Das unbeliebte Sächsisch. Methodische Mängel von Umfragen und Auswirkungen der negativen Fremdbewertungen auf einen norddeutschen Dialektsprecher

Ein sprachbiographisches Interview


Hausarbeit, 2019

35 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Methodische Mängel von Umfragen
2.1. Konträre Dialektbewertung
2.2. Fragetechnik und Prominenz der Dialekte
2.3. Faktor Herkunft – Fremd- und Selbstbewertung
2.4. Mentale Konzepte und kognitive Kartierung

3. Hypothesen zur Prestigeentwicklung des Sächsischen

4. Das sprachbiographische Interview
4.1. Die Methode und deren Nutzen
4.2. Durchführung und Auswertung

5. Fazit und Forschungsausblick

6. Bibliographie

7. Basistranskription des Interviews

Das unbeliebte S ächsisch – die methodischen Mängel von Umfragen und die Auswirkungen der negativen Fremdbewertungen des Sächsischen auf einen Dialektsprecher im norddeutschen Raum

Eine Untersuchung anhand eines sprachbiographischen Interviews

1. Einleitung

„Jemand schrieb, Sächsisch sei die einzige Sprache, in der es für Gorgonzola und Gurkensalat dasselbe Wort gäbe. Das ist falsch. Gorgonzola ist 'Görgönsöla'. Gurkensalat ist 'Görgönsölad'. Das ist ein feiner Unterschied. Bitte, seid fair im Umgang mit Sachen!“ (Verfasser unbekannt)

Witze über Sächsisch wie der oben zitierte gibt es unzählige, denn die gesamte Nation scheint sich unfassbar gerne über den sächsischen Dialekt lustig zu machen und diesen abzuwerten. Zudem scheinen die Ergebnisse von regelmäßig veröffentlichen Umfragen zu der Beliebtheit und Unbeliebtheit von deutschen Dialekten auf den ersten Blick eindeutig und stichfest zu sein. Beim Ranking der unsympathischen Dialekte der GFM-Getas-Umfrage im Auftrag des Instituts für deutsche Sprache von 1999 belegt Sächsisch den ersten Platz (vgl. Stickel/Volz 1999: 31). Auch bei der Allensbach-Umfrage aus dem Jahr 2008 im Auftrag der Gesellschaft für Deutsche Sprache landet das Sächsische an vorderster Stelle, wenn es um die Beliebtheit deutscher Dialekte geht. Schulz Resümee der Allensbach-Umfrage fällt somit eindeutig aus: „Sächsisch bleibt besonders unbeliebt“ (Schulz 2008: 15, zitiert nach Hundt 2011: 87). Doch woher kommt dieses negative Prestige des Sächsischen, welches in der Öffentlichkeit so präsent ist, und wie aussagekräftig sind Beliebtheitsumfragen wirklich? Denn aus wissenschaftlicher Perspektive weisen eben diese Umfragen erhebliche methodische Mängel auf, die dazu führen, dass die Ergebnisse nur mit größter Vorsicht interpretiert werden können (vgl. Hundt 2011: 80). Somit soll diese Arbeit zuallererst klären, wie das negative Prestige des Sächsischen entstanden ist und welche haltbaren Aussagen anhand von Umfrageergebnissen wirklich über die Beliebtheit des Sächsischen aufgestellt werden können. Die Tatsache, dass ein großer Teil der deutschen Bevölkerung Sächsisch nicht mag, soll durch die Auseinandersetzung mit Umfragen und deren Mängel jedoch unangefochten bleiben (vgl. Hundt 2011: 96).

