Die Ideologie der germanischgläubigen im Deutschen Kaiserreich


Hausarbeit, 2018

22 Seiten, Note: 2,0


Leseprobe

Inhaltsverzeichnis

1. Einleitung

2. Völkische Religiosität
2.1 Grundideen germanischgläubiger Strömungen im Deutschen Kaiserreich
2.2 Ernst Wachler

3. Analyse Wachlers „Über die Zukunft des Deutschen Glaubens“ in Irminsul
3.1 Ablehnung der christlichen sowie der jüdischen Religion
3.2 Rückbesinnung auf das Germanentum
3.3 Kulturkritik

4. Fazit

Literaturverzeichnis

Quellen

1. Einleitung

Die Germanischgläubigen gelten innerhalb der völkischen Bewegung als eine der maßgeblichen Splittergruppen der breit gefächerten völkisch-religiösen Gruppierungen im Deutschen Kaiserreich. Verschiedenartige Institutionen und Akteure dominierten diese, vor allem antisemitische und auf einen vermeidlich germanischen Glauben fokussierte Bewegung in der Zeit des deutschen Kaiserreiches, der Weimarer Republik und des beginnenden Nationalsozialismus. Da es keine absolute Homogenität innerhalb der Germanischgläubigen und schon gar nicht innerhalb der völkischen Bewegung gab, ist eine komplette Analyse ihrer Vertreter und Organisationen schwierig durchzuführen. Demensprechend wird sich diese Arbeit nur mit einem der Hauptvertreter dieser Glaubensgruppe und seinen Ansätzen während des deutschen Kaiserreiches beschäftigen. Dieser Akteur des germanischen Glaubens war der Schriftsteller Ernst Wachler. Als Vertreter des Neuheidentums befürwortete er die komplette Abkehr von der christlichen Religion, welche er als undeutsch und jüdisch diffamierte. Wachler und seine Anhänger forderten eine ideologische und theologische Rückbesinnung auf einen altgermanischen Naturglauben, welcher die germanischen Gebiete vor der Christianisierung dominerte. Gepaart war dieser Glaube mit einem in der völkischen Bewegung Ton angebenden deutschnationalen Antisemitismus, Antimarxismus und einem stark ausgeprägten Rassismus und Nationalismus. Das Hauptthema dieser Hausarbeit wird eine Analyse und eine Ideologiekritik anhand des von Wachler verfassten Aufsatzes „Über die Zukunft des deutschen Glaubens“ in der Zeitschrift Irminsul[1] sein. Anhand dieser Quelle werden die Ideologien der germanischgläubigen Bewegung um Ernst Wachler erarbeitet und kritisch dargestellt. Neben dieser Quelle wird die in der Zeitschrift Irminsul dargelegte Ideologie durch verschiedene Werke der Sekundärliteratur erörtert und im Kontext der Ideen der völkischen Bewegung gestellt. Besonders wird sich in dieser Arbeit auf den Historiker Uwe Puschner sowie auf die Historikerin Stefanie Freifrau v. Schnurbein berufen. Diese Hausarbeit stützt sich auf Puschners „Die völkische Bewegung im wilhelminischen Kaiserreich-Sprache-Rasse- Religion“ (2001) und „Weltanschauung und Religion-Religion und Weltanschauung. Ideologie und Formen völkischer Religion“ (2006), „Handbuch der Völkischen Bewegung 1871- 1918“ (1996) sowie auf v. Schnurbeins „Religion als Kulturkritik- Neugermanisches Heidentum im 20. Jahrhundert“ (1992).

