Arabische Satire als Mittel des Widerstands gegen den Islamischen Staat


Masterarbeit, 2016

120 Seiten, Note: 1,0


Leseprobe

INHALTSVERZEICHNIS

1 Einleitung

2 Der Islamische Staat im Überblick

3 Humor, Satire und Spott als humoristische Spielarten
3.1 Unterscheidung und Klassifizierung
3.2 Sprache als Werkzeug des Humors

4 Humor in der arabischen Welt
4.1 Tradition des Humors
4.2 Charakteristika des arabischen Humors
4.3 Humor als Mittel der Kritik und des Widerstands in der arabischen Welt

5 Arabische humoristische Medien gegen den Islamischen Staat
5.1 Videos
5.1.1 Ḍāyiʿat aṭ-ṭāsa
5.1.2 Die Videoproduktionen von LBC - Bass Māt Waṭan und die Ktīr Salbī Show
5.2 Cartoons
5.2.1 ʿImād Ḥaǧǧāǧ
5.2.2 ʿAbd Allāh Ǧābir
5.3 Andere Mittel der satirischen Betrachtung des IS
5.4 Auswertung sprachlicher und bildlicher Merkmale
5.5 Inhaltliche Auswertung
5.6 Ziele und Wirkung

6 Schluss
6.1 Zusammenfassung
6.2 Ausblick

Literatur- und Quellenverzeichnis

Anhang

Vorbemerkungen

Das Interesse für das Thema dieser Arbeit entsprang meinem Wunsch, generell ein interessantes und erheiterndes Thema zu bearbeiten. Allerdings besitzen die meisten dafür in Frage kommenden Themen außerhalb der geisteswissenschaftlichen Forschung kaum Relevanz. Die vorliegende Arbeit löst diese Zwickmühle auf: Einerseits konnte ich Erheiterung bei der Bearbeitung des Materials erwarten, andererseits garantiert der Fokus auf den Islamischen Staat eine Relevanz in der aktuellen Zeit.

In mehreren Gesprächen mit europäischen Zeitgenossen im Vorfeld dieser Arbeit wurde mir klar, dass es für Fachfremde schwer vorstellbar ist, die arabisch-islamische Kultur mit Humor in Verbindung zu bringen. Möglicherweise kann ich diese Vorurteile ein wenig abbauen, indem ich in den folgenden Seiten zeige, dass die arabische Welt und der Islam durchaus eine reiche Tradition und Kultur des Humors vorzuweisen haben. Dieser Humor scheint gerade in den letzten Monaten und Jahren, in denen mit dem IS einer der global gesehen bedrohlichsten Feinde aktiv war und ist, aufzublühen und eine seiner schärfsten Seiten zu zeigen.

Bei der Recherche und Materialsammlung wurde mir schnell klar, dass es mir schwer fallen würde, die Fülle an Material auszusortieren und mich für eine dem Umfang der Arbeit angemessene Menge an Beispielen zu entscheiden. Die vorliegende Auswahl an humoristischer Kunst ist also leider nur ein verschwindend geringer Teil der Satire gegen den Islamischen Staat. Es tut mir vor allem leid um die großartigen Episoden von Dawla al-ḫurāfa des staatlichen Senders al-ʿIrāqīya und die reichhaltige IS-Satire aus Ägypten sowie um viele ungenannt gebliebene Künstler, die sich unter teilweise großen Gefahren in diesem Milieu bewegen, aber in meiner Arbeit aus Zeit- und Platzgründen nicht mehr beachtet werden können.

Obwohl ich weder meine Sympathien für die humoristische Szene gegen den Islamischen Staat verstecken noch eine Legitimation der Terrorgruppe implizieren möchte, bediene ich mich der Einfachheit halber der offiziellen deutschen Bezeichnung des Islamischen Staates bzw. der Abkürzung IS und nicht des Akronyms Dāʿiš. Ansonsten folgen die Transkriptionen im Allgemeinen den Richtlinien der Deutschen Morgenländischen Gesellschaft, in einigen Fällen (z.B. bei der Transkription von Diphthongen) gilt aber die Wiener Tradition.

Darüber hinaus möchte ich auf meinen Umgang mit der dialektalen Transkription hinweisen. Ein Großteil des transkribierten Materials ist Videos entnommen, wo die einzelnen Silben nicht immer absolut genau zu hören sind. Bei unklaren Abschnitten habe ich so transkribiert, wie es der Theorie zufolge sein muss. Auch habe ich mich um Gleichmäßigkeit bemüht und persönliche, die Aussprache betreffende Eigenheiten der Sprecher weitgehend ignoriert. Am auffälligsten und sinnvollsten ist so eine Anpassung bei der Transkription Dāʿiš, obwohl von vielen Sprechern Daʿēš gesagt wird. Außerdem übersetze ich im Sinne guter Lesbarkeit auf Kosten wortwörtlicher Genauigkeit. Die Cartoons im Anhang sind primär den drei wichtigsten Karikaturisten nach geordnet, sekundär nach dem Erscheinungsdatum. Wenn kein Titel vom Urheber gegeben worden ist, wurde eine passende Überschrift gegeben. Zu guter Letzt soll auf eine besondere Kategorie in der Bibliographie hingewiesen werden. Es war erstaunlich, wie leicht Originalquellen des IS mit radikal islamischem Inhalt im Internet auffindbar waren, die auch als Belege verwendet wurden. Die Originalquellen und die entsprechenden Plattformen sind selbstverständlich mit Vorsicht zu genießen.

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Qarah Bayt, Fāris (14.01.2014). “Dāʿiš…“ar-Rāya <http://www.raya.com/caricature/caricaturedp/c22c1947-63eb-428a-941b-45d0220d9d7f> Letzter Zugriff am 11.07.2016.

1 Einleitung

Die westliche Welt, die nur ganz grob pauschal als solche von einem ebenso pauschal abgegrenzten arabischen Kulturraum zu unterscheiden ist, verbindet „die Araber“ bzw. eher noch „den Islam“ kaum mit Humor. Und nicht nur der Westen, auch meine Arbeit begegnet dieser Annahme und taucht in das Milieu des arabischsprachigen Humors und der Satire ein. Im Konkreten geht es um den Humor, der sich gegen die Terrororganisation richtet, die offiziell unter dem Namen „Der Islamische Staat (in Irak und Syrien)“ (IS/ISIS) bekannt ist. In der besagten Szene allerdings und mittlerweile auch darüber hinaus nennt man diese Organisation Dāʿiš und bedient sich damit bereits eines sprachlichen Werkzeugs, das zum Grundrepertoire des Anti-IS-Humors gehört. Geschicktes Spiel mit Worten, Abkürzungen und der Sprache im Allgemeinen ist aber nur eine von vielen Facetten, die ein Video, ein Cartoon, einen Text oder ein Musikstück zu einer guten humoristischen Arbeit machen. Der Großteil der folgenden Seiten untersucht konkrete Werke, vor allem Videos und Zeichnungen, die Ausdruck eben dieser Satire gegen den Islamischen Staat sind. Dabei habe ich mich für eine verhältnismäßig kleine, aber doch möglichst breite Auswahl entschieden, die sowohl Gemeinsamkeiten als auch Unterschiede gut repräsentieren kann. Der größte Anteil der Cartoons besteht aus Zeichnungen des Saudi-Arabers ʿAbd Allāh Ǧābir, des Jordaniers ʿImād Ḥaǧǧāǧ und des Syrers Fāris Qarah Bayt, der hauptsächlich in einer katarischen Zeitung veröffentlicht. Mit diesen Schwerpunkten soll ein möglichst breites nationales Spektrum in die Analyse einbezogen werden. Was die Videos betrifft, so geht es hauptsächlich um die Privatproduktion von syrischen Amateuren und die Produktionen des libanesischen Senders LBCI. Hier und auch bei anderen Ausdrucksformen sieht man, dass die Anti-IS-Satire sowohl professionell als auch amateurhaft, aufwendig oder auch im Kleinen betrieben wird. Der Maġrib sowie die persisch- und turksprachigen Länder des Nahen Ostens werden in der Auswahl und Analyse der Satire nicht berücksichtigt.

Die Überlegungen, ob es gemeinsame Grundbausteine gibt, die die verschiedenen humoristischen Werke über das bloße Thema hinaus zu einer Kategorie zusammenfügen und in welchen Facetten dieser Humor ausgedrückt wird, sind Teile meiner Forschungsfrage, die kurz wie folgt lautet: Wie funktioniert Humor, der gegen den IS gerichtet ist, in der arabischen Welt?

Die Arbeit baut also vor allem auf Material in Form von Videos und Cartoons auf, diesen Quellen müssen aber zwei Grundbausteine vorausgesetzt werden. Der erste davon ist eine Basis an Informationen über den Islamischen Staat, der das zentrale und verbindende Element des gesamten Materials ist und deswegen im folgenden Kapitel als Erstes behandelt wird. Der zweite Grundbaustein ist generell die Frage nach dem Humor in der arabischen Welt. Ein wichtiger Teil der Arbeit beschäftigt sich mit der Tradition des Humors und den Erscheinungsformen außerhalb der IS-Zielrichtung. Aufbauend auf grundlegenden Erörterungen, die Humor im Allgemeinen betreffen, halte ich es für sinnvoll, Humor im Zusammenhang mit dem Arabischen und im Zusammenhang mit dem Islam zu beleuchten. Diese beiden Elemente sind die wichtigsten Faktoren, die die arabische Welt ausmachen, auch wenn die Religion hier vor allem diese Rolle spielt, weil es im Endeffekt um eine radikal-islamische Organisation geht, auf die die Satire abzielt. Möglicherweise wird dem Leser ersichtlich, dass die erwähnte Grundhaltung, dass Humor nicht zu den Arabern bzw. zum Islam passt, ein Vorurteil ist.

Reichhaltige Formen des Humors sind schon lange vor dem Islam im Orient bekannt, mit den muslimischen Eroberungen und der Institutionalisierung des Islams bricht das keineswegs ab, sondern entwickelt und entfaltet sich in verschiedenen Varianten. Die Satire ist ein besonders bemerkenswerter Teil dieser Varianten und spiegelt sich v.a. in hiǧāʾ und bei der Poesie der muḥdaṯūn des arabischen Mittelalters sowie in Ägypten ab Mitte des 20. Jhd. wider. Sie wird in dieser Arbeit als Teil des Oberbegriffs Humor betrachtet und auch synonymisch dazu gebraucht, wobei diese Zuordnung sicherlich diskussionsbedürftig ist, hier aber nicht weiter infrage gestellt werden soll.

