Biblischer Kontext in Matthias Hermanns '72 Buchstaben'


Hausarbeit (Hauptseminar), 2006

17 Seiten, Note: 1,7


Leseprobe

Inhalt

1 Einleitung

2 Der biblisch tradierte David in Kurzfassung

3 Die Davidfigur in Matthias Hermanns Gedichten
3.1 „Die Hochzeitsnacht von Sauls Tochter“
3.1.1 Biblische Hintergrundgeschichte zu „Die Hochzeitsnacht von Sauls Tochter“
3.1.2 Die Hochzeitsnacht – einseitig oder vielfältig?
3.2 „König Dawid“
3.2.1 Biblische Hintergrundgeschichte zu „König Dawid“
3.2.2 Der König und seine wahre Herrschaft

4 Die Schlussbetrachtung

5 Literaturverzeichnis

1 Einleitung

Juden und Christen lesen die gleichen biblischen Schriften als „Heilige Schrift“.

Die Juden lesen sie als ihren Tenach, die Christen lesen sie als ihr „Erstes

Testament“.[1]

Die Bibel bildet die zentrale Grundlage für den christlichen und jüdischen Glauben. Sie ist das wichtigste Schriftstück, welches diese beiden Religionen beurkundet.

Die Bezeichnungen für die christliche Bibel belaufen sich auf Heilige Schrift, Wort Gottes wie auch Buch der Bücher. Die christliche Bibel unterscheidet zwei Teile: das Alte Testament (auch Erstes Testament) und das Neue Testament. Der Inhalt des Alten Testaments wird in drei Gruppen eingeteilt: „a) Geschichtsbücher, Darstellung aus der Geschichte des Volkes Gottes; b) Lehrbücher, das ein Problem in Gesprächsform behandelnde Buch Hiob und die poetischen Schriften; c) prophetische Bücher, die Reden der Propheten“.[2]

Die hebräische Bibel wird Tenach oder auch Tanach genannt. Dabei teilt sich der Tenach im Vergleich zur christlichen Bibel in verschiedene Teile auf. Der Kanon der hebräischen Bibel setzt sich aus folgenden drei Teilen zusammen: Tora (hebräisch: Belehrung, Lehre) Nebiim (hebräisch: Propheten) und Ketubim (hebräisch: Schriften). Die Anfangsbuchstaben dieser Teile bilden das Wort Tenach.[3] Die Tora umfasst fünf Bücher und wird deshalb auch oft mit der griechischen Bezeichnung Pentateuch benannt. Da sich die Erzählung um David im Nebiim befindet, werde ich in dieser Hausarbeit nicht weiter auf die Tora und den Ketubim eingehen.

Der zweite Teil des Tenach ist der Nebiim und gliedert sich wiederum in Nebbiim rischonim (die ersten Propheten) und Nebiim acharonim (die späteren Propheten) auf.[4] Im Nebiim rischonim beschreiben die ersten Propheten die Geschichte Israels von der Eroberung Kanaans bis zur Zerstörung des Tempels. In den Büchern des Propheten Samuel (Schemuel) wird das Leben und Wirken Davids beschrieben.[5]

Diese Bücher (1. und 2. Buch Samuel) und teilweise auch das 1. Buch der Könige (hebräisch: Melachim) sind meine Bezugsquellen für die Geschichte um David. Sie sind in der christlichen Bibel in den prophetischen Büchern zu finden.

In meiner Arbeit möchte ich die Darstellung der biblischen Figur des Davids in den zwei Gedichten: „Die Hochzeitsnacht von Sauls Tochter“ und „König Dawid“ aus dem Gedichtband „72 Buchstaben“ des deutsch-jüdischen Autors Matthias Hermann genauer betrachten.

Dabei werde ich vorerst auf die biblisch tradierte Geschichte Davids eingehen, um eine Voraussetzung zum Verständnis der Gedichte und seiner Figuren zu schaffen. Weiterhin behandle ich die zwei Gedichte in chronologischer Reihenfolge und gebe auch in deren Abhandlung detaillierte Angabe zur biblischen Überlieferung. Ebenso möchte ich, in Ermangelung an Niederschriften zu Matthias Hermanns Intentionen, eine eigene Auslegung zu seinen Gedichten darbieten.

