Witze über Sächsisch wie der oben zitierte gibt es unzählige, denn die gesamte Nation scheint sich unfassbar gerne über den sächsischen Dialekt lustig zu machen und diesen abzuwerten. Zudem scheinen die Ergebnisse von regelmäßig veröffentlichen Umfragen zu der Beliebtheit und Unbeliebtheit von deutschen Dialekten auf den ersten Blick eindeutig und stichfest zu sein. Beim Ranking der unsympathischen Dialekte der GFM-Getas-Umfrage im Auftrag des Instituts für deutsche Sprache von 1999 belegt Sächsisch den ersten Platz. Auch bei der Allensbach-Umfrage aus dem Jahr 2008 im Auftrag der Gesellschaft für Deutsche Sprache landet das Sächsische an vorderster Stelle, wenn es um die Beliebtheit deutscher Dialekte geht.
Doch woher kommt dieses negative Prestige des Sächsischen, welches in der Öffentlichkeit so präsent ist, und wie aussagekräftig sind Beliebtheitsumfragen wirklich? Denn aus wissenschaftlicher Perspektive weisen eben diese Umfragen erhebliche methodische Mängel auf, die dazu führen, dass die Ergebnisse nur mit größter Vorsicht interpretiert werden können. Somit soll diese Arbeit zuallererst klären, wie das negative Prestige des Sächsischen entstanden ist und welche haltbaren Aussagen anhand von Umfrageergebnissen wirklich über die Beliebtheit des Sächsischen aufgestellt werden können. Die Tatsache, dass ein großer Teil der deutschen Bevölkerung Sächsisch nicht mag, soll durch die Auseinandersetzung mit Umfragen und deren Mängel jedoch unangefochten bleiben.
Unabhängig von den methodischen Mängeln der Befragungen und der Anfechtbarkeit der publizierten Ergebnisse, erfreuen sich Umfragen in den Medien und bei deren Konsumenten großer Beliebtheit, sodass Tageszeitungen wie das Hamburger Abendblatt konsequent ein negatives Meinungsbild über den sächsischen Dialekt verbreiten: „Sächsisch ist der unbeliebteste Deutsche Dialekt“.
Doch inwieweit sind sich die Sprecher des sächsischen Dialektes überhaupt über das negative Meinungsbild und die negative Fremdbewertung, welche durch Umfragen regelmäßig verbreitet werden, ihres Dialektes bewusst? Und inwiefern beeinflusst dieses möglicherweise vorhandene Wissen ihre Sprachnutzung, sobald sie ihre Dialektregion verlassen und mit anderen Sprechern in Kontakt treten?
Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Methodische Mängel von Umfragen
2.1. Konträre Dialektbewertung
2.2. Fragetechnik und Prominenz der Dialekte
2.3. Faktor Herkunft – Fremd- und Selbstbewertung
2.4. Mentale Konzepte und kognitive Kartierung
3. Hypothesen zur Prestigeentwicklung des Sächsischen
4. Das sprachbiographische Interview
4.1. Die Methode und deren Nutzen
4.2. Durchführung und Auswertung
5. Fazit und Forschungsausblick
6. Bibliographie
7. Basistranskription des Interviews
Zielsetzung & Themen der Arbeit
Die vorliegende Arbeit untersucht das negative Prestige des Sächsischen, hinterfragt kritisch die methodischen Schwächen gängiger Beliebtheitsumfragen und analysiert anhand eines sprachbiographischen Interviews die Auswirkungen dieses negativen Images auf die tatsächliche Sprachnutzung eines Dialektsprechers, der aus seiner Herkunftsregion in den norddeutschen Raum migriert ist.