Mit dem Auftreten und der wachsenden Stärke des IS gewinnt auch die Satire an Schwung und neuer Kraft, die sie durch Zensur und Repression vonseiten der arabischen Regierungen bislang nur selten entfalten konnte. Im Vergleich zur politischen Satire, die sich in der Moderne bislang vor allem gegen die Führungselite richtete und dementsprechend in ständiger Gefahr schwebte, ist das allgemein anerkannte Ziel der Satire gegen den IS der Terrorismus, der pauschal gesagt von offiziellen Führungskräften und Entscheidungsträgern der Meinungs- und Pressefreiheit in den arabischen Ländern ebenso verurteilt wird. Die Satire gegen den IS kann sich also durch offizielle Medien breiter entfalten als es bisher bei anderen Themen geschehen ist. Das macht diese Fülle an Material und auch einen einfachen Zugang dazu möglich.

Die Geschichte des Islamischen Staates ist lang und beginnt bereits in den frühen 2000ern. Die wirklich starke Phase ist zwar mit spätestens 2013 anzusetzen, die starke Phase der Satire gegen den IS beginnt aber vor allem 2014. Das Cartoon am Anfang der vorliegenden Arbeit, noch vor dieser Einleitung, repräsentiert diesen Beginn, es wurde am 14. Januar 2014 vom syrischen Karikaturisten Fāris Qarah Bayt veröffentlicht. Ein Fragezeichen ist zu sehen, welches mit dem vermummten Kopf eines Terroristen mit einem Gewehr sowie Messer und Bombe am Gürtel verschmilzt. Auch wenn andere Karikaturen zu der Zeit längst den Terror thematisierten, der mit dem IS wieder an großer internationaler Kraft gewonnen hatte, stellt dieses Cartoon eine beinahe vorsichtige Frage: Womit haben wir es mit dem Islamischen Staat zu tun? Viele Fragen sind Anfang 2014 noch offen gewesen und sind es zum Teil jetzt, mehr als zwei Jahre später, immer noch: Wieso wächst der IS so rasant? Was kann und muss von wem getan werden, um die Bedrohung zu zerschlagen? Wer ist verantwortlich für diese katastrophale Entwicklung und die Geschehnisse der vergangenen Monate und Jahre?

Diese und noch viel mehr Fragen könnte das Cartoon ausdrücken. Ratlosigkeit als Folge auf den Terror, der vom IS ausgehend die Welt in den letzten Jahren erschüttert hat, ist sicherlich eine der selteneren Reaktionen, die in der Öffentlichkeit formuliert werden. Die Fülle an Cartoons, die 2014 bis dato folgten und die einen großen Teil dieser Arbeit ausmachen, zeigt, dass die Satiriker aber um die Beantwortung eben dieser Fragen bemüht sind. Sie versuchen mit den Grafiken ebenso wie mit Videos, Texten oder anderen Mitteln der Satire, den IS zu erklären und an einem großen Bild mitzuzeichnen, welches im Endeffekt dieses Fragezeichen auflöst. Die Antworten, die sich im Laufe der Zeit u.a. durch politische Akteure, aber auch mit Hilfe des Humors und der Satire entwickelt haben und entwickeln, können und sollen helfen, Lösungen im bestehenden Krieg zu finden. Dort setzt zu guter Letzt auch der letzte Teil meine Arbeit an. Die Fragen, die sich am Ende stellen, handeln vor allem davon, wie und ob die Satire gegen den IS wirklich wirkt und inwiefern sie am Fortschritt der Beendigung des Krieges gegen den Terror teilhaben und verantwortlich sein kann.

2 Der Islamische Staat im Überblick

Ad-Dawla al-islāmīya, kurz unter der Abkürzung IS bekannt, ist eine dschihadistische, salafistische Gruppierung, die von der internationalen Gemeinschaft als terroristische Vereinigung gesehen wird. Schon der Eigenname enthält Konfliktpotential, da er eine gewisse Legitimität der Gruppe impliziert. Der IS versteht sich in seinem Bestreben, einen panarabischen islamischen Staat nach der eigenen Ideologie zu errichten, gemäß dem fundamentalistischen Grundcharakter als legitim. Die Methoden, dieses Ziel zu erreichen, scheinen aus der Perspektive des IS selbst seit jeher unter dem Slogan „Verharren und Expansion“ (bā q īya wa-tatamaddad) 1 bestens zusammengefasst. Neben dem Schwerpunkt auf militärischer Machtgewinnung und -ausübung gelang es der anfänglich noch kleinen, lokalen Terrorgruppe durch Indoktrination und Propaganda in geschickter Medienarbeit, eine große Zahl an Anhängern zu rekrutieren und für den Kampf um Einfluss nicht nur ideologisch, sondern auch konkret militärisch auszubilden.

Die Ideologie des IS hat im Kern dieselben Inhalte wie andere fundamentalistische Bewegungen und versteht den Islam als strenge Ausrichtung am Koran und an der Sunna des Propheten Mohammed. Alle Entscheidungen, die im privaten oder öffentlichen Leben getroffen werden, sollen mit diesen Quellen allein legitimiert werden. Darüber hinaus vertritt der IS die Idee des gewaltsamen Dschihad und versucht, diese fundamentalistische Auslegung des Islams in politischer und radikaler Form durchzusetzen. Der Islam als politische Grundlage über das private Glaubensleben hinaus ist keine Idee des IS und durchaus „eine mögliche Deutung des Islam“,2 allerdings muss man hier sehen, dass das Konzept eines islamischen Staates auch ohne die gewaltsame Umsetzung existiert. Diese Gewalt aber macht aus dem IS mehr als eine extremistische Gruppe mit lokalem Einfluss, spätestens seit den Aktionen außerhalb des syrischen Bürgerkrieges spricht man von einer Terrororganisation.

Der IS versucht allerdings, dieses Label als Terrorgruppe hin zu einem legitimen Gebilde gleich eines Staates zu verändern, wie es auch der Name impliziert. Die Gestaltung dieses Staates folgt offiziell der wortwörtlichen Auslegung des Korans und der Sunna und enthält Regelungen bis in kleinste Details. Wie es für eine terroristische Gruppe üblich ist, wird dieses Ziel hauptsächlich durch aufsehenerregende Aktionen zu erreichen versucht, dabei kommen ausgebildete Kriegskämpfer sowie Einzelattentäter zum Einsatz. Der Erfolg des IS liegt aber nicht nur in gnadenloser Gewalt, sondern auch in kluger Medienarbeit und Propaganda.

Einerseits kann durch gute Online-Kommunikation der Kontakt mit potentiellen Überläufern aufgenommen und gehalten werden und deren Reise zum IS gezielt geplant werden. Andererseits können Inhalte in mehreren Sprachen unglaublich schnell verbreitet und verlinkt werden.3 Das Internet ist ein wichtiges Schlachtfeld, auf dem dem IS begegnet werden muss. Ebenso weist Listers Anmerkung, dass auch „the group’s bitter battle with al-Qaeda was played out online“,4 darauf hin, wie bedeutsam die Vorgänge und Informationen im Internet sind und dass es eine große Rolle spielt, von wem und wie vielen diese beobachtet werden.

Die Radikalisierung und der Zulauf von Jugendlichen innerhalb und außerhalb des Nahen Ostens zum IS funktioniert wie bei den meisten extremistischen Gruppen. Die inhaltliche Radikalität des IS lockt junge Menschen in unsicheren Verhältnissen und Unzufriedenheit an und bietet diesen Menschen klare Antworten und ein typisches Schwarz-Weiß-Denken. Demzufolge ist der IS nicht unbedingt unattraktiv für eine große Zielgruppe, die sich nach Erfolg, Selbstbewusstsein, einem Platz in der Welt und einfachen Antworten sehnt. Diese Menschen werden durch Medien und moderne Netzwerke mit Propagandatexten und -videos versorgt, die ihnen genau diese Dinge aufzeigen. Das Leben im IS bietet zumindest finanziell eine gewisse Sicherheit, einen festen Platz in einer klaren Hierarchie, familiäre Strukturen durch gemeinsames Gedankengut und Streben, Macht durch Waffenbesitz und Kontrolle sowie eine Ideologie, die kein kritisches Denken erlaubt, sondern nur Gehorsam.

Abgesehen vom Inhaltlichen betrifft die organisatorische Komponente vor allem die finanziellen Mittel, die benötigt werden, um die Theorie des IS in die gewaltsame Praxis umzusetzen. Die Geldmittel des IS kommen hauptsächlich aus privaten Spenden von Sympathisanten sowie aus dem Geschäft mit Öl, welches durch die entsprechenden Gebietsgewinne zugänglich geworden ist. Spätestens damit wird das Netzwerk der Unterstützer des IS unübersichtlich, da das Öl über kaum nachvollziehbare Zwischenhändler an Käufer gelangt, die dadurch indirekt, aber wirksam, den IS mitfinanzieren.

In anderen Artikeln und Büchern der Politik-, Gesellschafts- und Geschichtswissenschaft kann detailgetreu nachgelesen werden,5 wie der Islamische Staat sich von einer wachsenden Ideologie mit regionaler Bedeutung in eine bestens organisierte Terrorgruppe verwandelt hat, die längst über den Rahmen in Syrien und dem Irak hinausgewachsen ist. In einem größeren Kontext und mit einem Rückblick auf mehr als ein Jahrzehnt ist die Entwicklung der Gruppe, die heute der Islamische Staat bzw. IS genannt wird, besonders an den Namensänderungen im Laufe der Zeit zu erkennen und zu beschreiben. Wie bereits erwähnt, kann der Begriff Staat (dawla) in der Eigen- und Fremdbezeichnung irreführend sein und der Bewegung eine Macht oder Autorität verleihen, die sie sich nicht verdient hat. Die Realität zeigt aber, dass der IS tatsächlich bereits einem Staat ähnelt: „Der Islamische Staat, das sogenannte Kalifat, übt de facto Staatsfunktionen aus in den Gebieten, die er kontrolliert. Der IS tut das in barbarischer, totalitärer Weise, aber er übt Justizfunktionen aus, erhebt Steuern, stellt gewisse Versorgungsleistungen sicher – Lebensmittel oder Elektrizität –, und er treibt Handel.“6 Ob wir also von einer Terrororganisation oder einem rechtmäßig anmutendem Staat sprechen sollten oder nicht: es ist kaum zu leugnen, dass der IS derzeit ein Gebiet kontrolliert (Stand Januar 2016), welches größer und stabiler organisiert ist als einige tatsächliche Staaten. Sich nicht nur als Staat, sondern als religiös legitimiertes Kalifat zu verstehen, ist dem Kopf der Organisation und als dessen Anführer bekannten Abu Bakr al-Baghdadi entsprungen, der im Juni 2014 verkünden ließ, dass die gesamte muslimische Gemeinschaft verpflichtet sei, ein islamisches Kalifat zu erstreben und dem Kalifen (ḫalīfah), Abu Bakr al-Baghdadi bzw. Kalif Ibrahim nachzufolgen und zu dienen.7 Diese Proklamation markiert einen wichtigen Wendepunkt in der Geschichte des IS. Wenige Monate zuvor hatte die Gruppierung sich erst von Al-Qaida gelöst, zu deren Reihen sich die Mitglieder des IS seit 2003 zugehörig fühlten. Die langfristigen Ziele wie die Errichtung eines islamischen Kalifats, welches alle Muslime regiert oder die Schwächung der westlichen Großmächte vereinten einst Al-Qaida und den IS zu einer gemeinsamen Strategie.