Da ich nicht herausstellen konnte, welche Bibel der jüdische Schriftsteller Matthias Hermann als Vorlage für seine Gedichte verwendete und auch nicht in Erfahrung bringen konnte, inwiefern er des Hebräischen mächtig ist und somit den Tenach benutzte, werde ich mich auf die Lutherbibel beziehen und auch aus ihr zitieren.

Bei meiner Vorgehensweise stellt sich sicher die Frage, ob es Abweichungen von der Darstellung der biblischen Figur Davids im Tenach gegenüber der Darstellung in der christlichen Bibel geben könnte. Diese Frage werde ich in dieser Arbeit jedoch nicht beantworten können und sie müsste dann in einer weiteren Auseinandersetzung mit dem Thema geklärt werden.

Ausgehend von dem anfänglichen Zitat von Erich Zenger und dem Vergleichen der Angaben über die Daviderzählungen in jüdischen und allgemeinen Lexika der Bibel, gehe ich in dieser Arbeit von der Annahme aus, dass sich die biblischen Schriften des Christentums und Judentums dahingehend nicht wesentlich unterscheiden.

2 Der biblisch tradierte David in Kurzfassung

Im ersten und zweiten Buch Samuel bis hin zum ersten Buch der Könige des Alten Testaments (und somit auch des Tenach) wird vom Leben und Wirken Davids erzählt. Die zeitliche Einordnung ist um 1000 v. Chr. anzusiedeln.

Der Prophet Samuel salbte David, den jüngsten Sohn Isais aus Bethlehem, schon als Junge zum zukünftigen König von Israel. Saul, der erste König von Israel, holte ihn als Musikant an seinen Hof und machte ihn später zu seinem Waffenträger.

Da die Israeliten zu dieser Zeit in großen Fehden mit den Philistern standen, begab sich David auf gefährliche militärische Missionen. Er besiegte Goliat, einen riesigen Philister, mit einer Steinschleuder und führte viele weitere siegreiche Kriege gegen die Feinde Israels. Auf Grund seiner Erfolge fiel David bei Saul in Missgunst. David musste daraufhin die Flucht ergreifen, da Saul ihm aus Zorn nach dem Leben trachtete. Saul nahm jedoch die Verfolgung auf, was David dazu veranlasste, zu seinen Feinden, den Philistern, überzuwechseln.

Er kämpfte aber weiterhin zugunsten seines eigenen Volkes gegen Räuberbanden in der Wüste. Nach Jahren einer unerbittlichen Hetzjagd schaffte es Saul nicht, David zu töten und starb in einem Kampf gegen die Philister.

Kurz darauf wurde David in Hebron zum König über den Südstamm Juda und später auch zum König über ganz Israel ernannt. Er eroberte Jerusalem und machte die Stadt damit zum religiösen Zentrum. Von seinen Frauen und Nebenfrauen bekam er viele Nachkommen. Vor seinem Tod ernannte David seinen Sohn Salomo zu seinem Nachfolger und ließ ihn zum König salben. David war vierzig Jahre König über Israel.[6]

3 Die Davidfigur in Matthias Hermanns Gedichten

3.1 Die Hochzeitsnacht von Sauls Tochter

Die Hochzeitsnacht von Sauls Tochter

1. Meine Taube,
2. Sprach Dawid
3. Und beringte mich
4. Mit den Vorhäuten der
5. Philister.
6. Meine Finger
7. Schwollen.
8. Dawid lächelte;
9. Packte meine 10
10. Gliedchen um
11. Seins und träumte so
12. Schrill: Ja, Jonatan,
13. Ja …[7]

3.1.1 Biblische Hintergrundgeschichte zu „Die Hochzeitsnacht von Sauls Tochter“

Dieses Gedicht ist in der Chronologie des Gedichtbands „72 Buchstaben“ das erste von zwei Gedichten, die sich auf das biblische Epos um König David beziehen.