Unabhängig von den methodischen Mängeln der Befragungen und der Anfechtbarkeit der publizierten Ergebnisse, erfreuen sich Umfragen in den Medien und bei deren Konsumenten großer Beliebtheit (vgl. Hundt 2011: 88), sodass Tageszeitungen wie das Hamburger Abendblatt konsequent ein negatives Meinungsbild über den sächsischen Dialekt verbreiten: „Sächsisch ist der unbeliebteste Deutsche Dialekt“ (Schmachthagen 2018) . Doch inwieweit sind sich die Sprecher1 des sächsischen Dialektes überhaupt über das negative Meinungsbild und die negative Fremdbewertung, welche durch Umfragen regelmäßig verbreitet werden, ihres Dialektes bewusst? Und inwiefern beeinflusst dieses möglicherweise vorhandene Wissen ihre Sprachnutzung, sobald sie ihre Dialektregion verlassen und mit anderen Sprechern in Kontakt treten? Eine Antwort auf diese Forschungsfragen soll die Auswertung eines von mir durchgeführten sprachbiographischen Interviews mit einem Dialektsprecher des Sächsischen geben, welcher seine Herkunftsregion verlassen hat und heute im norddeutschen Raum lebt. Um die Ergebnisse haltbar interpretieren zu können, soll vorangehend die Methode des sprachbiographischen Interviews vorgestellt und deren Vor- und Nachteile analysiert werden.

Abschließend werden im Fazit die Fragestellungen beantwortet, inwiefern Umfragen zur Beliebtheit von Dialekten wissenschaftlich interpretiert werden können und welche Aussagen aufgrund dessen wirklich über die Unbeliebtheit des Sächsischen getroffen werden können. Gleichzeitig gibt die Auswertung des sprachbiographischen Interviews an dieser Stelle Aufschluss darüber, welche Auswirkungen das negative Prestige, welches durch verschiedene Medien verbreitet wird, auf die Sprachnutzung eines Dialektsprechers des Sächsischen hat. Zudem werden die Aussagen und Thesen der Gewährsperson mit den methodischen Mängeln von Befragungen und wissenschaftlichen Erkenntnissen in Relation gesetzt. Schlussendlich stellt der angeführte Forschungsausblick Ansätze und offene Fragestellungen vor, welche in dieser Arbeit aufgrund des begrenzten Rahmens nicht ausgeführt werden konnten, jedoch einen wichtigen Beitrag zur Debatte leisten.

2. Methodische M ängel von Umfragen

Umfragen zum Thema Beliebtheit und Unbeliebtheit von deutschen Dialekten erfreuen sich bis heute großer Beliebtheit in der Öffentlichkeit und deren Ergebnisse werden medial deutschlandweit verbreitet (vgl. Hundt 2011: 88). Doch beschäftigt man sich aus wissenschaftlicher Perspektive eingehend mit dem methodischen Vorgehen und der Interpretation der Ergebnisse, ist schnell festzustellen, dass die Erhebungen über gravierende methodische Mängel verfügen und die Auswertungen und Resultate oft fehlinterpretiert werden. Die signifikantesten methodischen und sprachtheoretischen Mängel sollen im folgenden Textverlauf exemplarisch anhand verschiedener durchgeführter Umfragen erläutert und fehlinterpretierte Ergebnisse revidiert werden.