2. Völkische Religiosität

Religiosität kann innerhalb der völkischen Bewegung als alles beherrschender Punkt angesehen werden. „Religiosität galt als Triebfeder jedweden Denkens und Handelns in völkischem Geist“[2]. Dennoch, wie so oft, wenn sich mit der völkischen Bewegung beschäftigt wird, ist auch der Begriff der völkischen Religiosität nicht eindeutig definierbar. Auch hier gibt es mehrere dutzend Splittergruppen und Grüppchen, welche sich in vielen Dingen voneinander unterscheiden. Der weit verbreitete Antisemitismus oder Antimontanismus sind keine Phänomene, welche ausschließlich innerhalb der völkischen Bewegung anzutreffen sind. Diese Rassismen waren innerhalb der Kaiserzeit politisch wie sozial weit verbreitet und wurden von mehreren prominenten Persönlichkeiten wie z.B. dem Reichstagsabgeordneten Heinrich v. Treitschke in der Zeit öffentlich propagiert.[3] Allerdings, anknüpfend an die Ideen und vor allem an die Forderungen Paul de Lagardes nach einer nationalen Religion für das deutsche Volk, formierten sich Gruppierungen, die gewillt waren, das Christentum zu „germanisieren“ und von „artfremden“ jüdischen Elementen zu „reinigen“. Dieses Verlangen ging weit über die Sicht des Großteiles der deutschen Bevölkerung hinaus. „Andere Vertreter einer germanisierten Religion gaben sich mit solchen Umdeutungen des Christentums nicht zufrieden, sondern lehnten dieses insgesamt als ‚artfremd’, weil aus jüdischen Wurzeln stammend, ab“[4]. Hierzu gehörten auch die germanischgläubigen Gruppierungen. Was alle diese pseudoreligiösen Gruppen allerdings gemeinsam haben, ist die vollständige Ablehnung des Judentums, der katholischen Kirche sowie die Suche nach einer mit der eigenen „Rasse“ und mit der „germanischen Art“ kompatiblen Religion. Man war der Meinung, dass sich die moderne christliche Religion in der momentanen Auffassung nicht mit dem Konzept einer völkischen Religion verbinden lasse. In keiner Frage war man sich allerdings so uneinig, wie der Frage nach der exakten Umstrukturierung des Volksglaubens. Die Reformation wird von den meisten Gruppen, welche eine völkische Religiosität predigen, als Startpunkt einer ideologischen Wende verstanden. Die Abkehr von der aus Rom gesteuerten katholischen Kirche galt als ein großer Befreiungsschlag gegen die vermeintliche Fremdherrschaft und als erster Schritt zu einer „deutscheren“ Religion. Die Kreierung des Protestantismus, welcher eher dem Deutschtum entspreche, galt bei manchen als Anfang eines deutschen Christentums, bei anderen wiederum als der nur in Teilen geglückte Versuch zurück zu einem germanischen Glauben zu kommen. Für die Gruppe um Ernst Wachler und die Germanischgläubigen war die Reformation von wenig Interesse. Auch die verlangten Veränderungen eines Teiles der Deutschgläubigen, wie die Abschaffung des Alten Testamentes, oder die Idee eines arischen Jesus, machte die Bibel und den christlichen Glauben für diese Gruppe nicht akzeptabel. Somit wurde für sich entschlossen, ein „arteigenes“ Religionsempfinden herzuleiten.

2.1 Grundideen germanischgläubiger Strömungen im Deutschen Kaiserreich

Die Grundidee der germanischgläubigen Religionsentwürfe postuliert sich daraus, dass sich die völkische Religiosität über eine antichristliche Grundstimmung konstituiert und aus antisemitischen Wurzeln speist.[5] Das Judentum und das daraus entstandene Christentum gelten für die Vertreter der Germanischgläubigen als „artfremde“ Religionsformen, die den ursprünglich deutschen Germanenglauben ausgerottet haben.[6] Grundlage ist eine völkische Ideologie, die sich aus antikirchlichen Strömungen des 19. Jhd., aus der kritischen Bibelforschung, der Leben Jesu Forschung, dem Haeckelschen Monismus und dem Darwinismus formiert hat.[7] Philosophische Konzepte, wie die Kritik an dem übertriebenen Intellektualismus sowie der Kritik an der Mechanisierung und Urbanisierung des stetig wachsenden Kaiserreiches wurden übernommen. Auch rassistische okkultistische Strömungen, wie die Theosophie, spielten eine zentrale Rolle.[8] Die Kunst nahm ebenfalls eine besondere Rolle ein, da ihr ein religiöser Vermittlungscharakter zugeschrieben wurde und durch sie eine mystische Erhebung über die zerrissene Moderne geschaffen würde.[9] Die Germanischgläubigen verlangten eine aus dem „rassisch verknüpften deutschem Volkstum erwachsene, daran uneingeschränkt gebundene und in deutschem Volkstum letzte und tiefste Sinnerfüllung erhaltene Glaubensgestaltung“[10]. Die Bezeichnungen Volk, Rasse und Nation werden in religiöse Sphären erhoben. Die Diesseitigkeit des eigenen germanischen Glaubens wird dem auf das Jenseits fokussierten Christentum vorgezogen.[11] Gott wird in jedem einzelnen Menschen und im Kosmos gesucht, somit kann die Gottesvorstellung als immanent und pantheistisch gesehen werden.[12] Im Gegensatz zur christlichen Gnadenlehre ist die Germanenlehre auf die einzelne Person fokussiert, über dem starken Individuum steht nur das eigene Volk und die eigene Rasse. Besonders die naturwissenschaftlichen Erkenntnisse, wie die Evolutionslehre, nehmen die Germanischgläubigen dankend an. Man sah den „arischen Menschen“, also den aus „germanischem Blute“ stammenden und von vermeintlich germanischer, nordischer Herkunft, als Gipfel der Evolution an.[13] Als theologischer Hintergrund sowie als Ideenstifter des germanischen Glaubens kann neben der eddischen Dichtung die deutsche Mystik um Meister Eckhart gesehen werden.[14] Zusätzlich zu diesen theologischen Ideen beziehen sich die Germanischgläubigen auf verschiedene Philosophen wie Kant, Nietzsche, Schopenhauer aber auch Goethe und Jakob Böhme.[15] Der eigene Glaube wurde als Naturreligion angesehen. Dies machte sich auch in der Gestaltung der Feiertage bemerkbar. Diese wurden an dem Lebens- und Jahreskreis festgemacht und fanden zumeist im freien und an Orten statt, denen eine eigene mystische Bedeutung zugesprochen wurde.

