 56.

56 Ebd., S. 56.

Ende der Leseprobe aus 19 Seiten

Details

Titel
Machtkonfiguration in Franz Kafkas Novelle "Das Urteil"
Hochschule
Universität zu Köln  (Institut für Deutsche Sprache und Literatur I)
Veranstaltung
Kafka
Note
2,0
Autor
Jahr
2020
Seiten
19
Katalognummer
V538555
ISBN (eBook)
9783346137876
ISBN (Buch)
9783346137883
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Franz Kafka, Kafka, Das Urteil, Macht, Machtgefüge, Machtkonfiguration, Novelle, Erzählung
Arbeit zitieren
Katharina Spreier (Autor), 2020, Machtkonfiguration in Franz Kafkas Novelle "Das Urteil", München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/538555

Kommentare

  • Noch keine Kommentare.
Im eBook lesen
Titel: Machtkonfiguration in Franz Kafkas Novelle "Das Urteil"



Ihre Arbeit hochladen

Ihre Hausarbeit / Abschlussarbeit:

- Publikation als eBook und Buch
- Hohes Honorar auf die Verkäufe
- Für Sie komplett kostenlos – mit ISBN
- Es dauert nur 5 Minuten
- Jede Arbeit findet Leser

Kostenlos Autor werden