- Historische Entwicklung des Prestiges des Sächsischen
- Kritische Analyse methodischer Mängel in Spracheinstellungs-Umfragen
- Wahrnehmungsdialektologische Aspekte und kognitive Kartierung
- Sprachbiographische Untersuchung von Dialektvermeidung und Stigmatisierung
- Vergleich von Selbst- und Fremdbewertung von Dialekten
Auszug aus dem Buch
2.4. Mentale Konzepte und kognitive Kartierung
Dass die Laienbezeichnungen von Dialekten nicht mit den Dialektbezeichnungen von Experten übereinstimmen ist eine Gegebenheit, welche in der Dialektologie längst anerkannt ist (vgl. Hundt 2011: 79). Somit können nur Vermutungen dazu angestellt werden, welches mentale Konzept der Proband bei der Dialektbewertung aufruft, in welchen geographischen Raum der linguistische Laie den zu bewertenden Dialekt einordnet und ob diese Einordnung mit der sprachlichen Realität übereinstimmt (vgl. Hundt 2011: 88). Fest steht zumindest, dass das mentale Konzept, welches ein linguistischer Laie aufruft, sobald er in einer Umfrage Sächsisch als unsympathisch angibt, immens von dem wissenschaftlichen Konzept Sächsisch abweicht. Es bleibt bei der Auswertung von Umfragen zur Beliebtheit somit final unklar, wie beispielsweise das mentale Konzept Sächsisch, welches der linguistische Laie dabei bewertet, tatsächlich aussieht. Welche Faktoren die Assoziationen, welche das Dialektkonzept hervorrufen, beeinflussen, seien es persönliche Erfahrungen, soziale, politische oder wirtschaftliche Aspekte, werden in Umfragen zur Beliebtheit von Dialekten nicht berücksichtigt. Dadurch bleibt es letztendlich immer nur eine Vermutung, welches Dialektkonzept der Befragte in Umfragen tatsächlich bewertet, wie er dieses geographisch einordnet und welche Assoziationen er damit verbindet (vgl. Hundt 2011: 88). Der enorme Einfluss von außersprachlichen Einflüssen, ob politischen, historischen und sozialen Ursprungs, auf Dialekte und deren Bewertungen, lässt die Schlussfolgerung nicht zu, dass einzelne Dialekte wie Sächsisch objektiv hässlich und deswegen unbeliebt sind. In einer aktuellen Publikation fasst Hundt (2017: 121) die Faktoren, welche die Dialektbewertungen von Laien stark beeinflussen zusammen:
„Laienkonzepte zu deutschen Dialekten umfassen nicht lediglich (perzipierte oder assoziierte) Merkmale, sondern zu ihnen gehören auch kulturelle Stereotype, geographisches Wissen und Stereotype zu den Sprechergruppen selbst. Diese verschiedenen Konzeptbestandteile können sich mit der jeweiligen Realität decken, müssen dies aber nicht“.
Zusammenfassung der Kapitel
1. Einleitung: Diese Einleitung führt in die Problematik des negativen Prestiges des Sächsischen ein und stellt die Forschungsfrage nach der Aussagekraft von Beliebtheitsumfragen sowie den Auswirkungen auf einen Dialektsprecher.
2. Methodische Mängel von Umfragen: Dieses Kapitel analysiert systematisch methodische Schwachstellen in Dialekt-Umfragen, wie Kontraste in der Bewertung, Fragetechniken, den Faktor Herkunft sowie die Diskrepanz zwischen Laienkonzepten und linguistischer Realität.
3. Hypothesen zur Prestigeentwicklung des Sächsischen: Hier wird der historische Wandel des Sächsischen von einer geschätzten Leitvarietät zum Stigmadialekt nachgezeichnet und mit der Normdekrethypothese in Verbindung gesetzt.
4. Das sprachbiographische Interview: Dieses Kapitel erläutert die Methode des sprachbiographischen Interviews und präsentiert die Ergebnisse der Befragung eines sächsischen Sprechers im norddeutschen Kontext.
5. Fazit und Forschungsausblick: Das Fazit fasst die Ergebnisse zusammen, bestätigt die Relevanz der Normdekrethypothese und plädiert für zukünftige Forschungen im Bereich der Wahrnehmungsdialektologie.