2.1. Kontr äre Dialektbewertung

Es ist nicht abzustreiten, dass Sächsisch bei den Umfrageauswertungen zu den unbeliebten und unsympathischen Dialekten stets Tabellenführer ist. Die GFM-Getas-Umfrage im Auftrag des Instituts für deutsche Sprache von 1997, die Allensbach-Umfrage im Auftrag der Gesellschaft für deutsche Sprache von 2008 und die Erhebung im Rahmen des Projektes „Erkundung und Analyse aktueller Spracheinstellungen in Deutschland“, welches gemeinsam vom Institut für Deutsche Sprache und dem Lehrstuhl für Sozialpsychologie der Universität Mannheim 2008 durchgeführt wurde, befragten ihre Probanden zur Beliebtheit und Unbeliebtheit von deutschen Dialekten. Das Ergebnis scheint auf den ersten Blick vernichtend: Sächsisch führt bei allen drei Umfragen die Tabelle der unbeliebten beziehungsweise unsympathischen Dialekte an (vgl. Stickel/Volz 1999: 32, Hundt 2011: 87 & Plewnia/Rothe 2012: 27). Jedoch ist auffällig, dass das Sächsische bei allen drei erwähnten Erhebungen auch beim Ranking der beliebten und sympathischen Dialekte auftaucht (vgl. Stickel/Volz 1999: 33, Hundt 2011: 86 & Plewnia/Rothe 2012: 27). Diese vorerst widersprüchlichen Ergebnisse haben dazu geführt, dass ebendiese Umfrageergebnisse keinesfalls als eindeutige Bevorzugung oder Ablehnung von einzelnen Dialekten interpretiert werden dürfen. Das wiederholte Auftauchen im Ranking der beliebten und gleichzeitig unbeliebten Dialekte zeigt somit lediglich, dass bestimmte Dialekte mehr polarisieren als andere (vgl. Hundt 2011: 84 – 85). Die Tatsache, dass es eine kleine Gruppe aus circa 8 – 10 Dialekten gibt, welche in Umfragen sowohl positiv als auch negativ bewertet werden, haben verschiedene Auswertungen von Befragungen ergeben (vgl. Hundt 2011: 84 & Plewnia/Rothe 2012: 26). Ein wesentlicher Grund für dieses vorerst widersprüchlich wirkende Ergebnis ist die angewandte Fragetechnik in Kombination mit der Prominenz der genannten Dialekte (vgl. Plewnia/Rothe 2012: 26, 56 – 57).

2.2. Fragetechnik und Prominenz der Dialekte

Bei Umfragen wird grundsätzlich zwischen einer geschlossenen und einer offenen Fragetechnik unterschieden. Bei einer geschlossenen Fragetechnik muss der Befragte eine Fragestellung beantworten, indem er zwischen vorformulieren Antwortmöglichkeiten eine oder mehrere auswählt. Bei einer offenen Fragetechnik wiederum werden den Probanden keinerlei Antwortmöglichkeiten zur Verfügung gestellt. Wie bereits Plewnia/Rothe (vgl. 2012: 26 – 29) feststellen haben beide Techniken Vor- und Nachteile und eindeutige Auswirkungen auf die Antworten. Das Frageschema beeinflusst das Ergebnis insofern, dass bei einer geschlossenen Fragestellung die Befragten relativ betrachtet eher Fragen zur Beliebtheit und Unbeliebtheit von Dialekten beantworten als bei einer offenen Fragestellung, dort gibt es mehr Enthaltungen. Begründet werden kann diese Tatsache dadurch, dass es für Befragte wesentlich einfacher ist zwischen verschiedenen Dialekten auszuwählen, selbst wenn sie diese vielleicht gar nicht kennen, als selbstständig mentale Konzepte von Dialekten aufzurufen und diese anschließend zu benennen. Denn bei einer offenen Fragestellung nach beispielsweise beliebten Dialekten kann die befragte Person nur die Dialekte angeben, die sie kennt, wohingegen vorformulierte Antwortmöglichkeiten eher dazu führen können, dass Befragte auch ihnen unbekannte Antwortmöglichkeiten auswählen, um ihr Unwissen zu verschleiern. Daher werden Nennungen von vergleichsweise unbekannten Dialekten aus diesem Grund häufiger, sobald sie als vorformulierte Antwort zur Auswahl stehen (vgl. Plewnia/Rothe 2012: 30 – 33). Es ist somit kaum verwunderlich, dass insbesondere bei Umfragen zur Beliebtheit von Dialekten mit offener Fragestellung diejenigen Dialekte genannt werden, welche beispielsweise durch eine große Sprecherzahl oder hoher politischer, wirtschaftlicher oder medialer Präsenz besonders bekannt sind, vermehrt angegeben werden. Die Prominenz von Dialekten in Kombination mit dem angewandten Frageschema steht somit durchaus in einem direkten Zusammenhang mit den Umfrageergebnissen und sollte zumindest dazu führen, die oberflächlich eindeutigen Ergebnisse zur Beliebtheit und Unbeliebtheit von Dialekten kritisch zu hinterfragen. Denn oftmals, wie beispielsweise bei der GFM-Getas-Umfrage2, wird die Frage nach sympathischen und unsympathischen Dialekten bei einer offenen Fragestellung von einem Großteil der Befragten nicht beantwortet, sodass die Repräsentativität vermindert wird (vgl. Hundt 2011: 84).