Relevant ist an dieser Stelle zu vermerken, dass nicht alle Germanischgläubigen zu dem direkten Glauben an die alten germanischen Heidengötter zurückkehren wollten. Dies bedeutet, dass eine direkte Anbetung vergangener Götter und Göttinnen nicht das Ziel aller germanischgläubigen Gruppierungen war.[16] Nur einige wenigen wollten wieder eine direkte Anbetung der alten Götter erreichen.

Vielmehr verstanden die meisten germanischgläubigen ihre Religiosität als eine symbolische Weltanschauung. Die allgemeinen Prinzipien ihrer religiösen Vorstellungen verbinden sie mit der alten Götterdichtung zu einer für sie schlüssigen Glaubensrealität. „[...] In der Ueberzeugung aber, daß sie aus dem gleichen und an sich ewigen Gehalt deutscher Religion in der Frühzeit erstanden sind, der aus den deutschen Menschen der Jetztzeit beseelt, nimmt sie den alten Mythos gleichsam als exoterische Formung der Frömmigkeit auf“[17]. In diesem Zusammenhang stehen die Götternamen in Anknüpfung an dem deutschen Volksglauben und an arisch-germanische Wesensmerkmale. Die alten Gottheiten gelten als Spiegelbild des immer noch existierenden deutschen Wesens und seiner Eigenschaften.[18] Diese gilt es nun wieder hervorzubringen. Die ersten überlieferten germanischgläubigen Gruppen konstituierten sich erst recht spät im Kaiserreich. Wachler allerdings war der erste, der publizistisch bereits um die Jahrhundertwende den germanischen Glauben verbreitete.[19] Der Offizier Josef Weber verfasste später mehrere Aufsätze in den einschlägigen völkischen Zeitschriften Heimdall und Hammer.[20] In wie weit diese Schriften wirkmächtig waren, ist nicht mehr zu sagen.[21] Neben den beiden genannten Zeitschriften gab es verschiedenste Kreise, welche parallel, oder auch teilweise ineinander verschlungen existierten. Besonders hervorzuheben sind diesbezüglich die Gruppe Wodansbund, die Guido-von-List Gesellschaf t, die Gobineau-Gesellschaft sowie die Germanische-Glaubensgemeinschaft.[22]

2.2 Ernst Wachler

Wachler, der aus der Ehe eines protestantischen Richters und einer jüdischen, zum protestantischen Christentum konvertierten Mutter, entstammte gilt als einer der richtungsweisenden Charaktere innerhalb der germanischgläubigen Bewegung. Trotz seiner halb jüdischen Herkunft war Wachler Zeit seines Lebens im völkischen Umfeld aktiv. Neben den bereits erwähnten Tätigkeiten innerhalb der germanischgläubigen Vereinigungen war der studierte Germanist Begründer des Bergtheater Thales.[23] Dieses gilt als eines der prominentesten Beispiele der Landschaftstheaterbewegung im Deutschen Kaiserreich. Sein Ziel war es, eine Theaterreform auf der Grundlage eines völkischen Nationalismus zu erschaffen, welche ihren Fokus auf das deutsche Volkstum legt. Seine Kritik an der modernen großstädtischen Theaterbühne ergab sich besonders daraus, dass die kleinen Provinztheater „undeutschen“ und „verdorbenen“ Geschmack aufgedrückt bekämen und ihrer geistigen Selbstständigkeit beraubt würden.[24] Wachlers Ziel war es, mit seinem Naturtheater die Besucher emotional an ihre Heimat zu binden. Die Vorteile, eine Theaterbühne in die Landschaft einzubetten, lagen seiner Meinung nach darin, „daß der Gau, die Heimat, die Stammeseigenart [...] zur Geltung [kämen] gegen die Grossstadt, gegen das Verschliffne und Fremde; das Volkstum gegen die Ueberbildung und Entartung, die Einfachheit gegen den Prunk, die Natur gegen die Unnatur“[25].

