Frauen und Kriminalität. Sozialwissenschaftliche Erklärungsmodelle zur geschlechtsspezifischen Delinquenz


Hausarbeit, 2004
25 Seiten, Note: 2,0

Leseprobe

Gliederung

1. Hinführung zum Thema

2. Der Begriff der Kriminalität

3. Geschlechtsspezifische Kriminalitätszahlen
3.1 von Männern am häufigsten begangenen Straftaten
3.2 von Frauen am häufigsten begangene Straftaten
3.3 Erklärung der prozentualen Unterschiede
3.4 Das Dunkelfeld Frauenkriminalität

4. Frauen und Kriminalität
4.1 Biologische Erklärungsansätze
4.2 Mikrosoziologische Theorien
4.3 Makrosoziologische Theorien
4.4 Der Labeling-approach
4.5 Anthropologische Erklärungsansätze

5. Kriminalitätsbestimmende Faktoren
5.1 Gesellschaftliche Rolle der Frau
5.2 Alter
5.3 Bildung

6. Ausblick und Zusammenfassung

7. Anhang

8. Literaturverzeichnis

1. Hinführung zum Thema

„Petra wird 1982 in N. geboren und ist seit zwei Jahren wegen dreifachen Raubes und versuchten Mordes in der Justizvollzugsanstalt für Frauen in Vechta inhaftiert.“[1] Die Ursachen für ihre Taten lassen sich nicht klar erschließen, aber Faktoren kann man in ihrer Vergangenheit viele finden. Vielleicht lag es nicht an einzelnen Aspekten wie Gewalt in der Familie (bedingt durch die langjährige Arbeitslosigkeit des Vaters und die damit verbundene Unzufriedenheit), dem Verlust eines Elternteils (denn sie lebt seit der achten Lebenswoche bei ihrem heute sechzigjährigen Vater. Ihre Mutter hat sie nie kennengelernt) und dem Verzicht von sozialen Kontakten (da dieser vom Vater durch Einsperren unterbunden wurde), sondern an der Summe aller an ihr verübten Gewalttaten, die sie in ihrem jungen Leben erleiden musste.[2]

Dies ist kein Einzelfall in unserer Gesellschaft, denn immer mehr Frauen erleiden ähnliche Schicksale, was an der Kriminalitätsstatistik zu erkennen ist, denn diese besagt „dass in den letzten Jahren die Zahl der weiblichen Tatverdächtigen deutlich angestiegen ist.“[3] Die Fragen die an dieser Stelle auftauchen lauten:

1. Was ist Frauenkriminalität überhaupt und wie kann man dieses Problem wissenschaftlich erschließen?
2. Was sind die Ursachen für den Anstieg der frauenkriminalistischen Kennwerte?

Gegenstand dieser Arbeit ist das Problem der Frauenkriminalität im Kontext von Kriminalitätstheorien. Dabei wird die Staatszugehörigkeit nicht betrachtet, vielmehr das Phänomen der weiblichen Kriminalität als Ganzes.

Grundlage dieser Arbeit sind statistische Kennwerte aus verschiedenen Polizeiberichten und diversen Internetseiten. Im ersten Abschnitt der Arbeit werde ich die unterschiedlichen Zahlen der zwei Geschlechter darstellen und kurz auf geschlechtsspezifische Unterschiede eingehen. Dann werde ich zum Hauptthema der Arbeit kommen. In diesem Abschnitt werde ich zunächst den Begriff der Kriminalität erläutern, die gesellschaftliche Rolle der Frau skizzieren und den Stellenwert der Kriminalität zur Konfliktbewältigung darstellen um dann verschiedene theoretische Konzepte zur Erklärung dieses Problems darlegen. Im abschließenden Teil der Arbeit werde ich meine Meinung in Form einer Zukunftsvorhersage darstellen wobei ich folgendes Zitat erneut aufgreifen will: „Ich bin überzeugt, daß die Frauen, wenn ihre jahrtausendalte Benachteiligung dem Mann gegenüber erst einmal überwunden ist, all die schlechten Eigenschaften, die man heute den Männern zuschreibt, genauso entwickeln“.[4]