2.3. Faktor Herkunft – Fremd- und Selbstbewertung

Verschiedene Auswertungen von Dialektbewertungen haben eindeutig ergeben, dass die positive oder negative Bewertung eines Dialektes sowohl mit der Sprachkompetenz des jeweiligen Dialektes zusammenhängt als auch mit der Herkunft der befragten Person (vgl. Plewnia/Rothe 2012: 46). Hierbei ist grundsätzlich festzuhalten, „dass den meisten Dialektsprechern ihr eigener Dialekt nicht unsympathisch ist“ (Plewnia/Rothe 2012: 55), sodass die Selbstbewertungen durchweg positiver ausfallen als die Fremdbewertungen. Ferner hat die Erhebung im Rahmen des Projektes „Erkundung und Analyse aktueller Spracheinstellungen in Deutschland“ ergeben, dass es bei der positiven und negativen Bewertung von Dialekten nicht nur einen Heimateffekt sondern auch einen Nachbarschaftseffekt gibt. So bewerten nicht nur Befragte, deren Herkunft das Bundesland Sachsen ist, ihren eigenen Dialekt positiver, sondern erhält Sächsisch als Dialekt die meisten Sympathiebekundungen aus den ostdeutschen angrenzenden Bundesländern Thüringen und Sachsen-Anhalt. Ein ähnlicher Nachbarschaftseffekt ist auch bei den Bewertungen des Bairischen zu beobachten (vgl. Plewnia/Rothe 2012: 51 – 54). Somit lässt sich festhalten, dass die Herkunft der befragten Personen einen wesentlichen Einfluss auf deren Bewertung von Dialekten hat, da sie ihren eigenen Dialekt und bekannte Dialekte aus den Nachbarregionen überwiegend positiver bewerten als Dialekte aus weit entfernten Regionen. Das Wissen um die Einflussnahme des Faktors Herkunft und Dialektkompetenz ist wichtig, um Umfrageauswertungen korrekt zu interpretieren. Ein Negativbeispiel für eine Befragung, die den Faktor Herkunft in Kombination mit Dialektkompetenz und abweichender Selbst- und Fremdbewertung nicht beachtet hat, ist die Umfrage des Instituts für Werbepsychologie und Markterkundung, welche bereits vor dem Mauerfall 1989 durchgeführt wurde. Dadurch wurde der Faktor Herkunft nicht beachtet, da nur Personen befragt wurden, die aus der BRD stammten und nicht Sächsisch sprachen, sodass Sächsisch als Dialekt3 nur Fremdbewertungen unterlag. Alle anderen Dialekte wiederum waren sowohl der Selbstbewertung als auch der Fremdbewertung zugänglich, da befragte Personen aus Westdeutschland auch ihren eigenen Dialekt als sympathisch bewerten konnten. Dieses Vorgehen führte dazu, dass lediglich 2% aller Befragten Sächsisch als sympathisch bewertet haben (vgl. Bausinger 1972: 21). Dieses Ergebnis ist somit prozentual geringer als bei Umfragen, welchen diesen methodischen Fehler im Vorgehen vermieden haben (vgl. Eichinger et al. 2011: 21 & Gärtig/Plewnia/Rothe 2010: 158).