Neben Wachlers intensiver Arbeit an einer deutschvölkischen Theaterkultur innerhalb des Deutschen Reiches, sowie seiner Verwicklung innerhalb der germanischgläubigen Gruppierungen, war er in vielen völkischen Organen als Publizist tätig. Er selber betrieb die Zeitschriften Die Jahreszeiten, Blätter für Dichtung und Volkstum (1910-1911), Der Kynast, Blätter für Volkstum und Dichtung (1898-1899), Deutsche Zeitschrift (1899-1905), Die Volksbühne (1900-1902) und Iduna (1905-1906) sowie einige weitere . [26] Außer diesen Eigenpublikationen verfasste er mehrere Artikel in einschlägigen völkischen Zeitschriften wie der Hammer, Blätter für deutschen Sinn (1902-1940) sowie der Rechtshort (1905-1910) und einige andere.[27] In der Deutsche Zeitschrift (1899-1905) publizierte Wachler im Jahre 1900 einen seiner prominentesten Aufsätze „Über die Zukunft des deutschen Glaubens“. Hier werden seine, sowie die Gedanken der Germanischgläubigen, ihre Ideen und ideologischen Vorstellungen präzise aufgelistet und erörtert.[28]

[...]


[1] Wachler, Über die Zukunft des deutschen Glaubens. Ein Philosophischer Versuch. Irminsul Schriftenreihe für Juggermanische (eddische) Religion und Weltanschauung, Heft 44, Freiberg/ Sachsen 1930, (1. Auflage Berlin 1900).

[2] Puschner 2001, S.204.

[3] Vgl. Breuer 1999, S. 37.

[4] V. Schnurbein 1996, S.172.

[5] Vgl. v. Schnurbein 1996, S.172.

[6] Vgl. Ebd., S.173.

[7] Vgl. Ebd., S.176.

[8] Vgl. Ebd., S.177.

[9] Vgl. Ebd., S.177.

[10] Müller 1934, S.5.

[11] Vgl. v. Schnurbein 1996, S.173.

[12] Vgl. Ebd., S.174.

[13] Vgl. Ebd., S.175.

[14] Vgl. v. Schnurbein 1996, S.175.

[15] Vgl. Ebd., S.175.

[16] Vgl. Puschner 2001, S. 257.

[17] Müller 1934, S.257.

[18] Vgl. Puschner 2001, S. 257.

[19] Wachler 1900 in Irminsul Schriftenreihe für Juggermanische (eddische) Religion und Weltanschauung 1930.

[20] Vgl. v. Schnurbein 1996, S.178.

[21] Vgl. Ebd., S.178.

[22] Vgl. Puschner 2001, S. 279.

[23] Vgl. Puschner 1996, S. 762.

[24] Vgl. Puschner 1996, S.770.

[25] Puschner 1996, S.771.

[26] Vgl. Breuer 2008, S.59, 106, 119.

[27] Vgl. Bönisch 1996, S.341-365.

[28] Wachler 1900 in Irminsul Schriftenreihe für Juggermanische (eddische) Religion und Weltanschauung 1930.

Ende der Leseprobe aus 22 Seiten

Details

Titel
Die Ideologie der germanischgläubigen im Deutschen Kaiserreich
Hochschule
Georg-August-Universität Göttingen  (Seminar für Mittlere und Neuere Geschichte)
Note
2,0
Autor
Jahr
2018
Seiten
22
Katalognummer
V538711
ISBN (eBook)
9783346140210
ISBN (Buch)
9783346140227
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Aufbaumodul Neuzeit Die völkische Bewegung im Deutschen Kaiserreich
Arbeit zitieren
Philipp Weitzel (Autor), 2018, Die Ideologie der germanischgläubigen im Deutschen Kaiserreich, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/538711

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