Um eine hinreichende Auslegung dieses Gedichtes vornehmen zu können, bedarf es eines zusätzlichen biblischen Hintergrundwissens:

Nachdem David den Philister Goliat erschlagen hatte und er in allen Schlachten erfolgreich siegte, machte Saul ihn zum Heeresführer seiner Krieger.[8] Jedoch missfiel es Saul, dass David beim Volk für seine Taten so beliebt war. Und als David weiterhin in allen Kriegen Erfolg hatte, „[…] war Saul gegen David voll Argwohn“[9].

Neben dem Tötungsversuch mit einem Speer[10], versuchte Saul ihm, unter einer schwierigen Bedingung, seine jüngste Tochter zur Frau zu geben, denn „Sauls Tochter Michal liebte David […]“[11]. Der König wollte Saul den Händen der Philister überlassen und hoffte, dass er ihn durch die Beschaffung der Brautgabe von hundert Philistervorhäuten loswerde. David beschaffte Saul daraufhin zweihundert Vorhäute und nahm Michal zur Frau.[12] Jonatan, Sauls Sohn und Michals Bruder, war mit David verbündet und eng befreundet.[13]

3.1.2 Die Hochzeitsnacht – einseitig oder vielfältig?

Durch die Kenntnis des biblischen Hintergrundes kann nun das Ereignis gedanklich in den Kontext eingefügt und können die Personennamen im Gedicht zugeordnet werden. Wie die Überschrift schon proklamiert, handelt es sich bei dem Gedicht um die Begebenheiten während der Hochzeitsnacht von David und seiner ersten Frau Michal. Schon der Titel des Gedichtes weist darauf hin, dass es sich bei dem lyrischen Ich um Michal handelt. Die Titulierung lässt eine gewisse Einseitigkeit anklingen, da es sich um Michals Hochzeitsnacht handelt und das Ereignis aus ihrer Sicht beschrieben wird. Davids Name wird vorerst im Titel nicht erwähnt.

[...]


[1] Zenger, Erich. Das Erste Testament. Die jüdische Bibel und die Christen. 5.Aufl. Düsseldorf: Patmos Verlag, 1991. S.155.

[2] Lexikon zur Bibel. Hrg. v. Fritz Rienecker. Wuppertal: R. Brockhaus Verlag, 1994. S. 260.

[3] Vgl. Musaph-Andriesse, Rosetta C.: Von der Tora bis zur Kabbala. Eine kurze Einführung in die religiösen Schriften des Judentums. Göttingen: Vandenhoeck und Ruprecht, 1986. S.7.

[4] Vgl. ebd. S. 8.

[5] Vgl. ebd. S. 14.

[6] Vgl. Die Heilige Schrift. Familienbibel. Einheitsübersetzung, hrg. v. der Biblisch-pastoralen Arbeitsstelle der Berliner Bischofskonferenz. 3. Aufl. Leipzig: St. Benno-Verlag GmbH, 1990. 1 Sam 16,1- 1 Kön 2,12 . S. 292 -339.

[7] Hermann, Matthias, 72 Buchstaben. Frankfurt am Main: Suhrkamp Verlag, 1989. S. 44.

[8] Vgl. Heilige Schrift: a.a.O., 1 Sam 18,5. S. 295.

[9] Ebd., 1 Sam 18,9. S. 296.

[10] Vgl. ebd. 1 Sam 18,10-12.

[11] Ebd. 1 Sam 18,20.

[12] Vgl. ebd. 1 Sam 18,25.

[13] Ebd., 1 Sam 18,1-4. S. 295.

Ende der Leseprobe aus 17 Seiten

Details

Titel
Biblischer Kontext in Matthias Hermanns '72 Buchstaben'
Hochschule
Universität Rostock  (Institut für Germanistik)
Veranstaltung
Hauptseminar "Konzentrisches Schreiben"
Note
1,7
Autor
Jahr
2006
Seiten
17
Katalognummer
V53909
ISBN (eBook)
9783638492294
Dateigröße
505 KB
Sprache
Deutsch
Schlagworte
Biblischer, Kontext, Matthias, Hermanns, Buchstaben, Hauptseminar, Konzentrisches, Schreiben
Arbeit zitieren
Katharina Zillmer (Autor), 2006, Biblischer Kontext in Matthias Hermanns '72 Buchstaben', München, GRIN Verlag, https://www.grin.com/document/53909

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