2.4. Mentale Konzepte und kognitive Kartierung

Dass die Laienbezeichnungen von Dialekten nicht mit den Dialektbezeichnungen von Experten übereinstimmen ist eine Gegebenheit, welche in der Dialektologie längst anerkannt ist (vgl. Hundt 2011: 79). Somit können nur Vermutungen dazu angestellt werden, welches mentale Konzept der Proband bei der Dialektbewertung aufruft, in welchen geographischen Raum der linguistische Laie den zu bewertenden Dialekt einordnet und ob diese Einordnung mit der sprachlichen Realität übereinstimmt (vgl. Hundt 2011: 88). Fest steht zumindest, dass das mentale Konzept, welches ein linguistischer Laie aufruft, sobald er in einer Umfrage Sächsisch als unsympathisch angibt, immens von dem wissenschaftlichen Konzept Sächsisch abweicht. Es bleibt bei der Auswertung von Umfragen zur Beliebtheit somit final unklar, wie beispielsweise das mentale Konzept Sächsisch, welches der linguistische Laie dabei bewertet, tatsächlich aussieht. Welche Faktoren die Assoziationen, welche das Dialektkonzept hervorrufen, beeinflussen, seien es persönliche Erfahrungen, soziale, politische oder wirtschaftliche Aspekte, werden in Umfragen zur Beliebtheit von Dialekten nicht berücksichtigt. Dadurch bleibt es letztendlich immer nur eine Vermutung, welches Dialektkonzept der Befragte in Umfragen tatsächlich bewertet, wie er dieses geographisch einordnet und welche Assoziationen er damit verbindet (vgl. Hundt 2011: 88). Der enorme Einfluss von außersprachlichen Einflüssen, ob politischen, historischen und sozialen Ursprungs, auf Dialekte und deren Bewertungen, lässt die Schlussfolgerung nicht zu, dass einzelne Dialekte wie Sächsisch objektiv hässlich und deswegen unbeliebt sind. In einer aktuellen Publikation fasst Hundt (2017: 121) die Faktoren, welche die Dialektbewertungen von Laien stark beeinflussen zusammen:

„Laienkonzepte zu deutschen Dialekten umfassen nicht lediglich (perzipierte oder assoziierte) Merkmale, sondern zu ihnen gehören auch kulturelle Stereotype, geographisches Wissen und Stereotype zu den Sprechergruppen selbst. Diese verschiedenen Konzeptbestandteile können sich mit der jeweiligen Realität decken, müssen dies aber nicht“.

Genau dieses individuell unterschiedliche kognitive Konzept, welches über objektive sprachliche Merkmale hinausgeht, bewertet der Laie bei Umfragen. Doch trotz gravierender methodischer Mängel von Umfragen führt Sächsisch stets das Ranking der unbeliebten Dialekte an und „man kann aber sicher festhalten, dass eine große Gruppe der deutschen Muttersprachler das Sächsische nicht mag (Hundt 2011: 96). Dadurch entwickelt sich zwangsläufig die Fragestellung, wie sich Sächsisch und das negative Prestige im deutschen Sprachraum entwickelt hat, wenn man davon ausgeht, dass nicht die sprachlichen Merkmale des Dialektes allein für deren Negativbewertung ausreichen.