2. Der Begriff der Kriminalität

Bevor ich auf die statistischen Werte eingehen werde, muss zunächst einmal geklärt werden, was unter dem Begriff der Kriminalität verstanden wird. Allgemein versteht man unter dem lateinischen Begriff der Kriminalität die „Gesamtheit der Straftaten innerhalb einer gesellschaftlichen Einheit (meist Staat) während eines bestimmten Zeitabschnitts. Kriminalität gehört zum Leben der Gesellschaft, die sie seit ihren Anfängen kennt“.[5] Anhand dieser Definition erkennt man bereits das Problem der Uneindeutigkeit des Begriffes. Auch Mischau verweist in ihren Ausführungen auf die Undifferenziertheit des Terminus. Sie erklärt Kriminalität folgendermaßen: „Im Prinzip umfaßt die Kriminalität das Dunkelfeld und das Hellfeld.“[6] Sie erklärt weiter, dass bei dem Begriff „ausschließlich das statistische Erscheinungsbild von Kriminalität gemeint“[7] ist, „d.h. Zahlenmaterial über das kriminalisierte Verhalten.“[8] Brökling beschrieb 1980 den Terminus mit nachfolgenden Worten: „Unter den Begriff Kriminalität sollen im folgenden nur jene Tatbestände subsumiert werden, die als Verstoß gegen Normen des Strafgesetzbuches durch staatliche Institutionen als solche definiert und erfaßt werden und als sichtbare, d. h. statistisch ausgewiesene Kriminalität, bestimmt werden können.“[9] Ergänzend muss gesagt werden, dass sich der Begriff der Kriminalität im Wesentlichen an der juristischen Definition der Straftat orientiert. Während sich die Straftat oder der materielle Verbrechensbegriff jedoch eher an dem individuellen Verhalten misst, werden mit Kriminalität die Straftaten als Gesamtphänomen ("Makrophänomen") bezeichnet.[10] Somit kann man abschließend sagen, dass unter dem Begriff Kriminalität nicht nur das von der Polizei als Straftat bewertete Verhalten, sondern sämtliche Rechtsverletzungen von strafrechtlichen Tatbeständen verstanden werden.

3. Geschlechtsspezifische Kriminalitätszahlen

Nachdem ich den Begriff der Kriminalität dargestellt habe, werde ich nun in diesem Abschnitt der Arbeit auf die Zahlen eingehen, die die Kriminalität beschreiben. Um einen Überblick zu bekommen, sollte man sich folgende Zahlen näher anschauen. Diese Zahlen beziehen sich auf die „vier Massendelikte und ihre Häufigkeitsverteilungen“[11]. Die Ergebnisse der Untersuchung sehen vereinfacht, nur nach Geschlecht unterschieden, folgendermaßen aus[12]:

Abbildung in dieser Leseprobe nicht enthalten

Ein Aspekt, der in dieser Befragung am offensichtlichsten zum Vorschein kommt ist die Tatsache, dass Männer durchschnittlich mehr Straftaten begehen und diese auch öfter praktizieren. Die Frage die sich jetzt stellt, lautet: Sind diese Zahlen repräsentativ und wie hoch ist das Dunkelfeld, sprich wie hoch sind die nicht erfassten Straftaten und bestehen hinsichtlich dieser geschlechtsspezifische Unterschiede? Eine treffende Aussage zu dieser Fragestellung findet man in Elsbeth Bröklings Arbeit zur Frauenkriminalität welche lautet: „Häufig werden ausschließlich Daten der amtlichen Statistik zugrundegelegt“[13], sie setzt fort mit den Worten: „Andere Autoren arbeiten zwar mit den Angaben der Kriminal- und Verurteilungsstatistik, weisen aber ausdrücklich auf die Dunkelzifferproblematik hin und unterscheiden zwischen der statistisch registrierten und der wirklichen Frauenkriminalität.“[14]

3.1 von Männern am häufigsten begangene Straftaten

Betrachtet man verschiedene Kriminalstatistiken erkennt man deutlich, dass Männer deutlich mehr Straftaten begehen. Ein Aspekt, der an dieser Stelle zu nennen ist, ist die Tatsache, dass einige Verbrechen fast ausschließlich nur von Männern begangen werden.[15]

3.2 von Frauen am häufigsten begangene Straftaten

„Ein bei Frauen häufiges Delikt ist der so genannte einfache Diebstahl.“[16] Nach Aussagen des statistischen Bundesamtes und anderen Instituten, die sich mit der Auswertung von Kriminalitätsstatistiken befassen, spielen Frauen nur eine untergeordnete Rolle. Als Beispiel hierfür kann man das Bundesgebiet Berlin im Jahre 1999 betrachten. Laut Aussage des statistischen Bundesamtes kam es in diesem Jahr zu 759.700 Verurteilungen, wobei nur jede sechste die einer Frau war. Was das statistische Bundesamt zu dieser Aussage noch hinzufügt ist der Aspekt, dass die Straftaten, die von Frauen verübt wurden, primär von jüngeren Frauen begangen wurden, denn 26% der verurteilten Frauen waren jünger als 25 Jahre und 42 % jünger als 30 Jahre.[17] Ebenso ist an dieser Stelle die Thematik der „weicheren“ Delikte bezüglich der Frauenkriminalität aufzugreifen. Diebstahl ist mit 30 % das am häufigsten strafrechtlich verfolgte Delikt. Schwere Deliktformen, wie zum Beispiel Körperverletzung oder Raub, führten in 8 %, bzw. in 7 % der Fälle zu Verurteilungen. Hinzuzufügen ist noch, dass durch die Art der Straftat eine geringe Anzahl der Frauen zu Gefängnisstrafen verurteilt werden und das Rückfallrisiko im Gegensatz zu dem der Männer sehr gering ist. Denn „von den 60.800 Personen, die sich am 31. März 2000 im deutschen Strafvollzug befanden, waren nur 4% (knapp 2.400) Frauen.“[18]