Der eigentliche Ursprung der Gruppe und der Vernetzung mit Al-Qaida ist allerdings nicht im Irak oder in Syrien, sondern in Jordanien bei Abu Musab al-Zarqawi. Seit seiner Freilassung aus dem Gefängnis 1999 versammelte al-Zarqawi Radikale um sich und beteiligte sich damals unter dem Namen Ǧamāʿat at-tawḥīd wa-l-ǧihād mit Hilfe von verschiedenen terroristischen Gruppierungen, allem voran Al-Qaida und die Taliban, an diversen Operationen.8 Er ließ sich mit seiner Gruppe letztendlich im Nordirak nieder, wo Osama bin Laden al-Zarqawi zu seinem Stellvertreter im Irak einsetze. Als Schlüsselerlebnis, die aus der losen Gruppierung im Anfangsstadium und einem kleinen Teil von Al-Qaida eine feste und schnell erstarkende Partnerorganisation machte, kann ein Angriff der US Air Force 2003 gesehen werden, bei dem das Lager von al-Zarqawis Gruppe als eines der ersten Ziele bombardiert wurde. Nur wenige Monate später - im August - präsentierte sich al-Zarqawi mit drei größeren Anschlägen, die sich gegen Jordanien, die Schia und gegen die sich in den Irak einmischenden Westmächte richteten.9 Hier zeigt sich die gemeinsame Idee von al-Zarqawi und Al-Qaida: die sunnitische Gemeinschaft gegen Eindringlinge von außen zu verteidigen, im innermuslimischen Sinn gegen die Schia, im erweiterten Sinn dann gegen jegliche Andersgläubige sowie gegen die Westmächte. Viele Praktiken und Schwerpunkte der heutigen IS-Organisation sind bereits in den frühen Stadien von al-Zarqawis Ǧamāʿat at-tawḥīd wa-l-ǧihād vorhanden. Beispielsweise wurde der Amerikaner Nicholas Berg entführt und seine Hinrichtung gefilmt, bei der er einen orangefarbenen Overall trug.10 Diese Praxis ist zu einem symbolträchtigen Markenzeichen des IS geworden. Einerseits ist die Zurschaustellung der Gewalt und des Hinrichtens ausländischer Geiseln ein Mittel oder eher eine Forderung, als terroristische Organisation ernstgenommen zu werden. Andererseits soll die grelle Farbe Anklage und Hinweis auf die Meldungen von Folter und Grausamkeiten durch US-Amerikaner in den Gefängnissen Abu Ghuraib und Guantanamo sein, deren Gefangene ebensolche orangefarbenen Overalls angezogen wurden.11 Doch nicht nur das. Der Autor Elliot Ackerman erkennt: „It was a sign that Zarqawi understood the visual stage upon which he was stepping.“12 Diese Bühne, die hier erwähnt wird, ist zum unverzichtbaren Teil der Selbstdarstellung, der Propaganda und damit des gesamten Erfolgskonzeptes des Islamischen Staates geworden.

Nach dieser Entwicklung vom Beginn des Irakkrieges an änderte die Gruppe um al-Zarqawi wiederum ihren Namen in Tanz īm q āʿidat al-ǧihād fī bilād ar-rā fida yn und war vereinfacht bekannt als al-Qāʿ ida fī l-ʿIrā q . Letztere Bezeichnung wurde vor allem von westlichen Sicherheitskräften benutzt und betont die Verknüpfung des IS mit Al-Qaida . Dieser Bund bekam offiziellen Charakter, als al-Zarqawi im Oktober 2004 einen Treueeid zu Osama bin Laden schwor.13

Anfang 2006 schlossen sich mehrere kleine Dschihad-Gruppen dem IS-Vorläufer an und der Dachverband Maǧlis šūrā l-muǧāhidīn fī l-ʿIrā q wurde gebildet, dessen Leitung Abu Abdallah ar-Raschid al-Baghdadi übernahm.14 Mit dem Tod von al-Zarqawi wurde Abu Ayyub al-Masri der Anführer der IS-Gruppe, bald darauf änderte sich der Name zu ad-Dawla al-islāmīya fī l-ʿIrā q (ISI) und benannte damit zum ersten Mal ein konkretes Ziel, die Errichtung eines islamischen Staates. Dieser soll den gesamten Nordirak inklusive Kurdistan sowie die mittleren Regionen mit Bagdad umfassen. Die Gruppe hatte bereits ihre Strategie von Einzelentführungen und -ermordungen hin zu größer angelegten Attentaten mit etlichen Todesopfern geändert, was zu schweren Anschlägen mit vielen Todesopfern in den folgenden Jahren führte.

2010 erfolgte mit dem Tod der beiden Leitfiguren Abu Abdallah ar-Raschid al-Baghdadi und Abu Ayyub al-Masri ein erneuter Umbruch. Abu Bakr al-Baghdadi übernahm die Führung des ISI, die er bis dato (Stand Juni 2016) innehat. Der Arabische Frühling zog Syrien in einen heftigen Bürgerkrieg, an dem sich ISI spätestens ab 2012 gemeinsam mit Al-Qaida beteiligte. Die Verbundenheit der verschiedenen terroristischen Gruppen unter dem Dachverband der Maǧlis šūrā zeigte sich aber brüchig und 2013 kam es zum Streit zwischen ISI und der Ǧabhat an-nuṣra, einer verbündeten Organisation, die im syrischen Bürgerkrieg gegen die Regierung kämpfte. Al-Baghdadi erklärt die Ǧabhat an-nuṣra als Teil der ISI, der gemeinsame Name wurde dann ad-Dawla al-islāmīya fī l-ʿIrāq wa-š-Šām (ISIS).15 Dieser Name zeigt wieder die Erweiterung in der Zielsetzung der Gruppe. Der islamische Staat sollte offiziell neben dem Irak auch Syrien umfassen. Die Ǧabhat an-nuṣra war mit der Verlautbarung allerdings nicht einverstanden und widersprach der Anbindung an den ISI/ISIS kurz darauf, schwor aber az-Zawahiri und der Al-Qaida die Treue.16 Diese Aktion förderte die Trennung des ISIS von Al-Qaida, was die Reaktion von az-Zawahiri erkennen lässt. Er wies den Treueschwur der Ǧabhat an-nuṣra zurück und versuchte, den Streit zu schlichten, indem er die Gebiete aufteilte.17 Der ISIS sollte den Irak übernehmen, die Ǧabhat an-nuṣra sich weiter um Syrien kümmern. Al-Baghdadi aber weigerte sich, das Einflussgebiet des ISIS auf den Irak zu beschränken. Dieser Konflikt markiert die Stelle in der jüngeren Geschichte, ab der Al-Qaida , die Ǧabhat an-nuṣra und der ISIS im Prinzip zerstritten sind. Die internationale Gemeinschaft der Vereinigten Nationen nahm das allerdings nicht so deutlich wahr und listete 2013 all diese Gruppennamen als Synonyme für al-Qāʿ ida fī l-ʿIrā q . 18

ISIS vermehrte seine Aktionen in Syrien und schlug vor allem im September 2013 mit mehreren Anschlägen in Damaskus zu. Es folgen Massaker in alawitischen Dörfern Westsyriens und der Unterhalt von geheimen Gefängnissen in ar-Raqqa und Ḥalab.19 Die Ausweitung des Einflusses auf Syrien kostete den ISIS allerdings seine Verbündeten. Unter den Rebellen im syrischen Bürgerkrieg kämpfte keine Miliz an der Seite des ISIS mehr und Al-Qaida distanzierte sich offiziell von der Gruppe.20 Der Größenwahn des ISIS stieg weiter an und im Juni 2014 rief Abu Bakr al-Baghdadi das islamische Kalifat aus und bestimmte sich selbst zum Kalifen. Fortan nennt die Gruppe sich verkürzt ad-Dawla al-islāmīya. Letztendlich ist auch in dieser Namensanpassung der grenzübergreifende Anspruch zu erkennen, womit der gegenwärtige Charakter der Gruppe erreicht ist. Auch die organisatorische Komponente in Richtung eines Staates gewinnt an Bedeutung. Interne Dokumente belegen ein ausgebautes Sozialsystem, bürokratische Personalplanung und ein stabiles Finanzwesen.21

Die folgenden Monate bis zum Frühjahr 2016 waren von Machtkämpfen um Gebiete in Syrien und im Irak geprägt. Im ersten Halbjahr 2015 schien der IS seine erfolgreichste Phase zu haben, die Gruppe kontrollierte mehr als die Hälfte der Landfläche Syriens mit den meisten Ölfeldern sowie den irakischen Nordwesten und Teile des Nordostens, unter anderem al-Fallūǧa bei Bagdad und die zweitgrößte Stadt des Iraks al-Mawṣil.

Doch schon ab Juni 2015 verlor der IS wieder große Gebiete an irakische Regierungstruppen oder an kurdische Milizen mit westlicher Unterstützung. Mit dem allmählichen Erfolg bei der Wiedergewinnung der Gebiete aus den Händen des IS ist allerdings auch die Terroranschlagsrate gestiegen. Die Terrororganisation führt seit Ende 2015 besonders viele Anschläge in oder bei Bagdad aus, aber auch die umgebenden Länder des Nahen Ostens sowie Europa (im Speziellen Frankreich und Belgien) sind seither von der Gefahr des IS konkret betroffen.