3. Hypothesen zur Prestigeentwicklung des S ächsischen

Um das heutige negative Prestige des Sächsischen4 verstehen zu können, muss an dieser Stelle die historische Entwicklung des Sächsischen skizziert werden, da Sächsisch einst als vorbildliche Prestigevarietät galt. Angefangen im 16. Jahrhunderts bildete sich das Sächsische als die sprachliche Leitvarietät heraus (vgl. Polenz 1994: 136) und die ursprünglich vorhandene Vielfalt an Varietäten wurde von den puristischen Sprachgesellschaften bekämpft, um die deutsche Sprache zu vereinheitlichen. Martin Luther als Sprachvorbild und weitere vorbildliche Autoren, angesehene Institutionen und die adelige höfische Gesellschaft sprachen Sächsisch und festigten das Prestige bis hinein ins 18. Jahrhundert. Unterstützt wurde das positive Prestige der Varietät zudem durch ein selbstpropagiertes Sprachprestige der Autoren und der positiven wirtschaftlichen, politischen und kulturellen Entwicklungen der sächsischen Städte Dresden und Leipzig im Zuge der Reformation und fortlaufend (vgl. Polenz 1994: 137 – 140). Mitte des 18. Jahrhundert begann der Prestigeverfall des Sächsischen und die Leitvarietät wurde in Frage gestellt. Insbesondere die Hegemonie Preußens als Resultat des Siebenjährigen Krieges und die damit verbundene Schwerpunktverlagerung von Dresden nach Berlin schadetet dem Prestige des Sächsischen erheblich. Der Prestigeverfall und die Stigmatisierung des Sächsischen nehmen im 19. Jahrhundert weiter zu. Durch die Teilung Deutschlands ab 1945 verfestigt sich darüber hinaus das negative Meinungsbild über das Sächsische, da dieses oft mit der stark kritisierten, politisch fragwürdigen und rückständigen DDR verknüpft wird. Vo n der einstigen Leitvarietät, die von allen Menschen, die etwas auf sich hielten, gesprochen wurde, ist zu diesem Zeitpunkt nichts mehr übrig (vgl. Hundt 2011: 97 – 98). Betrachtet man die historische Entwicklung und den Prestigeverfall des Sächsischen in der deutschen Sprachgeschichte stimmt der Prozess mit der Normdekrethypothese5 zur Entstehung von Prestige und Stigma von Dialekten überein. Die Normdekrethypothese geht davon aus, dass sich das Prestige von Dialekten durch außersprachliche Faktoren begründen lässt. Solche Faktoren können historischen, politischen, kulturellen, wirtschaftlichen oder sozialen Ursprungs sein. Diese außersprachlichen, oft stereotypischen Merkmale werden zuerst auf einen Sprecher eines Dialekts übertragen und anschließend auf den Dialekt selbst (vgl. Hundt 2017: 150). Gleichzeitig widerspricht der Verlauf der historischen Prestigeentwicklung des Sächsischen der Eigenwerthypothese6, welche positive und negative Bewertungen eines Dialekts nur von dessen objektiven sprachlichen Merkmalen, beispielsweise im Bereich der Phonologie oder Morphologie, abhängig macht (vgl. Hundt 2017: 150). Der Prestigeverlass des Sächsischen zeigt vielmehr, dass „ […] außersprachliche Faktoren […] Wert und Unwert von Dialekten“ (Hundt 2011: 94) bestimmen und jegliche Dialektbewertungen wandelbar sind, sobald sich die Umgebungsfaktoren ändern. Einen wesentlichen Beweis für die Gültigkeit der Normdekrethypothese lieferte bereits Schlobinski (1987), sodass die Normdekrethypothese der Eigenwerthypothese nach dem heutigen Forschungsstand vorzuziehen ist (vgl. Hundt 2017: 150). Dass Sächsisch also für immer ein Stigmadialekt bleibt und überwiegend negative Bewertungen bei Umfragen erfährt, ist aus wissenschaftlicher Sicht nicht nachweisbar. Doch welche Auswirkungen das negative Meinungsbild über Sächsisch auf die Sprachnutzung eines Dialektsprecher hat, wird der zweite Teil dieser Arbeit analysieren.

4. Das sprachbiographische Interview

Der Fokus der wissenschaftlichen Forschung auf die jeweilige Sprachbiographie von Sprechern existiert erst ab den 1990er Jahren und ist somit ein vergleichsweise neuer Zweig der Sprachwissenschaft (vgl. Bieberstedt 2017: 47). Folglich ist Sprachbiographie bis heute kein wissenschaftlicher Terminus, den man in linguistischen Handbüchern und Lexika finden kann. Vielmehr dient der Begriff Sprachbiographie dazu, „ […] den Sachverhalt zu bezeichnen, dass Menschen sich in ihrem Verhältnis zur Sprache bzw. zu Sprachen und Sprachvarietäten in einem Entwicklungsprozess befinden, der von sprachrelevanten lebensgeschichtlichen Ereignissen beeinflusst ist (Tophinke 2002: 1).“ Hierbei steht die sprachliche Biographie von einzelnen Personen und deren linguistisches Laienwissen ohne sprachwissenschaftlichen Hintergrund im Zentrum der Betrachtung (Bieberstedt 2017: 47).