In der Literatur findet man im Bezug auf Frauendelikte vertiefende Aussagen. Juristisch versteht man beispielsweise unter dem Begriff Frauendelikte nur Delikte, die auch nur von Frauen begangen werden. Dazu zählen Kindestötung (§217) und Eigenabtreibung (§218), wobei beide Delikte statistisch nicht sehr hoch ausgewiesen sind. Jedoch nimmt man an, dass das Dunkelfeld hier sehr groß ist.[19] Brökling verweist auch auf „typische Frauendelikte“[20] wie Kindesvernachlässigung (§170d) und einfachen Ladendiebstahl.[21] Weitere Delikte mit überdurchschnittlicher Frauenbeteiligung sind: Aussagedelikte, Beleidigungsdelikte, Personenstandsfälschung, Verletzung der Aufsichtspflicht, Fremdabtreibung, Kindesmisshandlung, Diebstahl, Unterschlagung, Betrug, Hehlerei, Vermögensdelikten und weiteren Nebenstrafdelikte.[22] Auffallend an diesem Sachverhalt ist die Tatsache, dass es sich primär um Straftaten handelt, die tattypisch in Bereichen auftreten, die in „engem Zusammenhang mit der Rolle der Frau und ihrem spezifischen sozialen Handlungsraum stehen“[23] und als eher weiche und nicht so oft zur Anzeige gebrachte Delikte klassifiziert werden können. Mischau nennt in ihren Ausführungen ebenso den Diebstahl als Frauendelikt Nummer eins, gefolgt von Betrug, Unterschlagung, Urkundenfälschung und Hehlerei.[24] Harte Delikte- beispielsweise Tötungsdelikte sind im Vergleich zu den männlichen Tötungsdelikten unterrepräsentativ, dennoch weisen sie Besonderheiten auf, denn sie richten sich meist nicht direkt gegen Fremde, sondern nehmen die Form des erweiterten Selbstmordes[25], der Tötungen von Kleinkindern und Tötungen im nahen Sozialraum der Frau an.[26]

3.3 Erklärung der prozentualen Unterschiede

Wie bereits gesagt muss man klar zwischen weiblicher und männlicher Kriminalität unterscheiden. Während die Männer überdurchschnittlich in den härteren Delikten repräsentiert sind, tauchen hier weibliche Straftäter äußerst selten auf. Gründe hierfür sind wie bereits gesagt zum Beispiel der Punkt Vergewaltigung, oder mit andern Worten der als erwiesen betrachtete Sachverhalt, dass Frauen zu gewissen Delikten körperlich nicht in der Lage sind. Sie dagegen sind überdurchschnittlich repräsentiert in den Kriminalkategorien, in denen es um Geld und Verbrechen innerhalb von Familien geht. Zu begründen ist dies mit der sozialen Rolle der Frau und ihrem gesellschaftlichen Standpunkt, der sich in den letzten 50 Jahren stark verändert hat. Trotzdem kann man sagen, dass die Frau mehr mit der Erziehung der Kinder und der Betreuung der Familie betraut ist, als Beispielsweise der Mann. So umgibt die Frau oft ein ganz anderes soziales Umfeld, als den Mann. Als Folge dessen umgibt die Frau auch eine ganz andere Grundvorrausetzung für das Zustandekommen von Delikten.

Abschließen möchte ich diesen ersten kurzen Vergleich mit der Tatsache, dass trotzdem nur jede fünfte bis sechste Straftat von einer Frau begangen wird.

[...]


[1] Thomas, Silvia: Zuflucht Gefängnis - Junge Frauen mit Kindern im Strafvollzug, Münster 2004, S. 77.

[2] vgl. ebd., S. 77 ff.

[3] URL: http://www.querelles-net.de/forum/forum11-2.shtml?print [Stand 20.09.2004].