Wie bereits erwähnt, hat der IS kaum noch Verbündete unter den anderen terroristischen Organisationen, besonders die einst so enge Beziehung zu Al-Qaida ist mehr als angespannt. Im September 2015 (vermutlich wurde diese Nachricht aber schon Monate eher verlautbart) kritisierte az-Zawahiri al-Baghdadi offen dafür, sich zum Kalifen erklärt zu haben, ohne vorher die Gemeinschaft der Muslime zu konsultieren und ohne die verschiedenen Bündnisse innerhalb der Hierarchie des Terrornetzwerkes zu berücksichtigen.22

Die klaren Gegner des IS sind vor allem im Westen zu finden. Allen voran re-initiierte bzw. finanzierte die USA bereits 2006 die Abnāʼ al-ʻIrā q , sunnitische Stämme, die sich zuvor gegen die US-Besatzung zusammen geschlossen hatten, nun aber mit US-Unterstützung gegen den IS kämpften.23 Ende 2014 waren die USA wieder Initiatoren einer groß angelegten Militärallianz gegen den IS, der sich unter anderem die gesamte Europäische Union sowie aus dem Nahen Osten Saudi-Arabien, die Türkei, die VAE, Bahrain und Katar anschlossen. Die Rolle Katars im Krieg gegen den IS ist mehr als umstritten, da die meisten Gelder zur Unterstützung des IS aus Katar oder auch von privaten Spendern aus Saudi-Arabien kommen. Russland führt offiziell ebenfalls Luftangriffe gegen den IS durch, allerdings verfolgt die russische Regierung genau wie Saudi-Arabien und die Türkei mit großer Wahrscheinlichkeit primär eigene Interessen, sodass deren klare Feindschaft zum IS zu hinterfragen ist. Auch die Milizen in den Krisenländer selbst, im Irak und in Syrien,24 verfolgen vielschichtige Interessen und bekämpfen sich untereinander, sodass eine klare Aufteilung in zwei gegnerische Lager, wobei eines davon dem IS gegenübersteht, überhaupt nicht möglich ist.

3 Humor, Satire und Spott als humoristische Spielarten

3.1 Unterscheidung und Klassifizierung

Während endlos debattiert werden könnte, was lustig ist und was nicht, ist auch der Begriff „Humor“ selbst ein wenig exaktes und universell gültig nicht zu bestimmendes Phänomen. Im Grunde genommen ist Humor gar nicht auf literarische oder künstlerische Kreationen direkt anwendbar, vielmehr bezeichnet es ein soziales bzw. psychosoziales Element, welches individuell und flexibel auftritt. Vor allem ist Humor ein Faktor der Kommunikation, wobei der Verantwortliche eine bestimmte Reaktion - eine Art des Lachens oder der Belustigung - hervorrufen möchte.25 Demnach müssten auch sämtliche Formen, die untergeordnet unter dem Begriff „Humor“ auftreten, individuelle Umstände erfordern, um erklärt werden zu können. Der Einfachheit halber möchte ich aber in diesem Kapitel davon ausgehen, dass sämtliche Beispiele als humorvoll gelten, auch weil sie humorvoll oder/und satirisch intendiert sind, was möglicherweise schon reicht, um als Humor zu gelten.

Um die der Arbeit zugrundeliegenden Quellen einzuordnen, müssen vor allem die Begriffe Satire, Spott, Parodie, Persiflage, Sketch, Karikatur und Cartoon genauer in Augenschein genommen werden. Eine erste Unterscheidung kann auf der Metaebene problemlos funktionieren. Karikatur, Cartoons und Sketche sind vor allem Formen oder Ausdrucksmittel, die Humor tragen können. Sie müssen das sogar auf die eine oder andere Weise tun, denn ohne einen humoristischen Aspekt würde man sie lediglich Zeichnung oder Szene nennen. Ein Sketch ist kurz gesagt alles Humorvolle, was geschauspielert werden kann. Dies betrifft allerdings nur in sich abgeschlossene Szenen, die nicht nur Teil einer größeren Handlung sind, eine Komödie kann aber durchaus mehrere Sketche beinhalten. Sobald es die Ebene von existenten Personen, die den Sketch zeigen, verlässt, handelt es sich nicht mehr um einen Sketch. Die im Kapitel 5.1.1 vorgestellten Videos zeigen allesamt Sketche, bei der irakischen Serie Dawla al-ḫurāfa sind meist Sketche aneinandergereiht oder eingefügt. In diesen Sketchen kann Humor als Satire, Persiflage, Parodie usw. transportiert werden, also sind das Begriffe, die die Art, Richtung oder Färbung des Humors bezeichnen.

Ähnlich verhält es sich mit Cartoons. Ein Cartoon ist die Form eines humorvollen Werkes. Die Form ist insofern als Cartoon charakterisiert, dass es sich um eine manuell oder digital gezeichnete Grafik handelt, mit oder ohne Text. Die Karikatur ist eine Variation des Cartoons mit enger definierten Grenzen. Sie beruft sich auf ein Original (meistens eine Person oder Gruppe), welches der Rezipient kennen muss, was nicht automatisch vorausgesetzt werden kann. Dahingegen kann sich ein Cartoon auch auf allgemeines Geschehen, alltägliche Situationen oder Befindlichkeiten berufen „and is based on wide acquaintance with the subject“.26 Eine Karikatur setzt also einen gebildeteren Rezipienten voraus als ein Cartoon und bezieht sich meistens auf politische Geschehen oder Personen. Dadurch ist auch eine einfache Unterscheidung in der Intention zu erkennen. Einem Cartoon genügt es oft, zu unterhalten, während eine Karikatur vornehmlich Kritik ausüben soll bzw. eine Unzufriedenheit über die karikierte Person oder Situation ausdrückt. Man könnte also bis auf wenige Ausnahmen sämtliche Grafiken, die den IS zum Thema haben, als Karikaturen bezeichnen. Diese Ausnahmen sind Bilder, deren einziger Zweck der Selbstzweck als humoristisches Produkt ist. Auf inhaltlicher Ebene ist keine kritische Intention mehr erkennbar und es geht im Grunde genommen nur um den Humor an sich. Das humoristische Element bzw. die Elemente sind nicht wie in den meisten Fällen von Karikaturen Mittel zum Zweck, sondern Mittel und Zweck gleichzeitig. Ein Beispiel dafür ist in Anhang 38 zu sehen. Der Witz des Bildes besteht darin, dass ein Vogel mit „[hā]dā ʿišš" [27] auf „dieses Nest“ hinweist, der angesprochene Vogel aber hört die Bezeichnung der Terrorgruppe „ Dāʿiš“. Dieser Wortwechsel hat nichts mit dem IS selbst zu tun und beinhaltet auch keinen kritischen Ansatz, der Wortwitz bzw. das Missverständnis ist der Inhalt und Zweck dieses Cartoons. Es handelt sich also um einen reinen Unterhaltungszweck, bei dem die Thematik des IS dafür benutzt wird und nicht per se im Mittelpunkt steht.

Die Karikatur ist Stilmittel eines spöttischen Humors, ebenso wie Parodie, Persiflage und Satire. Das Besondere an Spott ist natürlich, dass er im Allgemeinen nicht für das Objekt selbst, über den der Witz gemacht wird, lustig ist und auf jeden Fall zu den Kategorien eines „negativen“ Humors gehört, der auf Angriff und Verteidigung aus ist und weniger dazu dient, eine positive Atmosphäre oder Verbindung zu schaffen. Bei den spöttischen Varianten von Humor soll eine Kritik ausgeübt werden, die durch das humoristische Element gleichzeitig einen Unterhaltungswert schafft und damit die möglichen Rezipienten aufmerksamer macht.

Das Arabische hat für die Bezeichnung einer humoristischen Darstellung keine eigenen Begriffe. Ein Cartoon, welches ja in der deutschen Sprache ebenfalls nicht eigenständig existiert, heißt im Allgemeinen einfach kartūn und eine Karikatur ist kārīkātīr oder kārīkātūr. Selbst ein Sketch - natürlich auch kein deutsches Wort - kann als iskitš bezeichnet werden. Das ist insofern kaum verwunderlich, da die arabische Welt durch das traditionelle Bilderverbot im Islam diese Darstellungsformen erst spät importiert hat.

Während die Karikatur also vor allem eine bildliche Darstellungsform betitelt, ist eine Satire wesentlich breiter gefächert und kein formaler Begriff. Auf der Ebene der Anwendung und Zielsetzung ist eine Satire ebenso wie eine Karikatur darauf aus, über eine Person oder Personengruppe Kritik auszuüben. Das unterscheidet eine Satire von Parodie, bei Letzterer in der puren Form ist der Anspruch auf ernsthaft gesetzte Kritik nicht oder nur wenig vorhanden. Mehrere satirische Videos gegen den IS zeigen Ansätze von Parodien, allerdings nur, was die formale Ebene anbelangt. Auf der inhaltlichen Ebene würde ich keinem Produzenten eines Videos gegen den IS die Intention der Kritik absprechen. Allerdings bedienen sich einige davon formaler Merkmale, die dem IS zugesprochen bzw. per se dem IS oder generell einer terroristischen Gruppe zugeordnet werden. Treffendes Beispiel ist ein Video, auf dem die Darsteller das Format eines Hinrichtungsvideos des IS kopieren.28 Der orangefarbene Overall, die Übertreibung der guten technischen Konzeption und der formale Aufbau des Videos sind die Komponenten aus den Originalen, die sich die Produzenten dieser Parodie herausgenommen haben. Die zunehmende Idiotie des Inhalts ist dann das, was das Video humorvoll und parodistisch macht. Wie bereits gesagt, ist aber die Intention sicher eine kritische und angreifende, sodass das Video trotzdem als Satire gelten muss. In letzter Konsequenz muss eigentlich jedes in dieser Arbeit vorgestellte humoristische Teil gegen den Islamischen Staat bis auf wenige bereits erwähnte Ausnahmen Satire sein, da vor allem die Intention maßgeblich ist. Um auf die Metaebene zurückzugreifen, ist jede Karikatur eine Form der Satire, da beides den kritischen Zweck in sich trägt, wobei nur die bildliche Form der Satire eine Karikatur sein kann. Satire mag also eine übergeordnete Kategorie sein, der die Karikatur untergeordnet ist.