6. Bibliographie: Verzeichnis der wissenschaftlichen Quellen und Literatur.
7. Basistranskription des Interviews: Vollständige Transkription des geführten sprachbiographischen Interviews.
Schlüsselwörter
Sächsisch, Dialekt, Spracheinstellungsforschung, Prestigeverlust, Normdekrethypothese, Sprachbiographie, Wahrnehmungsdialektologie, Stigmatisierung, methodische Mängel, Laienkonzepte, Dialektvermeidung, Identität, Soziolinguistik, Fremdbewertung, Sprachnutzung.
Häufig gestellte Fragen
Worum geht es in dieser wissenschaftlichen Arbeit grundlegend?
Die Arbeit untersucht das anhaltend negative Image des Sächsischen in Deutschland und hinterfragt, ob dieses Bild durch die methodischen Schwächen von öffentlichen Umfragen beeinflusst wird.
Welche zentralen Themenfelder werden beleuchtet?
Im Zentrum stehen die historische Prestigeentwicklung des Sächsischen, die methodischen Fehlerquellen bei der Erfassung von Spracheinstellungen sowie der Einfluss von Stigmatisierung auf die Sprachwahl von Individuen.
Was ist das primäre Ziel oder die zentrale Forschungsfrage?
Das Ziel ist es, die Entstehung des negativen Prestiges des Sächsischen zu begründen, Umfrageergebnisse kritisch zu hinterfragen und die Auswirkungen dieses negativen Bildes auf die Sprachnutzung eines Dialektsprechers in einem neuen, nicht-dialektalen Umfeld zu analysieren.
Welche wissenschaftlichen Methoden werden angewandt?
Neben einer theoretischen Aufarbeitung und Literaturanalyse zur Sprachgeschichte und Wahrnehmungsdialektologie wird ein qualitatives, sprachbiographisches Interview als Methode genutzt.
Was wird im Hauptteil der Arbeit behandelt?
Der Hauptteil gliedert sich in eine kritische Auseinandersetzung mit Umfragemethoden, eine historische Einordnung mittels der Normdekrethypothese und die Auswertung eines Interviews, das die subjektive Erfahrung von Dialektvermeidung durch Stigmatisierung verdeutlicht.
Welche Schlüsselwörter charakterisieren die Untersuchung?
Wichtige Begriffe sind Sächsisch, Dialekt, Stigmatisierung, Normdekrethypothese, Sprachbiographie und Wahrnehmungsdialektologie.
Welche Rolle spielt die Unterscheidung zwischen Sächsisch und Erzgebirgisch im Interview?
Die Gewährsperson stellt klar, dass er sich selbst als Erzgebirgisch-Sprecher definiert und nicht als Sprecher des in Medien oft parodierten „plakativen“ Sächsisch, was die Problematik der kognitiven Kartierung bei Laien unterstreicht.
Warum versucht die befragte Person, ihren Dialekt im Norden zu verbergen?
Aufgrund des negativen gesellschaftlichen Stigmas und der Befürchtung, als Dialektsprecher vorschnell in eine negative „Schublade“ eingeordnet zu werden, unterdrückt die Person den Dialekt, um unvoreingenommenen sozialen Kontakt zu ermöglichen.
Bestätigt die Arbeit die Normdekrethypothese?
Ja, der historische Verlauf des Sächsischen sowie die persönlichen Erfahrungen der Gewährsperson stützen die Annahme, dass das Prestige von Dialekten primär durch außersprachliche Faktoren und soziale Stereotype geprägt wird und nicht durch objektive sprachliche Merkmale.
- Citar trabajo
- Lisa Graap (Autor), 2019, Das unbeliebte Sächsisch. Methodische Mängel von Umfragen und Auswirkungen der negativen Fremdbewertungen auf einen norddeutschen Dialektsprecher, Múnich, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/538558