4.1 Die Methode und deren Nutzen

Der aktive Nutzen der Betrachtung und Analyse von Sprachbiographien ist vielfältig. Zum einen ermöglicht die Auswertung von Sprachbiographien die Feststellung von Sprechereinstellungen- und Bewertungen gegenüber Sprache oder Sprachvarietäten, die oftmals eine direkte Auswirkung auf die derzeitige Sprachnutzung haben (vgl. Tophinke 2002: 12). Wird bei der Analyse einer Sprachbiographie beispielsweise deutlich, dass ein Sprecher aufgrund seines Dialekts in seinem Leben mehrfach angefeindet wurde, bezeichnet.

kann diese Information Aufschluss darüber geben, warum der Sprecher stets um ein reines Hochdeutsch bemüht ist. Zum anderen kann auch die sprachgeschichtliche Entwicklung und Prognose von Orten oder ganzen Regionen durch die Sprachbiographie ihrer Sprecher beleuchtet werden (vgl. Glawe 2013: 222). Ferner gibt die Sprachbiographie eines Sprechers einen allgemeinen Überblick über dessen Spracherwerb, seine Sprachkontakte, seine kommunikativen Netzwerke und eventuell vorhandenen Sprachwechsel oder Sprachverlust vor dem Hintergrund individueller sprachgeschichtlicher Ereignisse (vgl. Ehlers 2017: 143). Laut Glawe (2013: 221) dient eine Sprachbiographie somit grundsätzlich „ […] zur Darstellung der individuellen sprachlichen Kompetenz eines Individuums“. Damit die Sprachbiographie eines Sprechers zu Forschungszwecken genutzt werden kann, bedienen sich Linguisten vermehrt der Methode des sprachbiographischen Interviews, um den sprachlichen Lebenslauf der Person aufzuzeichnen. Diese sprachbiographische Methode wurde, trotz der Neuheit des Forschungsschwerpunktes, bereits erfolgreich in den Bereichen der Spracherwerbs-, der Mehrsprachigkeits- und Einstellungsforschung sowie in der Variationslinguistik genutzt (vgl. Bieberstedt 2017: 47). Jedoch gilt es bei der Durchführung von sprachbiographischen Interviews und deren Auswertung verschiedene Komponenten zu beachten. Die Sprachbiographie eines Sprechers geht über seinen Lebenslauf, welcher lediglich seinen Lebensweg mit all seinen Ereignissen und Prozessen chronologisch abbildet, weit hinaus, indem eine Sprachbiographie eben diesen Lebenslauf retrospektiv rekonstruiert, einordnet und Sinnzusammenhänge erstellt. Dadurch ist eine Sprachbiographie immer eine aktive, subjektive Bewertung des eigenen Lebenslaufes und vielmehr ein permanenter Prozess und ein kognitives Konstrukt als ein vorgefertigtes, statisches Objekt (vgl. Bieberstedt 2017: 54 – 61). Zwar kann man durch eine sorgfältige Auswahl der Interviewpartner von wahrheitsgetreuen Erzählungen ausgehen, jedoch wird die Sprachbiographie eines Sprechers erst durch die Aufnahme oder Verschriftlichung durch eine dritte Person wissenschaftlich greifbar. Demnach sind Sprachbiographien laut Bieberstedt nicht nur kognitive, sondern auch narrative Konstrukte, welche durch die Erzählung, beispielsweise im Rahmen eines Interviews, bewusst oder unbewusst einer Bewertung und Selektion unterliegen. Eine Sprachbiographie ist folglich nicht objektiv, da sie durch verschiedene Faktoren wie den Erzähltypus, die Kommunikationssituation oder dem Grad der Selbstinszenierung beeinflusst wird (vgl. Bieberstedt 2017: 64 – 69). Die Subjektivität sprachbiographischer Forschungsergebnisse sollte daher niemals missachtet werden. Obwohl Informationen, die aus einem einzelnen sprachbiographischen Interview gewonnen werden, folglich subjektiv bewertet werden müssen, können auch Ergebnisse aus sprachbiographischer Forschung wissenschaftlich verallgemeinert werden, sofern zwei Voraussetzungen erfüllt werden. Einerseits müssen Ergebnisse eines Einzelfalls anhand einer größeren Anzahl von Interviewpartnern überprüft werden, um auszuschließen, dass das erste Ergebnis eher die Ausnahme als die Regel darstellt. Andererseits spielt die Auswahl der Interviewpartner eine wichtige Rolle, da diese für die Verallgemeinerbarkeit der Ergebnisse möglichst repräsentativ sein sollten, um eine homogene Sprechergruppe abzubilden (vgl. Bieberstedt 2017: 71). Zusammenfassend lässt sich festhalten, dass die Anwendung von sprachbiographischen Methoden, zum Beispiel dem sprachbiographischen Interview, in verschiedensten Bereichen der Linguistik, insbesondere mit dem Fokus auf Spracherwerb, Mehrsprachigkeit, Dialekten und Spracheinstellungen, wichtige Erkenntnisse geliefert hat und zukünftig liefern kann. Wichtig ist hierbei jedoch, dass die gewonnenen Daten und Informationen stets unter Berücksichtigung der Subjektivität der qualitativen Methode bewertet werden, um allgemein gültige Forschungsergebnisse zu erzielen (vgl. Bieberstedt 2017: 71 – 73).