Allerdings geht mit der Bezeichnung eine gewisse Erwartungshaltung einher. Obwohl die Grenze nicht definiert werden kann, ist von einem satirischen Text, Bild oder Spruch ein gewisses Niveau oder eine Art Kultiviertheit zu erwarten, um - das erscheint ein wenig paradox - ernst genommen zu werden. Besser ausgedrückt, ist Satire eine Form der Kunst und erfordert künstlerische Fertigkeiten und wie in anderen Künsten auch technisches Geschick, um als diese Kunst, in dem Fall als Satire anerkannt zu werden. Die Persiflage ist ebenfalls eine Spielart, die der Satire untergeordnet ist. Die Besonderheit dabei ist die Voraussetzung, dass nicht vor allem die äußere Form wie bei einer Parodie aufgegriffen wird, sondern dass der Inhalt übernommen wird und die Form bzw. Art und Weise der Vermittlung verändert wird.29 Der Unterschied mag gering erscheinen, zeigt aber, dass diese unterschiedlichen Spielarten durchaus Geschick benötigen, um Humor zu produzieren, wirksam einzusetzen und letztendlich zu verstehen.

Streng genommen stellt sich auch die Frage, inwiefern Satire für sich allein - wenn sie ohne die Elemente der Parodie, Persiflage, Karikatur oder einer Mischung daraus vorkommt - überhaupt noch als Humor gilt. Enthält sie keinerlei komische Elemente und besticht nur durch eventuelle künstlerische Originalität, um Kritik und Spott auszudrücken, hat man es dann noch mit Humor zu tun? Oder ist die reine Satire eine eigene Form, die nicht mehr zur großen Kategorie Humor gehört? Diese Frage soll hier weitgehend unbeantwortet bleiben. Der Großteil der für diese Arbeit relevanten Satire beinhaltet komische Elemente und ist damit auf jeden Fall als humoristisches Ergebnis zu sehen. Darüber hinaus verschwimmen die Grenzen zwischen Satire und Parodie, sodass eine klare Abgrenzung zugunsten einer genauen Klassifizierung kaum möglich ist, was die Beantwortung der Frage stark verkompliziert. Satire wird im Allgemeinen durchaus zum Humor dazugerechnet, eine tiefergreifende Infragestellung dieser Annahme soll hier auch aus Gründen der Irrelevanz nicht geschehen.

3.2 Sprache als Werkzeug des Humors

Betrachtet man die Sprache als entscheidendes Element in der Vermittlung von Humor, sind natürlich gravierende Unterschiede festzustellen, ob der Humor oral geäußert wird oder in schriftlicher oder gezeichneter Form (zum Beispiel bei Cartoons oder den fat āwā Dāʿiš). Ebenso ist deutlich zwischen spontanem und geplantem, konstruiertem Humor zu unterscheiden. Da diesbezüglich in dieser Arbeit Formen von Humor im Vordergrund stehen, die durchaus konstruiert sind, soll nicht weiter auf Situationskomik oder spontane Witze eingegangen werden.

Die arabisch-islamische Kultur ist vor allem eine Kultur, in der die Sprache eine besondere Rolle spielt, die Religion, Gesellschaft, Politik und beinahe jeden Bereich des menschlichen Lebens stark beeinflusst. Das mag daher kommen, dass der Koran in seiner außerordentlich wichtigen Position vor allem als geschriebenes Buch den Wortlaut Gottes wiedergibt, damit quasi unantastbar ist und alles, was mit Sprache zu tun hat, so stark prägt. Das sprachliche Prestige des Korans wirkt sich insofern aus, dass die koranische Sprache als perfekt und unnachahmbar gilt. Das koranische Arabisch ist im Vergleich zu Dichtersprache, Mediensprache und den Dialekten die höchste Form der Sprache. Der arabisch-islamische Kulturraum, in dem der Koran eine so bedeutsame Rolle spielt, ist also in vieler Hinsicht vor allem durch Sprache und Schrift definiert. Auch Christen und Andersgläubige nutzen in der standardisierten Form die Sprache, die auf dem Arabisch des Korans beruht, sodass auch im Fall von Nicht-Muslimen die theoretische Verbindung von Sprache mit der Religion des Islams nicht wegzudenken ist. Aber auch schon die vorislamischen Beduinenstämme nutzten die Reichhaltigkeit der Sprache, um vor allem in poetischen Versen zu unterhalten, zu kommunizieren, zu kämpfen und zu manipulieren.

Der hohe Stellenwert von Sprache in der arabischen Kultur ist seit jeher ein Merkmal, welches diesen Kulturraum besonders heraushebt. Nur so kann das Spiel mit humoristischen und im Fall von satirischen Versen als Mittel zur Verteidigung und zum Angriff eine mächtige Wirkung entfalten.

Humor liegt laut Victor Raskin vor allem die Struktur zugrunde, dass vom Rezipienten zwei gegensätzliche Ebenen aufgenommen und gleichzeitig verarbeitet werden.30 Zumindest eine der beiden Ebenen muss dem Hörer, Leser oder Zuschauer bekannt sein, um den Spaß zu verstehen bzw. den Humor als solchen zu erkennen. Dabei ist keine der Ebenen selbst lustig oder humorvoll, die Zusammenführung erst erreicht dieses Ziel. Raskin zufolge sind diese beiden gegensätzlichen Ebenen, er nennt sie scripts, sowohl notwendig als auch ausreichend, um einen Text humorvoll zu machen.31 Im Cartoon im Anhang 32 sind die zwei gegensätzlichen scripts beispielsweise die höfliche Frage des Gehenden und auf der anderen Seite die Absurdität des fehlenden Kopfes und die barbarische Praktik des Köpfens. Diese Gegensätzlichkeit repräsentiert die Art und Weise, wie der Humor auf den IS bezogen häufig konstruiert wird und funktioniert. Eines der scripts ist die Realität und Brutalität der terroristischen Gruppe, das andere, gegensätzliche, ist meistens eine banale, unaufgeregte Ebene, die an Alltägliches erinnert, beispielsweise auch ein Vorstellungsgespräch.32

Dabei stellt sich die Frage, ob ein einziges Cartoon oder eine Videoszene ausreichen würde, um diese scripts zu erkennen, den Humor als solchen anzunehmen und die Szene letztendlich lustig zu finden. Möglicherweise ist eine häufige Wiederholung dieser Konstruktion nötig oder zumindest vorteilhaft, um die Wirkung des Humors einem möglichst großen Kreis von Rezipienten zu entfalten.

Wiederholung ist dem Philosophen Henri Bergson zufolge eines der wichtigsten Mittel, um Humor funktionieren zu lassen. „The truth is that a really living life should never repeat itself. Wherever there is repetition or complete similarity, we always suspect some mechanism at work behind the living. […] This deflection of life towards the mechanical is here the real cause of laughter.“33 Die Wiederholung an sich kann auch ein script sein , welches auf der Metaebene als diese Art Mechanismus, die Bergson meint, im Gegensatz zu dem Natürlichen steht und einen Text humorvoll machen kann. Viel einfacher kann dieser Mechanismus natürlich bei Sketchen funktionieren, worauf ich in Kapitel 5.1.1. bei der Behandlung der vorliegenden Videos zurückkomme.

Bei der Frage, welche Aufgabe die Sprache bei der Vermittlung der beiden Ebenen im Fall der IS-bezogenen Komik erfüllt, ist Folgendes zu erkennen: Bei den oben genannten Beispielen kann die Sprache sowohl die schreckliche, brutale Ebene des Terrorismus vermitteln als auch die der Alltäglichkeit oder der Banalität. In den Bildern, die lediglich mit dem Namen des IS spielen,34 steht das bloße Wort auf der bekannten, banalen Ebene und erst die Illustration macht es jeweils zu einer humorvoll erdachten Karikatur. In diesen Fällen fungiert Sprache, also der Text, nur als ein Teil eines Ganzen. Unabhängig von anderem (in dem Fall die Illustration) funktioniert hier die Sprache nicht allein als Ausdruck humoristischer Art.

Allerdings kann Sprache allein diesen Zweck durchaus erfüllen, vor allem bei Humor durch Wortspiele. Die arabische Sprache ist reich an Möglichkeiten für diese Art von Humor, einerseits durch einen wahren Bedeutungsreichtum vieler Wörter und andererseits durch die Wortstruktur der drei Wurzelkonsonanten, die in schier unendlicher Kombination ähnlich klingende Wörter hervorbringen.35 Ein wunderbares Beispiel für ein gelungenes Wortspiel ist folgender Witz, der mit dāʿišī (also „IS-typisch“ oder „ein IS-Angehöriger“) überschrieben ist:

qāla lahā: yā uḫtā māḏā faʿaltī li-šafataykī [sic] wa-ṣadriki

qālat lahu: takbīr

qāla lahā: allāhu akbar36

Ein Mann fragt eine Frau, was sie mit ihren Lippen und Brüsten gemacht hat, worauf sie takbīr antwortet. Sie meint damit natürlich Vergrößerung, also eine plastisch-chirurgische Maßnahme. Die andere Bedeutung von takbīr, die beim männlichen Sprecher (dem dāʿišī) ankommt, ist der Ausdruck zum Lobpreis Gottes durch die Formulierung allāhu akbar. Der Witz entsteht durch eben diese Zweideutigkeit des Wortes, welches hier die banale Ebene der Frau, die sich Brüste und Lippen vergrößern hat lassen, mit der bedeutungsschweren Religiosität eines islamischen Extremisten verbindet. Die Verbindung ist per se absurd, aber eben durch dieses Sprachspiel möglich. Gerade durch die Absurdität der Verbindung ist der Witz geglückt. Doppeldeutigkeit eines Wortes ist ein relativ treffsicherer Auslöser, der den Wechsel der beiden gegensätzlichen scripts deutlich macht.37

Sprache kann also ein Teil, aber auch alleiniger Faktor sein, der eine Angelegenheit humoristisch macht. Gemeinsamkeiten zwischen dem, der den Witz kreiert und dem, der ihn rezipiert, sind natürlich unabdingbar, vor allem, was die Sprache angeht. Der Leser oder Hörer eines Textes muss zuallererst die Sprache verstehen. Geht es um Wortspiele, muss er die benutzte Sprache besonders gut kennen; werden Anspielungen gemacht, muss entsprechendes Hintergrundwissen vorhanden sein. Im Falle der in dieser Arbeit vorliegenden humoristischen Stücke ist der Humor daran nur für diejenigen verständlich, die sowohl das nötige Wissen über das behandelte Thema - den IS - als auch die entsprechenden Kenntnisse der arabischen Sprache besitzen, sofern es sich nicht um nonverbale Cartoons handelt.