[4] Zitat von Victor von Bülow in: Kerschke- Risch, Pamela: Gelegenheit macht Diebe - Doch Frauen klauen auch, Opladen 1993.

[5] URL: http://www.wissen.de/xt/default.do?MENUNAME=Suche&SEARCHTYPE=topic&query=kriminalit%E4t [Stand 20.09.2004]

[6] Mischau, Anina: Frauenforschung und feministische Ansätze in der Kriminologie. Dargestellt am Beispiel kriminologischer Theorien zur Kriminalität und Kriminalisierung von Frauen, Herbolzheim 2003, S. 63.

[7] ebd., S. 63.

[8] ebd., S. 63.

[9] Zitat von Brökling in: ebd., S. 73.

[10] vgl. URL: http://de.wikipedia.org/wiki/Kriminalit%C3%A4t [Stand 20.09.2004]

[11] gemeint sind hiermit nach Kerschke- Risch, Pamela: Gelegenheit macht Diebe (S. 201), folgende Straftaten: Schwarzfahren mit öffentlichen Verkehrsmitteln, mit mehr als 0,8 Promille im Blut ein Kraftfahrzeug zu fahren, Ladendiebstahl [in einem Kaufhaus oder Geschäft Waren mitnehmen, ohne zu bezahlen] und Betrug in Form von falschen Angaben bei der Einkommenssteuererklärung oder der Lohnsteuererklärung.

[12] vgl. Kerschke- Risch, Pamela: Gelegenheit macht Diebe (S. 202 ff.); die Verfasserin schlüsselt die Ergebnisse in mehr als den aufgeführten Kategorien auf.

[13] Brökling Elsbeth: Frauenkriminalität - Darstellung und Kritik kriminologischer und devianzsoziologischer Theorien, Stuttgart 1980, S. 4.

[14] ebd., S. 4.

[15] vgl. Anhang Anlage 1

[16] URL: http://www.destatis.de/presse/deutsch/pm2001/zdw10.htm [Stand 20.09.2004].

[17] vgl. URL: http://www.destatis.de/presse/deutsch/pm2001/zdw10.htm [Stand 20.09.2004]

[18] vgl. ebd.

[19] vgl. Brökling Elsbeth: Frauenkriminalität -Darstellung und Kritik kriminologischer und devianzsoziologischer Theorien, Stuttgart 1980, S. 10.

[20] typische Frauendelikte sind Delikte bei denen Frauen mit mehr als 50% beteiligt sind.

[21] diese Aussage steht im Widerspruch zu den Zahlen im Punkt 3. Dies ist aber damit zu erklären, dass Brökling sich in ihren Ausführungen auf Aussagen von Cremer stützt, dessen Zahlen aber aus dem Jahr 1970 stammen.

[22] vgl. Brökling Elsbeth: Frauenkriminalität - Darstellung und Kritik kriminologischer und devianzsoziologischer Theorien, Stuttgart 1980, S. 12-13

[23] Brökling Elsbeth: Frauenkriminalität - Darstellung und Kritik kriminologischer und devianzsoziologischer Theorien, Stuttgart 1980, S. 12.

[24] Mischau, Anina: Frauenforschung und feministische Ansätze in der Kriminologie - Dargestellt am Beispiel kriminologischer Theorien zur Kriminalität und Kriminalisierung von Frauen, Herbolzheim 2003, S. 76.

[25] gemeint sind hiermit Selbstmorde, Selbstmordversuche die mit der vollendeten Tötung eines oder mehrerer Kinder verbunden sind.

[26] vgl. Brökling Elsbeth: Frauenkriminalität - Darstellung und Kritik kriminologischer und devianzsoziologischer Theorien, Stuttgart 1980, S. 13.

Ende der Leseprobe aus 25 Seiten

Details

Titel
Frauen und Kriminalität. Sozialwissenschaftliche Erklärungsmodelle zur geschlechtsspezifischen Delinquenz
Hochschule
Helmut-Schmidt-Universität - Universität der Bundeswehr Hamburg
Veranstaltung
Einführung in die Kriminalsoziologie
Note
2,0
Autor
Jahr
2004
Seiten
25
Katalognummer
V53898
ISBN (eBook)
9783638492225
ISBN (Buch)
9783638662925
Dateigröße
757 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Frauen, Kriminalität, Sozialwissenschaftliche, Erklärungsmodelle, Delinquenz, Einführung, Kriminalsoziologie
Arbeit zitieren
Dipl.-Päd. Alexander Geldmacher (Autor), 2004, Frauen und Kriminalität. Sozialwissenschaftliche Erklärungsmodelle zur geschlechtsspezifischen Delinquenz, München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/53898

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