[...]


1 Aus Gründen der Lesbarkeit und weil die interviewte Person männlich ist wurde im Text das Maskulinum gewählt, dennoch beziehen sich alle Angaben auf Personen beider Geschlechter.

2 Bei dieser Umfrage gaben 52% aller Befragten einen oder mehr Dialekte an, die sie als sympathisch empfinden, 48% der Befragten beantwortete diese Frage nicht. Bei der Frage nach den unsympathischen Dialekten enthielten sich 60,1% aller Befragten, nur 39,9% der Probanden nannte einen oder mehr Dialekte, die sie als unsympathisch wahrnehmen.

3 In dieser Umfrage wurden Städte stellvertretend für Dialekte angegeben, sodass Leipzig als Stadt Sächsisch darstellte.

4 Dialektologisch als „Obersächsisch“ bezeichnet, jedoch im weiteren Verlauf dieser Arbeit weiterhin Sächsisch genannt, da diese Bezeichnung von den Probanden der Umfragen überwiegend gewählt wurde, um den Dialekt zu bezeichnen.

5 In wissenschaftlichen Arbeiten wird die Normdekrethypothese auch oft als „social connotation hypothesis“ bezeichnet.

6 In wissenschaftlichen Arbeiten wird die Eigenwerthypothese auch oft als „inherent value hypothesis“

Ende der Leseprobe aus 35 Seiten

Details

Titel
Das unbeliebte Sächsisch. Methodische Mängel von Umfragen und Auswirkungen der negativen Fremdbewertungen auf einen norddeutschen Dialektsprecher
Untertitel
Ein sprachbiographisches Interview
Hochschule
Christian-Albrechts-Universität Kiel
Veranstaltung
Spracheinstellungsforschung
Note
1,0
Autor
Jahr
2019
Seiten
35
Katalognummer
V538558
ISBN (eBook)
9783346196668
ISBN (Buch)
9783346196675
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Dialekt, Spracheinstellungsforschung, sprachbiographisches Interview, Dialektforschung, Dialektologie
Arbeit zitieren
Lisa Graap (Autor), 2019, Das unbeliebte Sächsisch. Methodische Mängel von Umfragen und Auswirkungen der negativen Fremdbewertungen auf einen norddeutschen Dialektsprecher, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/538558

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