Diese Voraussetzungen sind nötig, um Andeutungen zu einem wichtigen humoristischen Mittel werden zu lassen. Victor Raskin stellt in seiner linguistischen Studie zum Humor fest: „Allusion, therefore, is the use of presupposition.“38 Bei der Abbildung im Anhang 3 beispielsweise sind die Voraussetzungen einerseits von der sprachlichen Komponente her, dass der Rezipient die Schrift lesen kann und das Wort islām erkennt, andererseits muss er elementare Grundkenntnisse über das Thema haben und wissen, dass mit dem Sprengstoffgürtel ein Terrorist gemeint ist und inwiefern der Zusammenhang zur Waffenform des Schriftzuges in der Gedankenblase besteht. Weiß er eines davon nicht, kann er die Abbildung nicht als satirisch erkennen und die Andeutung nicht verstehen. Die Andeutung verweist auf die vom Karikaturisten intendierte Aussage, dass der Terrorist den Islam mit Gewalt interpretiert.

4 Humor in der arabischen Welt

4.1 Tradition des Humors

Die orientalische Folklore kennt seit Jahrhunderten humoristische Geschichten, René Basset hat zahlreiche solcher Erzählungen prosaischen Humors gesammelt,39 die wie selbstverständlich in den literarischen Korpus aufgenommen sind und kaum je Anlass zur Diskussion gegeben haben. Mit dem Erstarken des Islams als vorherrschende Religion in der arabischen Welt beginnt aber eine immer homogenere religiöse Gemeinschaft sich zu fragen, wie mit Humor aus islamischer Sicht umgegangen werden soll. Das Konzept von Ernst und Spaß (al-ǧidd wa-l-hazl) ist mit Bedeutungsschwere und einer intensiven Diskussion durch die Zeit und vor allem durch die Religion hinweg konnotiert. Die absolut primäre Quelle des Islams, der Koran, gibt wie in vielen Fällen der islamischen Theologie und Ethik keine genaue, bindende Auskunft darüber, wie ein gläubiger Muslim sich in Bezug auf hazl, den Spaß, zu verhalten hat, lediglich erwähnt wird die Vokabel.40 Von einer Art Verbot kann keine Rede sein. Dennoch vermitteln die Korantexte ein Bild von Anforderungen an einen Gläubigen, der sich durch Ernsthaftigkeit und Würde von einem Heiden unterscheidet und im Leben seriös die Gebote Gottes beachtet, um sich dann erst einst im Paradies zu erfreuen.41 Um diese Grundatmosphäre zu beschreiben, ist vielleicht die Vorstellung von ḥ ilm eine Hilfe. Dieses Wort ist schwer nur als Milde, Verstand, Nachsicht oder Geduld zu übersetzen, meint aber als wichtige religionsethische Tugend im Islam die Fähigkeit oder den Charakterzug, starke Emotionen zurückzuhalten und auf (vor allem negative) Einflüsse mit Gelassenheit und Seriosität zu reagieren.42 Spaß und Humor verlangen eine gewisse Zügellosigkeit oder Lockerheit und die Bereitschaft, sich ein Stück weit fallen zu lassen. Damit steht dieses Amüsieren als Kontrast gegenüber einer traditionell islamischen Vorstellung von ḥ ilm und der nötigen Ernsthaftigkeit, die das Leben im Diesseits unter Gott erfordert.

Ebenfalls eine frühere islamische Tugend, wenn auch eingeschränkter und eher auf mystische Praktiken beschränkt, ist das religiöse Verhalten der bukkāʾ, die mit öffentlichem Weinen ihre Haltung der Ernsthaftigkeit in der Religiosität nach außen zur Schau stellen.43 Diese Praxis findet Stützpunkte sowohl im Koran als auch in den Überlieferungen des Propheten Mohammed und galt vor allem in den frühen Jahrzehnten des Islams und in sufischen Kreisen als Zeichen für besondere Frömmigkeit. Das Weinen und die Konzentration auf die eigenen Sünden, die Furcht vor Gott und dem eigenen Schicksal nach dem Tod stehen natürlich hier wieder im Kontrast zur Thematik des Humors.

Es ist also nicht verwunderlich, dass einige prominente Gelehrte in ihren Schriften Humor, vor allem als muzāḥ aufgeführt,44 als unislamisch und verboten beurteilten. Al-Ġazālī spricht sich im Besonderen gegen das Scherzen aus. Beispielsweise schreibt er in seinen Iḥyāʾ ʿulūm ad-dīn:

Wa qad qīla: lā yakūnu l-muzāḥun ilā man saḥufa aw baṭira. Wa man balīya fī maǧlisin bi-muzāḥin aw laġaṭin fa-li-yaḏkur allāha ʿanda qīyāmihi.45

Es heißt: Es gibt keinen Humor außer bei dem, der dumm oder übermütig ist. Und wer in einer Zusammenkunft mit Scherz oder Gelärme verrottet, soll an Gott denken, wenn er aufsteht [und geht].

Es folgt ein Hadith des Propheten Mohammed, der diese Abneigung von Humor, der Entfernung von Gott bedeutet, bekräftigt. Auf die Frage, warum muzāḥ so bezeichnet wird, antwortet er, es würde einen von der Wahrheit entfernen (liʾannahu azāḥa ṣāḥibahu ʿan al-ḥ aqq)46 und spielt geschickt mit der ähnlichen Wurzel des Verbes ˙azāḥ a. Al-Ġazālī vertritt also eher eine abwertende Haltung gegenüber Humor, obgleich er al-Ǧaḥiẓ, der als einer der wichtigsten arabischen Komiker des ersten Jahrtausends zählen könnte, wertschätzt und seinen Argumenten für den Humor beipflichtet.47 Dabei geht es allerdings mehr um das Lachen selbst, welches genau wie das Weinen von Gott kommt und daher nicht verboten sein kann. Dieses Element in der Diskussion über den Humor im Islam entspringt einer wichtigen Passage im Koran „Fürwahr, er ist es, der Dich lachen und weinen lässt“(wa-ʾ annahu huwwa ʾaḍhaka wa-ʾabkā), 48 man kann also nicht behaupten, dass das Lachen per se verurteilt würde.

Im Gegenteil, in einer anderen Passage ist das Lachen selbst als Ausdruck von Macht und Überlegenheit zu verstehen, die die Gläubigen letztendlich über die Ungläubigen haben.49 Das Letztendliche dabei ist das Jenseits, in dem die Gläubigen lachen werden. Georges Tamer nennt daher diesen koranischen Hinweis „eschatological humor“50 und bestätigt die Idee des Korans, die zwischen dem ernsthaften Leben im Hier und Jetzt und dem Leben nach dem Tod mit Lachen und Freude trennt. Als ebensolchen Teil dieses eschatologischen Humors im Koran bezeichnet Tamer eine Szene, in der die einstige Bestrafung von Sündern durch den bitteren zaqq ūm- Baum beschrieben ist.51 Er sieht diese Szene als Karikatur und besonders als Ansporn für die Rechtgläubigen, die im Paradies leben werden, sich mit Schadenfreude über die Sünder und ihre Qualen lustig zu machen.52 Allerdings ist der einzige Hinweis darauf, dass hier womöglich eine Spielart von Humor stattfindet, der Spott der Engel, die dem Sünder während der Tortur huldigen, er sei wahrhaftig respektabel und edel (innaka anta l-ʿazīzu l-karīmu).53 Dieser Spott ist durchaus eine humoristische Variante, wird aber von islamischen Gelehrten in der Diskussion um die Berechtigung des Humors und Scherzes im Islam nicht beachtet, weil sich Spott, Satire und damit verwandte Arten von Humor eher von der klassischen Idee im Sinne von Spaß (hazl) im Gegenteil zur Ernsthaftigkeit (ǧ idd) entfernen, wo der Humor vor allem heiter, erheiternd und leicht bekömmlich ist.

Zurück zu dieser Diskussion: Im Koran finden sich also weniger Anhaltspunkte, dafür umso mehr in der Sunna des Propheten. Neben al-Ġazālī schreibt auch der ägyptische Gelehrte al-Ibšīhī in seiner berühmten Anthologie al-Mustaṭ raf f ī kull fann musta ẓraf ein Kapitel über das Verbot des Scherzens (al-muz āḥ) und zitiert zu Beginn desselben gleich einen Hadith:

qāla rasūlu llāhi ṣalla llāhu ʿalayhi wa-sallam: al-muzāḥu stidrāǧun mina š-šayṭān wa-ḫtilāʿun mina l-hawa54

Der Prophet Gottes - Gott segne ihn und schenke ihm Frieden - sprach: Das Scherzen ist eine Verführung des Teufels und eine Ausschweifung der Laune[nhaftigkeit]

Die Verurteilung des Humors als unislamisch geht allerdings nicht so weit, dass al-Ibšīhī nicht trotzdem reichhaltig aus dem arabischen Literaturgut humoristische Passagen zitieren würde. Korrekte Überlieferung und Sammlung steht auch hier wieder im Vordergrund, wie es immer wieder im Umgang der arabischen Anthologen mit heiklen Themen deutlich wird.

Dass der Prophet Mohammed aber tatsächlich Humor als etwas Schlechtes gesehen haben soll, ist unwahrscheinlich. Es gibt mehrere Überlieferungen, in denen der Prophet selbst scherzt oder Humor billigt.55 Al-Ġazālī unterscheidet auch - weil er die Überlieferungen vom Propheten Mohammed, der selbst scherzt und lacht, kommentieren möchte - zwischen einem erlaubten Humor (muzāḥ mašrūʿ) und dem sonstigen, den er für falsch hält. Der erlaubte Humor ist der des Propheten und ist vor allem wahr, darf nicht übertrieben werden und keine Feindschaft oder negative Gefühle provozieren. Damit fallen natürlich viele humoristische Spielarten der Moderne weg, die in Form von beispielsweise Satire oder Parodien vor allem auf Kosten anderer lustig sind und damit zwangsweise negative Spannungen bei dem Objekt des Witzes erzeugen. Außerdem soll ein Witz laut al-Ġazālī keine Unflätigkeit enthalten und in gutem Stil geschrieben sein.56

Jegliche Argumente für einen vorsichtigen Umgang mit Humor oder dessen Verurteilung als unislamisch konnten aber nicht einem regelrechten Aufblühen humoristischer Spielarten in der Glanzzeit des Islams unter der Herrschaft der Abbasiden standhalten. Schon vor dem Herrschaftswechsel ging aus dem Kreis der Literaten besonders um die Städte al-Madīna und Makka eine Schule der Unterhaltungslehre hervor, in der sich vor allem die Kunst der Anekdoten (nādira), entwickelte. Nachdem die Abbasiden das Zentrum ihrer Macht nach Bagdad verlegten, florierte auch dort die Kunst des Humors, die von der Oberschicht gern gegen Bezahlung in Anspruch genommen wurde.57 Neben Bagdad war al-Baṣra ein Zentrum der humoristischen Literatur, dort entwickelte sich ein neuer Stil rund um Baššār b. Burd und Abū Nuwās, der eine gewisse Zügellosigkeit und Frivolität (muǧūn) sowie gelegentlich die Verspottung des Prestiges der arabischen literarischen Sprache beinhaltete.58

In dieser Zeit ziehen sich Gegensätze und scheinbar widersprüchliche Extreme durch die arabisch-islamische Kultur. Es verwundert daher nicht, dass eine vermehrte Ernsthaftigkeit der Religion und auch die Dogmatisierung und intensive Beschäftigung mit religiösen Fragen in den sich bildenden Rechtsschulen und zeitgleich auch eine rege und sich rasch entwickelnde Unterhaltungskultur existieren.

Als eine Art Ikone des Humors kann al-Ǧāḥiẓ gelten, der der literarischen Entwicklung in dieser Hinsicht einen entscheidenden Schub gegeben hat. Der vor allem für sein k. al-Hayawān bekannte Literat schaffte es, humoristische Elemente so in seine Werke einzuflechten, dass er sie quasi legitimierte und ihnen sogar eine wichtige Aufgabe gab. Die sinnvolle Verflechtung scherzhafter Anekdoten und satirischer Kommentare in ernsthafte Thematiken machte es ihm möglich, zu zeigen, dass Komik nicht ausschließlich auf einen unterhaltenden Wert beschränkt sein muss, sondern auch helfen kann, zu belehren und Kritik zu stärken. Besonders bemerkenswert und vielleicht einzigartig in dieser Hinsicht ist sein k. al-Buḫalāʾ, welches man heute wohl als eine satirische oder ironische Betrachtung verschiedener Gesellschaftstypen bezeichnen würde, wobei der Humor als moralisierendes Element fungiert.59 In gewisser Weise kann man al-Ǧāḥiẓ ein Talent zusprechen, Humor zu verwenden, ohne den Ernst der Sache abzuschwächen und Ernsthaftes zu vermitteln, ohne mit Humorlosigkeit und literarischer Steife zu langweilen. Laut Pallet schaffte er es, „[to gain] reputation of being a joker in a Muslim world inclined towards soberness and gravity“,60 wobei sich also Ernsthaftigkeit und Humor nicht ausschließen, sondern ergänzen.

Geht man also davon aus, dass Humor nicht nur unterhaltsam sein muss und durchaus einen sinnvollen Zweck erfüllen kann, wie es al-Ǧāḥiẓ vermittelt, kommen zu den Anfängen der humoristischen Spielarten im arabischen Mittelalter der Jahrhunderte umfassende Begriff hiǧāʾ dazu, der im Allgemeinen als Satire übersetzt wird. Im ursprünglichen Sinn muss hiǧāʾ gar nichts mit Humor zu tun haben, bezeichnet es doch eigentlich eher eine Beschimpfung oder Beleidigung, die in Versform vorgetragen oder verschriftlicht wird. Im Gegensatz zu den Lobgedichten, genannt mad īḥ, werden im Genre hiǧāʾ die (vermeintlich) schlechten Eigenschaften und Schwächen einer Person oder einer Gruppe in Versform beschrieben. Aber genau wie bei der Satire, mit der wir es in modernen Zeiten zu tun haben, wandelt sich der Spott des hiǧāʾ, der bei dem Objekt der Satire nur als Beleidigung und/oder Kritik ankommt, in den Augen und Ohren Unbeteiligter zu etwas Amüsantem. Für andere, die nicht in dem Konflikt, der durch die Satire entfacht oder kommentiert wird, involviert sind, haben die Texte einen unterhaltenden Charakter. So kann der moderne Leser die Verse, die einst als Beleidigung oder Drohung geschrieben waren, mit einem Schmunzeln lesen.

Auch der Stil der sogenannten Modernisten (muḥdaṯūn), die die Poesie um den Dynastiewechsel 750 neu gestalteten, bediente sich spöttischer und parodistischer Formen des Humors. Die muḥdaṯūn spielten mit dem Prestige der Sprache und nutzten altbewährte und bekannte sprachliche Formen, die sie erweiterten, parodierten und übertrieben ausschmückten. Die Sprache selbst und damit ihre Erhabenheit wurde zum Gespött gemacht. Dabei ist natürlich zu beachten, dass in diesem Fall das Angriffsziel nicht die Sprache selbst ist, sondern die Werte und Prestigefragen, die damit verknüpft waren.61

4.2 Charakteristika des arabischen Humors

Eine Voraussetzung, dass es einen typischen, der arabischen Kultur eigenen Humor gibt, könnte sein, dass der Humor wie auch andere kulturspezifische Elemente stark von Gemeinsamkeiten in der Geschichte und in anderen Elementen wie Sprache oder Religion des Kulturraumes abhängt. Eine Schwierigkeit tut sich auf, wenn man allgemein von einem arabischen oder breiter gefasst orientalischen Kulturraum spricht.62 Die Diversität der arabischen Sprachen und Völker sollte im Allgemeinen nicht außer Acht gelassen werden. Ohne Zweifel aber gibt es etliche Variablen, die vor allem den Mašriq zu einem solchen orientalischen Raum vereinen, wie auch Europa und die USA anhand verschiedener Elemente grob als ein sogenanntes „westliches Abendland“ typisiert werden können. Die in unterschiedlicher Gewichtung einenden und von anderen Kulturräumen trennenden Faktoren sind unter anderem Sprache, Religion, Verständnis von Gesellschaft, Politik, Familie etc.. Nicht zuletzt kann das vorherrschende Verständnis von Humor solch ein Faktor sein, der ganz generell gesehen in einem Kulturraum auf ähnliche Weise funktioniert. Aber natürlich ist es in keinem Fall möglich, nur ein einziges dieser Elemente als Grundbaustein für einen einigermaßen homogenen Kulturraum zu nehmen. So kann dieser hypothetische orientalische Raum weder allein aus der Religion heraus noch aus der Sprache allein heraus63 und noch weniger einzig aus einem Humorverständnis heraus definiert werden. So ist es unumgänglich, Schwerpunkte auf einzelne Staaten oder Gruppen zu legen und diese herauszugreifen, wobei sie ihre Umgebung nicht gänzlich repräsentieren können. Man kann aber davon ausgehen, dass Ähnlichkeiten vorliegen und dieser hypothetische orientalische Kulturraum existiert, sodass Beispiele aus eben diesem zumindest eine Richtung aufweisen, in die das besprochene Merkmal, in meinem Fall der Humor, grundsätzlich geht.

Genau so ging ein amerikanisches Team aus den USA vor, indem es anhand von Studien in Ägypten und dem Libanon Schlüsse für einen allgemeinen arabischen Humor zog. Die 2006 veröffentlichten Ergebnisse sind natürlich sehr allgemein gehalten, liefern aber dennoch Erkenntnisse und logische Erklärungen für einige spezifische Elemente des Humors im arabischen Kulturraum.

In Bezug auf die Gesellschaft entwächst der arabisch-orientalische Typus einem eher traditionellen Bild, das sich aus den Werten einer Beduinenkultur geformt hat. Die in Beduinenstrukturen vorhandenen Schwerpunkte auf Familie, Loyalität, Ehre, Respekt, Gastfreundschaft und Stammeszugehörigkeit spiegeln sich heute in unzähligen Details der orientalischen Gesellschaft wider. Kalliny und seine Kollegen stellen fest, dass die erste Verpflichtung die Familie ist, deren Erhaltung und Kräftigung dem Individuum näher ist als das eigene Vorankommen.64 Demzufolge sei der arabische Humor weniger selbst erhöhend (self-enhancing) bzw. das Individuum hervorhebend, was auch durch umfangreich ausgewertete Fragebögen belegt ist.65 Humor versucht also nicht, sich selbst als Individuum besser zu machen, sondern das Kollektiv, dem man angehört, zu stärken. Die anderen Modi, die in der Studie behandelt werden, sind verbindender Humor (affiliative), der Harmonien schafft, sowie selbstkritischer Humor (self-defeating) und aggressiver Humor, der sich letztendlich auf Kosten anderer entfaltet.66

Die Forschung des Ägypters Dr. Samer S. Shehata zeigt mit einer simpleren Methode einen anderen Aspekt auf, der ein Charakteristikum eines gemeinsamen arabischen Humors sein könnte. In Ägypten, wo Humor besonders in politkritischer Absicht eine signifikante Rolle spielt, hat Dr. Shehata für seine Forschung Witze unter Ägyptern gesammelt. Aus den Reaktionen der Menschen ist eine Art Stolz deutlich geworden, den man im Allgemeinen mit den Völkern der arabischen Welt verbindet und sich hier im Zusammenhang mit Humor deutlich zeigt. Etliche Reaktionen auf die Aussicht, dass die Witze zu Forschungszwecken gesammelt und möglicherweise einer außerarabischen Öffentlichkeit präsentiert würden, waren insofern negativ, dass befürchtet wurde, die in den Witzen enthaltene Kritik könne von Außenstehenden übernommen werden und so ein schlechtes Bild auf die ägyptische Gesellschaft werfen.67 Dieser Stolz passt auch zu weit verbreiteten Annahmen, dass Scherze auf Kosten anderer nur innerhalb einer Gruppe gemacht werden dürfen, deren Teil man ist. Obwohl der Humor in dem Fall vor allem dazu dient, Kritik am Regime auszuüben, ist es nicht erwünscht, dass die Kritik von Außenstehenden übernommen wird und möglicherweise auf die gesamte ägyptische Gesellschaft übertragen wird.68

Der typische Nationalstolz zeigt sich hier ebenso wie in der Auswertung des amerikanischen Teams von Kalliny, das dem arabischen Stereotyp wenig selbstkritischen Humor (self-defeating humour) zuschreibt, zumindest im Vergleich mit dem Westen. Zwar ist dort eher gemeint, dass ein arabischer Herrscher aufgrund größerer Distanzen im Machtverhältnis zum Volk nicht auf diese Art Humor zurückgreifen muss, um sich seinem Volk zu nähern, aber die Übertragung auf das allgemeine Verständnis von Humor ist durchaus logisch. Selbstkritischer Humor wird vor allem genutzt, um sich anderen anzugleichen und um Distanzen zu verringern, indem man Spott über sich selbst nicht nur toleriert, sondern selbst hervorruft. Arabische Gesellschaften sind in den meisten Fällen hierarchisch steil aufgebaut und es besteht von höher gestellten Personen selten Bedarf, sich einer niederen Schicht zu nähern bzw. das Machtgefälle zu verringern. Mit einem nach außen gerichteten Blick versteht sich eine arabische Gesellschaft wiederum als zusammengehörige Schicht, wo wenig Interesse daran besteht, sich durch selbstkritischen Humor anderen anzubiedern. Die orientalische Tradition, sich besonders über die Zugehörigkeit zu einer Gruppe zu definieren, sei es die Familie oder die erweiterte Stammesfamilie, das Heimatland oder letztendlich vielleicht sogar eine panarabische Nation, äußert sich also nicht nur darin, ein kollektives Bestreben und Wertegefühl dem Individuellen vorzuziehen. In Bezug auf Vorstellungen des Humors geht es auch darum, die eigene Gruppe zu stärken und von anderen eher abzugrenzen, als sich ihnen zu nähern und Distanzen zu überwinden.

Daran schließt sich beinahe nahtlos der Wunsch oder auch die Notwendigkeit an, sich immer wieder zu verteidigen, was im Kapitel 4.3 genauer thematisiert wird. Die Verteidigungshaltung, wobei darüber diskutiert werden kann, wann Verteidigung in Angriff übergeht, ist sicherlich ein verbindendes Merkmal der Länder der arabischen Welt, vor allem im Mašriq, da zahlreiche Länder spätestens seit dem Arabischen Frühling 2011 von politischer Instabilität geprägt sind und sich seitdem in politischen Umbrüchen befanden oder noch befinden. Gemeinsam ist auch die Tatsache, dass die meisten arabischen Staaten erst Mitte des 20. Jhd. von Kolonialmächten unabhängig wurden. Aus diesen Wegmarkierungen in der Geschichte der arabischen Welt ist eine Haltung des Zurückgestuftseins in der internationalen Perspektive gewachsen, die sich automatisch zu verteidigen sucht. Kurz gesagt, ist mit der politischen (evtl. gefühlten) Balance auch das Selbstverständnis und die Stärke des arabischen Kollektivs geschwächt, sodass es sich zur Wehr setzt. Dies geschieht einerseits in Richtung der eigenen Missstände, besonders der regierenden Schicht, andererseits in Richtung der anderen Großmächte.

Diese kriegerische Haltung im Humor, ob als Verteidigung oder Angriff, macht die Satire aus und die ältere und jüngere Geschichte unterstützt meine Behauptung zu dieser Entwicklung des arabischen Humors hin zu einer starken Satire. Lag zu Beginn des Islams der Schwerpunkt noch auf den unterhaltenden Elementen des Humors, begann man im Mittelalter abseits der islamischen Theologie, die Macht des spöttischen Humors zu nutzen. Mit den Abbasiden vergingen später die goldenen Zeiten der arabisch-islamischen Kultur und durch Fremdherrschaften, politische Instabilität, häufige Machtwechsel und Revolutionen bis hin zu den jüngsten Ereignissen wurde diese Kultur mehr und mehr in eine Verteidigungshaltung gedrängt, die einen Schwerpunkt auf Satire geradezu herausfordert.

Um an die Überlegungen zu Beginn dieses Kapitels, inwiefern man eine einigermaßen homogene arabische Welt definieren könnte oder eben nicht kann, anzuschließen, ist möglicherweise ein Schwerpunkt des satirischen Humors ein kleines, aber recht stabiles Verbindungsglied zwischen den Ländern und Völkern, die der arabischen Welt zugerechnet werden.

[...]


1 Vgl. Lister (2015), S. 5.

2 Pfahl-Traughber (09.09.2011).

3 Vgl. Lister (2015), S. 41-43.

4 Ebd., S. 43.

5 Das Buch von Charles R. Lister bietet eine übersichtliche Chronologie, der folgende Inhalt orientiert sich im wesentlichen daran. S. Lister (2015).

6 Perthes (31.08.2014).

7 Vgl. aš-Šāmī (s.a.), S. 17-19.

8 Vgl. Lister (2015) S. 6.

9 Vgl. ebd., S. 7-8.

10 Vgl. Ackerman (27.09.2015).

11 Dieses Motiv des orangefarbenen Overalls zieht sich durch die Geschichte rund um den Islamischen Staat. Die syrischen Rebellenarmee des Ǧayš al-islām greift ebenfalls darauf zurück, indem die Mitglieder ihrerseits ebendiese Kleidungsstücke anziehen, während sie IS-Mitglieder hinrichten. Vgl. Virtue (02.07.2015). Der orangefarbene Overall hat sich also zu einer universelleren Symbolik hinentwickelt, die sich von der Markierung des Opfers hin zur Anklage des Feindes entfernt hat.

12 Ackerman (27.09.2015).

13 Vgl. al-Qāʿida fī ǧazīrat al-ʿarab (Okt. 2004), S. 13.

14 Vgl. Lister (2015), S. 10.

15 Vgl. Lister, S. 20.

16 S. al-Ǧawlānī (10.04.2013).

17 Vgl. aẓ-Ẓawāhirī (23.05.2013).

18 Vgl. UNSC (30.05.2013).

19 Vgl. Amnesty International (19.12.2013).

20 Vgl. Ǧamāʿat qāʿidat al-ǧihād (23.01.2014).

21 Vgl. Mascolo (14.11.2014).

22 Vgl. Fahmy (09.09.2015).

23 Vgl. Katzman (09.05.2016), S. 16.

24 Dazu zählen vor allem das Bündnis um den Präsidenten Assad herum (schiitische Milizen, iranische Unterstützung und Teile der irakischen Polizei und Armee), die kurdischen Peschmerga sowie sunnitische und kurdische Gruppen der irakischen Armee und nicht zuletzt die Freie Syrische Armee (FSA) und andere Rebellengruppen.

25 Vgl. Macropædia (1985), s. v. Humour.

26 Macropædia (1985), s.v. Cartoon.

27 Dialekt und Anpassung des Wortwitzes fallen hier zusammen: Die Vereinfachung von hāḏā, besonders des Lautes ḏāl zu dāl ist typisch dialektal, passt aber natürlich auch zu der intendierten Gleichlautung mit dem Wort Dāʿiš.

28 S. Gavni (20.11.2015).

29 Die hier passenden Beispiele aus der mir vorliegenden Materialsammlung sind vor allem in Liedform veröffentlichte Persiflagen, s. dazu Kapitel 5.1.3.

30 Vgl. Raskin (1984), S. 41.

31 Vgl. Raskin (1984), S. 99.

32 S. Anhang 34.

33 Bergson (1914), S. 34.

34 S. z.B. Anhang 33.

35 S. z.B. Anhang 17 und 18. Die Karikaturen von ʿImād Ḥaǧǧāǧ spielen dort mit eben diesem Reichtum der Wörter, indem er dieselben Worte in zwei unterschiedlichen Szenarien präsentiert und damit völlig verschiedene Bedeutungen heraushebt.

36 Der Witz lässt sich keinem Ursprung zuordnen, findet sich vor allem in sozialen Netzwerken immer wieder, s. Anhang 40.

37 Vgl. Raskin (1984), S.114-115.

38 Raskin (1984), S.54.

39 Vgl. Basset (2005).

40 Vgl. Koran: 86,14.

41 Vgl. EI2, s.v. al-Djidd wa ʾl-Hazl.

42 Vgl. ebd., s.v. Ḥilm.

43 Vgl. EI2, s.v. Bakkāʾ.

44 Muz āḥ und hazl sind in dem Punkt gleichbedeutend und als Synonyme zu verstehen. Ein Unterschied ist vor allem im Gebrauch erkennbar. Die Wurzel h-z-l als Scherzen oder Humor taucht vor allem (bis auf die Erwähnungen im Koran) in Kombination mit dem Antonym ǧidd auf, während muzāh die ansonsten geläufigere Bezeichnung ist, wenn es um eine humorvolle Angelegenheit geht.

45 al-Ġazzālī (s.a.), S. 540.

46 Ebd., S. 825.

47 Vgl. Ormsby (2015), S. 125.

48 Koran: 53,43.

49 Vgl. Koran: 83,29-36.

50 Tamer (2009), S.9.

51 Vgl. Koran: 44,43-50.

52 Vgl. Tamer (2009), S.9.

53 Koran: 44,49.

54 al-Ibṣīhī (s.a.), S.452.

55 Vgl. Amman (1993), S. 144-149.

56 Vgl. Krawietz (2009), S.38.

57 Vgl. EI2, Nādira.

58 Vgl. ebd., Muḥdathūn.

59 Vgl. ebd., s.v. al-Djidd wa ʾl-Hazl.

60 EI2, s.v. al-Djāḥiẓ.

61 Vgl. EI2, s.v. Muḥdathūn.

62 Persisch- sowie turksprachige Länder sind im Begriff des orientalischen Kulturraums inkludiert und weisen in Bezug auf Humor starke Verbindungselemente zu den arabischen Nachbarländern auf. Im Weiteren bleibt es aber in Bezeichnungen bei dem arabischen Schwerpunkt, da diese Arbeit von arabischsprachigem Humor handelt.

63 Im Fall der Religion wäre der Begriff der islamischen umma zutreffend, grenzt aber die anderen Religionsgemeinschaften im Orient aus. Im Fall der Sprache würde das klassische Hocharabisch am ehesten als Basis für eine Definition funktionieren, hier passt der Begriff einer panarabischen Nation, eine bis Mitte des 20. Jhd. populäre Idee.

64 Vgl. Kalliny (2006), S. 122.

65 Vgl. ebd., S. 130.

66 Vgl. Martin (2003), S. 52.

67 Vgl. Shehata (1992), S. 80.

68 Vgl. ebd.

Ende der Leseprobe aus 120 Seiten

Details

Titel
Arabische Satire als Mittel des Widerstands gegen den Islamischen Staat
Hochschule
Universität Wien  (Institut für ARabistik)
Note
1,0
Autor
Jahr
2016
Seiten
120
Katalognummer
V538650
ISBN (eBook)
9783346150530
ISBN (Buch)
9783346150547
Sprache
Deutsch
Schlagworte
ARabisch, Islamischer Staat, Satire, Humor, Islam
Arbeit zitieren
Karoline Köster (Autor), 2016, Arabische Satire als Mittel des Widerstands gegen den Islamischen Staat, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/538650

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